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Der Israelit · 1911-12-21 · Heft 51 (21.12.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 51 (21.12.1911)
Date
1911-12-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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21. Dezember 1911. Der JAraeM . fit. 51 Sette 6 gen Amerika zu tragen haben werde. Unzählige amerikanische Firmen seien am industriellen und Wirtschaftsleben Rußlands in hohem Maße beteiligt und -werden bet Abbruch der Handelsbeziehungen ihre Betriebe etnstellen müssen. Demgegenüber weisen die amerikanischen Zeitungen darauf hin, daß die industrielle Betätigung der Amerikaner in Rußland dem russischen Reiche und Volke mindestens so viel Nutzen bringe wie den Amerikanern selbst und sich darum die Union vor diesen Schreckschüssen der russischen Presse nicht sonderlich zu ängstigen brauche. Zu beachten sind auch ferner die Besürchtungen, die in jüdischen Kreisen Rußlands gehegt und in der dortigen jüdischen Presse ihren Ausdruck finden. Es stehe, so heißt es hier, nach den russischen Gepflogenheiten zu erwarten, daß die Kündigung des Vertrags, von Seiten der russichen Regierung mit einer völligen Schließung Rußlands vor den amerikanischen Bürgern beantwortet wird. Wird dann von Amerika Gleiches mit Gleichem vergolten, so müßte die Union ebenfalls ihre Pforten vor den russischen Einwanderern schließen. Wer darunter in erster Reihe zu leiden haben würde, ist klar. Und wir hätten dann wieder einmal eine neue Anwendung des alten welthistorischen Satzes zu erleben: „Schlägst Du meine Juden, so schlage ich Deine Juden . . Indessen halten wir mit Rücksicht auf die edle Initiative, aus der die ganze Bewegung in Amerika geboren ist, eine solche Entwicklung der Dinge für höchst unwahrscheinlich. Das Land des Dollars hat — was man auch von politischen Rücksichten und Wahlmanövern reden mag — doch wieder einmal aller Welt gezeigt, daß es weit besser ist als sein Ruf, daß es wohl versteht, alle geschäftlichen unt wirtschaftlichen Rücksichten hintan zu stellen, wenn es -gilt, dem internationalen Rechte zu einem Siege zu verhelfen. Es hat gezeigt, daß ihm die Toleranz kein leerer Schall ist. So scheint uns denn die Angst derer, die eine Umkehrung dieser amerikanischen Schutzmaßnahme in ihr Gegenteil für möglich halten, zunächst unbegründet. Bor allem hat die amerikanische Regierung gezeigt, daß wo der Wille vorhanden ist, sich auch ein Weg findet, und gälte es auch dem Judenrechte in Rußland eine Gasse zu bahnen. Man darf erneut dem Wunsche Ausdruck geben, daß auch die Staaten Europas, die sich ja die gleiche unwürdige Behandlung ihrer jüdischen Bürger in Rußland gefallen lassen müssen^ das amerikanische Beispiel nachahmen. Matisjah' sieht einen Inden, Opfernd am Altar der Syrer, -- Sticht ihn nieder, den Verräter, Sticht auch nieder den Verführer. Stürmet dann dllrch Modins Gassen, Rufet: „Wer dem Gott der Ahnen Treu will bleiben alle Zeiten, ftonuue her zn unsren Fahnen!" Freudig wird der Ruf vernommen, Und die Glaubenstrenen eilen Zn dein greisen Matisjahn Not und Tod mit ihm zn teilen! Draußen in den wilde» Bergen Sie in finstern Höhlen wohnen: Löwengleich zurück sie werfen Sieggewohnte Legionen! - Matisjahn mutz nun sterben. Auch die letzte Lebensstunde Gilt dem Wohle der Gemeinde: Ernst entströmt es seinem Munde: „Inda, Du mein stärkster Sprosse, Führ' das Volk im heil'gen streite, Simon, Deiner Weisheit Lehre Weiche nie von seiner Seite!" „Stehet ihr in Treu zusammen Für der Väter heil'gen Glauben, Werden Myriaden Heiden Nimmer euer Kleinod rauben!" — €lne cbrUllicbe Stimme über Sombart. Bon Rabbiner Dr. A Cohn m Bafel. In der „Monatsschrift für christliche Sozialreform" hat Rechtsanwalt Dr. E. Fetgenwinter einen Artikel über „die Religion und das Wirtschaftsleben" erscheinen lassen. Der Aufsatz