Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1911)
- Date
- 1911-12-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 «r. 51 Der Israelit. 21. Dezember 1911 noch seine besondere Begründung dafür daß im Interesse des religiösen Lebens, zur Erhaltung der Intaktheit religiöser Gesinnung im Volke ein solches Verbot als Abschließungsmaßregel nicht für nötig erachtet wurde. Also von einer getthomäßigen Abgeschlossenheit kann keine Rede sein. Nicht Abgeschlossenheit hat in jener Zeit das Judentum vom Untergange geschützt, sondern seelische Momente, die den Willen zum Judentum gesund erhielten. Welche waren diese Momente? Die Epoche der n^rqn non w die der Zeit des Kampfes unmittelbar vorausgegangen war, hatte dafür gesorgt, daß das jüdische Volk die Thora liebte und von ihrem Geiste beseelt war. Ein Leben, welches von frühem Morgen bis zum späten Abend, von der Wiege bis zum Grabe begleitet ist von Geboten, welche die Idee der Keduschah realisieren, sie in die Wirklichkeit hineinverpflanzen, mußte notwendig seine Träger mit einer Abneigung gegen die auf Sinnlichkeit und Unheiltgkeit fußende griechische Kultur erfüllen. Die zur Zeit der Großen Versammlung schon durchgeführten Institutionen der Weisen, tnwn rvwpn, welche die Konsequenzen der Thoragesetze hinein in alle Verästelungen des praktischen Lebens trugen, sie waren das Bollwerk, an denen der mächtige Ansturm des Hellenismus scheiterte. Der Jude war, um nur ein Beispiel zu nennen, durch diese Einrichtungen dazu erzogen, jeden Genuß durch einen Segensspruch zu weihen, jedes Mahl war ihm so zum Gottesdienste geworden. Wie sollte er nun den Genuß vergöttern, um durch ihn, wie er es oft genug mit ansehen konnte, der Menschwürde verlustig zu gehen? Kurz, das jüdische Volk, das bei jeder Handlung an seine Gottesdienerschaft erinnert wurde, mußte den tiefen Gegensatz zwischen seinen und dem griechischen Wesen unmittelbar empfinden und zugleich der unendlichen Ueberlegenheit jüdischer Lebensauffassung bewußt werden. Das praktisch-jüdische Leben, das Leben nach den Vorschriften der Thora und ihrer Lehrer, ließ den Juden mit seinem ganzen Fühlen und Denken in der Thora wurzeln, schuf in ihm jene Reinheit und Heiligkeit, die sich selbst vor Schaden schützt, wie der gesunde Organismus die eindrtngenden Krankheltskeime selbst vernichtet. Diese geistige Bodenständigkeit des Judentums fand ihren Schutz in sich selbst, in der organischen Lebenskraft, die sie in der Volksseele erzeugte. So lagen die Verhältnisse im Heimatlande. Noch wichtiger für unser Problem ist aber die Betrachtung der Diaspora. (Forts, folgt.) Kochrurimöschau. Die Emigrantenfürforge der wiener .Israelit flllian?. Schwere Anklagen werden von verschiedenen Seiten gegeu die Wiener „Israelitische Allianz" erhoben, zu deren Hauptaufgaben die Emigrantenfürsorge gehört. Wien ist bekanntlich ein wichtiges Durchgangstor für die Emigration aus Groß- und Südrußland, und wenn irgendwo, so tritt in der Donauftadt an die jüdischen Organisationen die zwingende Notwendigkeit heran, für eine Milderung des Emigrantenelendes nach Maßgabe ihrer Kraft und ihrer Mittel besorgt zu sein. Tut es die einzige in Oesterreich dazu berufene Körperschaft, die „Israelitische Allianz" zu Wien? Streicht man aus der Anklageschrift im Warschauer „Fraind" einige offenbar vom Aerger über „allzu große Frömmigkeit"^ der Allianz — es wird ihr u. a. auch zum Vorwurf gemacht, daß sie am Samstag und an Freitagen ihre Bureaus geschlossen hält und den Weitertransport ihrer Durchwanderer nicht besorgt —, diktierten Angriffe, so bleiben doch noch immerhin Anklagepunkte genug übrig, über die sich die Herren dieser philanthropischen Organisation wohl oder übel werden äußern müssen. Wenn es zutreffen sollte, daß man auf dem Bureau der Allianz sich des öfteren Emigranten mit Polizeigewalt vom Halse