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Der Israelit · 1911-12-21 · Heft 51 (21.12.1911) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 51 (21.12.1911)
Date
1911-12-21
Page
– (sequence 20)
Language
German
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€>ette 20 9h. 51 Der JSraettr. 21. Dezember 1911 Kot überschwemmten Gäßchen, in deren stillen Frieden die wirren, singenden Stimmen aus dem kleinen Holzhäuschen Zemachs, dem Cheder der Straße, dringen, durch die jetzt Jankel und Leibe und Peretz und viele andere nach dem Beshamidaisch zum Gebete und Abendlernen breit und behäbig wallten. Freilich dort . . . Und nun sah er das große weiße Haus, daS einzige Steinhaus des Städtchens, aus dessen Fenster ein edel und scharfgeschnittenes Engelsgesichtchen in das düstere Einerlei der Straße sah, als schaute sie durch einen weitmaschigen Flor in unermeßliche Weiten . . . Warum hatte Baruchs Schemels die allezeit neckische und spöttische und mit ihrer Bildung protzende, warum hatte sie so ernst und traurig ihr Gesicht verzogen, als sie ihm die Hand zum Abschied reichte? Stand sie nicht noch am Fenster und winkte, als er, bevor er um die Ecke bog, sich noch einmal nach dem weißen Hause Umsatz-? ... Ahnte sie, deren blau umflortes Auge immer wie traumverloren in die Weite schaute, welcher großen Welt von Licht und Farben und Geräuschen er entg'egenging? Freilich dort. . . Ein verklärtes Lächeln überzog das müde Gesicht des Jünglings, da er in seiner Phantasie eines dieser bunten Bilder in das monotone Grau seines Städtchens versetzte, etwa dieses schwarze dahinrasende Wagenungeheuer ohne Roß, dem alles, selbst der Droschkenkutscher, auswich, oder eine dieser Glaswände, die jetzt mit ihren buntfarbigen Schätzen im Lichterglanze der nun von überallher aufflammenden Bogenlampen schwelgten oder ... „Psl Du Judenjung, dämlicher!" . . . Was war das? Ein großer Mensch mit rußigem Gesichte und derben Fäusten war es, der ihn mit so heftigem Stoße bet Sette schob, daß er beinahe gegen den strahlenden Glaserker gefallen wäre. Und andere, die dabei standen, lachten so laut und roh auf, daß er sich wie mit brutaler Gewalt aus der lieben, stillen, schmutzigen Gasse seiner Träume wieder in die große kalte Welt versetzt fühlte. Die Beklommenheit, die er schon auf dem Bahnhofe leise empfand, wuchs jetzt zu einem beengenden Angstgefühl an. Er sah sich instinktiv um, als suchte er einen Ausgang aus diesem wilden Stoßen und Drängen. Mechanisch griff er in die Brusttasche seines dünnen fadenscheinigen Rockes, der die Mitte zwischen Kaftan und Ueberzieher hielt. Er tat es immer während der langen Fahrt, so oft sich durch die qualmende Luft und den Lärm der Umgebung etwas wie Sorge in sein Herz schlich. Denn darinnen lagen, in sauberen Umschläge» wohl geborgen, die Talismane, aus denen das Licht der Hoffnung in das kalte Düster seiner Brust hineinstrahlte. Ob sie ihm wirklich zu dem sicheren festen Punkte verhelfen würden, von dem aus er ruhiger auf dieses unaufhaltsam sich wälzende Leben sehen und tätigen Anteil an ihm würde nehmen können? Er zweifelte und fühlte sich, als er jetzt die Papierschätze wie fragend betrachtete, unsicherer denn je. Es waren zwei Empfehlungen, die er am Herzen trug und wie Heiligtümer bewahrte. Die eine war vom Rabbiner feines Wohnortes an eine berühmte Persönlichkeit der Stadt, deren Ruf bis in das Städtchen gedrungen war, gerichtet. Er kannte den Inhalt des Briefes und versprach sich von ihm viel, alles. Es waren drei-mit hebräischen Buchstaben eng beschriebene Seiten, deren erste eine wortreiche Anrede an den Gelehrten und deren letzte eine ebenso umständliche Danksagung für die „sichere Hilfeleistung" und