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Der Israelit · 1911-12-14 · Heft 50 (14.12.1911) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 50 (14.12.1911)
Date
1911-12-14
Page
– (sequence 20)
Language
German
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r \Vj£ «fette 24 «d 50 ♦rr 3Hfo»*ih Awrvm, ich weiß, wo auch Euer Herz ist! Fragt -Lort an, ob diese Leute recht getan haben, und -Euer Herz wird nicht ,neirL sagen! Laßt es gut sein! Sie mögen ihren Weg weiter gehen, .vielleicht bringt ihr Plan Rettung und Frieden- Auch wir wollen das Unsere tun l" Und damit waren Schmul, Dwerl und Jsak aus der Ratstube entlasten. In der düsteren Altneuschul', die kein anderes Acht hatte als den schimmernden Schein der ewigen Flamme, die vor dem Thoraschreine flackerte, waren die Männer des Ghettos zum Morgengebet versammelt. Ein neues Fasten begann an dem Morgen dieses Freitags. Aus der Mitte der Beter ragten die Gestalten des Borbeters Chajim, des Oberrabbiners und des Primas wie die flehentlich ausgestreckten Arme einer inbrünstigen Menge hervor. Als Rabbi ^/ Lipman ein Gebet sprach, das diesen Tag zum A Anlaß hatte, weinten alle in gleicher Bewegung, , und als er mit kurzen Worten der Gemeinde Mut zusprach und jeden anwies, seine Pflicht zu tun, ging ein stiller Schwur durch die Herzen. Dann strömten die Menschen aus dem Gotteshaus« und chr Summen. und eilendes Reden flatterte über ihnen, zerstreute sich durch alle Gasten und Gäßchen und verteilte sich in jedes Haus. Rur eine kleine Schar sammelte sich in der A Belelisgasse, wo die alte Dwerl wohnte, nahm btc Krämerin in ihre Mitte und zog auf den Tandelmarkt. Dort aber trennten sie sich wieder. Schmul wies jedem seinen Weg an. Um nicht die Aufmerksamkeit der Stadtbewohner zu erregen, sollten sie sich einzeln auf die Kleinseite begeben. Dwerl, die schwer zu Fuß war, wurde als erste entlasten und nahm den kürzesten Weg über den Altstädter Ring und die steinerne Brücke. Die Jüngeren sollten sich mit dem Fährboot über die Moldau führen lasten, während die Alteren ans kürzeren oder längeren Umwegen Dwerl folgten Bor der achten Morgenstunde trafen sie sich in der weiten Torhalle des Waldstein'schen Hauses. Nicht viel später öffneten sich beide Flügel deS Ghettotores, Moses Lemele, der Wächter, schob zwei Steine unter die schweren, eisenbeschlagenen Flügel und gab den Aeltesten den Weg frei, die mit dem Gelde, das, in zehn Säuen verteilt, von mehreren Dienern getragen wurde, znm Gubernator sich begaben. Nicht einmal der achtzigjährige Hirschl Gyppen fehlte unter den Aeltestenvon Moses ben Jsak, dem Schreiber der Gemeinde, und dem Primas gestützt, schritt er voraus. Vor dem Rathause der - Altstadt schloß sich der Wachoffizier mit einer Schar seiner Leute an, um die Juden vor der / immer mehr anschwellenden M nge zu schützen _ und ungefährdet zum Hause des Gubernators » zu geleiten. Indessen versammelten sich im großen Saale deS Waldstein'schen Palastes, besten weiße Wände an zierlichen Goldleisten zu einer bilderreichen, hohen Decke emporftrebren, in den Fensternischen, die mit schweren, dunkelroten Teppichen verhangen waren, die Würdenträger der Kirche, die erlesensten Namen des böhmischen Adels, die Generäle, der Bürgermeister der Altstadt und eine kleine Anzahl berühmter Gelehrten, die an der alten Prager Universität die verschlungenen Pfade der Rechtswissenschaft lehrten. Der dicke Abt deS Strahower Klosters saß in gepolstertem Sessel und war von den violetten und weinroten, den schwarzen und weißen Gewändern der Geistlichkeit umgeben. Graf Nagarol, schlank und groß, wie eine nordländische Tanne, stand im Gespräche mit dem freundlichen Herrn von Smiricky und blickte dabei unverwandt nach der Tür, durch die der Gubernator erscheinen mußte. Bor einer langen Weile