lade,- daß man, wie im „Fraind" an Hand von Zahlen und Daten demonstriert, bei der Berechnung des Fahrpreises und Umrechnung in österreichische Währung zu Ungunsten der Emigranten verfährt,- wenn es ferner wahr sein sollte, daß die „Allianz" gegenüber dem in Oesterreich überhand nehmenden beutesüchtigen Agententum keinen Finger rühre und die um Schutz flehenden Opfer barsch abweise oder gar mit Hilfe des Wachtmannes abschieben lasse, dann hätte die Allianz keinen Anspruch daraus, sich eine jüdische Hilfsorganisation zu nennen. Zum mindesten müßte sie die Aus - Wandererfürsorge von ihrem Programm streichen. Die Anklagen sind zuerst in Rußland erhoben worden, haben aber auch in der Wiener jüdischen „Nationalzeitung", die wohl Gelegenheit hatte, die Einzelfälle an Ort und Stelle nachzuprüfen, starkes Echo gefunden. Nun ist es an der „Allianz", das Wort zu ihrer Rechtfertigung zu ergreifen. Die Kündigung des ruflifdi-amerihanifchen Handelsvertrages und ihre folgen. Wir haben in letzter Nummer an dieser Stelle einen Ueberblick über die Paßbewegung in Amerika in ihren Entwicklungsphasen gebracht. Die Wendung, die die Angelegenheit inzwischen genommen hat, rechtfertigt es aber, hier noch einmal mit einigen Worten die hohe Bedeutung des vom Kongresse in dieser Sache gefaßten Beschlusses und des daraufhin von der Regierung unternommenen Schrittes hervorzuheben. Vom Volkswillen, der sich wiederholt in allen Formen machtvoll kundgab, nachgerade dazu gedrängt, erörterte der Präsident Taft in seiner Botschaft an den Kongreß vom 7. Dezember auch die Paßfrage. Das Repräsentantenhaus, das darauf in eine Beratung dieses Punktes einging, sprach sich am 14. d. M. fast einstimmig für die Kündigung des Handelsvertrages mit Rußland „wegen dauernder Verletzung desselben seitens der russischen Negierung" aus. Dagegen — d. h. gegen den Vorwurf der Vertragsverletzung — protestierte der russische Botschafter in Washington. Da aber der Kongreß noch weiter entschlossen schien, das Kind beim richtigen Namen zu nennen und sich von keinen Opportunitätsrücksichten dazu bestimmen ließ, für die russische Rechtsverletzung einen milderen Ausdruck aus dem diplomatischen Lexikon zu wählen, so mußte der. kluge Taft vermittelnd etngreisen. Er bestand weiter nicht auf der „Vertragsverletzung". Aber er kündigte den Handelsvertrag von 1832 von sich aus, sodaß die Angelegenheit für den Kongreß als erledigt betrachtet werden muß. Kommt ein neuer Handelsvertrag zustande, so ist das nur aus einer Grundlage denkbar, die das bisherige System der Entrechtung der amerikanischen Juden in Rußland von vorneherein unmöglich macht. Ob indessen ein Vertrag überhaupt in absehbarer Zeit wieder geschlossen wird, ist die Frage, die heute in der amerikanischen wie russischen Presse eifrig diskutiert wird. Die russischen offiziösen Blätter bemühen sich, nachzuweifen, daß den größten wirtschaftlichen Schaden bei der Auflösung der Handelsbeziehunillan sich. 3- B., daß. noch im ersten dis zweiten Jahrhundert vor der gew. Ieitr. die Ind.'ii sehr oft, ja zumeist rotblondes Haar und blaue Augen hatten, was zur Evidenz beweisen soll, das; es keine jüdische Rasse gibt. Noch eine Einzelheit merkte ich mir. Ein paar Worte, die der Herr Vortragende ziemlich gegen Schluß so zwischendurch, wie ein wenig »nebensächlich und doch auch wieder liervorlrebend, sagte: „Das ist r>,e große Tragödie der Juden 'so ungefähr sage-/ Tr. Pieper), daß sie niemals in den Völkern, in deren Mitte sie wohnten, völlig ansgegangen sind." Sollen wir dem Herrn Oberlehrer, der, tvie es den Anschein hatte, sich auch besonders mit der neuesten Literatur über Inden und Judentum viel beschäftigt, nun noch einmal äuseinanderklanben, daß die größte Tragödie, die es gibt, das indische Assimitantentnm ist. Aeußerlich betrachtet, ist ja tatsächlich unser eigenes Leben