Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 51 (21.12.1911)
- Date
- 1911-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448803-2448855--67199-2495398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
81. Dezember iSli Der 9$t aeitt Ko. 51. Settr 3 nun das der Begriff der Kultur ist, dann kann das Judentum sich mit ihr nicht in prinzipiellem Widerstreben befinden. Wie sollte ein Volk, das auf den ersten Blättern seiner Lebens die Worte liest nwaDi TpKn m m etwas dagegen einzuwenden haben, wenn mit diesem Worte Ernst gemacht wird, wie sollte es nicht selbst tätigsten Anteil nehmen an dieser doch gottgewollten Arbeit? Auch das wäre sicherlich nicht gegen den Geist der jüdischen Lebensanschauung, wenn das Bedürfnis nach gehobener, auch äußerlich schöner Lebensgestaltung allgemein wäre. Freilich dürfte dann die Kunst niemals in Widerstreit mit der Sittlichkeit geraten. Im Begriffe der Kultur liegt also sicherlich nichts, wogegen das Judentum Einspruch zu erheben hätte. Diese Binsenwahrheit auszusprechen, läge keine Beranlaffung vor, wenn die gegenteilige Behauptung nicht existierte. Es ist von jüdischer und nichtjüdischer Seite behauptet worden, daß zwischen Judentum und Kultur ein prinzipieller Widerstreit bestände. Auf solche "grundlose Theorien einzugehen, ist überflüssig. Sie sind durch bekannte Tatsachen widerlegt. Aber es kommt nicht auf das Prinzip, sondern auf die Wirklichkeit, nicht auf die abstrakte Idee, sondern aus die konkrete Gestaltung an. Wie steht es nun damit? Wir wissen, daß die Kultur in ihren verschiedenen Gestaltungen mit dem Judentum in Konflikt gekommen ist, daß zu manchen Zeiten das Judentum das, was die andern Kultur nannten, ablehnte. Wie ist dieser Konflikt entstanden, woraus ist er geboren? Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Wenn auch die Kultur ein zusammengesetzter Begriff ist, wenn auch die kulturelle Arbeit naturgemäß auf die verschiedensten Gebiete verteilt ist, so hat -och jede Kulturepoche einen tragenden Gedanken, eine Zentralfonne gleichsam, um die die Einzelerscheinungen der menschlichen Betätigung kreisen, von deren Strahlen sie durchwärmt und erleuchtet werden. Und auf diese zentrale Idee kommt es an. Das Judentum hat seine eigene Anschauung von der Menschheitsentwickelung, von der Kultur. Für uns kann es nur eine zentrale Idee aller Entfaltung geistiger Kräfte geben: die Idee der Gottesdienerschaft, diese ist die Zentralsonne der von uns gedachten Kultur. Je nachdem diese unsere Auffassung geteilt oder bekämpft wird, herrscht zwischen Judentum und Kultur Frieden oder Kampf. Die, Jrrtümer, diese jeweiligen Fehtziele der Zeit auch unter gleißenden Hüllen erkennen, sie zu erkennen als von Gott entfremdende Faktoren und im Judentum den Korrektor zu sehen, der als lebendiger Protest, als Negation dieser Jrrtümer dasteht, das war die Stärke unserer Vorfahren in den drohenden Zeiten der schweren Zusammenstöße mit dem geistigen Leben der Völker. Die Betrachtung der griechischen Zeit, zu der wir jetzt schreiten, wird uns diesen Satz bestätigen. II. Die hellenistische Zeit ist wohl eine der packendsten in der jüdischen Geschichte. Judentum und Griechentum, die zwei Mächte, deren Geist die Menschheit befruchtet hat, hatten sich unabhängig von einander, jedes in seiner Eigenart entwickelt. In dieser Epoche stoßen sie zusammen. Das Judentum unscheinbar nach außen, das Griechentum mit riesiger Machtentfaltung. Das Griechentum umstrahlt von dem blendenden Glanze der Schönheit, das Judentum durchglüht und erleuchtet von dem göttlichen Lichte seiner Thora. Die Kluft zwischen beiden war unüberbrückbar. Nicht nur, weil aus der einen Seite krasse Vielgötterei, aus der anderen der lautere Glaube an den Einzigen stand. Der Gegensatz beherrscht vielmehr die ganze Welt- und Lebensanschauung. Den Juden lehrt sein Glaube den heiligen Gott anbeten, der der Inbegriff aller Vollkommenheit ist. Der Jude ringt sich an seinem Gotte zur Vollkommenheit empor. Der Grieche hatte seine Götter in die Niedrigkeit menschlicher Leidenschaft und Laster herabgezerrt, er fand in den Göttern des Olymps Vorbilder eleganter Sünder. Dem Juden ist die Welt einziger hoher Tempel, der ihm zuruft: Weihe dich! Dem Griechen war alles mit der Vorstellung abenteuernder Wesen verknüpft - ihm