Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1911)
- Date
- 1911-11-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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t »er JSraeltt. 16. Nobember 1911 Kette 4 Nc. 46_ Dr. Edgardo Morpurgo über dieReorganisatton der Bildunasvereine (kro-Ouitura), die mit einer ganzen Reihe von praktischen Vorschlägen zur Neubelebung der in den einzelnen Gemeinden existierenden Organisationen an den Kongreß herantrat. Es folgte ein wissenschaftlich ausgezeichnetes Referat des Dr. Umberto Cassuto über die Notwendigkeit einer Geschichte -der Juden in Italien. Der junge Gelehrte, der sich schon durch verschiedene Arbeiten einen Namen gemacht, zeigte an Hand von Tatsachen und Zahlen, wie - traurig es bisher in Italien um das Studium der Geschichte der Juden bestellt sei und wies Mittel und Wege, wie auch auf diesem Gebiete eine Besserung zu erzielen fei. Am Nachmittag des zweiten Tages kam Herr Dr. Elia S. Artone zu Wort mit einem Referate über: „Die hebräische Sprache". Dieser Bortrag bot zu ganz besonders wichtigen Betrachtungen den Anlaß, indem er das schwierigste Problem — die Schulfrage — aufrollte und sie in ihrer ganzen Tragweite erkannte und würdigte. Dadurch, daß es in Italien keinen obligatorischen Religionsunterricht gibt, wächst der , weitaus größte Teil aller jüdischen Kinder ohne jüdischen Unterricht heran. Andererseits befinden sich die Schulen für die Minderbemittelten in einem Zustand, der es den beffersitmerten Kreisen allerdings nicht gestattet, ihre Kinder dorthin zu schicken. So schreit denn in dieser Frage alles nach Besserung. „Solange wir ohne Schulen sind, in denen unsere Kinder hebräisch lesen lernen, sind wir von einer Wiederbelebung der hebräischen- Sprache und der hiermit verknüpften Möglichkeit in die Schätze der hebräischen Literatur einzudringen, noch ein weites Stück entfernt." — Die Diskussion, die sich diesem ebenso erschöpfenden wie ausgezeichneten Referate anschloß, gestaltete sich anregend und fruchtbar nnd zeitigte neben einer gründlichen Aussprache über die Frage der Religionsschulen auch konkrete Vorschläge und Beschlüsse zur Schaffung einer itaelienischen „Geschichte der jüdischen Literatur". Am Abend des gleichen Tages durfte Schreiber dieser Zeilen seinen Antrag zur Schaffung einer Stellenvermittlungs - Zentrale (Schaumre Schabbat) näher begründen. Ausgehend von dem vor etwa I V» Jahren von Rabb. Dr. Margulies in der „Settimana" veröffentlichten Appell (der s. Zt. auch im „Israelit" in wörtlicher Uebertragung publiziert worden), zeigte ich auf Grund unserer deutschen Organisationen, in welcher Weise diese Zentrale zu arbeiten hätte. Alle Abstimmungen hatte man sich für den letzten Tag Vorbehalten. Die Eindrücke, die die einzelnen Borträge hinterlassen, hatten sich inzwischen zu konkreten Anträgen verdichtet. Im Anschluß an die Referate Morpurgo und Caffuto wurde eine Gesellschaft für die Geschichte der Juden in Italien ins Leben gerufen und im Anschluß hieran ein Komitee gebildet, das die Schaffung einer jüdischen Bibliothek sowie die Herausgabe jüdisch-wissenschaftlicher Arbeiten zur Aufgabe hat. In allen Städten sind Bildungsvereine zu gründen, die sich im weitesten Sinne jüdisch zu betätigen haben. Der Verein für Florenz konstituierte sich sogleich, indem 30 anwesende junge Leute sich zur Mitgliedschaft bereit erklärten. Eine dreigliedrige Kommission wurde mit der Ausarbeitung einer gründlichen Denkschrift über die jüdischen Schulen betraut und beauftragt, die Resultate dem nächsten Kongreß zu unterbreiten. Eine fünfgliedrige Kommission wird sich mit der Gründung eines jüdischen Gymnasiums in Florenz zu befassen haben. Bevor schließlich mein eigener Antrag zur Debatte gestellt wurde, erbat Herr Dr. Margulies noch einmal das Wort. In einer zu Herzen gehenden, feurigen und zündenden Ansprache entrollte er vor den Teilnehmern das Sabbatproblem in seiner ganzen Tragweite für den Fortbestand des Judentums: . . . Nie habe ich so heiß als in diesem Augenblick gewünscht, einen Funken von jenem prophetischen Feuer zu besitzen, welches die Herzen entflammt und entzündet. . . . Der Sabbat ist das Kardinalprinzip im Judentum, mit dem es steht und fällt. Tauschet dieses Kleinod nicht ein gegen ein anderes scheinbar ähnliches. . . . Ich