Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 46 (16.11.1911)
- Date
- 1911-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Der Ksraeil «» 46 Sette 8 zu. benett aber, wie ausdrüMch bemerkt wird, die Gemeindebehörden selbst keinerlei Stellung genommen haben. Diese Wünsche sollen der Gesetzeskommission nur als Material überwiesen werden. Die unbedingt zu erfüllenden Forderungen wiederum zerfallen in solche, die die Stellung drr jüdischen Gemeinde Berlin im Entwurf betreffen und in solche, die den Standpunkt der jüdischen Gemeinde Berlin in der Frage präzisieren, welche Stellung dem Rabbiner innerhalb der Gemeinde von Gesetzes wegen einzuraumen ist. In letzterer Beziehung verlangt unsere Gemeindevertretung: „In den Entwurf sind Bestimmungen aufzunehmen: 1. daß einem Rabbiner in den Synagogengcmeinden Sitz und Stimme in den Kultus- und Schulkommissionen, ebenso in denjenigen Kommissionen, die sich mit rituellen' Dingen (Quellbad, Koscherfleisch. usw.) beschäftigen, nach dem Gesetz gewährt werden muß, und daß es dem Statut der einzelnen Gemeinden Vorbehalten bleiben soll, zu bestimmen, daß mehrere Rabbiner zu den genannten Kommissionen hinzugezogen werden sollen, 2. daß bei Beratung kultueller und ritueller Fragen im Gemeindevorstand — unbeschadet des jedem Rabbiner nach § 18 des Gesetzentwurfs zustehenden Rechts (nämlich gehört zu werden) — die jenen Kommissionen angehörenden Rgbbiner auf Wunsch mit beratender Stimm: zugezogen werden sollen, und daß 3. ein Rabbiner dem Vorstand der Landesgemeinde, sei es als Mitglied, sei es als Angestellter, beigegeben werden soll. — Jedes, auch nur ein aufschiebendes Vetorecht der Rabbiner wird abgelehnt." — Die anderen unbedingt zu erfüllenden Forderungen der Berliner Gemeinde beziehen sich einmal auf die Skala der Wahlberechtigung zur Landesgemeinde, auf die Vertretung der Berliner Gemeinde im Vorstand der Landesgemeinde (durch drei von den 12 Mitgliedern -es Vorstandes) auf die finanziellen Leistungen der Berliner Gemeinde und auf die besondere Stellung Berlins in der Organisation. Schließlich soll d:r Gesetzeskommission des Verbandes der deutschen Juden und des „D.-J. G.-B." der Wunsch ausgesprochen werden, sie möge ihre Arbeiten fortsetzen und den Entwurf fertigstellen, der dann später zu einem geeignet erscheinenden Zeitpunkt der Regierung vorgelegt werden könne. Der Herr Referent empfiehlt namens der Deputation die en dloo-Annahme der Vorlage. Da die Retchstagswahlen vor der Türe stehen, so ist wohl anzunehmen, daß sich die Herren für ihre weiteren Manipulationen noch so lange Zeit lassen, bis sich die innerpolitische Lage geklärt hat, und die Aussichten dieser Organisattonsbestrebungen etwas sicherer beurteilt werden können. Der jüdische Ziigenälronglek in Italien. Bon H. E Nach einem kurzen Begrüßungsartikel in der vorletzten Nummer des „Israelit" sei es mir heute gestattet, ein gedrängtes Bild von den interessanten und lehrreichen Verhandlungen des jüdischen Jugendkongresses zu entwerfen und gleichzeitig der praktischen Resultate, die derselbe gezeitigt, zu gedenken. Am 29. Oktober vormittags um 10 Uhr wurde die erste Sitzung in den Räumen des Florenzer Rabbinerseminars unter Teilnahme von etwa 150 Personen eröffnet. Es hatten sich aus fast sämtlichen Teilen Italiens Vertreter eingefunden. Herr Dr. Prato, der Vorsitzende des vorbereitenden Ausschuffes, begrüßte die Erschienenen aufs herzlichste und gab seiner Freude und Befriedigung darüber Ausdruck, daß dieser Kongreß, deffen Gelingen man noch vor wenigen Wochen in Zweifel gezogen, heute unter so zahlreicher Beteiligung und unter Anteilnahme des ganzen noch jüdisch fühlenden Italiens eröffnet werden könne. Nach ihm ergriff Herr Oberrabbtner Dr. Margulies das Wort. Der ehrwürdige Redner wies der versammelten Jugend die Nicht» linien, in denen sich die dreitägige Arbeit, die ihrer harrte, bewegen sollte. In begeisterenden Worten entwarf er eine gedrängte Skizze der ewigen Aufgaben Israels. „Das finattische Gesetz hat es durch die Jahrtausende hindurch ewig jung erhalten, und nur mit diesem Gesetz und durch es werden wir das Judentum in Italien wieder aufrichten können. In diesem Sinne laßt uns an die Arbeit gehen!" Nach anderen Begrüßungsreden folgte das erste Referat des Herrn Aldo Sorani über eine neue Apologetik. Es