allerlei Ehrenbezeugungen ausfüllten. Die mittlere Seite enthielt eine Reihe von Talmudsätzen und Bibelzitaten über den hohen Wert der tätigen Nächstenliebe im allgemeinen und in dem besonderen Fall „dieses vielbegabten und lernbegierigen jungen Mannes, der elend und einsam in der Stadt der Weisen und Schriftgelehrten Labung für seinen Geist und Heilung für sein in Liebe zur Thora entbranntes Herz suchte"- Das mit dem in Liebe zur Thora entbrannten Herzen stimmte nicht ganz. In ruhigeren Momenten, die für Selbstprüfung mehr Muße ließen, machte er sich einige Vorwürfe darüber. Doch jetzt, da die Zeit zum Handeln drängte, wurden alle Bedenken überstimmt. War es etwa seine Schuld, daß ihn der weltfremde Lehrer der Kleinstadt so gründlich mißverstand? „Lernen," sagte er auf die Frage des Rabbi, was er in der Großstadt zu unternehmen gedenke. Und der Alte kannte nur ein Lernen, Thoralernen. Und so schrieb er den Brief. Und er, der Bachur, ließ es ruhig geschehen, wiewohl er an ein anderes Lernen dachte, andere Wege und andere Ziele in der Großstadt suchte. Er, der große Gelehrte dieser lichten Welt, würde ihn schon verstehen, und ihm wollte er alles anvertrauen, seine Gedanken und Pläne ausführlich auseinandersetzen. Er hatte noch eine zweite Empfehlung/diese war von seinem älteren Freunde im Städtchen, Nachum dem Maskil, in deffen Kopf zuerst der Gedanke der Auslandsreise Maslows entstanden war, ausgestellt und an einen früheren Jeschiwogenossen desselben, der jetzt in der Großstadt studierte, gerichtet. Von diesem Schreiben versprach sich Maslow nicht viel. Er nahm es gewissermaßen aus Höflichkeit gegen seinen älteren Freund und Berater an und beschloß, gelegentlich vielleicht auch davon Gebrauch zu machen. Fürs erste galt es, zu dem Manne zu gelangen, aus den sich all seine Hoffnungen konzentrierten. Vielleicht sah er schon von einem der hohen hellerleuchteten Fenster aus ihn, den Irrenden, herab und wartete feiner? .... „Wo wohnt Doktor Freihol-?" Der Mann, an den die Frage gestellt war, ein bärtiger Herr mit gutmüttgem Gesichte, schien den mit weinerlicher Stimme und mit lithauischem Akzent sprechenden Jüngling nicht zu verstehen. „Wer, Freehot?" wiederholte er. „Nein, Freihold " beteuerte der junge Mann, erstaunt über die Verdrehung . . . Aber der Paffant, wie viele andere, die jetzt hinzukamen, verstanden, er durfte die Zunge verrenken wie er wollte, wiederum Freehot und schüttelten verständnislos die Köpfe. Der Umstand, daß immer mehr Vorübergehende stehen blieben und die Sache bald die Form einer Menschenansammlung annahm, war Maslow höchst peinlich und beängstigte ihn sogar, umsomehr, als jetzt auch der bunte Riese in den weißen Handschuhen, aus den kleinen Auflauf aufmerksam geworden, sich gemeffenen Schrittes näherte. Die Angst vor allem, was nach Polizei aussah, war dem lithauischen Jüngling angeboren und durch Generationen vererbt. So machte er sich vom Hausen frei und schlich eilig davon, als gälte es, mit einem Verbrechen schwer beladen, dem Lichte der Straße zu entschlüpfen. Als sich Maslow jetzt von dem unliebsamen Andrang befreit sah, setzte er seine Wanderschaft durch die Straßen ziellos und selbstverloren fort. Zu fragen wagte er noch dem Erlebnis von früher nicht mehr. Wie von einer geheimen Gewalt vorwärts geschoben, ging er immer weiter durch Straßen und Gäßchen und über breite Plätze, auf denen monumentale Brunnen sprühende Silberstrahlen in grüne Blumenbeete sandten und übergroße graue Gestalten von hohem Sockel in philosophischer Ruhe auf die hastende Menschen herabschauten. Nach und nach wurden die Straßen enger, düsterer und menschenärmer, die Häuser kleiner, grauer und niedriger und von allerlei buntem Giebelwerk