flehe Euch an: Trennet Euch nicht von dieser Stelle, ohne feierlich erklärt zu haben, daß ihr mit allen euch zu Gebote stehenden Mitteln bereit seid, den Sabbat unserem Volke zurückzuerobern. Ich weiß, daß es schwer ist, aber auch, daß es nicht unmöglich ist. Gelingt es uns, einige wenige Jünglinge vor der Entweihung des rQttf zu bewahren, so werden wir ein großes und heiliges Werk vollbracht - haben. Ich hoffe und vertraue darauf, daß Ihr meine Bitte, die ich im Namen des Judentums an Euch richte, nicht unbeachtet lasset, jenes Judentums, für das Ihr in diesen Tagen eine Wärme gezeigt, die sie zu den glücklichsten meines Lebens zählen lassen. Wisset, daß die Augen der Juden aller Länder heute auf Euch gerichtet sind, o Jünglinge. Arbeitet so, daß ein Geschichtschreiber, der nach hundert Jahren über diesen Kongreß berichten wird, sagen kann: Mit biesem Tage begann eine neue Zeit) er brachte eine wahre Wieder gebürt des italienischen Judentums." Die Ansprache verfehlte nicht, einen nachhaltigen Eindruck zu machen. Nachdem in der darauffolgenden Diskussion insbesondere seitens des Herrn Prof. Dr. Chajes die Ausführungen von Rabb. Dr. Margulies ergänzt worden waren und man auch der wichtigen Rolle gedacht hatte, die der Gattin und Mutter in.dieser Frage zufällt, wurde mein Antrag einstimmig angenommen und in Florenz ein Sekretariat gegründet. Die finanziellen Mittel wurden — wenigstens für bte ersten Jahre — an Ort und Stelle zur Verfügung gestellt. Nachdem Turin zum nächsten Versammlungsort bestimmt worden war und sich die Kongreßteilnehmer zu einem Verbände zusammengeschlossen hatten, wurde der Kongreß mit einem von Dr. Margulies auf die Jugend ausgebrachten Hoch geschloffen. Nachzutragen wäre noch, daß sich der Kongreß einer überaus großen Anzahl telegraphischer und brieflicher Glückwünsche erfreuen durste und weiter, daß die Gemeinde Florenz die Teilnehmer zu einem glänzend verlaufenen Empfang gebeten hatte. Auch des in weiten deutschen Kreisen geschätzten und geachteten Advokaten Ftnzi, des besten und treuesten Juden Italiens, möchte ich in diesen Blättern gedenken. Er, der Einundachtzigjährige, war unter uns Jungen der Jüngste. Von Anfang bis zu Ende wohnte er den Verhandlungen bei, die sich öfters seines Rates erfreuen durften. Man sah es dem alten Manne an, daß er, der noch einer Epoche angehörte, in der es auch in Italien ums Judentum besser gestellt war, sich glücklich fühlte, dieses „Aufsichselbstbesinnen" der jüdischen Jugend miterleben zu dürfen. Noch einige wenige Bemerkungen. Wird dieser Kongreß wirklich einen Umschwung in Italien bewirken? Wird er Kraft genug erzeugt haben, um praktische Folgen und Erfolge zu zeitigen? Sicher werden wir das weder heute noch morgen erkennen/ die Zeit muß es lehren. Natürlich ist es nicht möglich, daß all' die schönen Ansätze Wurzel schlagen, und diese Wurzeln sich in kurzer Zeit zu blühendem Leben entwickeln. Dazu ist der Gegensatz zu dem „was gestern war" zu schroff und zu unvermittelt. Aber umsonst hat dieser Kongreß keinesfalls getagt. Er hat in erster Linie das Gewissen der italienischen Juden geweckt — was nicht hoch genug anzuschlagen ist —, er hat sie aufgeschreckt aus ihrer Lethargie und sie gelehrt, daß das Judentum nicht davon leben kann, daß Minister, Offiziere und Bürgeruleister jüdischer Herkunft dogmatisch« und sonst tendenziös gefärbte Britten, so ist eine naturtreue Schilderung von vornherein ausgeschlossen. Was das Judentum und seine Bekenner durch Darstettungen dieser Art schon gelitten haben hat längst die Sehnsucht nach einer objektiven Würdigung des Judentums von nichtjüdischer Seite geweckt, ohne daß sie bis jetzt ihre volle Befriedigung gefunden hätte. Es werden deshalb alle Freunde der Wahrheit innerhalb und außerhalb des jüdischen Kreises es mit aufrichtiger Freude begrüßen, daß das fast unlösbar scheinende Problem dennoch eine .Lösung gesunden hat, die in ihrer idealen Vollendung alle Erwartungen überflügelt und zwar durch ein soeben erschienenes Werk: „Das Judentum" von Dr. I. Weigl in Münchens) Der Verfasser ist gläubiger Katholik, der uns hier die Frucht eines zehnjährrMr Studiums der hebräischen Literatur und aller einschlägigen Schriften bietet, der eben aus jeder Seite bekundet, daß er durch lebendigen Verkehr das jüdische Leben in allen feinen Aeußerungen in Familie, Gemeinde, Staat, im Gotteshause, bei ernsten und freudigen Anlässen, aufs gründlichste kennt und meisterhaft zu schildern versteht. Das Werk soll lediglich der Wahrheit nnd dein konfessionellen Frieden dienen. Es will, wie es im Vorwort Wißt, den Fernstehenden in die. religiössittlichen Gedankengänge der jüdischen Religion einftthrcn, Vorurteile beseitigen, irrige Anschauungen durch die Darbietung Objektiver Belege in durchaus friedlicher Weise richtigstellen und damit die Erkenntnis der Wahrheit über Judentum und Inden fördern helfen. 