Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 50 (14.12.1911)
- Date
- 1911-12-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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europäische Kultur in der Tat für unser Judentum Gift ist, ob das Judentum in der Tat nur in der dunklen Ecke der Weltgeschichte, in Not und Elend gedAhen kann, ob die Anhänglichkeit an das Judentum in der Tat nur in -er Abgeschlossenheit erhalten werden kann, das sind Fragen, die wir zu prüfen haben, weil sie sich unmittelbar an unser Verantwortlichkettsgeftihl wenden. Wären diese Behauptungen wahr, wäre unser Grundsatz ipK yn Dy mm nur eine Selbsttäuschung, der über kurz oder lang von dem Gang der Ereigniffe eine schreckliche Korrektur zuteil würde, dann wüßten wir eben auf das, was man europäische Kultur nennt, verzichten. Wir werden also jene Behauptungen zu prüfen haben. Nun ist ja unbestreitbar, daß vor allem das Erwerbsleben mit seinen tausendfältigen, täglich zu bestehenden Prüfungen in der Tat Klippen bildet, an denen manche religiöse Existenz zerschellt. Aber ebenso unbestreitbar ist es, daß die Ungunst der wirtschaftlichen Verhältnisse allein die Schuld an dem religiösen Verfall nicht trägt. Die Juden im Ghetto hatten noch ganz andere Prüfungen dieser Art zu bestehen. Solange nur der jüdische Wille zur Treue ungeschwächt ist, solange besteht das Judentum solche Prüfungen glänzend. Aber eben dieser Wille zur Treue, so wird behauptet, kann inmitten der Kultur nicht gesund bleiben, er wird zermürbt und zerfressen unter ihrer Einwirkung. DaS Problem spitzt sich also folgendermaßen zu : Auf der einen Seite steht die Annahme, Elend, Not und vor allem Abgeschlossenheit erhalten den Willen zur Thora gesund, die Mauern des Ghetto — buchstäblich — schützen die Thora. Ihr gegenüber steht die andere Behauptung: Däs Ghetto erzeugt allerdings günstige Bedtnanngen für die Erhaltung des gesetzestreuen Judentums, wie ja jede Exklusivität notwendig stärkend auf die innerhalb derselben herrschende Getstesrichtung wirken muß. Aber die Abgeschlossenheit ist nicht die letzte, sicherlich nicht die einzige Ursache, die den Willen zur Treue lebensfähig erhält. Seelische Momente vielmehr, die auch innerhalb der Kultur gedeihen können, erzeugen die erforderliche Festigkeit. Wenn der Naturforscher vor einer Erscheinung steht und im Zweifel ist, welche von mehreren möglichen Ursachen die wirkliche ist, dann variiert er die Bedingungen der Erscheinung, schaltet manche von den in Betracht kommenden aus und stellt so fest, welche die absolut notwendtge Vorbedingung, die eigentliche erzeugende Ursache, welche hingegen nur als begünstigender Faktor anzusprechen ist. Das Laboratorium für menschliche Entwicklung ist die Geschichte. Und die Geschichte hat mit unserem Volke schon zweimal das einschlägige Experiment gemacht. Zweimal lebte unser Volk in innigster Berührung mit europäischer Kultur/ zum erstenmale in der Zeit des Griechentums, des Hellenismus/ zum zweitenmale in der spanisch-arabishren Epoche. Da fehlte die ghettomäßige Isolierung. A)a können also nur seelische Momente als konservierend in Betracht kommen. Diese beiden Perioden der jüdischen Geschichte möchte ich hter durchgehen und unter einem Gesichtspunkte betrachten: welches waren jene seelischen Momente, die den riesigen Versuchungen gegenüber das jüdische Denken und Leben erhielten. Bevor wir aber zu dieser Betrachtung gehen, werden wir uns über den Begriff Kultur verständigen und einige damit zusammenhängende Fragen zu erörtern haben. Der Weg, den wir zu machen haben, zerfallt also in drei Teile. 1. Der Begriff Kultur und die prinzipielle Stellung des Judentums zu derselben. 