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Der Israelit · 1911-11-16 · Heft 46 (16.11.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 46 (16.11.1911)
Date
1911-11-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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setk:; mau 8 Wo. 4$ Wonnen werden wird, muß mindestens den Provinzgemeinden ein größerer Spielraum und deren Rabbinen eine größere Selbständigkeit gewährt werden. Diesen Eindruck konnte man auch dieser Tage in einer Versammlung in Manchester gewinnen, wo Rabbiner I. R. Joffey unter großem Beifall die legitimen Ansprüche der gelehrten Rabbiner der Provinzgemeinden vertrat. Andererseits würden diese, sofern der jetzige Chief Rabbi ein echter Talmid-Chochom sein wird, ganz zweifellos zu einem loyalen Zusammenarbeiten und auch zu einer nicht allzu weitgehenden Unterordnung unter dessen Autorität ohne Weiteres zu haben sein. $ $ * Die Kommission für die neue große Verst ch erun g s g e se tz g e b u n g, die sich auf Krankheits-, Alters-, Mutterschafts- und Arbettslosigkeits-Verstcherung erstreckt, hat nach vielen schwierigen Verhandlungen sich diese Woche schließlich zu einer Konzession an die zahlreichen russisch-jüdischen Arbeiter herbeigelassen, indem festgesetzt wurde, daß solche Ausländer, die beim Inkrafttreten der Bill seit fünf Jahren in England wohnen und Mitglieder einer anerkannten Hülfskasse sind, Anspruch auf die staatlichen Renten erheben können. In Verbindung mit dieser numerisch allerdings nur einen kleinen Teil der Ausländer treffenden Bestimmung dürften die Bestrebungen zur Herbeiführung leichterer Naturalisation einen neuen Anstoß erhalten. Türkei. Vom Kriegsfchauplaf?. KoustartLirtopel, 8. November. Ein im italienischen Heere in Tripolis tätiger Arzt gibt in hiesigen und österreichischen Zeitungen eine anschauliche Schilderung der Leiden der Juden in der kriegsumtobten Stadt. Bei der ersten Beschießung der Stadt fiel eine Granate im Judenviertel und Platzte in der Nähe der Synagoge, just zur Zeit als dieselbe von Betenden angefüllt war. Die Anwesenden blieben unversehrt, aber eine fünfköpfige Familie, die hinter einem Hause Deckung suchte, wurde von der stürzenden Mauer begraben. Auch die späteren Beschießungen richteten grauenhafte Verheerungen im Judenviertel an. Es ist kaum ein Haus zu finden, das nicht mehr oder weniger die Spuren der Zerstörungsarbeit trägt. Wem es irgend möglich war, ist kurz vor Ausbruch des Krieges nach Malta oder nach Tunis geflüchtet. Die Armut der Juden in Tripolis ist jedoch selbst in ruhigen Zeiten so groß, daß mehr als 50 Prozent auf die Unterstützung seitens ihrer reicheren Brüder angewiesen sind. Mit Anfang des Krieges und der damit Hand in Hand gehenden Teuerung der Lebensmittel gestaltete sich die Lage so kritisch, daß die meisten nicht einmal die geringen Mittel aufbringen konnten, sich und ihre Familien rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Viele aber, die in der Fremde vollständig mittellos dem Hunger ausgesetzt wären, kehrten resigniett in die Gefahren der Heimat zurück, in der Hoffnung, daß diese bald abziehen, und geordnete Verhältnisse ihnen bald die Fristung ihres bisherigen armseligen Lebens ermöglichen würden. Wie sehr sich diese naiven Gemüter leider in ihrer Rechnung geirrt haben, ist aus den Zeitungsberichten vom Kriegsschauplatz genugsam bekannt. „Die Not, der ich in der Hara zu Tripolis begegnete", so erzählt der Arzt, spottet jeder Beschreibung. Laut jammernde Menschen führten mich von Haus zu Haus, und überall fand ich Arbeit in Hülle und Fülle. In mehreren Häusern flackerte eine Talgkerze und beschien einen schwarzen Klumpen auf dem Boden, um den herum die Familienangehörigen laut schluchzend