enthält eine Kritik von Sombarts Werk „die Juden und das Wirtschaftsleben," und wir konstatieren mit Genugtuung, daß der Verfasser, der im öffentlichen Leben Basels als Führer der Katholiken eine hervorragende Rolle spielt, die Angriffe des großen Nationalökonomen auf das Judentum mit Entschiedenheit zurückweist. Die Behauptung Sombarts, welche das Resultat seiner Forschungen darstellt, „daß die jüdische Religion an sich eine überragende große Bedeutung für die Leistungen der Juden bei der Herausbildung des Kapitalismus gehabt hat," findet eine eingehende Widerlegung. Mit schlagenden Beweisen macht F. darauf aufmerksam, daß Sombart das, was er der jüdischen Religion vorwirft, mit demselben Recht auch gegen das Christentum geltend machen könnte,' sagt z. B. Sombart von dem religiösen Juden, daß er „in der Furcht Gottes erzogen wird und zitiert als Beweis hierfür einen Ausspruch des Talmuds: „die Frommen legen die Furcht nicht ab," so weist sein Kritiker darauf hin, daß der christliche Pastor noch heute im Anschluß an den Phrlipperbrief predigt: „Wirket Euer Heil in Furcht und Zittern." So fallen einer nach dem andern, Sombarts Angriffe gegen das Judentum in sich zusammen. Nach Sombart stellt die jüdische Religion eine Art „Hrilsökonomie" d. h. eine Art Vertrags-Verhältnis zwischen Gott und seinen Dienern dar. Der Gottesfurcht und Gottesrerehrung als Leistung des Menschen steht der Segen Gottes -und das Wohlergehen im Diesseits und Jenseits als Lohn gegenüber, während aus die. Uebertretung der Gesetze Strafe und Unheil folgen. So erziehe, meint Sombart, die jüdische Religion ihren Bekenner systematisch zum Geschäftsmann. Sogar die Buchführung des Himmels fehlt nicht. „Ueber dir ist ein Auge, das sieht, ein Ohr, das hört, und alle Deine Taten find in ein Buch eingeschrieben." Aber was hier S. am Judentum tadelt, ist auch die Lehre des Christentüms. F. zitiert zum Beweis die Strophe aus dem die» irae: über scriptus proferetar in quo totum continetar unde mundas jndicetnr Und im Schutze des Allmächf'gen Mußt der Gtanbenssieg geling-m, Trum beim Hellen Lichterscheine „Moaus zur" wir jubelnd sinnen! ' Bad Kreuznach. R. Bach rach. Trüb übt sieb . . . (Siti A lrprager 2 abbatbyll. Ganz stiU ists in der Iudengasse van Prag. Heiß brennt die Nachmittagssonne nieder, kein Mensch ist auf der Gasse zu sehen, nur in den schattigen Torbögen halten einige alte „Baalebatim" ihr Lchabbos- Nachmitlagsschläfchen. Aus Einigen der rveitgeöffneten Fenster hört mau die Stimmen derer, die die „Szidra leinen", hie und da hört man auch die helle Stimme von Kindern, welche der an den Wochentagen beschäftigte Vater das Wochenpensum inGemoroh und Ehumisch „verhört". In einem kleinen Seitengäßchcn stehen einige Bachurim zusammen und unterhalten sich über den letzten Schiur. Doch in dieser Schabbos- Stiinmung will kein dazu nötiger Ernst aufkommcn und bald ist das eigentliche Thema verlassen und die obligaten Neckereien und Sticheleien — in welchen sich die wackeren Ieschiwahjnnglinge auch heutzutage nur allzugerne üben — fliegen auf. Ter „lange Pinchas", ein, wie schon fein Name sagt, hoch aufgeschossener Jüngling von 22 Jahren, ein „tüchtiger Lerner" ist in diesem Kreise als „Charü" tscharffinniger Mensch) hoch angesehen und führt das große Wort. Er neckt einen feiner Studienkollegen gewaltig wegen seiner heute an den Tag gelegten Unwissenheit } diesem war nämlich der „Ran aus Mppas- Cholow" (bekannte schwierige Abhandlung des R. „ein Buch wird aufgeschlagen! Alles ist darin geschrieben. Danach wird die Welt gerichtet." Wenn also die jüdische Religion die Ouelle des jüdischen Handeisgeistes sein soll, so müßte, da die gleichen Anschauungen auch dem Christentum zu Grunde liegen, auch bet den Christen die gleiche Wirkung sich aus der gleichen Ursache ergeben. Ueberzeugend führt F.die BehauptungSombart'S