Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 47 (23.11.1911)
- Date
- 1911-11-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 4 «r. 47 Der Mraeltt. SB. November 1911 fchimpfungen und Drohungen hinein. Und da war es, als die jüdischen Abgeordneten das rechte Wort am rechten Platze fanden: W i r wollen unsere Rechte nur aus reinen Händen erhalten! Wie lange wird es wohl noch dauern, bis unsere Brüder in Rußland ihre Rechte aus reinen Händen erhalten? llekbanärtaginrg ««0 Berliner ßemeindepoliiiK, Von E. V. Ueber die große Heerschau, die^ der Verband der deutschen Juden vor kurzem in Berlin abhielt, habe ich Ihren Lesern bereits in der vorvorigen Nummer berichtet. Heute nur noch eine kurze Epikrise. Daß die Veranstaltung, äußerlich betrachtet, ein Erfolg Mar, darf als feststehend gelten. Es wäre ja auch ein Wunder, wenn es anders wäre, wenn die an der Spitze stehenden Männer, Meister auf dem Gebiet der miss sn 866N6, mit den reichen, ihnen zur Verfügung gestellten materiellen Mitteln nicht im Stande gewesen wären, ihrer Veranstaltung, Zuzug aus allen Teilen des Reichs, klangvolle Namen und Redebegabung für ihre Referate und eine empfängliche Ätrmmung unter den Teilnehmern zu sichern. Es fehlte denn auch nicht an brausendem Beifall während der Reden und deren Schlüsse; alle Abstimmungen ergaben Einstimmigkeit und auch der nrehrfache nachdrückliche Appell an den Geldbeutel verdarb die Stimmung nicht. Aber trotzdem war und blieb es bei dem äußeren Erfolg; warm geworden für die Sache des Verbandes ist meines Erachtens keiner der Anwesenden, der cs nicht etwa schon ohnedies war. Daß es Juden gern hören, wenn ihnen in blendender Sprache voll geistvoller Sentenzen, die durch angenehmes Organ und edlen Gestus überdies unterstützt wird, bewiesen wird, daß ihre Religion sich neben den anderen ruhig setzen lassen dürfe, daß sie mit verständnisvollem Behagen gute Witze, deren Kosten die mssedumoäim zu tragen haben, quittieren und die Idee, auch alles zu bekommen, was andere haben, nicht übel und schmackhaft finden, daß gebildete jüdische Männer und Frauen den Genuß eines vorzüglich gegliederten, mehrstündiger: Kollegs über den Anteil der Juden an der deutschen Kultur voll zu würdigen wissen — diese Erkenntnis kann nicht überraschen und sie ist das Ereignis der Berbandstagung! Trotz aller spontanen Beifallskundgebungen — die Zuhörer wurden nicht warm; es fehlte der fortreißende Elan, cs fehlte die große Idee, die gefangen nimmt, es fehlte der innere Zusammenhang zwischen Bühne und Parkett und erst recht mit den Rängen; oder, wie mir treffend ein Teilnehmer die Situation umschrieb: „es war zu wenig Jugend dabei." Die ganze Veranstaltung hätte genau ebenso von dem „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" ausgehen dürfen; und dann wäre sie stilgerechter gewesen, als jetzt, wo sie in demselben Rahmen sich als die Vertretung.der gesamten deutschen Judenheit zu geben, aber mit wenig Glück, versuchte.-- — Die hiesige jüdische Gemeinde hat sich die Ehre, Gastgeberin der Verbandstagung zu feilt, ein schönes Stück Geld kosten lassen; nicht weniger als 9000 Mk. waren für diesen Zweck bewilligt. Außerdem veranstaltete sie aus diesem Anlaß am vorhergehenden Sabbath einen Festgottesdienst. Derselbe bestand, wie mir Kundige berichten, außer einer Bezugnahme in der Predigt, darin, daß die Mußaf-Kcduschah deutsch gesungen wurde. Das geschieht nämlich nur an Festtagen; an gewöhnlichen Sabbathen wird sie hebräisch gesagt! -i- * * Dje Marokko-Krise scheint jetzt ja beendet und die Gefahr eines Krieges zwischen Deutschland und Frankreich beseitigt zu sein. Ein kleines Seitenstück zu dieser Staatsaktion bot die Verstimmung zwischen der hiesigen jüdischen Gemeinde und der Gemeinde zu Köln a. Rh., die sich aus der gründlich mißglückten Wähl des Herrn 'Hr. Rosenthal zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde entwickelt