Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1911)
- Date
- 1911-12-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448855--67204-2495403- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«Leite 8. No. 51._ Unter den die Synagoge bis auf den letzten Platz füllenden Gästen war der Major v. Stoke Newigton und zwei Aldermen, mit ihren Amtsketten bekleidet, die Rev. Dr. Gaster, Dr. Hirsch, Dr. Büchler, Dr. Daiches, die Dajanim H a t msohn, Fel d mann, R. Aba Werner und andere Rabbiner. Biele Deputationen anderer Synagogen, auch ausländischer Gemeinden, waren vertreten, so durch eines ihrer Verwaltungsmitglieder die Reltgions-Gesellschaft in Frankfurt a. M., auf deren Grundprinzipien die Adaß Jtsroel aufgebaut ist und weiter ausgebaut werden soll. Der Opfersinn der Gemeindemitglreder zeigte sich in dem Wetteifer aller, neben den nennenswerten Geldbeträgen auch alle des Neubaues würdige Ritualien neu zu stiften. Dem Präsidenten wurde von Seiten seiner Komitee-Kollegen unter Ansprache des Herrn R. Plato ein goU dener Schlüssel zur Synagoge mit Widmung überreicht. Heute Abend findet im Athenäum ein Festbankett mit 200 Couverts zu'Ehren des Tages statt. Mögen alle Ziele, die sich die junge Gemeinde gestellt hat, erreicht werden. London, 15. Dez. Wie man hört, steht auf der Kandidatenliste für die Stelle des Chief Rabbi immer noch Rev. Abrahams, Rabbiner von Melbourne, der zurzeit in London weilt, an erster Stelle. Ferner komme in Betracht Rabbiner Adler aus Budapest, den Karl Stettauer zu diesem Zwecke besucht haben soll. Für die Föderation der vereinigten Synagogen ist dem Vernehmen nach Rabbiner T)r. Feuchtwang aus Wien in Aussicht genommen. London, 10. Dez. In der letzten Sitzung desBoard of Deputies wurde mitgeteilt, daß die hiesige Sa bbath Observanee Society einen Erfolg hinsichtlich der Auslegung des neuen Bersicherungsgesetzes zu verzeichnen hat. Im tz 62 des Gesetzes wird bestimmt, daß Stellenlose, welche die Annahme einer „passenden B.e s ch ä f t i gu n g" ablehnen, ihres Anspruchs auf Versicherung verlustig gehen. Auf eine diesbezügliche Eingabe der Sabbath Observanee Society hat das Handelsamt erwidert, daß die Ablehnung einer mit Sabbat-Entweihung verbundenen Stelle durch einen Stellenlosen jüdischen Glaubens nicht als Ablehnung einer passenden Beschäftigung gelten und hiernach keinerlei Nachteile für den Versicherten zur Folge haben würde. Das Versicherungsgesetz ist inzwischen in zweiter Lesung angenommen worden und dürfte in Kürze inkraft treten. Umso wichtiger ist die Entscheidung des Handelsamtes,, sowohl in grundsätzlicher, als in praktischer Hinsicht. In der gleichen Sitzung des Board of Deputies gelangte eine Korrespondenz mit dem Senate der Oxforder Universität zur Verlesung, die sich auf die Schwierigkeiten jüdischer Studenten bei den. auf Sabbat fallenden Prüfungen bezieht. Der Vizekanzler der Universität teilt mit, daß es unmöglich sei, die Daten derjenigen Examina, welche statutarisch festgelegt sind, zu ändern, daß aber, bei denjenigen Prüfungen, die nicht durch die Satzungen von vornherein auf einen bestimmten Tag fixirt sind, den Wünschen der jüdischen Kanditaten bei rechtzeitiger Mitteilung Rechnung zu ttagen versucht werden soll. Ualästtnir. Jerusalemer Brief Aer«salem, 4. Dezember. Diese Woche werden hier Delegierte des Warschauer Kaulel erwartet, welche die Aufgabe haben, die hiesige Verwaltung zu kontrollieren und verschiedene angeregte Verbesserungen einzuführen. Die Gäste, es sind 3 hervorragende Gelehrte aus Russischpolen, werden im Pilgerhaufe der Bothe Machfeh am Deutschen Platz Wohnung nehmen. Im Januar soll eine ungarische Handelsgesellschaft nach Palästina kommen. „Der Mraeitt." Der hiesige Magistrat hat verordnet, daß bei den Andachten an der Klagemauer keine Stühle oder Bänke htngeftellt resp. benutzt werde« dürfen. Nichts als ein Trunk Wasser darf den Andächtigen dort verabfolgt werden. Es ist bedauerlich, daß die sonst loyale städtische Behörde sich zu solch kleinlichen und molestierenden Verfügungen