geziert. Hier brannten keine Bogenlampen und im fahlen Scheine der weitab von einander sichenden Laternen bewegten sich die Menschen etwas langsamer, schlaffer und erinnerten $e und da in Kleidung und Haltung sogar an die düsteren Gestalten in seinem Städtchen. Aber auch diese Menschen flößten ihm nicht viel Vertrauen ein und er ging weiter, immer weiter. Er befand sich plötzlich auf einer großen Brücke über einem breiten Fluffe, in dessen mattblauem Spiegel unzählige Lichter aus Boten und Barken unruhig spielten. Es war inzwischen völlig Nacht geworden, nebelkalte Nacht. Vom jenseitigen Ufer winkten tausend Lichtpuntte aus kleinen vergitterten Fensterchen, zwischen denen hie und da ein riesiger Schornstein feine Rauchschwaden in den Nebel der Nacht sandte Es war Maslow sehr beklommen zu Mute und die Hoffnung, einen vertrauenerweckenden Mann, etwa einen Glaubensgenoffen anzutreffen, der ihm mit Rat und Auskunft dienen sollte, schwand immer mehr, je weiter er in die kleinen nebelverschleierten Gaffen vorrückte. Aber er ging dennoch weiter, immer weiter. Drüben waren die Häuser noch kleiner, fast hüttenartig und sahen mit ihren verblaßten Malereien gespenstisch im verschwommenen Zwielichte der Laternen darein. Bon irgendwoher in der Höhe ertönte der glockenreine Klang einer Turmuhr. Maslow zählte. Es waren neun Schläge. Also war er drei volle Stunden gewandert, ohne Ziel und Richtung. Es war bald Schlafenszeit und nun fiel ihm ein, daß er ans Nachtlager noch gar nicht gedacht hatte. Er hatte wohl auch diese Sorge dem großen Manne seiner Hoffnung überlaffen. Aber wie ihn finden in diesen finsteren, unheimlichen Gassen? Wenn er'kur an ein Beshamtdrasch gelangen könnte! Dieses stand doch gewiß auch hier jedem geöffnet, und eine Bank, auf der man eine Stunde der Ruhe pflegen konnte, gab es doch sicher darin. Wenn er doch nur einen Juden träfe, den ihn dorthin führte! Wirklich, da kam einer, eine kleine gebückte Gestalt mit verwittertem, bärtigem Gesichie, unsicher daher geschlottert, als ginge er auf Glatteis. Mit seiner kurzen schmutzigen Joppe und seinem dicken rotwollenen Halstuche heimelte er Maslow förmlich an. „Reb Jüd', wo ist's Besmedrasch?" „Waaas???" Als der frembe kleine Mann ganz nahe an ihn heranstolperte und ihn mit glasig verschwommenen Augen anglotzte, sah Maslow erst seinen Irrtum ein und wollte, um das Unliebsame Vorkommnis von früher zu vermeiden, sich eilig davon machen. Der Fremde packle ihn aber am Arme fest und kettete sich wie mit eisernen Klammern an ihn. „Oha, Bruder der Barfüßer, Walzgraf." Nur mühsam brachte der Mann die einzelnen Worte heraus und schlug dabei mit dem linken Beine den Takt, auf dem der ganze faßartige Körper unsicher zu balanzieren schien. Er hielt indeffen den Arm Maslows so eisern fest umklammert, daß der schmächtige Jüngling wie ein schwaches Rohr hin und her geschüttelt wurde/ er war unsähtg jeder Antwort. „Oha," setzte der Fremde unverdrossen fort. „Nur kee Fisemetente net und kee dämliche Faxen. Host noch Geld? I hob' 'n Durschi zum verdörren!" „Geld? nein!" wagte Maslow voller Angst und unter leisem Versuche, sich aus den eisernen Armen des Unholdes befreien. „Nee? Ein Schuft und Nichtsnutziger, der kee Monetten hot. Also dann a ander Mol, wenn Du besser bet Kaffe bist, wir kommen schon wieder tm Leben zusammen. Unsereins bleibt beisammen und hält gut Freundschaft. Und die anderen dort" — er ballte die Faust gegen den in die dunkele Höhe ragenden Kirchturm — „die Schwarzen und Blauen auch. Haben nu auch den Schnaps vertaiert. Also hast kee Geld mehr.?" „Nein" beteuerte der Angeredete ganz eingeschüchtert. (Fortsetzung folgt.)

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