Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1911)
- Date
- 1911-12-14
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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«**!*■*',v< TSrT V#*v: ^?T7'TrFT'.':f-?!:<n5?fS!s^s^'JTf ** 14 Dezember 1-11. zahlen mußten Da auch das Wohnrecht ihnen nur für kurze Zeit zugestanden und nur immer unter schweren Bedingungen erneuert wurde, konnten sie nicht mehr zu erheblichem Wohlstände kommen. Fehlten doch auch außergewöhnlich große Anforderungen nicht. So brauchte die Stadt, um einen Gegner zu befriedigen, 1377 die große Summe,von 20000 Goldgulden, die sie zwangsweise von, den Juden erhob. Diese konnten allerdings nur 6668 fl. sofort aufbrtngen, aber in einer hebräisch verfaßten Urkunde mußten sich 36 Unterzeichnete Wormser Juden verpflichten, den Rest in vier jährlichen Raten zu zahlen. Der jüdische Friedhof..diente nicht nur den Wormser Juden, sondern auch denen der weiteren Umgegend als Begräbnisplatz. Bei jeder Beerdigung eines auswärtigen Juden erhielt sowohl der Bischof als auch der. Städtmeister zwei Gulden. Wie groß mag der Schmerz und die Angst der jüdischen Gemeinde gewesen sein, als Johannes Pfefferkorn 1509 mit einem kaiserlichen Schreiben an den Rat nach Worms kam, um alle Thorarollen und talmudischen Bücher seiner früheren Glaubensgenossen zu vernichten. Ein Verzeichnis der damals in Worms vorhanden gewesenen Thorarollen, Gebet- und talmudischen Bücher befindet sich noch Im Wormser Stadtarchive. Daß Pfefferkorns Vorhaben vereitelt wurde, waix hauptsächlich dem Humanisten Reuchlin, dem in Worms ein Standbild beim Lutherdenkmal errichtet ist, zu verdanken. Nicht minder groß muß der Kummer der? jüdischen Gemeinde gewesen sein, als sie im Hahre *1519 die Wahrnehmung machte, daß städtische Werkleute den Friedhof schändeten, Grabsteine auSgruben und wegfuhren, um sie zu profanen Zwecken zu verwenden. Im Jahre 1521 wurde von Kaiser Karl V. der Rabbi Samuel zum „Obersten Rabbi im heiligen Reiche" ernannt mit dem Sitze in Worms, wo häufig jüdische Gemeindeiage, Vorsteher- und Rabbinerversammlungen stattfanden, da dessen jüdischer Gemeinde eine Art Vorzugstellung unter den Juden Deutschlands zugestanden war. Im Jahre 1615 wurden die Juden gegen den Willen des Magistrats von aufständischen Zünftigen aus Worms vertrieben. Das Wormser städtische Archiv enthält die Akten über diesen Vorfall, dabei auch ein vollständiges gerichtliches Zventar der in dm einzelnen Häusern zurückgeaffenen Habe der Vertriebenen. Als sie auf kaiserlichen Befehl mit militärischem Geleite im nächsten Jahre wieder in die Stadt eingelassen wurden, fanden sie zu ihrem Schmerze die Synaroge verwüstet uno viele Grabsteine auf dem Friedhöfe zerschlügen. Waren durch dieses Exil >er jüdischen Gemeinde schon schwere Wunden jeschlagen worden, so vernichtete der bald nach- >er ausbrechende 30 jährige Krieg ihren geringen Wohlstand vollends. Das gesamte Vermögen der Wormser Juden betrug damals in Friedensjeiten etwa 100000 Gulden. Davon mußte die üdische Gemeinde in den Jahren 1631 und 1632 fl. 9480 und von 1635—37 fl. 37726 für mßergewöhnliche Kriegsschatzungen opfern. Ueber- >ies wurden in dieser Zeit aus den Speichern )er Judengasse 400 Malter Getreide, aus den Kellern IM Fuder Wein abgeführt, fodaß die Gemeinde in ganz ärmliche Verhältnisse kam. trotzdem pachtete , sie, wie es schon früher gechehen war und zu veränderten Bedingungen mch später geschah, im Jahre 1659 wieder von Kurpfalz das „Judengeleite" für 2200 Gulden ährlich. Welcher Judedie Städte und Landjemeinden in den