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Der Israelit · 1911-12-07 · Heft 49 (7.12.1911) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 49 (7.12.1911)
Date
1911-12-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Was nützt uns bas reinste Gewissen, das Bewußtsein der völligen Schuldlosigkeit, wenn diejenigen, die bewußt dieWahrhett mißachten, die Blutlüge in die breiten Schichten des Volkes tragen und sie gegen die Juden andauernd aufftacheln? Da bleibt keine große Auswahl in den Abwehrmitteln übrig. Und zuletzt klammert man sich mit dem altbewährten jüdischen Optismus an eine letzte Hoffnung, die Hoffnung auf die überzeugende Gewalt, die dem aus tiefstem verwundetem Herzen dringenden Worte des Protestes und der Aufklärung innewohnt. Der Rabbinerprotest wird zu den anderen Dokumenten der letdreichen jüdischen Geschichte gelegt werden und wird einer späteren reiferen Generation in Rußland von einer finsteren Zeit der Hetze und der Menschenentrechtung Kunde tun. Ob ihm irgend ein Gegenwartswert beigemeffen werden kann, ist eine andere Frage. Der Empfang, der der Kundgebung in der russischen Presse geworden ist, läßt ein klares Urteil darüber noch nicht zu. Die offiziöse „R o s s i a", die sonst das ihrige dazu getan hat, um den ungeheuerlichen Blutverdacht zu nähren, bringt den Protest nur auszugsweise und ohne jeglichen Kommentar. Die „Snamia" und „Semstschina" und wie all die anderen radikalen Pogromblättchen Kischenewer Observanz heißen, drehen und deuteln sogar an den Rabbtnerworten so lange, bis sie darin ein „Eingeständnis für die Existenz einer gelegentlich ktndermordenden jüdischen Sekte" herausfinden .... Soweit die Aufnahme in der sogenannten „höheren Intelligenz" und in den untersten Kreisen des schwarzen Terrorismus. Der geistige Mittelstand, der in Rußland bekanntlich nicht gar zu groß ist, nimmt aber all die Weisheiten dieser Presse auf Treu und Glauben hin. Inwieweit die Protestkundgebung der Rabbiner nun zur Aufklärung dieser Massen beitragen wird, bleibt abzuwarten. Aus jeden Fall darf mit Hinblick auf die Lage der Dinge der Schritt der Rabbiner, zu dem sie sich gewiß nicht leichten Herzens entschlossen haben, nicht mißbilligt werden, und auch der Plan, den Protest in der Form einer Broschüre unter das Volk zu bringen, scheint uns sehr am Platze. Das „monistisefte Jabrftnnderr. Auf dem letzten Hamburger Monistenkongreß sagte der bekannte Profeffor Ostwald zum Schluffe: „Ich schließe den Monistenkonrreß und eröffne damit das monistische Jahrhundert!" Das war gewiß ein stolzes Wort. Ob darum auch ein kluges und innerlich berechtigtes Wort? Darüber gab uns Prof. Dr. Dennert in einer von der Frankfurter Ortsgruppe des Keplerbundes am Montag, den 4. Dezember veranstalteten Versammlung eine treffliche Amwort, deren Gedankengänge wir mit Rücksicht aus das überaus große Interesse, das auch von jüdischer Seite dem vom Keplerbund gegen den Monismus geführten Kampfe gewidmet wird, hier in der Hauptsache wtedergeben wollen: Man spricht wohl auch von einem naturwissenschaftlichen Zeitalter, was ja an sich noch immerhin mehr Berechtigung hat, als von einem monistischen Jahrhundert zu reden. Die Naturwissenschaft hat uns Großes geschenkt,'was hat aber der Monismus gebracht, um jenes stolze Schlußwort Ostwalds zu rechtferttgen? Haeckels „Welträtsel", dieses Gesetzbuch der neuen monistischen Religion, hat manchem ernsten. Gelehrten, wie sie offen bezeugten, die Schamröte ins Gesicht getrieben. Indessen, die Worte Ostwalds könnten vielleicht auch als eine Prophezeiung für die Zukunft aufgefaßt werden. Für eine solche hätte jedoch eine vom Kongresse eröffnetete Perspektive den Hintergrund abgeben müssen. Was hat aber der Monistenkongreß an großen Taten gezeitigt? Man sprach dort von der Einheit aller Lebenserscheinungen und suchte sogar die Ethik chemisch zu begründen. Zu guterletzt proklamierte man die Wissenschaft zum neuen Gotte des Jahrhunderts. Das ist alles. Naturwissenschaft ist nach dem vornehmsten Vertreter des Monismus und dem Hauptwortführer aus dem monistischen Kongresse, Professor Dr. Oftwald, identisch mit Weltanschauung, und zwar mit derjenigen, die alles Uebernatürliche und alles