Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1911)
- Date
- 1911-11-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Szabolcsi schreibt einen Dithyrambos auf denHundsdorfer Gaon und macht Propaganda für dessen einzigartige Jechtwa. Auf seiner Reise durchs ungarische Hochgebirge, hat er diesen tieswurzelnden Zedernstamm entdeckt. Er neigt sein Haupt und beugt sein Knie in Andacht vor der Heiligkeit und Einzigartigkeit dieses großen Mannes in Israel. Er rühmt die Lehranstalt, die von hunderten jüdischen Jünglingen tftrt WVN vwy aufgesucht wird und macht in den neologen Kreisen Stimmung für die alte, unverfälschte Tradition und was mehr ist, für das System, das in seiner Behauptung die tätliche Negation seiner Prinzipien involviert. Aber nicht lange sollte der feste Knoten der Entwirrung harren. Bald sollten wir dessen inne werden, daß diese Excursion ins „Orthodoxistische" nicht gar so ernst zu nehmen ist. In der letzten Zeit mehrten sich die Symptome, die von der wahren Geistesverfassung der Kongreßmänner und ihrer Konventikel zeugten. Daß die Unwissenheit himmelhoch steigtdaß die Armut zu Boden drücktdaß die Mischehen verheerend grassieren und die Taufe ihre besten Kräfte absorbiert, das alles wird nur so nebenbei gestreiftweh tut ihnen einzig das „Unjüdische" der Orthodoxie, die auf ihrem Standpunkt verharrt, kein Jota aufgeben und sich ihnen um keinen Preis nähern will. Und da das Rundschreiben des Szobadkaer Retters Dr. Klein auch ohne jedwede Reaktion von Seiten der organisierten Gesetzestreuen geblieben ist, was kann es da für eine andere Konsequenz geben, als daß die hohe Regierung ihr geschliffenes Brennusschwert in die Wagschale werfedaß dieses nun entscheide und bestimme, daß es nur ein Judentum gebe, daß es demnach nur einer Autonomie bedarfdaß alle Institutionen das gemeinsame Erbe der ganzen Judenheit bilden? Und ist es unter solchen Umständen nicht ganz natürlich, daß man seine Prinzipien elastiziert, sie nach dem Gesetze der Selection, den Umständen anpaßtmit anderen Worten: daß die Szalbocsisten, den größten ungarischen Gaon in den Himmel heben - dafür dann die Orthodoxen nach dem Grundsätze äo ut äes die Pester Rabbtnerfabrik,— deren rauchende Schloten ohnedies schon das jüdische Firmament verdüsterten, als noli me tangere behandeln. Szabolcsi rühmt den B a ch,u r - dafür l^be Du den Bacher. Da ihnen dann noch ein elastisches Anbiederungstalent den Weg ins Parlament ftei machte, von wo aus sie, ohne von berufener Seite widerlegt zu werden, eine ganze Flut von Jnvektiven und haltlosen Anklagen gegen die Orthodoxie in die Welt setzen, ist es ihnen ein Leichtes die Stimmung der Parteien gegen uns zu schüren und auch solche Männer, die entscheidend auf unser Geschick einwirken können, für Aeußerungen zu ihren Gunsten zu gewinnen. Hört nun ein liberaler Minister aus jüdischem Munde dauernde Anklagen gegen Juden, die zu wenig patriotisch, zu stark konservativ und darum ftaatsgefährlich sind, ist er mit seinem Urteil fertig. Daß die Quelle eine trübe und oft eine schmutzige ist, das muß ihm erst gründlich von jener Sette erklärt werden, die er, auf Wunsch, ganz umbtegen, oder umbrechen soll. So ging es unserem Justizminister, Szekeby, der, wie ich berichtete, an den Kaffaer orth. Raw, Jungreis das Ersuchen gestellt haben soll, sich mit der Neologie zu vereinigen. Der Minister ließ den Präsidenten, Frankl zu sich bitten und äußerte sein Staunen darüber, daß seine harmlosen Bemerkungen in Kassa, die Orthodoxie so verstimmten. Der Präsident ließ _ . Der Mraektt. ihn entschieden