verleiten läßt. Das Verbot des Durchgangs von Juden auf dem großen russischen Platz wird noch immer strenge gebandhabt. Der W a a d - H a i r hat den jungen Gelehrten Israel P o r a t h als Sekretär berufen. Der strebsame, aus der Ez Chaim-Schule hervorgegangene junge Mann, hat sich auf privatem Wege die Kenntnis der türkischen und französischen Sprache angeeignet, ist vorzüglicher Talmudist mit offenem Blick für die Erfordernisse der Zeit und wird mit Gottes Hilfe in seiner neuen Stellung eine fruchtbare Tätigkeit entfalten. Anläßlich des Beiramfestes haben die Vertretungen der Sefardim- und Aschkenasimgemeinden beim Gouverneur von Jerusalem ihre Aufwartung gemacht. Die Aschkenasim waren durch mehrere Mitglieder des Gemetndevorittmdes vertreten. Der neue Großrabbiner Chacham Franco führte die Deputation. Die sefardischen Chachamim haben sich ostentativ fern gehalten. Sie können sich nicht dazu entschließen, der autoritativen Führung eines Mannes Geltung zu verschaffen, den sie beruflich in keiner Weise für ebenbürtig hatten können. Die Bestätigung Francos als Nischon l e z i ö n ist nun auch zur Tatsache geworden. Diese Lösung der Frage hat man den Feindseligkeiten, die zwischen den Chachamim in Jerusalem aus der Tagesordnung sind, zu verdanken. Weder die Anhänger Elsaschars noch die Freunde Panisels vermochten selbst in diesem fetzten Stadium der kritischen Angelegenheit, ein wenig Nachgiebigkeit sich abzurtngen, und so kam das Unvermeidliche. Der definitive Großrabbiner wurde stellvertretender Rtschon lezion. Aaffa, 4. Dezbr. Die junge Vereinigung „Agudath Chowewe Hatarbuth Haibrith", die entgegen den mächtigen modernen, Thora und Thorageist verleugnenden assimilatorischen jüdischen Kulturbestrebungen die Basis für eine an jüdischen Werten orientierte jüdische Geisteskultur im neuen Jischub legen will, hat sich unter dem Vorsitz des Jaffaer Oberrabbiners Kuk zu einer festen Organisation mit weitreichendem Arbeitsfeld konstituiert und bereits in Jerusalem und einigen Kolonien Anhängerschaft gefunden. Der letzte Vortragsabend gestaltete sich zu einer ebenso schönen wie lehrreichen Kundgebung. Der Redner des Abends war der bekannte Archäologe Dr. L. Grünhut aus Jerusalem, der in seiner tiefgründigen Art und in klassisch vollendeter hebräischer Diktion, die durch ihre schlichte Ungezwungenheit und Klarheit packt, das Lebensbild des R. Jakob Berab (geb. 1474, gest. 1541) entrollte. Der Redner gewährte einen tiefen Einblick in. eine Zeit, die durch die große Zahl hervorragender talmudtscher Koryphäen uns Achtung abzwingt, wir begleiteten die größten Gesetzeslehrer auf ihrer Flucht aus dem ungastlichen Spanien, wir sahen sie trotz unsäglicher Leiden das Banner der Thora Hochhalten und nicht wanken, wenn es die Wahrheit ihrer Ueberzeugung zu verfechten galt, wir fühlten uns in unseren modernen Palästinabewegungen diesem großen Zeitalter nahe gerückt, das auch den Gedanken einer vorbereitenden Sammlung der überall leidend«: Diaspora faßte und in der Erneuerung der rabbintschen Ordination, der na'eo, den Angelpunkt für das Gelingen des Werkes erblickte, Erez Jtsroel zunächst zum geistigen Zentrum der gesamten Judenhett zu erheben, von dem aus das Gesetz in seiner uneingeschränkten Totalität wieder feine göttliche Kraft über alle seine Bekenner aus strahlen und eingeschränkten Totalität wieder ferne göttliche Kraft über alle seine Bekenner aus strahlen und alle die Zerstreuten zu sich jammein solle rmr leimten den kühnen Berab als feurigen Enthu- Al.'Dezember'1911. siasten und eifrigen Propagator für diese Idee der geistigen Suprematie Palästinas kennen, den selbst die Heftigkeit der Angriffe, besonders des damaligen Jerusalemer Rabbiners Levi ben Jakob Chabib, nicht schrecken konnten, wir empfanden die Reinheit der Gesinnung und Heiligkeit der Bestrebungen der beiden Parteien, wir sahen endlich nach kurzem Ausflackern das Verlöschen dieses glänzenden Funkens der Einheitsbestrebung, aus dessen Asche uns der Pfadweiser für für unser führerloses Thoraleben erstehen