kauerten. Hier hatte der Arzt nichts mehr zu suchen. ... In einer Hütte wurde ich an das Krankenlager eines jungen wunderschönen Mädchen im Alter von 18 Jahren geführt. Ich konstatierte eine ganz unbedeutende Wunde am Rücken, die »«3«xfttitt, ' 1«. NovetÄer litt von einem Granatsplitter herrühren mochte, die aber bereits einen starken Blutverlust verursacht hatte. Ich legte einen Verband an und ging mit den besten Hoffnungen weiter. Als ich aber nach zwei Stunden wieder kam, lag das Mädchen in den letzten Zügen. Todesursache: Blutverlust und noch mehr die Angst vor den Grauen des Todes. Eine Mutter zeigte mir jammernd ihr einziges zweijähriges Kind, das sich in Krämpfen wand. Wortlos deutete sie nach dem Kopfe des Kindes. Hier wäre eine Rettung gleichsam ein ungeheures Unglück für die ganze Familie, denn das Gehirn des verletzten Kindes war nicht mehr zu heilen, und ich legte den verzweifelten Eltern ans Herz, dankbar ihr Geschick zu tragen, als das unschuldige Wesen nach einigen Stunden ausgerungen hatte. Ungeheuer störend und erschwerend für die Arbeit des Arztes ist die ganz unsägliche Angst und Aufregung der Angehörigen der Verletzten. Der Familiensinn wurzelt bei den Juden in Tripolis so tief, daß alle Familienglieder buchstäblich alle Schmerzen und Leiden des Verletzten mitfühlen. In ihrem zudringlichen Uebereifer bilden sie ein großes Hindernis für die Tätigkeit des Arztes, und ich mußte in jedem Falle das Haus erst leeren und alle Anwesenden antfernen, um an meine Arbeit heranzugehen. An Bildern des Jammers sind wir Aerzte auf dem Kriegsschauplätze wohl gewöhnt, aber der Jammer, den wir unter diesen armen Menschen im ruhigen Judenvieriel fanden, griff auch uns wetterharte an täglichem Leide gestählte Männer tief ans Herz. * * Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird das bisherige relativ loyale Verhalten der Türkei gegen die italienischen Bürger bald sein Ende erreichen. Der Boykott gegen die italienischen Firmen tn Salonik ist bereits proklamiert und durchgeführt und hart betroffen werden von demselben ausschließlich jüdische Familien aus den spaniolischen Kreisen. Es kann kein Zweifel darüber 'herrschen, daß bei dem ersten täglich zu erwartenden italienischen Angriff im Aegäischen Meere der in Bereitschaft gehaltene Ausweisungsbefehl an allen Italienern im Ottomanischen Reiche konsequent zur Ausführung gelangt. Hier und in Salonik herrscht darob in den jüdischen Kreisen große Panik. % * Das in Kairo erscheinende arabische Journal „El Gertdan" veröffentlicht einen Aufruf an die ägyptischen Juden, dem türkischen Reiche moralisch und materiell zur Hllfe zu kommen. Der Aufruf, der überall tiefen Eindruck machte, enthält die folgenden bemerkenswerten Stellen: „Juden, vergesset nicht, was Spanien uns in vergangener Zeit und was die europäischen Länder, insbesondere Rußland uns tn allerjüngster Zeit getan hat und noch heute tut! Wir haben in der Türkei ein Asyl gefunden, möge es Gott schützen! Helfen wir der Türkei, denn sie war es, die uns mit offenen Armen empfing! . . . Denket an die Leiden in Spanien, denket an die organisierten Judenschlächtereien in Rußland und an die Gräber eurer Brüder, Opfer russischen Barbarismus. Denket an all das Unglück, das uns gettoffen und das selbst unsere Feinde gerührt hat und denket schließlich daran, daß der einzige Ort, der uns als Schutz gewährt wurde, die Türkei war!" Zum Schluffe fordert der Aufruf die ottomanischen Juden auf, Gut und Blut für das Vaterland zu opfern. NcrUstincr. Me Infiallafion des neuen elrsckism ösiün non Jerufalem. (Von unferm Korrespondenten.) getufatem, 6. Nov. Der Ftrman über die Ernennung des neuen Chacham Baschi, wurde heute amtlich publiziert. In demselben heißt es, daß nachdem