war der kaiserliche Richter ins Arbeitsgemach des Grafen gegangen und war noch nicht zurückgekehrt trotz aller sonstigen Gewohnheit. Je länger die Herren warteten, desto stiller wurde es im Saal,- die meisten standen an den Fenstern und blickten auf die Judenältesten hinab, die eben vor dem Hause anlangten. Graf Nagarol, der sah, wie die alten Männer in der Wiuterkälte zitterten, rlß ein Fenster auf und rief hinunter, daß sie in die Wachstube etntreten mögen. Der empfindliche Erasmus, der das römische Recht lehrte und hinter ihm stand, so daß ein Hauch des kalten Tages sein unbedecktes Haupt streifte, floh eilends zur Seite und stieß gegen den Gubernator, der gerade eintrat. Erschrocken beugte er sein Haupt: „Verzeiht, wohledler Herr Graf. . und stammelte viele Worte der Entschuldigung, ohne zu merken, daß der Gubernator achtlos vorbeischritt, mit der Hand leicht nach allen Seiten grüßte und auf seinem Thronsestel hinter einem kleinen, zartgebauten Tischchen, das auf goldenen Füßen stand, Platz nahm. Erst als sein Amtskollege Vinzenz Schäfer ihn unter dem Arm ergriff, schnellte er auf und fand den Blick des Grafen auf sich ruhen „Tretet vor, Herr Erasmus Gelltschin, wir wollen Eure Ansicht hören! Auch meine anderen Räte, die ehrwürdigen Herren Patres und wer sonst hier weilt, heißen wir, auf die Sache der Juden zu achten. Wir haben auf Grund mancher Geschehnisse uns entschlossen, trotz gültigen Urteils und beschlossenen Strafvollzugs Euch, wohledlen Herren die Entscheidung vorzulegen. Wohlbekannt ist, soweit wir ersehen, die Tat des Juden Thein, der nach Recht und Gesetz den Tod zu erleiden bestimmt ist. Der Rat der Juden hat uns die Bitte unterbreitet, seiner Fürsprache Gehör zu schenken, wir fordern ihn auf, vor uns zu erscheinen." Vor dem Tischchen des Grafen öffnete sich eine Gasse, durch die der Primas, gefolgt von den Aeltesten, vortrat. Mit bewegten Worten schilderte er Josefs fteimütiges Bekenntnis, er betonte, daß der Verurteilte vier Tage vor Waldfteins Befehl das gestohlene Gut angekauft habe, er bat um Gnade für ihn und bot freiwillig im Namen der Judenschaft zehntausend Gulden als Sühnsumme an. Von der Tat der Zwanzig, die im Hofe harrten, schwieg er. „Ist das alles, was Du zu sagen hast? So tretet zurück und erwartet unseren Spruch!" Lang redete Herr Erasmus Gelltschin. Er wies mit hundert gelehrten Zitaten, mit den Aussprüchen berühmter Rechtslehrer nach, daß in keinem der vielen, dickleibigen Bände seiner Wissenschaft ein ähnlicher Spruch zu finden sei, der dem Käufer im Falle seiner Unkenntnis des begangenen Diebstahls den Tod bestimme. Doch stehe es dem obersten Richter des Landes frei, die Entscheidung nach seinem Gutdünken zu treffen. Ihm widersprach Herr Vinzenz Schäfer. Was die Schuld des Juden angehe und ihre Bestrafung, so sei er nicht anderer Meinung wie sein verehrter Kollege. Jedoch gelte sein Widerspruch der Willkür des Urteile.' Nur der geschriebenen Worte Kraft habe zu richten und nicht die Macht der Herren. Denn das Recht laffe sich nicht beugen, wie der Nacken der Menschen, und wer dies versuche, der breche das Recht. Erregt erhob sich der Bürgermeister der Altstadt: Er rede nicht für Leben oder Tod, doch sei ein Spruch gefällt, so müsse er bestehen. . . Es sei ein strenges Exemplum vonnöten wider die lose Zucht der Juden, die die Reichtümer in ihren dumpfen Häusern anhäufen und die nur Furcht vor Rad und Galgen in den Banden der Ordnung zu halten vermöge. Der kaiserliche Richter wollte erwidern, als ihm der Gubernator abwtnkte und demJesuitenprtor das Wort gab. Der meinte, daß zehntausend Gulden in guter Münze und wohlgezählt den Kopf eines Juden aufwiegen könnten, wenn ein besonderer heiliger Zweck das Judengeld weihe. Die Weisheit des Gubernators werde das Richtige finden. Und so wechselte