Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-11-23 · Heft 47 (23.11.1911) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 47 (23.11.1911)
Date
1911-11-23
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448851--67125-2495320
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

in - Aussicht genommen, deren Erhaltung nicht einem wirklichen Bedürfnis entspricht." Insbesondere bei Stellenerledigungen sollte eine entbehrlich gewordene Konfessionsschule ausfgelöst werden. Was versteht man nun unter dem Begriff „entbehrlich gewordene Konfessionsschule", deren Erhaltung nicht einem wirklichen Bedürfnis entspricht? Nach obigen Ausführungen ist keine von den jetzt noch vorhandenen Konfesstonsfchulen entbehrlich, solange die Schülerzahl eine noch respektable Höhe aufweist, etwa die Zahl 6—8. Die in den letzten Jahren in den Ruhestand getretenen Konfessionsschullehrer hatten noch diese Schülerzahl aufzuweisen, und es wäre keinem Gemetndemitglied eingefallen, zu erklären, daß die schule mit einer solchen Schülerzahl kein Bedürfnis mehr sei, im Gegenteil, die beiden Stellen, die hier in Betracht kommen, Weikersheim und Laudenbach, wären sicherlich von seiten der israelitischen Gemeinden aus mit einem ständigen Lehrer wieder besetzt worden, wenn sich die Schülerzahl auch nur annähernd auf dieser Höhe erhalten hätte. So ist es denn dahin gekommen^ daß Laudenbach einen Verweser erhielt, während die Schule in Weikersheim durch die Unvorsichtigkeit des damaligen Verwesers sich ganz auflöste. Auch die Konfessionsschule in Ernsbach wurde nach der Weiter^ beförderung des dortigen Lehrers aus die israel. Volksschule in Laupheim nur noch mit einem Verweser ausgestattet. Im Verlauf von nur drei Jahren sind auf diese Weise drei Konfesfionsschulstellen ihrer Besetzung verlustig gegangen. Das aber ist ein Schaden für die israelitischen Gemeinden, und ein noch viel größerer Schaden für die israelitischen Lehrer, die nun die Anwartschaft auf drei Stellen verloren haben, die wohl die 1. und 2. Lehrerprüfung bestanden, aber auf eine Anstellung im Lande noch lange warten können. Wenn es in diesem Tempo weiter geht, so wird das letzte Stündlein für die israelitischen Konfessionsschulen und deren Lehrer bald geschlagen haben. Es ist ja richtig, daß durch die starke Abwanderung der Israeliten nach den größeren Städten die israelitischen Gemeinden mit ihren Schulen sehr beeinträchtigt worden find, und selbst in den Familien, die treu geblieben sind, steht die Fruchtbarkeit, der Kinderreichtum in keinem Verhältnis zu den früheren Geschlechtern. Doch gibt eS noch Gemeinden, in welchen auch der Kinderzahl nach eine israelitische Konfessionsschule wohl am Platze wäre. Der Staat, der bisher in loyaler Weise mit Beiträgen, zum Teil reichen Beiträgen und Uebernahme der Pensionen diese Art von Schulen unterstützt hat, sollte auch fernerhin, da wo noch 6 bis 8 Schüler vorendliche, höhere, geistige Freiheit aus dem Umwege eines Durchgangs durch das Christentum zu erlangen, wäre ebenso verkehrt, als jene, vom Apostel Paulus bekämpfte Ansicht der ersten Judenchristen eine t>erkehrte war, welche bekanntlich dahin ging, die zürn Christentum sich bekehrenden Heiden müßten erst die Beschmndnng annehmen und überhaupt nur durch das Judentum zum Christentum übergehen." Das sind Worte, die man von jüdischer Seite nicht in allen Teilen unterschreiben wird, die sich aber darum in christlichem Munde doch recht freundlich allsnehmen. 6,3eremonie« .) In einer der letzten Nummern des „Hamburger Familienblatt" findet sich ein Artikel des Herrn Justizrat Sahnger, Oppeln: „Im Banne der Farben." Daselbst wird in launiger Weife das Fest einer jüdifchM Studentenverbindung geschildert und besonders die strengen Verbindungsvorschriften hsrvorgehvben, die es z. B. nicht gestatten, : daß der „Fuchs" aus der Straße ein K'ofserchen trägt, daß er mit mehr als einer Pers>on in einer Droschke fährt und hundert andere Zere,nonien mehr. Der Verfasser fragt mit Recht, ob alle diese Formeln und Zeremonien wirklich notwendig und ersprießlich sind und komürt zu dem 'Resultat, daß nur die strikte Befolgung