sollte, R. Josef Caro, einer der vier von R. Jakob Berab ordinierten Schüler. (Als Lehrer seines Lehrers zittert ihn R. Josef Caro im Beth Josef nicht anders als Rabenu Hagodol.) Verwandte Klänge riefen die fesselnden Ausführungen des Referenten in unserem Herzen wach, um uns zur Selbstbesinnung und Selbstprüfung anzuregen und des weiten Abstandes mit Schmerz innezuwerden, der unsere moderne Palästinabewegung von dem „Zionismus" vor einem halben Jahrtausend trennt. Uermkcdter. Frankfurt a. M., 20. Dez. In der Aula des Phtlantroptn ist heute mit einer akademischen Feier das 100jährige Jubiläum der Judenemanzipation in Frankfurt a. M. würdig begangen worden. Nach einleitendem Chorgesange hielt der Vorsitzende des Vorstandes des Israelitischen Gemeinde, Herr Justizrat Dr. Blau cine Begrüßungsrede. Darauf referierte Herr Oberlehrer Prof. Dr. Kracauer über dte Entwicklung der rSraelitschen Gemeinde zu Frankfurt a. M. bis zur Erlangung der Emanzipation. Herr Direktor Dr. Adler sprach üter die soziale und geistige Lage der Frankfurter Juden bis zum Jahre 1811. Herr Geh. Regterungsrat Bürgermeister Grimm entbot der Berfiiwmlung die Grüße des Magistrats, woraus dte Feier mit einem Chorges ang ihr Ende erreichte. Ausführlicher Bericht über den Verlauf der Feier und nähere Jnhaltangabe dec gehaltenen Reden folgen in der ersten Num i er unserer Lokaiheilage. Berlin, 12. Dez. Dte bet der Großloge sür Deutschland VIII U. O. B. B. bestehende Timendorfer- Stiftung hat von den angesammelten Zinsen tausend Mark zu vergeben. Dte Ttmendorser Stttrung bezweckt die Förderung wissenschaftlicher Fortbildung begabter Akademiker, vornehmlich solcher, die die Wissenschaft des Judentums in einer Universitätsstadt zu lehren bereit find. Gtrasiburg, 8. Dez. Die Ergebnisse der letzten Volkszählung in Elsaß-Lothringen zeigen einen ganz auffallende Rückgang der jüdischen Bevölkerung. Sie ist seit dem Jahre 1871 von 40 812 auf 30 183 Personen zurückgegangen, hat also um 10629 Personen oder 26 Prozent aöqenommen. Der Rückgang ist am stärksten im Ober-Elsaß (36,7 Prozent), bettägt im Unrer-Etsaß 22,3 Proz. und in Lothringen 19,9 Proz. Auch im letzten Jahrfünft weist Ober-Elsaß die stärkste Abnahme an Juden auf (8 Proz.), während Unter-Elsaß einen Rückgang von 2,3 Prozent, Lothringen von 1,5 Prez. zeigt. In sämtlichen Kreisen Elsaß-Lothringens mit Ausnahme der beiden Stadtkreise Strßburg und Metz und deS am stärksten industriellen Kreises Diedenhofen--West haben dte Ju^en seit 1905 an Zahl abgenommen. Dte Abnahme ist zum Teil nicht unbeträchtlich, so in den Kreisen Erste tn, Hagenau, Molshetm, Colmar, wo sie 200 und mehr Personen, Mühlhausen, wo sie fast 300 Personen beträgt. Breme», 11. Dez. Aus Anregung der Kiew er Emigrattonsgesellschast werden auf den Auswandererfchiffen jüdische Bibliotheken eingerichtet. Tie Filiale der Ktewer Gesellschaft tn Bremen hat tn letzter Zeit mehrere hundert Bände jüdischer, deutscher, hrbrälscher und russischer Bücher als Spenden Jür diese Schiffsbtbliotheken erhalten. Dte Leitung der ktewer Gesellschaft richtet nun an dte jüdische Oeffentltchkeit die Bitte, dtese wichtige Kultureinrichtung durch Bücherspenden zu fördern, und die zu spendenden Bücher an dte Adreffe des Htlfsvereins der deutschen Juden in Bremen, Düsternstr. 7 zu senden. Hannover, 2. Dez. DaS Seminar für Schulgarten, Handfertigkeitsunterricht und Förderung des ArbettS-Umerrichts, welches dte Stmonfche Stiftung zu Hannover gründet, ist bereits im Bau. DaS 50 Morgen große Grundstück, auf dem dte Anstalt errichtet wird, ist der Stiftung bekanntlich von der Regierung überlassen worden. Der großzügigen Anlage der Anstalt liegen Entwürfe unserer besten Architekten und Gariensachverständtgrn zugrunde. Auch aukländtlche Schulbehörden, welche das Zeitgemäße dieser Art von Lehrerausbildung erkannt haben, werden regelmäßig Leyrer nach der Gründung der Simonschen Stiftung entsenden. Zum Direktor wurde Herr Emtl Alexanoer, bisher in Marburg, gewählt. Dte Eröffnung des Seminars soll zum Frühjahr 1913 erfolgen.