hatte. Man nahnr dort am Rhein die Aeußerung des Vorsitzenden des hiesigen Vorstandes, daß die Berliner Gemeinde froh sein könne, daß es s o gekommen, ziemlich krumm, sintemalen Man daraus hecaushören wollte, daß — höflich ausgedrückt — Berlin Besseres brauche als Köln. Und Leute, die das Gras wachsen hören, prophezeiten daraus zwar nicht einen männermordenden Streit zwischen hier und dort; aber doch, daß die Kölner Gemeinde fortan in Opposition gegen die Berliner treten, was sich sehr bald bei der Statuten-Aenderungssache des D. I. G. B., wo bisher Köln an einem Strang mit Berlin zog, zeigen werde. Inzwischen haben die Kommissionsberatungen gelehrt, daß diese Hoffnung trügerisch war; die Großgemeinden halten ungetrennt zusammen, um den kleinen und mittleren ihren Willen aufzuzwingen. So unerfreulich das auf der einen Seite, so befreiend wirkt auf jedes unverdorbene Gemüt andererseits die Tatsache, daß in den Armen liegen sich beide. Vielleicht zieht der hiesige Vorstand aus der Affäre aber doch die Lehre, daß die Politik der Nadelstiche gegen die Adaß Jsroel, von der sein Verhalten nur zu oft diktiert ist, und die auch in diese Sache nur allzusehr hineingespielt hat, kn seinem eigenen Interesse besser unterbliebe. Ein ehemaliger Hildesheimer-Schüler, zur Mittelpartei bekehrt, als Rabbiner der Berliner Gemeinde, unter der doch alle Richtungen, nur nicht die Israel Hildesheimers Platz finden — wer möchte den Schachzug nicht gut ersonnen nennen, um die Adaß Jsroel zwar nicht sofort matt zu setzen — soweit reichen die Hoffnungen der Friseure wohl nicht —; aber doch, ihr Wässer abzugva-ben und vor allem, ihr durch Nadelstiche die Sicherheit des Handelns zu rauben. Wir Waß-Jsroel- Männer empfinden nach dem' Mißlingen des feinen Schachzuges keine Siegerfreude, aus dem einfachen Grunde, weil wir keine Niederlage fürchteten, aber daß dieser so ziemlich für alle dabei Beteiligten blamable Ausgang den Wunsch nach einer Aenderung der bisherigen Verwaltungsmaximen des hiesigen Verstandes in diesem Punkte nahelegt, das begrüßen wir mit Freude. Man wird die Richtigkeit meiner Behauptung bestreiten. Und es wird Leute geben, die sogar behaupten, die BekannUmrchung mt Gemeindeblatt, daß die jüdische Gemeinde in Charlottenburg nur zwei Religionsschulen unterhält, sich nicht gegen die neue Relrgionsschäle der Adaß Jsroel in der Bleibtreustraße wende. Zu glauben braucht man ihnen aber glücklicherweise nicht! * Jft ♦ Druckfehler soll man iM Allgemeinen nicht berichtigen, weist die Sache gewöhnlich nur noch durch neue Druckfehler verschlimmert wird. Diese Regel gilt mir sonst als heilig. Aber ein Druckfehler in meinem letzten „Brief" (Nr. 39 S. 7), wo der Satz „und reinen Frauen, Mädchen und Knaben könnte auch daher nicht die geringste Gefahr drohen" durch das Wort „einst" in sein Gegenteil verkehrt wird und statt einer Anerkennung eine Beleidigung ausspricht, darf nicht unerwähnt bleiben und zwingt mich, um Berichtigung zu bitten. Die irraelitirchr» Konf<$$ion$- schulen (€lemenfar$cbnlen) in Württemberg. Von Rabbiner Dr. Schweizer in Weikersheim. (Fortsetzung.)' Nach dem bekannten Erlaß des Königlichen Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens Nr. 6975 vom 13. Dezember 1910, der im Frühjahr dieses Jahres sämtlichen israelitischen Gemeinden des Landes zugegangen ist, ist „die Aufhebung derjenigen Konfessionsschulen iüedß büßen laßen, indem sie sein Anliegen dem blinden Zufall des Schicksals (religionsphilos ophisch gesprochen, dem .Chaos der Mittelursachen) überließ. Kleines Feuilleton, var jüdische Kapital. Einige Daten aus dem dieser Tage erscheinenden, bekanntlich konfisziert gewesenen und jetzt freigegcbenen „Jahrbuche des Vermögens und Einkommens der Millionäre in Preußen" von Rudolf Martin werden auch dem antisemitischen Dogma von der wettbeherrschenden Macht des jüdischen Kapitals einen heftigen Stoß versetzen. Das