Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1911)
- Date
- 1911-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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14. ©tjemBer 19(1 zwischen den Bereinigten Staaten von Nordamerika und Rußland, der am 6. (18.) Dezember 1832 in Petersburg ursprünglich für die Dauer von sechs Jahren geschloffen und im Sinne des Art. XII automatisch für je ein weiteres Jahr verlängert wurde, ist, nach Landau, von wesentlichster Bedeutung der Artikel II. In demselben wird mit knappen Worten eine Vereinbarung dahin fixiert, daß den Untertanen des einen der beiden Staaten das Recht zusteht, in den Städten, Handels- und Hafenplätzen des anderen zu reisen oder sich aufzuhalten oder zu wohnen, um ihren Geschäften nachzugehen. Wir finden gar keine Beschränkung oder Ausnahmen hinsichtlich der Konfessionen, alle Untertanen der Vereinigten Staaten sind seitens der russischen Behörden in gleicher Weise zu behandeln. Dieser Handelsvertrag wurde bekanntermaßen in der Praxis ganz eigenartig gehandhabt. Jüdischen Bürgern der Vereinigten Staaten wurde trotz giltiger Pässe der Eintritt nach Rußland verwehrt. Selbst der nordamerikanische Botschafter in Konstantinopel, Oskar Strauß, mußte eS sich vor einigen Jahren, als er eine Studienreise nach Rußland unternehmen wollte, gefallen lassen, daß ihm die russische Regierung ausnahmsweise die „Erlaubnis" erteilen wollte, drei Städte zu besuchen, worauf Strauß lieber auf die Reise verzichtete. Bekanntlich ist es dem englischen Postminister, Sir Herbert Samuel, vor kurzer Zeit ähnlich ergangen. Zunächst rührte die Regierung von Washington keinen Finger. Erst als die einstigen Emigranten zu Stellungen in der Diplomatie und in der Politik gelangt und durch ihre Anzahl zu einem in einzelnen Staaten (New-Aork) entscheidenden Faktor bei den Wahlen geworden waren, da setzte die Regierung mit diplomatischen Vorstellungen ein. Der Senat erließ an den Botschafter in Petersburg Aufträge, die mit dem Herannahen des Termins für die Präsidentenwahl immer energischer wurden. Aber sie halsen nichts. Im Januar dieses Jahres fand in New-Aork der Gemetndetag aller jüdischen Gemeinden Nordamerikas statt. Einer der hervorragendsten Anwälte, Mr. Louis Marshall, erstattete das Referat über die Paßfrage und appellierte an die öffentliche Meinung, dieser Kulturschande ein Ende zu bereiten. Seitdem tritt die Paßfrage in ein neues Stadium. Sie ist zu einer Ehrensache des nordamerikanischen Bürgertums geworden. Die Unterscheidung der nordamerikanischen Bürger nach ihrer Konfession, die Mißachtung ihrer Pässe wird als eine bem Sternenbanner angetane Schmack angesehen, die nicht länger ge- , JtÜn _ duldet werden darf. Die führenden Kreise aller' Stände und Berufe verlangen einmütig, daß der bestehende Handelsvertrag gelöst und ein neuer insolange nicht geschloffen werde, bis die russische Regierung in der Praxis den Wortlaut des Vertrages respektieren werde. Die hervorragendsten Männer aller Staaten, ohne Unterschied ihres politischen und religiösen Bekenntnisses: 5 Bischöfe, 36 Senatoren, 27 Gouverneure, 17 Bürgermeister, Abgeordnete, Universitätsprosefforen, Zettungherausgeber, haben sich unter dem Präsidium des gewesenen Botschafters in Petersburg und Präsidenten der Cornell-Universität, Andrew D. White, zu einem Nationalen Bürgerkomitee (National-Citizens' Commitee) organisiert, um in allen größeren Städten Massenmeetings zu veranstalten und dadurch, wie es im Ausruf heißt: „mit allem Nachdruck die Aufmerksamkeit des Senats auf die Vergewaltigung der Vertragsrechte durch Rußland zu lenken und eine energische Abhilfe gegenüber diesem Unrecht zu schaffen." Selbst Theodor Roosevelt, der sich dem Komitee nicht angeschlossen hat, erklärt in seinem Wochenblatt „The Outlook", vom 14. Oktober die Annullierung des Handelsvertrags für unvermeidlich, schlägt aber vor, den