pfälzischen Aemtern, wozu Kanals auch die Oberämter Heidelberg, Mosbach, 9retten Alzey, Oppenheim, Kreuznach, Bacharach nit ihren -vielen Gemeinden gehörten, passieren vollte, der hatte für einen Batzen einen Geleits- >aß bet der Wormser Gemeinde zu losen, deren llavbiner übrigens auch für die kurpfälztschen Huden das Richterrecht tu religiösen Angelegenseiten ausübte. _. _Der Und nun nahte eine Zeit, die nicht nur den Juden, sondern der gesamten Bürgerschaft wieder schlimmstes Unheil brachte, die Zeit des französischen Ueberfalls. Zwar hatte die jüdische Gemeinde sich beim Herannahen des französischen Heeres von dessen Oberstkommandierenden, Marschall Duras, einen Schutzbrief für ihre Straßen und ihren Friedhof erwirkt; „nous leur permettrons de la faire afficher aux portt-s des rues de leur Quartier et de leur eimetiere“ heißt es in Duras' Schreiben vom I I.Nov. 1688 im Lager vor Mannheim. Aber darüber setzten sich die in Worms einziehenden Franzosen hinweg, legten der jüdischen Gemeinde eine Schatzung von wöchentlich 600 Livres auf und ließen am 31. Mai 1689 die Judengasse bis auf wenige Häuser in Rauch aufgehen. Die Synagoge blieb im Mauerwerk erhalten. In alle Gegenden zerstreuten sich die Wormser Juden. Erst 1699 finden sich wieder Ansätze einer neuen Gemeinde, die unter Förderung des großen Sohnes der Wormser Judengaffe, des kaiserlichen Oberhofsaktors Samson Wertheimer, der seiner Vaterstadt beim kaiserlichen Hofe gewichtige Dienste leistete, einen Vergleich mit dem Wormser Magistrat abschloß. Waren dessen Bedingungen zwar immer noch drückend, so nahm er doch von den Wormser Juden das Schlimmste, was Karl IV. zu Gunsten der Stadt ihnen auferlegt hatte: die Leibeigenschaft. Im Jahre 1718 waren wieder jüdische Familien in Worms ansässigdie Zahl erhöhte sich 1744 auf 146 Familien. Unter den Kriegslasten, die das 18. Jahrhundert der Stadt Worms in reichlichem Maße brachte, seufzten die Juden nicht minder wie die übrigen Stadtbewohner. Zu den Einquartierungskosten des Stolzenbergischen Regiments im Jahre 1705 während des spanischen Erfolgekrieges im Belaufe von 8139 Gulden mußte z. B. die Inders schüft 1800 Gulden beitragen, 1718 wurden ihr für Türkensteuer 800 Gulden abverlangt, während des polnischen Erbfolgekrieges und des siiebrnjährigen Kriegs hatten die Judesi bei den vielen Durchmärschen von Truppen und lange andauernden Einquartierungen eine große Menge außerordentlicher Schatzungen — meistens Vermögenssteuer von 7, % — zu entrichten. Wie schwer muß den Juden damaliger Zeit der Gewinn des Lebensunterhalts gewesen sein! Kam doch zu all den Lasten, die regelmäßig durch Abgaben an die Stadt, den Bischof bei der Vorsteherwahl, die Dalberg, welche seit frühen Zeiten bei Beerdigungen zum Schutze des Leichenzuges einen ihrer Beamten vorausschtckten, an Kurpfalz für Schutz- und Geleitgeld, auch noch eine Kopfsteuer für Krön- und Opferpfennig an den Kaiser. Trotz aller Drangsale darf angenommen werden — mündliche Üeberlieferunqen bestätigen eS, — daß die Wormser Juden früherer Zeit, wenn sie keine blutigen Verfolgungen erlitten, mit ihrem Lose nicht unzufriedener waren, als andere nicht ratsfähige Stadtbewohner. Bewahrten sie doch einen kostbaren Schatz, der, nachdem mit der Wormser reichsstädtischen Verfassung auch die konfessionellen und wirtschaftlichen Schranken immer mehr gefallen waren, sich nicht in alter Reinheit in die neue Zeit herübergerettet hat: die tiefempfundene Religion, die Gottergebenheit, die in aßen Nöten Hoffnungsfreudtgkeit auf bessere Zukunft gewährte. Gewaltige Heroen des