2. Was lehren uns die beiden Epochen der hellenischen und spanischen Zeit in bezug auf unser Problem? 3. Die Anwendung auf unsere Zeit. (Fortsetzung folgt.) HlochnmmWa«. Die PenfionsDerfidierung für PriDafbeamfe. Bereits Mitte November haben wir darauf hingewiesen, daß die Versuche, zur Abwendung des staatlichen Versicherungszwangs für die jüdischen Kultusbeamten eine Ersatzkasse durch Zusammenschluß der bestehenden Hülsskassen zu schaffen, nach Lage der Dinge keine Aussicht auf Erfolg haben würden. Es war ziemlich evident, daß die geplante Rückversicher ungs kasse eilt neues Rechtsgebilde darstelven und daher, als nach dem 15. Oktober begründet, keine Anerkennung gefunden haben würde. Unsere Auffassung ist damals als unrichtig bekäinpft und eine Vertreterversankmlung der Hülfskassen nach Berlin einberufen worben, um der Gründung der Kasse näherzutreten. Leider hat es sich herausgestellt, daß wir 14. Dezemver lÄll rm Rechte waren. Die beabsichtigte Versäm'mlung wurde in letzter Stunde abgesagt, und ans einein Gemeindebund-osfiziösen Artikel der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" ,geht nunmehr hervor, daß auch der Gemeindebund sich von der Unausführbarkeit des Projektes überzeugt hat. Es wird jetzt Aufgabe der Gemeinden sein, sich mit den Bestimmungen des Gesetzes vertraut zu machen und die Mittel bereit zu stellen, um dem in Bälde in Kraft tretenden Bersicherungszwang für ihre Beamten, soweit sie nicht mehr als 5000 Mk. Gehalt beziehen, zu geirügeu. Wohl die meisten Gemeinden, auch die kleineren, werden es, wie wir hoffen, als ihre Pflicht betrachten, von dem gesetzlichen Rechte der Abwälzung der Beitragshälfte aus die Angestellten selbst keincit Gebrauch.zu machen, sondern die Prämienzahlung selber zu Übernehmen. Soweit diese Gemeinden-nicht dazu .imstande sind, ist die jüdische Gesamtheit religiös und moralisch verpflichtet, helfend einzugreifen. Das kann unseres Erachtens durch die beiden hier in Betracht kommenden Organisationen, die „Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums", und den „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund", sehr wohl geschehen, ohne daß man nötig hätte, im Trüben zu fischen und nach dem Muster der „Allgemeinen Zeitung" wiederum nach der Zwangsjacke einer Kirchenversassnng für die Preußische Judenheit zu rufen. Wir glauben im Gegenteil, daß ein großer Teil des unleugbar vorhandenen Beamtenelends mit Hilfe des neuen Gesetzes behoben werden und damit den Aposteln der Zwangspolitik ein wirksames agitatorisches Schlagwort genommen werden kann. Die PMewegung in Amerika. In seiner Botschaft an den Kongreß der amerikantschenUnion brachte der Präsident Taft am 7. d. Mts. auch die Paßfrage in Rußland zur Sprache und stellte es in sichere Aussicht, daß sich Rußland bald dazu bequemen werde, den Wünschen des amerikanischen Volkes in dieser Beziehung Rechnung zu tragen. Der Kongreß selbst hat sich einmütig dafür erklärt, eine weitere Mchtherücksichtigung dieser Wünsche in Petersburg mit einer Auflösung des Handelsvertrages mit Rußland zu beantworten. Damit ist die leidige Frage in ein neues Stadium gerückt, das eine Rückschau auf ihre Entstehung und bisherige Entwicklung wohl rechtfertigt. Eine klare Nebersicht über die vor sich gehende sog. Paßbewegung in Amerika in all ihren Entwicklungsphasen gibt uns Dr. S. R.Landau in einem erschöpfenden Artikel in der Wiener „Sonn- und Montagszeitung". Im Handelsvertrag Mir beginne» in der nächsten N«urmer mit ber Veröffentlichung eine« größere». an spannende» Momenten »bernn« reichen Zeitroman«: L«ftme«schen von S. Kchachnomitz. Pie Erzählung fSJjvt 1« da« birrrtbervegte indische