Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-11-16 · Heft 46 (16.11.1911) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 46 (16.11.1911)
Date
1911-11-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448850--67078-2495272
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«lilleton. Lage der Rot. Erzählung aus dem Prager Ghetto. Bon O8kar Stein« lZoryetzung.) „Ich seh' sie gehen, wahrhaftig!" rief Meier Neumark, der den Turm des Rathauses bestiegen hatte und aus der kleinen, schwarzen Dachluke nach der Brücke spähte« Unten sammelten sich die Leute aus den Gaffen und horchten auf jedes Wort, mit dem jener den Weg der zwei Männer verfolgte, bis sie unter dem Kleinsett'ner Brückenturm verschwanden. Dann schlichen die Stunden wie das lauernde Unglück. Längst war das Beth-Din versammelt und harrte oer Botschaft, die Rebb Jakob zurückbrtngen sollte. Am Ghettotor stand dichtgedrängt das Volk, manchmal von einem finsteren Schrecken aufgerüttelt, daß ein betendes Murmeln aus den Reihen hervordrang, dann unruhig, wie geschloffene Blüten am Felde, wenn ein fernes Rollen den Ansturm des Wetters verkündet. Die Gaffe wurde dunkler, vor jedem Hause brannten wartende Augen, in jeder Stube saß die Sorge. Es wurde Zeit, das Nachmittagsgebet zu sprechen. Die ganze Judenstadt beugte das Haupt und erflehte Rettung von Hott, jedes Herz wurde wett im Glauben und in der Hoffnung. Und Josef Thein und Schmer! Katzew, die zitternde Gütl, die mit ihren Kindern betete, waren nur Tropfen in einem großen Meere, das die gleiche Sonne beschien und der gleiche Sturm durchwühlte. Sie beteten und bangten, sie hofften und glaubten und warteten, wie die anderen! Böhmens Gubernator war damals Graf Albrecht Waldstein, den in kurzen Jahren ein qewalttges Schicksal über Ruhm, Reichtum und Riesenmacht einem armseligen Tode zuführen sollte. Noch stand er am Anfang seines Weges. Glühender Ehrgeiz führte ihn und unerbittliche Strenge hob ihn hoch empor. Er blieb unberührt von den Wünschen, Sorgen und Leiden der Welt, nur sein Wille gebot und nur die Träume seiner Zukunstsgröße beherrschten sein Tun. Mit kalten Augen sah er die Leidenschaft, die Europas Leichenfelder mit Blutströmen düngte, und schaute teilnahmslos der Welle zu, die manches Schiffletn in den Abgrund stieß und manches auf seinem Rücken weitertrug, am Strand zerschellte oder ins unendliche Meer vertrieb. Nicht als Diener des Kaisers, als Herr seines Willens stellte er sich an die Spitze seines Heeres, dem er Schild und Namen mit den Farben des Kaisers vergoldete, er wurde Gubernator Böhmens, well dieses Amt am Wege zu seinem hoch-- geschraubten, unermeßlichen Ziele lag. Zweckbewußt schuf er an seinem Leben. Mit dem stolzesten Adel umgab er seine Person und lieh seinem Hause königlichen Prunk. Kirche und Wissenschaft stellte er zu den Stufen seines Thrones und bildete aus den vornehmsten Geistern des Landes seinen Rat, wohlwiffend, daß er dadurch aus einem allmächtigen Beamten zum weisen Herrscher wurde. Sein Haus stand mit allen Türen offen, nur sein Herz blieb ewig im Dunkel. Seine Lippen sprachen, doch feine Augen glühten in geheimnisvollem Lichte und verschwiegen den Wunsch. Er stand aufrecht vor der Welt und hatte doch seine frohesten Stunden, wenn die Welt mit all ihrem Leben in seinen Fäusten sich duckte. Er verachtete den Glauben und höhnte jeden Priester, doch hing er mit lechzenden Augen an der Unendlichkeit des Himmels und war ein Narr der Sterne, ein Knecht seines Sterndeuters, ein Götzendiener des Aberglaubens. In solchen Händen lag das Schicksal der Juden. Der Waldstein liebte nicht das wesensfremde Bölklein, aus dem ihm keine Landsknechte wuchsen, das sich vor ihm bückte, ohne niederzuknten, und das die Türen schloß, wenn sein Auge in Stuben und Herzen zu dringen versuchte. Es gab Augenblicke, selten und spärlich freilich in der stürmenden Wucht seines Lebens, in denen er mit stillem Staunen zu den kleinen Juden hinüberblickte, die mit und ohne Waldstetn, durch oder gegen die Macht des Gubernators lebten und starben. Es war öfters geschehen, daß er Jakob Theomim, den Hausjuden, der mit seinen Hofleuten, mit seiner Dienerschaft, mit all den Menschen, deren Hell von dem Winke seiner Hand, von der Laune seines Mundes abhing, Geschäfte machte, auf der Stiege seines Palastes antraf. Scheu drückte sich dann der Jude an die Mauer, rückte am Käpplein und murmelte einen Spruch. „Was ist, Jud'?" schrie er ihn eines Tages an. „Friede mit Euch, gnädiger Graf!" sprach der Jude. Da brauste es in ihm: „Laß den Frieden draußen aus meinem Haus. Hier wohnt kein altes Weib und keine zitternde Judenbrut! Es bringt keiner Unfrieden, wenn ich Frieden will, und keiner Frieden, wenn mir der Sinn nach Krieg und Lärm steht. Was soll mir dein Sprüchlein?" Des Juden blasse Lippen verkrochen sich unter dem