solcher Zeremonien die Verbindung selbst aufrecht erhalten und ihr als jüdisch- Verbindung die Achtung der Andersgläubigen sichern könne. Nun wohl! Wie schön wäre es, werpr die Mitglieder solcher jüdischen Studenten-Verbindung die Achtung und Ehrfurcht, sowie den Gehorsam vor diesen studentischen Zeremonien auf die so oft belächelten' und als kleinlich hingestellten fälschlich „Zeremonien" genannten Vorschriften unserer Thora übertraarn wstrhen. Nicht, daß wir erwarteten, die Herren möchhanden find und voraussichtlich diese Höhe beibehalten, seinen Beitrag zur Verfügung stellen und ständige Lehrer berufen. Bet weniger als 6—8 Schülern sollte, solange die betreffende Gemeinde es noch wünscht, die Konfesfionsschule in unständiger Besetzung fortdauern. Der Staat erspart bei der letzteren Art von Schulen immerhin die Pensionen. Nach dem schon genannten Erlaß des Kgl. Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens entfallen nach dem Etat für 1909/10 an staatlichen Ausgaben für kirchliche Zwecke auf den Kopf der evangelischen Bevölkerung 3,15 Mk. der katholischen „ 3,45 „ der israelitischen „ 4,81 „ Dabei wird auf das Nachbarland hingewtesen. In Baden beträgt der staatliche Aufwand für Zwecke der israelitischen Kirche nur 0,86 Mk. auf den Kopf der israelitischen Bevölkerung. Die Zusammenstellung stimmt jedoch, genau betrachtet, weder für Württemberg selbst, noch im Vergleich zu Baden. Die Zahl 4,61 auf den Kopf wird dadurch gewonnen, daß man die Summe des Aufwands des württembergischen Staates für bie israelitische Zentralkirchenkaffe (Etat Kap. 60): 58 060 durch die Zahl der israelititischen Bevölkerung des Landes ca. 12070 dividiert. Nun aber setzt sich die Summe 58060 zusammen aus 1. Pauschalsumme zufolge früherer Verabschiedung.18515 Mk. 2. Zu Gehaltsaufbefferungen für Rabbiner, Vorsänger, Kon-, fessionsschullehrer und Religionslehrer. 31057 „ 3. Aufbefferungszulagen v. 1907 1960 „ 4. Zu Pensionen der Rabbiner und Vorsänger und ihrer Hinterbliebenen. 6528 „ Summe 58060 Mk. Bet Punkt 2: Zu Gehaltsaufbefferungen re. scheidet die Rubrik „Konfesfionsschullehrer" ohne weiteres aus/ denn der Aufwand des Staates hiefür ist kein Aufwand für die Kirche, gehört also in das Kapitel für die Schulen. Da es 16 Konfessionsschullehrer sind, und für jeden Lehrer etwa 600 Mk. Aufbesserung, welche Höhe dieselbe ja im Laufe der Jahre durchschnittlich erreicht hat, gerechnet werden darf, so ergibt sich ein Abzug von 9600 M., so daß der Aufwand des Staates für die Kirche bei Punkt 2 nicht 31057 M., sondern nur 21457 M. beträgt. Bei Punkt 3 und 4 sind die Konfessionsschullehrer richtig weggeblteben. Bon der Gesamtsumme für die Kirche 58060 M. geht also als Aufwand für die Schule die Summe 9600 M. ab, tcn die „Zeremonien" unserer Thora selbst beobachten. Das Wäre wohl in unserem aufgeklärten Zeitalter zu viel verlangt. Aber zu wünschen wäre, daß diese Herren, die ja sehr oft als Gemeindegewaltige über das religiöse Wohl und Wehe von hunderten von Mitgliedern zn bestimmen haben, denen die Vorschriften der Thora unverbrüchliches Gesetz sind, daß sie deren Ueberzeugung achten und die Erfüllung dessen, was den ehemaligen Studenten als leere Zeremonie erscheint, nicht erschweren und unmöglich zu machen suchen. Denn nur die strikte Befolgung der Zeremonien — selbst wenn es solche wären und nichts sonst — kann bie Erhaltung der uralten Verbindung nD35 sichern. Diese Erkenntnis soll uns der Artinl des Herrn Justizrat Salinger vcrn:itteln und uns festhalten lehren. I. (Antisemitcn-SpEögel.) Gerade rechizeitig für die Wablbewegung zum Reichstag erscheint in den nächsten Tagen der „Antisemit en- S p tege l" (Verlag tes Vereins zur Abweh des Antisemitismus, Berlin W. 35, Magdeburgerfir. 