Uebersinnltche leugnet, und hier liegt der offenkundige Fehler der monistischen Methode, welche die gesicherten Resultate der Naturwissenschaft nicht als einen Teil der Bausteine einer Weltanschauung, sondern als Ganzes nimmt und sie nun zu einer Gottheit erhebt. Der Keplerbund muß vor allen Dingen den Begriff „naturwissenschaftliche Weltanschauung" in Abrede stellen. Man darf nicht Weltbild mit Weltanschauung verwechseln oder, was dasselbe ist, Naturwissenschaft mit Philosophie, die wohl ihre Berührungspunkte haben, aber sonst ganz getrennte Gebiete find. Es iss eine Vergewaltigung des Geisteslebens und seiner religiös-ethischen Grundlagen, wenn wir die Weltanschauung in die Fesseln der bloßen Naturbetrachtung schlagen wollen. „Welt" bedeutet die Gesamtheit alles Seienden, einschließlich des Menschen, und die Welt-Anschauung hat mithin zu all dem Fragen dieses Seienden. Stellung zu nehmen. Das Seiende geht aber weit über das aus der Naturbetrachtung gewonnene Weltbild hinaus. Darum kann von einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung nicht die Rede sein. Schon rein formal ist der Weg. den der Monismus einschlägt, sehr bedenklich. Wissenschaft ist doch nichts anderes als eine logtschkrittsche Verarbeitung der Erkenntnisse und Erfahrungen. Innerhalb dieser Grenzen wird auch der Keplerbund, und mit ihm alle modernen Menschen, die Wissenschaft nicht minder hoch schätzen, als es die Monisten tun. Deshalb muß eben auch die Wissenschaft vor altem voraussetzungslos sein, um ohne jede Voreingenommenheit an die Prüfung der sich ihr aufdrängenden Fragen heranzugehen. Der Monismus aber, der die Wissenschaft zu einer Gottheit erheben will, geht weder logisch-kritisch noch voraussetzungslos zu Werke, indem er Millionen von Erfahrungen außeracht läßt und einfach alles ausschaltet, was übernatürlich und übersinnlich ist, das ganze religiöse Leben, ja überhaupt den Geist negiert. Eine solche vbraussetzungSvolleWiffenschaft kann von vornherein nicht viel Vertrauen einflößen. Kritik ist bei dem MontsmuS einfach Negation, während sie recht eigentlich vorurteilsfreie Prüfung sein soll. Ein geradezu verhängnisvoller^Jrrtum aber ist es, die Weit und die Natur, das ist die Summe alles uns durch die Sinne Zugänglichen, als identisch zu erklären. Zieht denn alles Seiende durch die Sinnesorgane in unser Bewußtsein? Wäre dem so, wie könnten* wir uns dann unser Innenleben erklären? Was wissen wir überhaupt von unserem Ich und unserem Jchleben? DaS, was in uns unsres Körpers und unsres Lebens inne wird, kann doch unmöglich der Körper selbst sein, denn wo in der Natur gäbe eS ein Ding, daS auf sich selbst einwtrkt und sich selbst erzeugt. So sehen und kennen wir auch nur die Wirkungen unseres Willens, nicht aber denWillen selbst, dessen Sitz und Quelle uns unbekannt find. Unser Jchleben ist völlig unabhängig von unserem Sinnesleben. Dafür zeugt die künstlerische Inspiration, ^bic bei Dichtern, Malern und Künstlern aller Art schöpferisch wirkt. Goethe, auf den sich die Monisten so oft und so gern berufen, nennt seine Werke „Zürcher ißt und sehe nicht auf seinen Teller. Dem Wunsch des Hausherrn komme man, ohne sich zu zieren, nach. Man zürne und e r zürne nicht während der Mahlzeit. Stücke, von denen man abgebtssen hat, lege man nicht aus den Tisch zurück. Man beginne nicht zu essen, bevor der Hausherr oder der Geehrteste unter der Tischgesellschaft begonnen hat. Man lade nicht mit der Begründung jemanden zu Tisch, weil man selbst einmal bei ihm ein- -ela-err gewesen sei. Man verlange al§ Gast in fremdem Hause bas Esten nicht, sondern warte, bis es vorgesetzt wird. Man breche kein Brot über die allgemeine Schüssel und lege keine zur Erde gefallenen Krumen auf den Tisch. Man lege vor den Nachbar keine Stück? Brot, von denen man abgebtssen hat. Zwei sollen wegen der damit verbundenen Lebensgefahr nicht aus einem und dems elben Becher trinken. Ohne Erlaubnis des Gastgebers gebe der Gast nichts von dem chm Vorgesetzten Teil dessen Kindern. Die vornehm Denkenden in Jerusalem nahmen nur dann Einladungen an, wenn sie wußten, daß die übrigen geladenen Gäste ihnen an vornehmer Denkart und sittlich religiöser Lebensführung ebenbürtig waren." Wir