der frühere Inhaber dieser Stelle seine Demission gegeben und weil der Großrabbiner Ha im Na hum den Chacham Franco für dieses Amt vorgeschlagen, dasselbe dem Letzteren übertragen werde. Im Firman sind auch die Rechte und Pflichten des neuen Großrabbiners fixiert. Rabbiner Franco kam im Frühjahr aus Rhodos nach Jerusalem, um hier zurückgezogen zu leben. Hier nahm er Wohnung in der Nähe der A l l i a n c e s ch u l e, deren Sabbathgottesdienst er regelmäßig besuchte. Als die Kandidatur Rabbi Jakob Meirs gegenstandslos geworden, ist es A n t e b i gelungen, die Spitzen der gegnerischen Parteien für diesen Mann zu gewinnen. Chacham Franco war viele Jahre Chacham Baschi von Rhodos, ist von stattlicher Erscheinung, beherrscht die türkische Sprache und soll auch sonst ein Mann von guten Eigenschaften sein. Ueüer sein talmudisches Wissen ist nichts^äheres bekannt, denn er wirkte früher in einerdthoraarmen Gemeinde. Der neue Großrabbiner ist ein ehrwürdiger Greis von etwa €0 Jahren und hat die Bedingung gestellt, daß, wenn er auch die Würde eines Rischon-lezion bekleiden werde, er in seinen Amtshandlungen sich nur den Beschlüssen der Chachamim und des Latenvorstandes fügen wolle. Es verlautet indessen, daß gegen diese Anstellung ein telegraphischer Protest an die Hohe Pforte abgegangen ist. In diesem Proteste wird ganz besonders auf das hohe Alter des Neuernannten hingewiesen. Jerusalem, 3. November. Nun scheint es aber doch ernst zu werden. Die heilige Stadt bekommt mit einem Male eine Straßenbahn, elektrische Beleuchtung und Wasserleitung. Eine französische Firma erhielt von der Regteruyg die Konzession für die Errichtung einer Sttaßenbahn und elektrische Beleuchtung und die städttsche Behörde hat derselben Firma die Arbeiten für Wasserleitungs-Anlagen übergeben. Der Magistrat beschäftigt sich zu gleicher Zeit mit den Vorarbeiten einer neuen Stadtkanalisierung. Jaffa, 4. November. Der neugewählte Chacham Baschi Benzion Usiel ist heute hier angelangt und wurde von den städtischen Behörden und den Vorstehern der jüdischen Gemeinde am Bahnhofe festlich empfangen. Im Hotel wurden Begrüßungsansprachen gewechselt. Der Chacham Baschi machte seinen ersten Besuch bei Oberrabbiner Kuk, dem er nochmals die Versicherung gegeben, daß er garnicht daran denke, sich als religiöser Führer der Gemeinde zu betrachten. Kaiffa, 28. Oktober. Die cholera asiaticaj ist G. s. d. im Abnehmen begriffen. Es haben sich in den ersten 3 Wochen 60 Fälle ereignet. Bon diesen waren 32 mit tötltchem Ausgange., Von der jüdischen MBevölkerung sind 12 erkrankt und 8 gestorben. Inzwischen haben viele Familien den hiesigen Ort verlassen und sind nach Liberias, Sassed und Nazareth geflüchtet. Die bemittelten Araber haben sich mit ihren Familien auf den Karmel gerettet und für drei Monate Nahrungsmittel vorbereitet. Die hiesigen Sefardim haben nach einer alten Ueberlieferung unter heißen Gebeten und Rezitterung von Psalmen dreimal die Stadt umkreist, was Lei den Arabern guten Eindruck hervorgerufen hat. Ein! Fall von Scheintod hat hier große Aufregung! verursacht. Ein Muselmann erkrankte an der! asiatischen Cholera und die Umgebung konstatierte I bald den eingetretenen Tod. Wie üblich beeilte! nran sich, die Beerdigung des Toden vorzunehmen. I Als man ihn aber in das Grab senken wollte,! erwachte der Unglückliche und rettete sich von! feiner unheimlichen Umgebung, die beim Anblicke! eines auferstandenen Toten selbst von Todes-! schreck erfaßt wurde. I vermircdter. Berlin 14. Nov. Gestern abend hielt Sombart im überfüllten Saale der Singakademie den ersten der von ihm angetündigten neuen Vorträge über „Die Zukunft der Inden". In der Sombart eigenen,

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