noch lange Rede mit Rede. Stumm saß Graf Waldstein vor den streitenden Herren, bis einer — es war der Sekretarins 14 Dezember DU der Prager Gemeinde — erklärte, die Schuld des enden sei erwiesen, der Verurteilte habe sein erbrechen gestanden, der Spruch sei gefällt, es solle daher der Freimann seines Amtes walten. Der seine Schuld bekenne, falle der gerechten Strafe anheim. Da hieß der Gubernator den Richter sein Protokoll verlesen. Und je weiter der las, mit erhobener Stimme, desto lächelnder wurde die Miene des Grafen. Unverwandt sah er zu Jakob Theomim hinüber, der zu wachsen schien unter den Worten des Richters. Als die Aussage des Fünfzehnten verlesen war, erhob sich der Graf: Dies genüge, zu wissen, die Schuld der zwanzig Juden sei rechtlich erwiesen durch ihr eigenes Bekenntnis . . . Wenig sei zwar an dem Tode eines Juden gelegen, und die Meinungen seiner Räte könnten ihn nicht wankend machen in seinem Richterspruche. Auch lasse sich nicht hes Kaisers Gerechtigkeit mit Gold erkaufen, dem freilich, wie er erkenne, die Fürsprache der Herren zu danken sei. Doch sehe er im Auge des Hofjuden Jakob ein Wörtchen brennen, das wolle er hören und dann dem Rechte freien Lauf lassen . . . „Sprich, Jakob", fuhr er fort, „wir wollen vernehmen, was Dein Herz sagt!" Und Rebb Jakob trat vor: „Drunten in Euerer Halle stehen welche, die nicht zittern vor dem Tode. Sie bieten Euch nicht die Weisheit der gelehrten Bücher und nicht das Gold der Reichen. Herr, Ihr sagtet, es sei wenig gelegen am Tode eines Juden, ich — will nur sagen, was die unten fühlen: Zwanzig Tode für ein einziges Leben! Es ist vielleicht nicht viel^ aber meyr, mehr ist es, als je ein Richter an Sühne empfing ... Ob jener, der jetzt im Kerker zittert und den der Henker schon erwartet, nach Recht und Gewissen den Tod verdient oder ob Euer Freispruch ihn in dieser Stunde errettet, es ist gleich! Die unten, die seine Brüder im Tode sein wollen, haben sein Leben erkauft und ihren Willen über irdisches Recht und Rtchtermacht gesetzt!" Da ging Graf Waldstein auf den Juden zu und ergriff seine Hand: „Sag' denen, die meines Spruches harren, daß ich nicht der bin, der Bäume fällt, wo ein stämmiger Wald auf gutem Boden steht! Sie sind frei und sollen heimgeh'n in ihre Gasse! Brüder im Leben sollen sie sein, sag's ihnen, der Waldstein wünscht es. . - Und was den einen angeht, dem mein Spruch den Tod bestimmte, so soll der Fürsprache dieser geschätzten Herren hier entsprochen werden! Die mögen tun, was ihnen recht und billig scheint!" Ein kurzer, höhnender Blick glitt über die Aufhorchenden, dann schloß sich rasch die Tür hinter dem Gubernator, der den Saal verließ und in fein Arbeitsgemach enteilte. Die Räte aber, die klugen Rechtsgelehrten und tapferen Krieger, die Herren Patres aus allen Graden der Seelsorge, die vornehmen Adelsträger und würdigen Bürger der Stadt Prag beschlossen, den Juden Josef Thein aus der Haft zu entlassen gegen Erlag von zehntausend Gulden. Doch, da einige der weisen Herren auf dem Exemplum bestanden, das den Juden von nöten sei, so wurden die Aeltesten der Juden beauftragt, unter Führung des RegimentSschultheißen und gehörigem Trommelschlag, umgeben von einer Schar Soldaten, die;e§n Geldsäcke auf ihrem Rücken über die Prager ÜÄcke auf's Rathaus der Altstadt zu tragen. Und damit das Judengeld durch einen heiligen Zweck entsündigt werde, gab man dem Vorschläge Folge, die verfallene Sühnsumme dem Jesuitenkollegium beim heiligen Klemens zuzuweisen als Waldsteinsche Stiftung für neugetauste Juden. Wenn das Geld dann nach Weisung im Ratsause hinterlegt wäre, abgezählt und in Ordnung gefunden, könne der Primas seinen Juden holen. Er werde ihn heil zurückerhalten, wie er ihn erbeten. (Schluß folgt.)

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