wissen, „daß es nur natürlich sei, daß es in unseren Kreisen keine freudige Stimmung Hervorrufe, wenn ein aktiver Minister für die Unifikation, die ein vooseoe ist, Stimmung mache." Der Minister setzte dann auseinander, daß da ein Mißverständnis obwalte. Er habe an keine Unifikation gedacht. Er habe nur die Friedensidee befürwortet. Wie zwischen Mohamedanern und Katholiken könne.auch zwischendenJudenFrtede herrschen, ohne daß dieszueinerBereinigung führen müsse. Er gab schließlich die Versicherung, daß es ihm fernliege, für den von der Orthodxie perhorreszierten Unifikationsplan Stimmung zu machen. Präsident Frankl setzte dem Minister auseinander: „daß die Gegensätze zwischen Orthodoxie und Neologie unüberbrückbar seiendaß der Friede nur dann zustande kommen könne, wenn die vollständige Separation gesetzlich erledigt sein werde." Er wies darauf hin, daß im neologen Lager jene Kreise, welche einsichtig und nicht von Machtgier geleitet sind, denselben Separationsstandpunkt einnehmen. Der Minister wiederholte die Versicherung, daß die Regierung den Separationsstandpunkt der Orthodoxie vollständig respektiere und er äußerte den Wunsch, daß dies der Oeffentlichkeit bekanntgegeben werde. „Es habe ihn, sagte Minister Szckclh, angenehm überrascht, daß auch die Juden der nordöstlichen Gegend von Patriotismus beseelt, kulturell entwickelt und auch in sprachlicher Beziehung, gute Ungarn sind" . . . (Allg. jüd. Ztg.) Die Freude, die diese Ministerwvrte in orthodoxen Kreisen auslöst, wird nicht im mindesten getrübt,durch die kapriziösen Bocksprünge, die sich Szabolcsi leistet über die verdoppelte Summe, die der Kultusminister, Graf Johann Zichy im 1912 Budget einstellt, zur Deckung der Kosten der Vorbereitungsaktion, die die Autonomie der jüdischen Konfession endgültig regeln soll. Diese Regelung kann, wenn Ministerworte mehr als Schall und Rauch sind, unmöglich gegen uns gerichtet sein. Wie wenig die Lobhudeleien Szabolcsi dem Hundsdorfer Gaon geschadet haben, soviel haben sie seinen diplomatischen Plänen genützt. Vom Grafen Zichy wieder haben wir die beste Meinung und können von ihm sagen, daß er ein Minister für und nicht gegen den Kultus ist. RrMarrv. Vom iMuslmvrSmSrcken- Kiew, 10. November. Die Ritualmordaffäre hat in ihren neuesten Entwicklungsphasen die Verbändler nicht sehr befriedigt. Wiederum mehren sich die Verdachtsmomente gegen den Stiefvater des Opfers. Verschiedene Zeugen meldeten sich in letzter Zeit, die die wiederholten Mißhandlungen des Knaben seitens seines als Trunkenbold berüchtigten Stiefvaters mit angesehen haben. Unterdessen schmachtet der jüdische Ziegelarbeiter Beilis immer noch im Untersuchungsgefängnis, auf Grund der Feststellung, daß der Ermordete, der sich oft in der Gegend -er Ziegelei herumtrieb, Lehm an seinen Kleidern aufwies. Es ist jedoch zu hoffen, daß mit der erneuten Verhaftung des Vaters, die nicht mehr lange auf sich warten lassen kann, auch die Freilassung des unschuldigen Juden erfolgen wird. All dieses verhinderte den Echtrussischen Verband nicht, den Knaben Juszinski, um den sich zu dessen Lebzeiten kein Mensch gekümmert, den mau der Verwahrlosung und den schlimmsten Mißhandlungen schutzlos preisgegeben hat, jetzt zu einem Heiligen zu proklamieren, dessen Namen „die ewige Blutschuld der Juden" bezeugen soll. Der rühmlichst bekannte Führer des Verbandes, Dr. D u b r o w i n, hatte die Stirn, dem heiligen Synod zuzumuten, eine Samm- ‘ fto. 46 Sette 7 ' lung zur Errichtung einer russischen Kirche an der Mordstätte zu genehmigen. Dieses Gesuch ist natürlich abgelehnt