Martinsche Werk gibt für mehr als 8300 preußische Millionäre die Namen und Adressen an. Der erste Teil zählt auf 920 Seiten die Reihenfolge und Adressen der Millionäre auf, während der zw rite Teil auf 586 Seiten biographisches Material über alle diejenigen Personen bringt, die in Preußen ein Einkommen von über fünf Millionen Mark versteuern. Die Methode, die Martin feinen Untersuchungen zugrunde legt, ist folgende. Er fängt mit der höchstbefteuerten^ Person im Königreich Preußen an, die, wie die Statistik der preußischen Einkommensteuer- Veranlagung, die im Berlage des königlich Statistischen Lgndesamt^ erscheint, ergibt, Frau Krupp von Bohlen Mid Halbach ist. An zweiter Stelle mit einem Vermögen von 177 Millionen Mark und einem Einkommen von 12 Miß. Mack nennt Martin den Fürsten Guido 'Spendet von Donnersmarck. Martin gibt eine Tabelle über die Entwicklung des Henckelschen Vermögens seit Beginn der Vermögensstatistik im Vergleich zu den beiden anderen größten Vermögen, die in Preußen versteuert wurden, denen der F r a n k f u r t e r Rothschilds und der Krupps. Aus dieser Tabelle ist genau zu ersehen, wann das Rothschildsche und bas Kruppsche Vermögen durch den Tod der Inhaber und die darauffolgende Erbteilung zersplittert, während das Henckelsche Vermögen während der ganzen Zeit in einer Hand bleibt. Da der letzte Frankfurter Rothschild 1901 starb, fällt der Erbe des Rothschildschen Vermögens, das nöch im Jahre 1899 mit 266 Millionen Mark durch Willy v. Rothschild deklariert wurde, von der., ersten Stelle zurück, denn Freiherr Max v. Golds chm i d t - R o t Hs chi l d versteuert nur 107 Millionen Mark mit einem Einkommen von 3 bis 4 Millionen Mark. An dritter Stelle ist jetzt Christian Kr a st, Für st zu Hohenlohe-Oehringen, Herzog von Ujest, getreten. An fünfter Stelle — die vierte nimmt, wie wir bereits gesehen haben, Max V. Goldschmidt-Rothfchild ein — steht Hans Heinrich .XV. F ü r st P l e ß, der 84 Millionen Mark mit 1,9 Mitt. Mark Einkommen sein Eigen nennt. Die sechisrcichste Person Preußens ist Martin zufolge Hans Ulrich Graf von Schassgotsch. Ein zweites Mitglied der Familie Rothschild, Freifrau Mathilde von Rothschild, die beinahe 80 jährige älteste Tochter des Wiener Rothschild, steht an siebenter Stelle mit einem Vermögen von 76 Millionen Mark nnd einem Einkommen von 2 bis 3 Millionen Mark. . Auf gleicher Stufe steht Kommerzienrat - Eduard Bert von Speyer, der Mitinhaber des W:ltbankhauses Lazard Speyer-Ellisen. —l—?=3 <J. B. Wivmann nnd die Juden.) Der dieser Tage in Bern verstorbene gefeierte Schweizerdichter I. B. Widmann nahm, wiewohl der Berner „Bund", dessen Feuilletonredakteur er war, nichts weniger als judensreundlich ist, oft Gelegenheit, sein" Meinung über den Antisemitismus, auch rn der Kunstform des Epos, die er so meisterhaft beherrschte, klar zum Ausdruck zu bringen. In dem Beitrag, den er 1899 anläßlich eines orientalischen Festes des Lesezirkels Hottingen für einen modernen „Westöstlichen Divan" eingesandt, finden "wir folgende Verse: „Als Ostens Früchte Goethe lehrte kosten, War ehrlich noch die Welt, nicht hypokritisch. Da gab's nicht schnüffelnde Zollwächterposten, Den queren Schlagbaum nicht: antisemitisch. Nur umso besser dürfen wir uns freuen, Wenn heute, da dies Wort die Rassen scheidet. Festfrohe Menschen Goethes Tun erneuern. Ein braver Ernst geht spielerisch verkleidet. . . Suleikas Reize singt, laßt Bülbül flöten, / Und eilt mit Schiras' Rosen Euch zu kränzen. Und unter Scherzen dankt im Herzen Goethen Für menschlich freies Fühlen ohne Grenzen!" In den „Briefen berühmter christlicher Zeitgenossen über die Judenfrage", die I. Singer 188ö herausgab, schrieb er: „Die Religionen sind Jahrtausende hindurch für -die Menschheit treue Lehrmeisterrnnen gewesen. Wie aber endlich jedes Lehr- und Lernverhättnis durch.Emanzipation des Zöglings endet, so auch dieses. Den Juden , zu^umuten, jene