inmitten der Völker eine Tragödie, eine große, entsetzliche, schaurige Tragödie, aber mir ertragen sie willig, weil mir änsere i u u e r e 'Freiheit bewahren wollen, weit wir nicht den Kamps anfg.ben »stellen, ehe wir am Iiele sind, an jenem großen, erhabenen 'Ziele, dessen sich, die ganze Menschheit wird erfreuen können. Das wäre die größte Tragödie, der Versuch, völlig in einem sremden Volke aujzngehen. Wir müssen wir selbst bleiben, Inden! Und so müssen, »vir unsere Jugend erziehen als Inden! In einer Sonderstellung werden »vir verharren und verharren müssen. Und darum wird es von allen Institntionen speziell jüdische geben, vor allein auch von solchen, deren Notwendigkeit man ans derr ersten Blick vielleicht nicht erkennen kann, wie jüdische Turnvereine ustv. Aus diesem Grunde aber brauchen »vir auch für die weniger bemittelte und »veniger gebildete jüdische Bevölkerung indische Volkshalün. Diese sind vorhanden in den Totzttbcehatlen, die es iit mehreren Städten Deutschlands bereits gibt und die in anderen Großstädten ZN gründen, ein sehr verdienstvolles Werk wäre. In Berlin befindet sich, »vie schon erivähnt, die Tormbeehalle in der Gipsstraße 12 a, in der ehemaligen Hildesheimerscheii Synagoge. Am t. November »vnrde sie in diesem Jahre eröffnet. In»»» achten Maie ist es. Von Jahr zu Jahr entwickelt sie .sich weiter in der Richtung hin, daß sie inehr Mitglied der nild Einnahmen hat. Eine tatsächliche Entlvickelnng macht sie nicht. Oder »vill inan das etwa eine Ent- »vickelnng nennen, »venu sich die Verwaltung der Tohnbeehalle, die ohne Iiveifel sehr viel Arbeit zn leisten hat, sich.bemüht, für -den deklamatorisch-musikalischen Teil, der'dem populär-wissenschaftlichen Vortrage folgt, Veruislnilstlet zn gewinnen? Nein, es gilt die Tohnbeehalle zn einer Volkshochschule ansznbanen. Nicht nur Vorträge, auch Kurse innssen eingerichtet werden, Kurse für jüdische Geschichte, Hebräisch und auch für allgemeine Wissenschaften, für Französisch, Rechnen u. s. s. Diese Kurse können auch den Lvmmer über dauern. Ulld wie man an den Winterabenden Velehrung und Unterhalutng zugleich darzubieten vermag, so ist auch in der tvarmen Jahreszeit dies möglich. Professor Leon Kellner, jetzt an der deutschen Universität in Ezernowitz, hat vor etwa 10 Jahren in einer Programmschritt der von ihm ins Leben gernsenell Wiener Tohgbeehalle den empfehlenswerten Vorschlag gemacht, an den Tonntagnachmittagen im Sommer Ausflüge zu veranstalten, an denen ein Botaniker oder Geologe leilnnnmt, der, in populärer Form sprechend, die Ausflügler die Natur kennen und erkennen lehrt. Tolcke Ausflüge »vürden sicherlich auch bei uns Anklang finden. Ob aber die Toynbeehalle es »vagen wird? Sie allein ist die reckte Instanz dafür. Sie lnht sich scheinbar auf ihren Lorbeeren aus. Und sie nimmt manches Gute undIwecknräßige noch fort. I» deit ersten Jahren war der Freitag Abend der Bibel getvidmet. Der am folgenden Vormittag zur- Verlesung kommende Wochenabschnitt »vnrde erläutert. Nach keinem Vortrage wurde so viel getraut »vie da. nirgends fand sich so oft und recht Gelegenheit, von allgeinein-menschlichen Verhältnissen zn sprechen »vie hier. Aus einigen Gründen sozusagen äußerer Natur »vnrde die Toynbeehalle am Freitag geschlossen. -Zugleich aber ließ inan damit die Schriftertlnrnngen fallen. Ueberhanpt schnitt das Iud.'iitnm sehr schlecht ab: Indische Themen wurden IT Mal behandelt an den 127 Tagen der Saison. (Schluß sollst.- Matlzj-Im. Ack, im stillen Städtlein Modi» schalten nun die grimmen .Heiden Tod, auf's Wort des Antiochus, Judas Glauben zu bereiten. Matisjahn, Modins Führer, Will" mit Schmeicheln man gewinnen, Doch der Hasmvnär donnert: „Hebet, Heuchler, euch von hinnen! — Und »venu euere toten Götzen Alte Welt auch wollt' verehren. Ich mit meinem ganzen Haufe - . Will nur dienen Gott, dem Hetzern!"