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Der Israelit · 1911-12-07 · Heft 49 (7.12.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 49 (7.12.1911)
Date
1911-12-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Dann wird die Liste der Kandidatur-Kommission vorgelesen, die durch das Borwalten des Unterländer (chassidischen) Elements auf mancher Seite, deren Sprecher, Rabbiner Duchinsky, Rakopalota, ist,' Widerspruch erregt. Dieselbe wird schlichlich noch, nachdem sich Präsident Frankl und Oberrabbiner Reich, Budapest, wie auch Dr. Schächter, Budapest, dafür eingesetzt hatten, genehmigt. Die Kommission besteht aus 21 Mitgliedern: 11 Rabbinern und 10 Laien. Rabbiner Koppel Reich, Budapest, der bewährte Vorkämpfer der orthodoxen Sache, richtet vor Schluß der ersten Sitzung folgenden Appell an die Anwesenden: „Mir erwarten von Ihrer Arbeit alles, und erbitten für diese die unausbleibliche göttliche Hilfe. Unsere Arbeit für Hachsokos Kodas und Vertiefung des Miligen jüdischen Gedankens sieht einer guten Zukunft entgegen. Wir geben nach einem alten Spruch: Dank für die Vergangenheit und bitten inbrünstig für die Zukunft. Große edle Mitarbeiter und Mitstreiter sind aus unseren Reihen gezogen. Die besten Kräfte haben uns verlassen. Von den Großen, dessen Geist über die letzte Tagung schwebte, die im abgelaufenen Zyklus uns ihr Herz und ihren Sinn opferten, sind viele gestorben. Es ist aber doch ein beglückendes Bewußtsein für uns, diese Versammlung, die nun das erste Mal auf Grund des angenommenen Statuts tagt, miterleben .Zu dürfen. Die Auslese der Besten unter den Guten sind heute beisammen, und wir Alten erwarten von ihrer tatkräftigen Betätigung Alles. .Mr haben ihnen das Recht zum Zusammenschluß erkämpft; sie müssen sich diesem würdig zeigen. Unsere Autonomie ist noch nicht vollkommen, die müssen wir uns erst erwerben. Erst wenn man uns voll achtet, wird man uttä ganz würdigen und unsere berechtigte Forderung erfüllen. Wir sind, das weiß ich, der Autonomie würdig; wir sind reif, um sie zu erhalten. Wir Alten, die wir seit 40 Jahren auf der Wallstatt kämpfen, haben die Fundamente gelegt. An Ihnen ist es, das Gebäude weiter zu heben. Es ist beinahe fertig; denn auch die Laien kämpfen mit jugendlicher Begeisterung "mit uns Arm an Arm. Kein Werk, das Menschen geschaffen haben, kann vollkommen sein. Aber seien sie überzeugt, daß wir das Beste gewollt haben!" Präsident Frankl läßt die Wahl für die Kandidatur-Kommission, gegen deren „Ernennung", sich eine schüchterne Opposition erhebt, vornehmen. Sie ergibt die erdrückende Majorität für die offizielle Liste. Die erste Sitzung wird darauf geschlossen. Budapest, 6. Dezember, 8 Uhr Nachm. (D r a h t b e r i ch t.) Heute abend 6 Uhr wurde in der orthodoxen Landesversammlung das Wahlresultat verkündet, das die Bestätigung der offiziellen Wahlliste ergab. Korein dankte dem Präsidium, worauf der Präsident mit einer glänzenden Rede die Versammlung schloß. Kirtz lanh* ‘Sfefetslhttg, 1. Dez. Die von 813 Rabbinern unterschriebene, in allen größeren russischen Zeitungen veröffentlichte Protestkundgebung gegen die Blutbeschuldigung, von der wir in letzter Nummer berichtet haben, hat folgenden Wortlaut: v "Wdii Yi „Wiederum ist unser kostbares väterliches Erbe — unser heiliger Glaube — den schlimmsten Sn:« teumdungen ausgesetzt. Wiederum »rhebt die abscheuliche blutige Denunziation ihr Haupt und verbreitet die böswilligen Beschuldigungen gegen dis Juden, daß sie christliches Blut gebrauchen. Diese Denunziation, die in den Anfängen des finsteren Mittelalters aufkam und die dem Geist und den Grundlagen der jüdischen Religion widerspricht, — derjenigen Religion, welche zu allererst den Mord als Todsünde verkündete, welche strengstens untersagt, selbst Blut von Tieren zu