worden, jedoch mit der Begründung, daß es als verfrüht erscheine, solange die Untersuchung noch nicht abgeschlossen sei, in dieser Weise den Ermordeten als Opfer des Rttualmordes für ewige Zeiten zu ehren. Hdessa, 9. November. Gestern schiffte sich hier eine Gruppe junger Leute nach Palästina ein. Es handelt sich um eine Anzahl Thorajünger, die vom Rabbi Schneersohn ausLubawitschnach Hebron geschickt werden, wo eine Jeschiboh gebildet ist. Bekanntlich wurde in Hebron zu diesem Zwecke ein Haus käuflich erworben, in welchem nun das Thorastadium intensiv und nach der Methode, wie sie in der Lehranstalt des Rabbi in Lubawitsch selbst geübt wird, gepflegt werden soll. Mehrere hundert Anhänger des Rabbi fanden sich im Hafen ein, um diesen Thorapionieren einen Scheidegruß zu bringen. Auch viele Gesetzestreue aus den nichtchassidischen Kreisen schlossen sich ihnen mit allerhand Aufmerksamkeiten für die Jünglinge an. Denn überall werden die besten Hoffnungen auf diese neue Thorastätte in Palästina gesetzt. GnstarU». bonüoner Brief- London, 9. November. In der Dienstag stattgefundenen Sitzung des Verwaltungsrats der „United Synagogues" erstattete Herr Albert H. Iessel ein ausführliches Referat zur Frage der Wiede rHesetzung des englischen Oberrabbinats. Nach längeren historischen Darlegungen, welche die Vorgänge bei der Wahl des" jetzt verstorbenen Chief-Rabbi, sowie bei derjenigen festres Vaters und Amtsvorgängers detailliert schilderten, schlug der Referent eine Resolution vor, die nachher gegen eine ganz geringe Minderheit angenommen wurde. Es wird darin das Execchttv- Komitee ersucht, mit Vertretern anderer Körperschaften des Königreichs, soweit sie finanzielle Beiträge zum Gehalte des Oberrabbinats leisten, in Verhandlung zu treten, um sowohl die Pflichten des künftigen Chiefrabbis, als auch seine Bezüge, endlich auch die Einzäheiten des WahlmoduS festzusetzen. Das Ergebnis dieser Beratung soll dem Berwaltungsrat so rasch als möglich vorgelegt werden. Bekämpft wurde die Resolution von den orthodoxen Elementen, die im Einklang mit den Wünschen des East-End dafür eintreten, daß z u e r st eine prinzipielle Klärung über die Reorganisatton des Chiefrabbinats erfolgen solle, bevor man an die Wiederbesetzung des Postens herantrete. Von dieser Seite wird geltend gemacht, daß es keinen Sinn habe, sich mit Personal-Fragen zu beschäftigen, solange man über den Pflichten- und Wirkungskreis der zu wählenden Persönlichkeit noch völlig unsicher sei. Wie zu erwarten, hat sich jedoch die Mehrheit der in den United Synagogues vertretenen Zkreise, die noch zum Ueberfluß die Autorität Lord Rotschild's in die Wagschale warfen, der Jeffel'schen Resolutton angeschlossen und damit die Frage, ob ein Oberrabbinat für ganz England bestehen bleiben soll, im Prinzipe bejaht. Natürlich ist die Meinungsverschiedenheit damit nicht aus der Welt geschafft, da ja Beschlüsse der United Synagogues weder für die Federation, noch für die in Betracht kommenden Provinzgemeinden irgendwie bindenden Charakter haben. Es wird nunmehr alles auf die Persönlichkeiten ankommen, die man für das Amt ins Auge faßt. Sollte man wider Erwarten auf Personen verfallen, die einem englischen „Minister" ähnlicher sehen als einem altjüdischen Räw, so kann man sicher sein, daß die Opposition mit größerer Vehemenz auftreten und die Institution des Oberrabbinats zertrümmern wird. Dazu wollen es die maßgebenden immerhin konservativ gestimmten Kreise nicht kommen lassen. Aber auch dann, wenn eine vom rabbtnischen Standpunkte aus hervorragend taugliche Persönlichst ge-