0 Berlin 1911. I. Guttentag, Verlagsbuchhandlung. * ■ ,! . : Er erreicht diesen Zweck, indem er zunächst die jüdische Geschichte von ihren Uranfängen bis in die neueste Zeit davstellt, die Religion des Judentums und ihre Quellen beschreibt und dann noch in besonders eingehender Behandlung den jüdischen Kalender, die religiösen- Feste, das Ritualgesetz und das Verhältnis des Judentums zum Staat folgen läßt. Geradezu erstaunlich ist die Belesenheit des Verfassers im Talmud, in den Decisoren und in allen einschlägigen Schriften, die von der grauen Vergangenheit bis ln die frischeste Gegenwart reichen. Sie umfaßt und verwendet die Schriften eines Hirsch und eines Geiger mit einer nüchternen Unbefangenheit, die einem jüdischen Darsteller, der ja immer Partei ist, unmöglich wäre und erreicht dadurch eine wirklich objektive Darstellung des Judentums. Dazu kvnrmt eine herrliche, die schwierigsten Themata durchsichtig gestaltende Diktion, die geradezu klassisch ist. Um den Geist zu charakterisieren, der das ganze Buch durchweht, mögen hier die Schlußworte der Einleitung folgen: „Ich habe die Juden beobachtet lange Jahre, ohne Vorurteil nnd Vorliebe, in kühler, "objektiver Reserve — der Mensch den Menschen. Ich habe sie kennen gelernt, in manchem Land, unter verschiedenen Verhältnissen, in den mannigfachen Lebenslagen: im Gewühl von Weltstädten, bei dem aufreibenden Ringen nach Erwerb rastlos vom frühen Morgen bis zur späten Nachtstunde tätig: arme Hausierer und reiche Großkauslente, Fabrikarbeiter nnd Bürobeamte: in stillen, weltfremden Dörfern, an die kaum der Pulsschlag des starkenn Lebens unserer Zeit dringt, wo sie in sriedlicheni Dasein als tüchtige Handwerker fleißig sich mühen oder die Scholle bearbeiten; aus Auswandererschiffen, die sie fern den zerstörten Wohnstätten mit armseligen Resten einstigen Besitzes über den Ozean trugen, einer neuen Zukunst entgegen. mit der Bangigkeit des Erlebens im Herzen und doch neu erfaßter Hoffnung: also im Glück des ungestörten, trauten Familienlebens und im schweren Leid zertrümmerter Existenzen. Ich saß bei jüdischen Gesetzesgclehrten in stillem Studierzimmer über Talmud, Rambam und Decisoreu und lernte Perlen tiefgründiger Lebensweisheit fassen. Meinen herzlichen Dank den Guten an diesen! Orte. Ich trat mit einem Talmid CH schon! näher dem Geistesleben eines früheren Jahrhunderts, lote es große Gedanken zu Ewigkeitswerten ausmünzte und den kleinen Fragen der Zeitgenossen die religiössittlichen Normen für die Lebenspraxis angab. Ich war Gast in der Sukkoh am Hüttenfeste und freute n,ich der Festesstimmung mit den Gastfreunden. Ich sah die Weihe der Sabbathlichter und den Ernst des Versöhnnngstages und lauschte dem Jubel von Simchat Thorah. Ich war im Kreise der Frohen zur Chanukkafeier, und an Purim, wo man die Armen beschenkt, sah ich das Leuchten spendefroher Augen und ihren schimmernden Widerschein bei den Beschenkten, wcltvcrsöhnender Liebe Reflex. Ich bin auch Entarteten begegnet, die des Judentums und der menschlichen Gesellschaft sich unwert gezeigt hatten und, von der eigenen Gemeinde ausgestoßen, in irgend einem Winkel ein freudloses Lebeu dahinsiechten, und wieder andere, die nach der Entgleisung die Rückkehr fanden und neu auflebten: so lebenswahr beurkundend das hehre Wort: „Ein Baurn des Lebens ist die Thora, für jedermann belebend, denn bei Dir, Ewiger, ist des Lebens Quoll." Es gibt überall, wo Erdenkinder weilen, Licht und Schatten. Mer warum — fragte ich mich oft wollt Ihr bei den Juden nur Schatten sehen? Schaut hin auf die Tausende Tüchtiger und Edler, die gleich uns wirken, ringen, streben: empor zu den Höhen des DaseinsSollen sie weiter leiden unter der Klein-