wehte überall schwüle Sinneslust entgegen, er hörte überall den Ruf: genieße! Im Mittelpunkt der griechischen Ethik steht die Frage: wie stelle ich es an, daß ich bei möglichst großem Lebensgenuß mit meinen Mitmenschen nicht in Konflikt komme? Die Antwort lautet: befolge die Gesetze des Staates und du bist tugendhaft. Was alles aber der griechis che Staat als sittlich erlaubt ansah, das zeigtuns Plato. Billigt doch selbst dieser erhabenste Denker der Griechen die Aussetzung. Im Mittelpunkt der jüdischen Ethik steht dagegen die Frage: wie lebe ich so, daß ich ein würdiges Kind Gottes sei? Die griechische Ethik bleibt im Grunde im Egoismus stecken die jüdische Sittenlehre hebt erst den Menschen über sich hinaus in reinere Sphären. Der Brennpunkt jüdischer Kultur ist Kedufcha, Lebensheiligung - der Brennpunkt griechischer Kultur dagegen Sinnlichkeit und Genuß. Und dieser Grundgedanke machte sich in allen Lebensäußerungen auch geltend. Daß es unter diesen Umständen zum Kampfe kommen mußte, ist unmittelbar einleuchtend. Nebeneinander konnten diese beiden Kulturpotenzen nicht einhergehen, umsoweniger als es der Hellenismus darauf abgesehen hatte, die mit dem Schwerte unterworfenen Völker auch geistig zu erobern. Wie gestaltete sich nun dieser Kampf? Nicht die glanzvolle Heldenzeit der Makkabäer mit ihren Schlachten und Siegen interessiert uns hier. Sie ist wohl der sichtbarste, mit greifbaren Erfolgen am reichsten gesegnete Abschnitt jener Zeit, nicht aber der entscheidende, zumindest nicht der a l l e i n entscheidende. Bon großer Wichtigkeit ist die den Makkabäern vorausgegangene Epoche. Ehe es zum Kampfe gegen An'tiochuS, dem Rasenden, kam, mußte schon nahezu zwei Jahrhunderte ein stiller, zäher Kampf geführt werden um die geistigen Güter des Judentums. Und in diesem Kampfe hatte das Judentum gesiegt, ehe der Ruf der Makkabäer das Volk aufs Schlachtfeld rief. DaS Volk ist trotz aller Versuchung in seinem überwiegenden Teil treu geblieben. Die griechische Kultur hatte das Judentum nicht verdrängen können. War es auch hier die Abgeschlossenheit des Ghettos, die den Schutzwall gegen den angeblich überlegenen Einfluß europäischer Kultur gebildet hat? Davon kann selbstverständlich keine Rede sein. Es gab keine örtliche Abgeschlossenheit, aber auch kein geistiges Ghetto. Von einem ängstlichen Stchabschließen, von einem jüdischen Cyinesentum kann nicht gesprochen werden. Schon die oberflächlichste Betrachtung der damaligen Zeit zeigt dies zur Genüge. Griechische Personennamen sind im Gebrauch, nicht etwa nur in hellenistischen Kreisen, sondern auch Mischnahtehrer tragen sie. Die Sprache des Geschäftslebens ist durchsetzt von griechischen technischen Ausdrücken, die uns wiederum in der Mischnah aufbewahrl find. Der Talmud rühmt die Schönheit der griechischen Sprache nnd wünscht ihr Verbreitung in den Zelten Schems. Die Septuaginta entsteht nach der bekannten Erzählung unter Mitwirkung von Gelehrten aus Jerusalem, setzt also voraus, daß dort das Griechische von den Trägern der Thoragelehrsamkeit vollendet beherrscht wurde. Und selbst wenn btt Geschichtlichkeit des Vorganges bestritten wird, bleibt die Erzählung als solche noch Beweis genug für unsere Behauptung, denn der Verfasser des Aristeas-Briefes hätte doch sicherlich seine Geschichtsdichtung nicht auf eine Voraussetzung aufgebaut, die offenkundigen Tatsachen widersprochen hätte. Allerdings wurde später anläßlich eines besonderen Vorfalles „Chochmath jewanitli“ verboten. Aber abgesehen davon, daß dieses Verbot sich nicht auch auf die griechische Sprache erstreckt hat, zeugt GotteS find unerforschltch. Was er in seinem Ratschluß beschlossen, das kann der Sterbliche nicht ergründen. Sie hatten sich an die Prophetenworte: \ni3tPntt üb '3 '131 '211 Ö2'2TT Ö2'fll2tVTVS- ,,Denn nicht meine Gedanken find eure Gedanken, und nicht eure Wege find meine Wege, spricht der Ewige. Sondern wie höher find die Himmel als die Erde, so find höher meine Wege alS eure Wege, und meine Gedanken denn .eure Gedanken." Wohin gehört Pharao, zu den Glaubensstarken oder zu den Glaubensschwachen? Erkannte er Gott alS den Lenker und Leiter der Weltgeschtcke, oder sah er in allem und jedem, waS auf der Erde geschieht, nur die Macht etneS blinden Zufalls walten? DaS eine Wort: bv 1ÖW rttTT! gibt