sehen den Schulchan Aruch — so schließt der Verfasser diesen Teil — als Kodex des Wohlanftandes und der Hygiene ebensosehr wie als religiöses Gesetzbuch sich bewähren. Es ist nur ein Beispiel von unzählig vielen, daS uns hier begegnete und das die einheitliche Lebensauffassung des Juden dartut. Unter dem einen Gesichtspunkt der Lebensheiligung pflegt der Jude Körper und Geist, lebt er für sich und die Gefamchett, soll er in schöne Form den schönen Inhalt der Thora kleiden, denn „ihre Wege find Wege der Anmut." Kann man also bei uns Juden ein Werkchen über »Die Vorschriften für die Mahlzeit" schreiben? Nach dem hier gebotenen Ausschnitt kann die Antwort nicht schwer fallen. Ein französischer Philosoph behauptet, die Völker und Raffen könnte man nach der Form, wie sie ihre Mahlzeit einnehmen, beurteilen und charakterisieren. Einverstanden! Wir Juden kämen hierbei sicher gut weg. Darum sollte jeder aber itt jüdischem Geiste sich cm die Tafel setzen, in jüdischem Geiste sie verlassen. Zur Belehrung und Aufklärung ist die hier besprochen? Schrift hervorragend geeignet. Sie führt auf alle Gebankeugebietr, die nur irgendwie mit der Materie Zusammenhängen. Selbstredend konnte der Verfasser darum auch das Tischgebet, das Mesumanbenschen und die Genußsegenssprüche nicht übergehen, ja, sie nehmen fast die Halste deS Buches ein. Ist doch unser Tischgebet — wohlaemerkt! — keine bloße „Dankesabstaitung" für genossene Speisen! Führt es doch in seiner Fassung auf Israels hohe, ewig heilige Ziele und Aufgaben! Zeigt es doch den jüdischen Tisch faktisch als einen A'tar im Hause! Es war darum ein glücklicher'Gedanke, die im „Israelit", Jahrgang 1895 und 96 erschienene Artikelserie Über dos Tischgebet als „Anhang" beizufüaen. Die lesenswerten, lehrreichen Deduktionen - find damit der Gefahr des Bergessenwerdens — das ist nun einmal bei Zeitungsartikeln zu befürchten — wodl entrückt. Ebenso zu begrüßen ist der 2. Anhang über Genußsegenssprüche. Sind doch gerade sie von hohem ethischen und pädagogischem Werte, ganz abgesehen von der religiösen Wichtigkeit. Möchte das schöne Buch zu recht segensreichem Gebrauche einziehen in die jüdischen Häuser, in die jüdischen Familien allerwärts! Die Craaödie eines Proselyten. Wir lesen in hebräischen Zeitungen folgende traftsche Geschichte eines Mannes, der in den letzten m nach einer Sette von allerlei Erfahrungen und Leiden den Weg zum Judentum zurückgefundrn hat. Da wandelt wie eine lebende Ruine ein alter Mann durch die Straßen Warschaus dahin, den man fast einen Heiligen nennen' tonnte. Biel weiß er vvn seiner Kindheit nicht zu erzählen. Auf seine Eltern kann er sich nicht erinnern und würde nicht in stin:m Passe schwarz aus weiß geschrieben stehen, daß er früher Hirsch Waldmann hieß, so würde ihm auch fein eigent* (iefer Name unbekannt geblieben sein. Früher, denn seit vielen Jahrzehnten mußte er aus einen anderen Namen hören. Er ivar ein Waisenkind und hatte keine Annehmer, und so war es ja ganz natürlich, daß er schon im Kindesalter gewaltsam von der Behörde einer Militärerziehung übergeben wurde. Es war das Jahr 1854, die kritische Zeit der sogenannten Kantonisten, und tausende schutzlose jüdische Änaben wurden damals auf diese Weise ihren Angehörigen und dem Judentum für immer entrissen. Hirsch Waldmann wurde der russischen Kirche zpgeführt. Er aber vermochte nicht sich darin heimisch zu fühlen. Der Knabe, der nicht einmal das Beten in hebräischer Sprache erlernt hatte, hütete doch das Judentum im Herzen, wiewohl er äußerlich sich alle Gepflogenheiten der russischen Religion aneignete. Und führte ihm ein glücklicher Zufall einen Juden in den Weg, so ließ er nicht von chm/, bis er ihn in die. Gesetze der Religion und in die Sprache der Gebete einsührte. Bolle 22 Jahre oblag der junge Mann henr Militärdienste. Aeußerlich ein rechtsgläubiger Russe, war er doch im Innern Jude geblieben, und so oft er es machen tonnte, suchte er die Gesellschaft von Inden aus, betete, saftete und feierte mit ihnen. Nach beendetem Militärdienst erhiett er eine Sekretärstelle in der Warschauer Festungsverwaltung, in welcher er ein echtes Mararmenleben führte. Da die

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