Speise, zu verwenden; desjenigen Glaubens an die Einzigkeit Gottes, der zu allererst mit jeurigen Buchstaben das göttliche Wort cingravierte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! — wird heute wiederum als Mittel benutzt, Um bei den Mitbürg:rn Feindseligkeit gegen die Juden zu entfachen. Zwar wagt man nicht gegenwärtig, die Beschuldigung, welche nicht nur einmal von gelehrten Theologen, hohen Geistlichen der christlichen Kirche und von Monarchen von der Höhe des Thrones als Lüge anerkannt wurde, in der alten Form zu wiederholen. Man bemüht sich, der Beschuldigung eine aüdere Gestalt zu geben. Man behauptet, es existiere unter, den Juden eine gewisse Sekte, die christliches Blut gebraucht. Unbildung und Gewissenlosigkeit suchen die Chossidim als eine solche Sekte hinzustellrn. Wir, Rabbiner, die ihr ganzes Leben der allseitigen Erforschung des jüdischen Glaubens, ihren mündlichen und schriftlichen Ueberlieferungen gewidmet haben, protestieren mit tiefem Abscheu und Entrüstung gegen diele niederträchtige Beschuldigung und nehmen aus uns die heilige Pflicht vor dem allmächtigen Gotte, dem Gotte Israels, und vor der ganzen Welt feierlichst zu erklären: „Nirgends, weder in der heiligen Schrift, noch im Talmud und in dessen Kommentaren, weder. im Sohar noch in der Kabbala oder in sonst irgend einem Werke, .tvelches auch noch so entfernte Beziehungen zur jüdischen Glaubenslehre hat, ja selbst nicht in der mündlichen Bolkstradition — nirgends ist auch die geringste. Andeutung zu sinden, die eine ähnliche Beschuldigung veranlassen könnte. Mit derselben Entrüstung und .Mscheu weisen wir die Behauptung zurück, von der Existenz einer jüdischen Sekt: oder Privatpersonen, welche christliches Blut gebrauchten. Das jüdische Gesetz ist in feinem Umfang unveränderlich, unteilbar und nicht verschiedenartig. Di: Judenheit hat keine Sekten: die jüdische Religion liefert nicht und kann nicht kiefern irgend einen An'- halt für blutige Bestialitäten. Weder die Chassidim noch die Mißnagdim stellen eine Sekte dar; Chafsidim und Mißragdim haben ein und dasselbe Gesetz und sind in allen Einzelheiten an dieselben religiösen Vorschriften und Gebräuche gebunden. Sie verehren dieselben heiligen Bücher, welche der ganzen Welt bekannt sind. Unter der Judenheit befindet sich kein Teil, der irgendwelche geheime religiöse Bücher verehrt. Was durch unsere Glaubenslehre verboten ist, ist für alle Juden verboten. Die religiösen Vorschriften sind für die ganze Judenheit bindend. Als Opfer böswilliger Verleumdungen des jüdisch,:« Gesetzes ist viel jüdisches Märtyrerblut vergossen worden. Unsere gegenwärtige feierliche Erklärung vor Gott, dem Gott Israels und der ganzen Welt, möge diejenigen aufklären, die noch ein Gewissen bewahren, in deren Seele der Wahrheitsfunke noch nicht erlöscht ist. Im Vertrauen auf die Hilfe des Allmächtigen und im festen Glauben, daß „die Wahrheit triumphieren, die Ungerechtigkeit vernichtet und das Böse wie Rauch versHvinden wird," bitten wir Gott, den Herrn, den Gott Israels, daß er der ganzen Menschheit Friede, und den einzelnen Völkern der Erde gegenseitige Liebs beschere!" Die Verbandspresse ist ganz wütend über diese Kundgebung uno ergeht sich in den heftigsten Schmähungen gegen die offiziöse „Rosfia", die ihr zuerst Raum gegeben hat. Petersburg, 2. Dez. Der Reichsrat hat heute die Prüfung der Gesetzesvorlage über den Glaubenswechsel abgeschlossen. Der § 3 ist dahin abgeändert worden, daß Ntchtchristen auch vor erreichtem 21. Lebensjahre zum Christentum übertreten dürfen, wobei sie, falls sie über 14 Jahre alt sind, der Erlaubnis der Eltern dazu nicht bedürfen. Die Gesetzesvorlage wurde wegen bedeutenden Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Retchsrat und der Duma einer besonderen Bereinbarungskommifsion