darüber Aufschluß. bv 1VV heißt wörtlich, er stand „auf" oder „über" dem Fluß. Der Fluß — hier der Nil gemeint — war der Gott der Aeghpter. Sie verehrten und beteten ihn an als eine lebenspendende und levennehmende Macht, weil die Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit des Landes von der Feuchtigkeit abhtng, die er den Gewächsen der Erbe spendete ober entzog. Pharao stand über dem Fluß, also stand er über seinem Gott. Wer über seinem Gott steht, wer rechtet mit ihm, daß er hier zu Viel Licht verbreitet, dott zu viel Finsternis etntreten läßt, wer ihm vorschretbt, waS er zu bewirken und was er zu Unterlasten hat, der ist aber ein ein Glaubensschwacher, etn Frevler, ein Ruchloser! Neben Pharao träumte auch Jakob. Auch in diesem Traume ist die Hand GotteS sichtbar, ja, es ist Gott selbst, der dem Patriarchen erscheint und mit ihm spricht. Nichtsdestoweniger aber ist das matte Gebilde auch dieses Traumes etn Abglanz der Vorstellungen, die daS Denkvermögen deS Träumenden ausfüllten, eine Abart der DMge, die ihn mit wirklichem Lebeit umgaben. Der Traum äußerte sich s»: Sine Letter war auf die Erde gestellt, und ihre Spitze berührte den Himmel, und die Engel GotteS stiegen auf und stiegen nieder daran. Es ist ein anderer Traum als der Pharaos. Aber die Bilder, die ihn in der Einbildungskraft erzeugten, haben Berührungspunkte mit den Bildern, die auch die Träume des Königs bewirkten. Sie find wie seine heroorgegangen aus der Betrachtung über die Verschiedenheit menschlicher Geschicke, über die Ungleichheit ihrer Lebenslage. ' Die Leiter, die auf der Erde stan), und mit ihrer Spitze den Himmel berührte, ist der Mensch, der mit feinem Körper auf die Erde gestellt ist, mit seinem Geiste aber in den Himmel ragt. Und die Engel Gottes, die an ihr auf und niedersttegen, sind die Geschicke der Menschen, die fie bald in die finstere Tiefe schleudern, bald zur sonnigen Höhe erheben. Gewiß gewahrte auch er, was dem Aeghpterkönig sich nicht entzog, Ae scheinbar ungerechte Verteilung der irdischen Glücksgüter, gewiß sah auch er, daß es Schlechte gibt, denen es gut, und Gute, denen es schlecht ergeht, daß hier das verdiente Glück auSbletöt und dott das Unglück unverschuldeter Weise einzteht. Hat er es ja am eigenen Leibe erfahren. Er, der gottesfstrchtige, getreue Sohn seiner Eltern, mußte flüchten auS dem Bateryause, wie etn Bettler, mit dem bloßen Stabe in der Hand in die Fremde ziehen, während seinem unbesonnenen, leichtsinnigen Brud.-r alles — elterliches Vermögen, fürsorgliche Bateriiebe und sorgfälttg wachendes Mutterauge — überlasten blieb. Er stand aber nicht wie Pharao bv über seinem Gott, sondern 3^3 Gott stand über ihm. Wer aber nicht über Gott steht, sondern Gott über fich stellt, über rcchtet nicht mit ihm, wenn Ihm sein Tun rätselhaft erscheinte der klagt ihn nicht an, denn er findet Erklärung in seinem gottergebenen Gemüt, daS den Ruf des Propheten vernimmt; '131 D3VTQSPni2 ’nWTlÖ^ „Denn nicht meine Gedanken find eure Gedanken, und nicht eure Wege sind meine Wege." Das ist aber ein p’^x, ein frommer ein Gerechter! ' So find denn die Traume Pharaos und Jakobs, trotz des Göttlichen und Wunderbaren, das ihnen anAfiet, ihrem beiderseitigen Wesen angemesten. Sie fing das Produkt ihres wirklichen Sinnens und Denkens, nur verrückt in eine andere Sphäre, und der Midraschweise hat recht, wenn er allein aus den Träumen Pharao als ptJH und Jako) als anerkennt. Kleine» Feuilleton. Berliner Plauderei. Nun steckt Berlin ganz tief in der Taison! Lehr pünMirb mir dem t. November begann sie: Vorträge und Versammlungen, Konzerte und Bälle iu bunter, jagender Jolge. Ter erste im elften Monat selbst brachte einen Bortrag eines Oberlehrers Dr. P iepe r von dem Nönigstädtischen Realgymnasium. Er trug den schönen, stolzen Titel „Palästina und die Juden im Lich-tr der neuesten Jorsck ungen." Es war wirklich sehr schön — die Lichtbilder nämlich, die es dort zu sehen gab, aber der Text? Jwei stunden lang sich eine Sammlung von .">00 'Aphorismen an zu hören, ist leine leichte Arbeit. Jeder Jusamnrenhang fehlte. Ter Redner sprach bald davon und bald davon. Und so kam es, das; man auch nicht das geringste von diesem Vortrage mit nach, Hause nahm. Lediglich eine interessante Einzelheit, die uns lichtbildlich vorgeführt wurde, merkte