Streitfall vorher dem Haager Schiedsgericht zu unterbreiten. Dieser Vorschlag hat jedoch wenig Anklang gesunden. In einem Massenmeeting, an dem über 400 Priestern aller christlichen Bekenntnisse teilgenommen, wurde am 30. Oktober in New-Aork unter dem Ehrenpräsidium des Bischofs James Courtney beschlossen, „die baldige Auflösung dieses Vertrages vom Präsidenten der Vereinigten Staaten zu verlangen, damit Rußland wisse, daß die Schaffung von llnterscheidungsmerkmalen zwischen einzelnen Bürgern Nordamerikas unseren Grundsätzen widerspricht, da die nordamerikanische Staatsbürgerschaft die Juden ebenso schützt wie die Christen." Dr. Landau fragt, ob nicht das, was in Amerika geschieht, Mch in Oesterreich, das sich die gleiche Behandlung seiner jüdischen Bürger in Rußland gefallen lassen mutz, möglich wäre. Diese Frage trifft auch für die anderen Staaten und nicht zuletzt für Deutschland zu. Die Hoffnung liegt indessen sehr nahe, daß bet einem entscheidenden Erfolge Amerikas auch die Regierungen Europas nicht länger zögern werden, ihren jüdischen Staatsbürgern zu ihrem von den Handelsverträgen ihnen gewährleisteten Rechte in Rußland zu verhelfen. Ueber Kahrtausende hinweg lenkt das Chanukkah- Uchtlein unseren Blick zu den Schlachtfeldern ModinS hin. Stürmend und wogend ziehen die syrische« Heere aus, racheschnaubend, wuterfüllt und in eherner Kampfeslüftung. Klein und gering ist die HaSmonäerschar. Da steigt mitten im wütenden Zoben beb Gefechtes aus bem Zuntel bet Vergangenheit das bekannte Bild vor den Augen der Bedrängten auf: daS Bild des Schmiedes am Amboß. Und stehe, der Funke hat auch dieses Mal gewirkt. Das Wundersame ist geschehen. Die Helden sind den Schwachen ausgeliesei t, die Bielen den Wenigen, die Unreinen den Reinen, die Frevler den Händen der Gerechten. . . Und so war eS immer. Auch in den Jahrtausenden, die diesem Wunder dorangtngen, wie aud) in ben vielen Jahrhunderten der Not, die ihm folgten, biS auf dm heutigen Tag. Im ewigen welthistorischen Kampfe zwischen Jakobsgetst und Esausgeist ist eS nicht die mächtige Schar, die erdrückende Zahl der A l u f t m, sondern der zündende Jakobe funke, der bestimmend ist für dm Sieg. „Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr!"- . * * * Zur nachtfinsteren, gefahrvollen Stunde, in einsamer Wüstengegend rang Jakob mit dem Engel, den er als so.chen nicht erkannte. In verschiedenen Gestalten, so bemerkt unsere agadische Lebensweisheit, erschien dieser himmlische Ringkämpfer unserem Erzvater Jakob. 'b nül3 DlÖDVOpD- Einen Mörder sah er in ihm, der sein Leben bedrohte. Aber auch als Heide erschien er ihm zuweilen, — '122 b der Jakob seine Freundschaft aufzwang. Dann wieder glaubte er, einem friedlichen lockenden Hirten vor fich zu haben )b nj>TD- Und endlich sah er fich in einen geistigen Wettstreit mit einem Schristgelehrten verwickelt. odh Tübns b non> Ist es Nicht, alS sei hier der welthistorische Kamps JSraelS in all seinen Phasen genau angedeutet? In der Gestalt etneS Totschlägers OltoOVSTp erschien der erste Feind JSraelS in grauer Borzeit unseren Bätern. Vernichtung um jeden Preis, bedingungslose Zerschmetterung hieß die Parole in Aegypten, bet Amalek, auch später im weltbezwingenden Rom. Da entstand aber mit der verfeinerten hellenistischen Kultur in Griechenland ein anderer und weit gefährlicherer Feind dem Bolle: '122 ib J1Ö13- Der Heide tritt auf ben Plan, der, wie zur Zeit AntiochoS', nicht vernichten will, sondern werben, gewinnen für seine Götzen, für seine Welt und für seine heidnische Lebensart, allerdings nach dem alten Grundsatz: Und bist du nicht willig, so brauche ich Gewalt... Die späteren Jahrhunderte ließen aber einen anderen, C eigenartigen Feind erstehen: ben NV1N, ben sal- ^svollm Hirten, der seine Kultur nicht mit roher Gewalt dem Volke aufzuzwingen versucht, sondern nach guter Hirtemrt lockt und ruft und wirbt