Keben der moderne« Großstadt hinein nnd begleitet die dorthin verschlagenen Opfer östlichen Goinsiride« ans ihre» Gntmichinng»- ggng voll schmerer äußerer Kämpfe »nd innerer Konstikte. An« dem Knfeinanderprall »nd der Kpiegeinng von Ost «nd Mrst erhebt stch ein farbenreiche« Kiid modernen jüdischen Aeben». da« nnsere Leser, wie mir hosse», von Anfang di« gtt Ende fesseln roird. Aleine» Feuilleton. Der iidiscbe Tunke. (Chanukahbilder im Lichte der Tidra.) Noch einzeln und verwaist flackert baS Chanukahlichtlein, vom stärkeren Gabbatltcht ganz aufgesogen. Und aus diesem Zusammenkllnaen des Lichtes entstehen liebliche Bilder, die, auS der reichen Schatzkammer des Öen Geistes- und GemütSleben entstiegen, wie warme Sgrüße unsere Sinne umkofen. * * * Eine winzige Schmtebeftube, ganz umringt von riesigen, mit Stroh und Flachs ooddelabenen Wagen, bie die Bude über den Haufen zu stürzen drohen. Dte Hütte wackelt bedenklich, eS zittert der Schmiedemeister vor der nahen Gefahr. Ein. Weiser, der des Weges kommt, spricht aber: Nicht zittern, Meister, vor dieser grauen Maße. Ein einziger Funken auS deiner Werkstatt, und dte ganze Ladung geht in Flammen auf . . . (Tanchuma und Rabva zu Wajeschew.) Ein drastisches Bild, das man festhalten muß, um die Geschichte unsere- Kampfe- und unsere- Sieges recht zu verstehen. Immer und immer wieder wird uns auS dem Dunkel vergangener Leiden und Wunder jene Gestalt aufstetgen: der kleine Schmied am funkensprühenden Amboß im Kampfe mit der stürmenden, drohenden Menge... In endloser Reihe ziehen die O’SnK auf. Groß und mächtig und gefahrdrohend find ste, dte Stammesfürsten aus dem Hause EsauS. Da wird eS angst und bange dem kleinen Schmiede in der Werkstätte des jüdischen Geiste-. Jakob fürchtet. Gott aber spricht: nnv Kein Grund zur Angst! jNL'r '131 *7HK- E i n Funken aus dieser Werkstätte, und die Feinde verschwinden! Und stehe da, 2VI, Jakob konnte stch ruhig nieberlassen - ohne Furcht im Herzen weiter in der Werkstatt des Geistes und des Lichtes arbeiten. — * * Auf freiem Felde, unter dem blauen Himmelszelte, im Rücken bie ewigen himmelan ragenden Berge, fitzen dte Brüder nach vollbrachter böser Tat, wohlgemut bei Speise und Trank. Einer schleicht stch leise davon. Er ist der älteste und ein Gefühl der Schuld und der Verantwortung läßt ihn des Mahles nicht froh werben. ES drängt ihn zur G ube, m er -en unglücklichen Bruder weiß. Allein diese ist leer. Da zerreißt er seine Kleider unb bricht in laute Klage aus. Wohl war das Leben deS Knaben in der wasserleeren, aber von Schlangen und Skorpionen angefüllten Grube bna 12 P8 D'Jö 12 V' D’nijW) gefährdet. Jetzt in der ägyptischen Verbannung droht aber dem Geiste des Jünglings Gefahr. Der P12t'> der wunderwirkende Funke auS der jüdischen Llchtwerkstätte, der im Innern lebt und Webt, er kann dort verlöschen. Das ist'-, worüber der ältere Bruder seine Kleider zerreißt und trauert, trauert — laut unb ttostloS . . . * * * Im Köntgspalaste find all die Räte und Zetchendeuter versammelt. Vergebens bemühen ste stch durch der Worte Kraft und der Zeichen Kunst den sorgengebeugten Herrn zu beruhigen. Ein geheimnisvoller Traum hatte die Unruhe in sein \ erz gesenkt, und wehr den Charmmim, deren Kunst versagt, deren Mittel nicht ausreichen, um das Traumbild zu enthüllen. Sie, die an der rohen Materie hasten, fassen die Zahl ins Auge und sprechen von lebenden, und sterbenden Kindern. (nfl# Q^n K2V "Opö nriK -nSlö-) Der hebräische Jüngling weiß aber, daß dte äußere Zahl nichts, und das innere Wesen der Dtnge alle-ist. Mit etnem Funken aus ber Jakobswerkstätte leuchtet er in das Traumbüster hinein und siehe: das Richtige ist gesunden! ...