ad absurdum, daß die Versteigerung der Thora- Aemter in der Synagoge ein Beweis für den kapitalistischen Geist des Juden sei. Im Gegenteil! Nicht Egoismus, sondern Altruismus wird durch diesen Branch bekundet, dem sich ähnliche Sitten aus dem christlichen Volksleben dutzendweise an die Seite stellen ließen — z. B. die Versteigerung der Weihnachtsbäume, das Christliche Parenwesen, die Primizen — aus denen Niemand den gehässigen Schluß zieht, daß die christliche Religion als Quelle kapitalistischer Gesinnung zu bezeichnen lei. Sombart spricht wie von einer großen Entdeckung von einer besonderen jüdischen „Güterlehre", die er in den jüdischen religiösen Schriften ausgesprochen findet, in welcher der „Bewährungsgedanke" zum Ausdruck kommt. Reichtum gelte als Zeichen göttlichen Wohlgefallens und sei als göttlicher Segen zu betrachten. Sombart hätte als Beweis auch den jüngsten Wochenabschnitt zitieren können, in welchem Rabbiner Hirsch y'XT in seinem Kommentar zu I.. 32.2b die Bemerkung macht: Das geringste erworbene Gut ist dem, der nur das sein Eigen nennt, was seinem redlichen Bemühen zu erwerben gelungen, ein Denkmal der ihm fürsorgenden Allmacht und Güte, das kleinste ein Produkt redlichen Schweißes und göttlichen Segens und darum von unnennbarem Werte." Aber auch diese Gedanken entsprechen durchaus dem christlichen Katechismus, der ebenfalls den Glauben lehrt, daß Gott die Gerechten schon aus Erden segnet und der den Reichtum als etwas Erstrebenswertes betrachtet, wenn er als Mittel dient, um Gott wohlgefällig zu leben. Fast an jedem Sonntag wird in den Kirchen der 112. Psalm gesungen, der den „Bewährungsgedanken" deutlich zum Ausdruck bttngt: „Heil dem Manne, der den Ewigen fürchtet . . . Fülle und Reichtum ist in seinem Hause, seine Gerechtigkeit bestehet ewiglich . . . Gut ergeht es dem Manne, der schenkt und leiht ... Er streut aus und giebt den Dürftigen, seine Gerechtigkeit besteht ewig und sein Glück erhebt sich in Ehren." Erstaunt fragt F., ob denn nun allbekannte Sätze wie „ehrlich währt am längsten" und Gerechtigkeit erhöht ein Volk" aus dem Sentenzen- Nissiln im Tract. Chulin' trotz aller Anstrengung nickt „in den Kopf gegangen". So mitten im sckiönstrii Beisammensein hörre man aus einem der offenftehenden Fenster ein klatschendes Geräusch und das Geschrei eines Knaben, welchen die herabsanfendo Hand höchstwahrscheinlich schinerzhaft berührt batte. Betroffen wandten sich die Bachurim um. Tie Wohnung, in welcher sich die ZüchtigungSszene abspielte, gehörte einem ob seiner Körpertraft berühmten „Träger" namens Koppel Löb, dessen Kruft nur durch seine Ignoranz übertrofsen wurde. Von dem außerhalb der Indengasse wohnenden, lichtscheuen stkesindel war er gefürchtet, denn manch einer von ihnen hatte seine höhllenden, judenfeindlichen Zurufe mit dem Verluste einer ganzen Reihe von Zähnen oder mit einem blutigen Kopfe bezahlen müssen. Tie aufgescheuchten Bachurim wagten es begreiflicherweise daher nicht, im Interesse des gezüchtigten Knaben zn intervenieren, beim wer weiß, wenn Koppel Lüb mit dem Schlagen angefangen hatte . . . . Endlich faßte sich einer unserer Freunde ein Herz und ruft — wohlweislich durch das Fenster, denir in die Höhle des Lörven zn gehen, wäre zu gewagt — dem grimmen Vater zu, was es denn gebe. „Sehen Sie her, Reb Schm ul", tönte es zurück, „ich will doch meine Kinder indisch erziehen. Da ich aber ein Am Haarez bin und mit ihnen lein Ehumisch lernen kanir, will ich ihnr lernen - 2 ch i w e h sitzen, damit er cs, wenn ich über hundcrtundzwanzig Jahre sterbe, ordentlich kann. Setzt sich nicht der Ehozes zur Erde und statt „betroppetzt" zn sein, sängt er an zn lachen. Eine schöne jüdisch? Welt das, nicht einmal ordentlich S ch i w e h s i tz - n will die heutig? Jugend lernen." L. S. IBS*-!■ -

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