14, Preis gebunden 4 M.) in vollständig neuer Bearbeitung und in wesentlich erweitertem Umfange. Das nahezu 30 Bogen starke Werk schildert nicht nur die Entwickelung des politischen Antisemitismus in Deutschland, sondern behandelt auch eingehend das Eindringen deS Rassen- und Religionshafses in die akademischen Berufe, beleuchtet die durch den latenten Antisemitismus der staatlichen und Verwaltungsbehörden und den Kastengeist geförderte gesellschaftliche Abschließung der Schichten der Bevölkerung und widmet auch acn verschiedenartigen Ausstrahlungen des wirtschaftlichen Anrisemitismus eine längere kritische Betrachtung. I sodaß als Aufwand für die Kirche nur noch 48960 M. verbleiben. Das ergibt aber für den Kopf 4,05 M./ ein klein wenig mehr nur als für die anderen Konfessionen. Wenn auch die Beiträge für die israelitische Kirche freiwillige find von Seiten des Staates aus, so ist doch nicht zu übersehen, daß bei einer solchen Berechnung nach dem Kopf der Bedölkernngszahl allein niemals das richtige Resultat herauskommt. Es müßte die Steuerleistung der einzelnen Familien berechnet werden, und da würde sich ergeben, daß es verschwindend wenige Familien unter den Israeliten des Landes gibt, die ganz steuerfrei sind, während es bei der evangelischen und katholischen Bevölkerung eine ins Riesenhafte gehende Anzahl von Familien gibt, die von der Steuer ganz befreit find. Und würde nran die Höhe der Besteuerung (Kapital- und Einkommensteuer) der Israeliten zum Vergleich mit den evangelischen und katholischen Famllien heranziehen, so würde eine Durchschnittsberechnung ergeben, daß die Israeliten eine viel größere Summe an Steuern dem Staate entrichten, als die übrigen Staatsbürger, in derselben numerischen Stärke genommen. Bon den großen Schenkungen und Zuwendungen zu Wohlsahrts- und Kulturzwecken, die außerdem noch verschiedene finanziell hochgestellte israelittsche Persönlichkeiten aus freien Stücken dem Staate zuweisen, fei weiter nicht die Rede. Darum dürfte der bisherige Beitrag deS Staates für die israelitische Kirche ein der Billigkeit entprechender gewesen sein. Und auch der Beitrag des Staates für die israelitischen Konfessionsschulen dürfte von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, ein nur gerechtfertigter gewesen sein. Was nun aber vollends den herangezoaenen Vergleich mit Baden betrifft, wo der staatliche Aufwand für Zwecke der israelitischen Kirche nur 0,86 M. auf den Kopf der israelitischen Bevölkerung beträgt, so übersieht man, daß die badischen israelitischen Gemeinden durch eine staatliche Einrichtung, die man in Württemberg nicht kennt, die aber den Israeliten dort sehr zu Gute kommt, überaus viel Geld ersparen. Baden hat Simultanschulen, und an solchen Simuttanschulen sind Dutzende von israelitischen Lehrern angestellt, für die aber die israelitischen Gemeinden noch nicht einmal einen Pfennig Aufwand haben. Bei uns in Württemberg hat die israelitische Gemeinde, wenn sie einen israelitischen Lehrer mit Schule besitzen will, bedeutende Ausgaben. Sie muß das Grundgehalt von 1200 M. aufbringen, sie muß ein allen Regeln der Hygiene entsprechendes Schullokal stellen, für das gar große Summen schon aufgewendet wurden, sie muß schließlich für die Lehrerwohnung aufkommen. All diese Lasten hat der badische Staat aber den Israeliten abgenommen durch die Einrichtung seiner Simultanschulen, sodaß die Israeliten dort gleichwohl einen israelitischen Lehrer am Orte haben, für den sie nicht das Mindeste aufzuwenden haben. Es ist darum ganz natürlich, daß die israel. Gemeinden in Baden einen größeren Aufwand für ihre Kirche haben können und dürfen, daß der Staat ihnen hiezu nur wenig beisteuert, nachdem er auf der anderen Seite für die Schulen so ungemein vieles leistet, die israelitischen Gemeinden von Lasten ganz befreit und Dutzende ihrer Lehrer eine lebenslängliche Anstellung mit Pensionsberechtigung an den Simultanschulen gewährt. Die freiwilligen israelitischen Konfesfionsschulen in Württemberg bedürfen qber zu ihrem Weiterbestehen notgedrungen der staatlichen Beihilfe/ denn die betreffenden israelitischen Gemeinden find nicht mehr leistungsfähig genug, um aus eigenen Mitteln die Schule erhalten zu können. Müssen sie ja ohnedies für die Erhaltung des Schullokals und der Lehrerwohnung schwere Opfer - bringen. (Nur eine einzige isr. Gemeinde von sämtlichen 16 Schulgemeinden erhält zur Unterhaltung der Lehrerwohnung einen Staatsbeitrag, d. i. Edelfingen mit 60 M. jährlich.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.