grauen Barte, der wie ein flatterndes Fähnlein bebte. „So sprich und gib Antwort! Grüßt Du mit dem Frieden auf den Lippen, wie ich. mit der Hand und denkst Dein böses Teil im Herzen? Sprich ein frei Wort und zieh' Deines Weges!" „Herr Graf," antwottete der Jude und ließ seine Augen reden, „es sind der Menschen viele, starke und schwache, alte und junge. Aber alle haben denselben Wunsch, da drinnen in's Reine zu kommen.... Wenn ich meinen Gruß sage, klingt's einem übel, dem anderen wohl, doch selber hat jeder den Grnß im Herzen und spricht sich ihn vor, so oft er denkt. Ist einer ein Landsknecht nur, so wünscht ihm mein Gruß seinen Schoppen Wein, reiche Beute und was er sonst mag. Ist einer wie Ihr, da trägt er wohl andere Sehnsucht Im Herzen / und doch mag es, glaub' ich, auch bei Euch etwas geben, das das Ziel Hindert, über das man schwerer hinwegkommt und mit dem man gerne einen ruhigen Frieden hätte.... Was soll ich Euch mehr sagen?" Damals hatte der Graf gehöhnt: „Jüdlein, Jüdlein, dein Kops ist schlau, aber er sitzt nicht fester als irgend ein anderer im Lande! Wünsch' dir selbst den Frieden, hast es nöttg!" und war davon gegangen. Später aber, so oft der Jude mit dem gleichen Gruße fich vor ihm bückte, fühlte er eine Ueberlegenheit, eine stille Kraft in dem Wesen dieses Menschen und ertappte sich bet dem Gedanken: „Er tut's, Wells in ihm ist. Er ist nicht anders wie ich, der kleine, feige Jud . . .", und fand sich eine Gelegenheit, so tauschte er eine Rede mit ihm und ließ sich von dem Judenleben erzählen. In ernster Laune fragte er einst: „Sag, Jakob, schaust du nach den Sternen? Es geht die Rede, daß ihr Juden mit den Schicksal geheime Botschaft habt und Wunderdinge kennt, die die Zukunft hell und deutlick machen eueren Augen. Man sagt, daß ihr keine Furcht vor dem Tode und kein Grautzn vordem Ende euerer Kinder habt trotz Haß und Pöbels Scheiterhaufen und vieler Not. Woher komm! dies? Steht das Heil in eueren Büchern, ist der Himmel euch offen und reden die Sterne, die in Vergangenheit und Zukunft schauen, euere Sprache?" Jakob Theomim erschrack über die Frage/ er kannte des Gubernators Glauben, der in den Sternen Glück urid Zukunft suchte, und hatte Scheu, zu antworten, wie's ihm um sein Herz stand. Doch faßte er sich. „Es steht wohl manches auch in den Sternen und Büchern .... es wird so sein, wie Ihr sagt. Ja, und was in den Sternen steht, ist freilich nicht anders als das Gotteswort, daß Gott sie geschaffen für Tag und Nacht und für alle Zukunft sie den Menschen gegeben, damit wir darin Gott lesen und erkennen. Und nicht mehr ist unsere Weisheit und Wiffenschast als Glaube an Gott, als das Vertrauen an die Wahrheit seiner Schöpfung, die er nach seinem Willen lenkt und zum Helle führt. Solche Wunderdinge, gnädiger Herr, wissen wir und lehren sie unseren Kindern und mehr steht nicht in unseren Büchern...!" Der Graf sah ihn an: „Du bist bescheiden, Jud! Dir sorgt das Herz um die Welt und den Laus der Erde. Ader ich denk' an mich, mein Schicksal brennt mir in der Seele und läßt mich horchen auf den Namen Waldstein, wohin dein Gott ihn zum Leben ruft. Irgendwo und irgendwann ist mein Blatt geschrieben und gesiegelt worden, und es gibt ein Auge, dem meine Zukunft Vergangenheit ist! Laß mtch's wtffen, laß mich das Morgen kennen, gib Antwort mir auf tausend Fragen! Oder ist es nur Trug, daß ich lebe? Lebt nur die Welt, daß nur ihr Schicksal dich erregt und deinen Glauben ausfüllt? Fragt keiner von euch nach seinem eigenen Leben, nach der Vollendung seiner Wünsche, nach Ziel und Anfang?" Da lächelte Jakob und wies auf sein graues Haar, aus die Falten seiner Wangen und die Rinnsale seiner Tränen: „Das war das Leben, um das auch ich gebangt und gezittert habe, das täglich auf meinen Schultern gelegen ist, wie ein schwer Stück Eisen. Und ich habe gerufen nach Hilfe und habe zu Gott gesteht nach Rettung ... Bis ein neues Leben angefangen hat da drinnen, nicht wie Morgen und Abend, nicht wie Anfang und Ende, wie Mittag, wie ltebwarmer heiterer Mittag! Das war in meinem Vater gewesen und ist in meinen Brüdern, in allen das gleiche! Und es hat angefangen, zu fingen ohne Tränen und ohne Seufzer, ohne Schrei und ohne Qual, mit heiterer Ruhe/ es hat geklungen wie der Atem meiner Mutter, wie die Stimme meines Weibes, wie die Worte meiner Kinder, wie das Gebet in Schul'...! Seht Ihr, so ist es stärker geworden als alle Sorge und hat mir jede Last leicht gemacht bis zum heutigen Tag. Ich frag' nicht, was wird... well ich weiß, daß eines bleibt, das mir lieb und teuer ist vor allem'" Eine Wette blieb es still, bis sich der Gubernator besann. „Du bist alt, Jakob, und vielleicht hast du's erreicht, was in dir war. Geh, geh, vergiß, was ich sagte! Waldstein ist kein Jude!" (Forschung folgt.) ,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.