von Abgeordneten der beiden Körperschaften übergeben. Gngtanv. London, 1. Dez. Die SonntagsruHebestimmungen in der schops-bill künden nunmehr als gescheitert geltennur einige weniger einschneidende sozialpolitische Maßnahmen zugunsten der Angestellten dürften angenommen werden. Hier hat sich ein „Verband der Schochtün und Schomrim" gebildet, der die Standesintrresftn seiner Angehörigen vertreten und eine Kaffe zur GehaUsaufbefferung für schlecht bezahlte und Pensionierung arbeitsunfähiger Mitglieder ins Leben rufen will. Sämtliche Londoner wVMV und hundert aus der Provinz haben sich dem Verbände bereits angeschloffen. Manchester, 1. Dez. Die North-Manchester- Synagoge Hai eine scharfe Resolution gegen das von London beliebte Verfahren zur Neubesetzung des OberrabbinatS angenommen. Dte'Gemetnde erklärt darin, daß kein Chief-Rabbi als geistiges Oberhaupt der britischen Judenheit Anerkennung finden werde, der nicht ordnungsgemäß von allen orthodoxen Gemeinden des Landes bezw. deren Vertretern in regelrechter Abstimmung g e w ä h l 1 werbe. JJranHretdj. Waris, 30. November. Baron G u stad Rothschild, Senior des französischen Zweiges des Hauses Rothschlld, ist heute im 83. Lebensjahre hier gestorben. Sein Erbe iftrftin einziger Sohn Robert. Baron Gustav war österreichisch-ungarischer Generalkonsul. Mit dem Freiherrn Gustav v. Rothschild ist der zweite der vier Söhne des Freiherrn James Rothschild dahingegangen, der den Pariser Zweig der Famllte begründete. Er war am 17. Februar 1829 geboren und gleich seinem vor einigen Iahten verstorbenen Bruder AlfonS in Paris eine sehr bekannte Persönlichkeit. Hr hat unzählige wohltätige Stiftungen gegründet. Zknris, 25. Nov. Eine Abordnung der Winzerverelnigung von Palästina hat dieser Tage Paris besucht, um dem Baron Edmund von Rothschlld eine Rückzahlung von Fr. 400,006» auf das seitens des Barons den Kolonien Rjschon-le-zion und Sichron-Jankob vor einigen Jahren gewährte große Darlehen (es handelt stch um etwa 2 Millionen) zu leisten. Die Tatsache ist jedenfalls ein erfreuliches Symptom für dqs Gedeihen des Weinbaues im heiligen Lande. Vettästirra. öemeinöe Oroanifafion In der heiligen Stadl Jerusalem, 1. Nov. Der Waad Hair der Aschkenafimgemeinde erläßt einen Auruf an die vermögerwen Gemeindemitglieder, durch freiwillige Selbstbesteuerung zu den Kultuskosten beizutragen. Schließlich hat auch Jerusalem wohlhabende jüdifHe Einwohner, die unter anderen Verhältnissen genötigt wären, für die Erhaltung jüdischer JnMtutionen, wie Rabbinat, Schechitah, Mlkwaöth, Schule, Jeschibah rc. selbst Sorge zu tragen. Man kann wohl annehmen, daß die auswärtigen Glaubensbrüder bei ihren Eröz-JiSroel-Spendrn in erster Reihe an die Armen der heiligen Stadt denken. Jndeffen hat sich doch düs verkehrte Verhältnis herauSgeblldet, daß die Kostest der Jerusalsmer Kultusanstalten von den Zedakahgeldern, die vorzüglichrrwrise für die Armen bestimmt find, bestritten werden. ES unterliegt keinem Zweifel, daß die bemittelten Mitglieder sich dieser Pflicht nicht werden entziehen wollen. Der Mindestbetraa soll 5 Franken pro Jahr lein. Durch die Zahlung der Kultussteuer wird man vollberechtigtes Mitglied der Gemeinde. Jndeffen hat der in seinem Endziele vollkommen berechtigte Auftuf in konservativen Kolelkreffen nicht besondern Beifall ausgelöst. In diesen Sphären befürchtet man, daß die Bemittelten, die zu einem ansehnliches Teile aüch hier die Träger der modernen Richtung find, im Gemeindeleben allzustarken Einfluß gewinnen, könnten. Kenner der Verhältnisse finden die Befürchtung in dieser Form nicht für berechtigt. Die Vertreter der sogenannten modernen Richtung haben auch bisher das jüdische Gememdelrbrn in ihrem Sinne beeinflußt. Wem ist eS denn un-

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