Geisteslebens, ein Rabbi Meir aus Rotenburg (f 1293), ein Rabbi Jacob Möln, Elia Loanz, N. H. Spitz, ein R. Jair Chajim Bacharach, Moses Brody und viele Andere, die nicht nur von lokaler Berühmtheit, sondern von unbestrittener Wertschätzung in der jüdischen Religtonsgeschichte find, ruhen auf dem alten Friedhofe. Er birgt auch die irdischen Reste vieler ausgezeichneter Persönlichkeiten, die sich durch eifrige Pflege der weltlichen Wissenschaften, durch hingebende Sorge um chre Gemeinde Verdienste erworben haben. :Ro. 50. Sette W euilleton. «•VT Cm Otr Rot. Erzählung aus dem Prager Ghetto. Bon Oskar Stein. Schließlich erschien Schmul und bekräftigte,daß Josef eigentlich gänzlich schuldlos sei, weil er, Schmul nämlich, Josef mit dem Ankäufe beauftragt habe und dieser wider seinen eigenen Willen seinem Brotherrn, in welcher Eigenschaft er sich dem kaiserlichen Richter vorstellte, folgen mußte, lieber das gutmütige Gesichtdes Richters ging ein Heller Schein. Es zuckte ihm um Augen und Mund, diesen Menschen, die sich um ihn drängten und ihn bestürmten, die Freude, zu zeigen über ihre Tat, die er mit gerührtem Herzen durchschaute. Doch er bezwang sich. „Gut!" rief er. „Ich werde dem Herrn Grafen morgen zu frühester Stunde über Eure Anklagen Bericht erstatten. Wenn es sich als wahr Herausstellen sollte, was Ihr hier vorgebracht habt, so wird Euch der Prozeß gemacht werden! Es geht um Eueren Kopf, Leute!" Schmul drängte sich vor: „Wir sind alle schuldig wie er, Herr Richter! Glaubt uns, nicht mehr und nicht weniger!" Wieder schi:n es, als ob der Richter sein Amt vergessen und der alten Dwerl oder dem hageren Scbmul um den Hals fallen wollte. Doch nochmals zwang er sich zur Strenge, wandte sich um und rief seinen Schreiber. „Nehmt ein Protokoll mit den Juden auf! Fragt jeden nach Namen und Stand und horcht aufmerksam auf ihr Geständnis. Ein jeder möge seine Aussage mit eig ner Hand untetfettioen und auf seine Mitschuldigen warten! . . . Da Ihr Euch selbst anklagt, ist kein Zweifel an der Wahrheit Euerer Worie möglich, und auch kein Verdacht der Flucht besteht. Ich will Euch von Soldaten ans Ghettotor führen lassen, denn es ist spät und der Weg für Euch nicht sicher. Doch morgen habt Ihr vollzählig zur frühesten Stunde vor dem Hause des Gubernators zrl erscheinen und vor seinem Ohre Euere Aussagen zu wiederholen!" Dann setzte er sich zu seinem Tische, auf dem die Bücher in hohen Stößen lagen und pergamentene Rollen mit handgroßen Siegeln aufgestapelt waren, schlug einen Band auf, der ihm am nächsten zur Hand war und beugte sich tief über die Schrift. Der ktringewachsene Simcha, der kein Auge von ihm ließ, behauptete später, er habe deutlich bemerkt, wie Träne auf Träne dem Richter über die Wangen rann und sein Mund gütig lächelte, wie einer Mutter Mund, die sich an ihren Kindern freut. Eines konnte aber auch der Schreiber bezeugen: als die Juden gegangen waren und ihre Schritte im festen Takte der Soldatenstiesel verhalten, hatte der kaiserliche Richter die Worte gesprochen: „Christ oder Jude? Der ist kein Gott, der darnach ftagt! Menschen lieb' ich, Menschen mit tapferen und guten Herzen!" Am späten Abend wurden Schmul, Dwerl und Jsak, als die Anführer der Zwanzig, welche ohne Bewilligung des Beth-Din ihren gefahrvollen Weg unternommen hatten, vor den versammelten Rat der Gemeinde-Aeltesten berufen. Als Schmul Bericht erstattet hatte, erhob sich der Primas und tadelte mit scharfen Worten ihr eigenmächtiges Vorgehen, aus dem neue Gefahr und neues Unheil erwachsen könne. Doch der greise Rabbi Lipman unterbrach ihn: „Rebb