und vorgibt, mit frommem Tun verlorene Schäfchen aus dm rechten Weg deS Heiles zu bringen. Wer kennt nicht diesen wetchm Htrtentvn der Judenmission? Erst der allerletzten Zeit blieb es vorbehaltm, dm schlimmsten und grimmigsten Feind unserer Sache zu zeitigen, dm £211 den Gelehrten, der mit dem schwerm Geschütz der Naturwissenschaft oder mit der lelchterm Waffe der bibelkrittschen Hypothese gegen den jüdischen Geist ins Feld zieht und fich gar noch als „Schüler der Weisen" gibt. Uerboteti« Gottesdienste in Bayern. II. Mit den in unserer Nr. 48 unter dieser Aufschrift erörterten Vorgänger! in der israelitischen Kultusgemeinde Bamberg, die auch außerhalb Bayerns großes berechtigtes Aufsehen erregen, nrüssen wir uns heute nochmals ausführlicher beschäftigen. Zunächst können wir mit Befriedigung konstatieren, daß die orthodoxen Gemeindernitglieder Bambergs bereits den Beschwerdeweg wegen Schließung ihres Gottesdienstes an das Kgl. Bayerische Knltusministeriunt ergriffen haben, und behalten wir uns vor,, in einer unserer nächsten dkuminern diese Beschrverde im Wortlaut zu veröffentlichen. Weiter ist uns in der gleichen Angelegenheit eine „Berichtigung" der Verwaltung der israelitischen Kultusgemeinde Bamberg zugekommen, die wir loyaler Weise wörtlich wiedergeben. Sie lautet:. Berichtigung: 1. Bon keiner Seite war bei der Kultusverwaltung oder dem Rabbinate um die Gestattung eines Separatgottesdienstes nachgesucht worden. Zu einem solchen war keine Veranlassung gegeben. Lediglich deshalb wurde Restaurateur Goldschmidt von der Kultusverwaltnng auf die Unzulässigkeit eines Separatgottesdienstes aufmerksam gemacht. 2. Weder die Verwaltung noch das Rabbinat haben den Stadtmagistrat oder die Polizei zu einern Einschreiten veranlaßt oder auch nur den Behörden eine bezügliche Mitteilung gemacht. Vielmehr soll sich , die Nachbarschaft über einen solchen sie bÄästigenden Separat-Gottesdienst bei einem Polizeibeamten beschwert haben. 3. Der gemischte Chor ist keine Neueinrichtung in unserer neuen Synagoge. Derselbe.bestand schon unter Zustimmung auch des orthodoxen Mitgliedes unserer Verwnltung seit vielen Jahren in der alten Synagoge,' es wurde aber gerade in der neuen Synagoge ein israelitischer Dirigent angestellt, und es wurden zum Synagogen- Chor nur Israeliten zugelassen, auch wurde derselbe durch ein undurchsichtiges Gitter verdeckt, so daß Anlaß zu einer Spaltung durchaus nicht gegeben war. 4. Die Behauptung, daß ein Schüler rvegen der Teilnahme arr dem Separatgottesdienste * Mit all diesen alten und neuen Feinden ringt Jakob durch die endlose Reihe der Jahrhunderte stegesgewiß, und erfolgreich. Es ist immer der gleiche Funke, der NSS der simplen Schmiede auffltegt und, die FetndeSrekhen durchlohend, in das Dunkel der Zeit htneinleuchtet. Denn nicht ntederbremien und vernichten soll dieser Funke, sondern leuchten und wärmen: „Nicht durch Kraft und nicht durch Macht, sondern durch meinen Geist, spricht der Herr Zebaoths •; Der edannda Zabbat. Die Sabbatstube ist geschmückt, gerichtet, ■ Mau fühlt es nah'» das Sabbatglück, Mein Kind schaut auf den Wein, das Brot, die Kerzen, Dann schweift zum Fenster selig hin sein Blick. Bon dorther strahlt in hellem Feierglanz-, Die Chanukamenaurvh voller Pracht, Ein alteS Erbstück, voller Ernst und Würde, Das schon dem Borsahr manche Freud gemacht. Doch neben jenem hohen schweren Stücke, Da steht ein anderes noch, so klein Und schmal. Des Kmdts Blick liebkost die schlichte Lampe, Mein Bub' entzündet heut zum ersten Mal. Der Vater kommt. Mein Kind fliegt ihm entgegen, Drut' auf das Licht und lacht mir zu dabei, «Nicht wahr, wir machen's heute grad wie Mutter, Nicht wahr, wir zünden an heut alle drei?" Der Vater spricht mit ernstem Ton die Broch»: „Gesegnet Gott, der Wunder Du getan!" Das LichUein brennt, das Licht des Siegs, deS Wunders, Nun hebt ein Helles, liebes Stimmchen an.