kann hier nicht der Ort sein, um auf die einzelnen originellen Ausführungen des Redners einzugehen. Was uns an ihnen erfreute und auch für die Allgemeinheit von Interesse erscheint, das ist der Stolz und das Selbstbewußtsein, mit dem sich Redner zum Judentum und zwar zum „ganzen Judentum" bekannte. Praktisch ungleich wichtiger erschien Ms das folgende Referat des jungen Advokaten Älfonfo Pacifici über das jüdische Religionsgesetz. Von dem mächtigen Eindruck, den dieser Bortrag hinterließ, habe ich schon kurz berichtet. Es soll nicht verschwiegen werden, daß der Weg, den Redner zurückgelegt, um praktisch-religiöser Jude zu werden, uns nicht als der normale bezw. als der richtige erscheint. Auch das „Warum" deckt sich nicht mit den Traditionen. All dies erscheint uns aber von minderer Bedeutung gegenüber der Tatsache, daß er und mit ihm andere sich zu guten und treuen Juden durchgerungen haben und dadurch die Vorbedingungen zu ersprießlicher gemeinsamer Arbeit gegeben find. Eine interessante Diskussion, in der das Für und Wider der „Taame Hamizwoth" zur ausführlichen Erörterung kam, schloß sich diesen Bekenntnissen an. Der zweite Verhandlungstag brachte eine äußerst lebendige Rede des Paduaner Arztes 16 November 1011__ daß die thoratreuen Kreise der Türkei der jetzt begonnenen unheilvollen Entwicklung nicht tatenlos zusehen, sondern aus eigener Kraft und unter Wahrung der überlieferten religiösen Prinzipien dafür Sorge tragen mögen, daß in ihrem Kreise echte traun nwn sich die notwendigen profanen Kenntnisse, insbesondere diejenige der türkischen Sprache, aneignen, damit der Vorwand, der zur Begründung des dualistischen Rabbinersystems dienen muß, sobald wie möglich beseitigt werde. Ob das seinerzeit ausführlich von uns besprochene Projekt eines Jerusalemer Rabbinerseminars im Falle der Verwirklichung hierzu wird beitragen können, kann erst die Zukunft lehren. Vorläufig ist nichts Authentisches darüber bekannt geworden, ob die von uns geäußerten und von anderen Blättern aufgenommenen Bedenken Berücksichtigung gefunden haben. Die 3nmnssorganlfafion unä öle Berliner öemeinäerepräfentan?. Wir haben bereits über die ermutigende Aufforderung der Berliner Repräsentanten an die Kommission für das Organifationsgesetz, unbeirrt von der wiederholten Ablehnung der Entwürfe ihre Arbeiten fortzusetzen, kurz berichtet. Da es für die Entwicklung der Dinge nicht gleichgültig sein kann, welche Stellung die Berliner Gemeindevertretung gegenüber dem Gedanken der Zwangsorganisation einnimmt, so lasten wir hier den Bericht, den Dr. Minden über diesen Gegenstand in der Berliner Reprä-. sentantensitzung vom 29. Oktober gehalten hat, nach dem offiziellen „Gemeindeblatte" im Wortlaute folgen: „Die Gesetzes kommission des „Dentsch«-Jsraolitischen Gemeindebundes und des Verbandes der deutschen Inden" hatte sich wie an andere Großgemeinden, Gemeindeverbände usw., auch an die jüdische Gemeinde Berlin um eine Aeußerung über ihre Stellungnahme zum Entwurf und seinen Bestimmungen gewandt. Eine hierfür eingesetzte Gemischte Deputation, bestehend aus zwei Vorstandsmitgliedern und vier Repräsentanten, der als Grundlage ihrer Beratungen zwei Referate der Herren Dr. Feilchenfeld und Dr. Blaschke dienten, hat mehrere Sitzungen abgehalten und ist zu Beschlüssen gelangt, welche die Billigung des Gemeinde- Vorstandes erfahren haben und nunmehr der Repräsentantenversammlung zur Beschlußfassung vorliegen. Ein sehr instruktives, statistisches Material, das zur Beurteilung der wichtigsten Fragen erforderlich erschien, hatte der Vorstand von einem Berufsstatistiker zusammenstellen lassen und der Deputation überwiesen. Es soll zugleich mit der Aeußerung der Berliner Gemeinde der Gesetzeskommission des Verbandes der deutschen Juden und des „D.-J. G.-B" übergeben werden. Die Aeußerung der Gemeinde zerfällt in zwei Gruppen. Die erste enthält Forderungen, die als unbedingt zu erfüllende bezeichnet werden, die »werte Gruppe enthält eine Zusanrmenstellung von Wünschen, die von einzelnen Mitgliedern der Deputatiorr bei den Beratungen ausgesprochen worden sind, richtigen Maßstab für die Wertung der Seelenbeschaffenheit der zukünftigen Abrahamstochter zu finden. Ein Mädchen kommt des Weges, eine kleine Hirtin mit dem Krug auf der Schulter, wie viele andere, die sich zu dieser Abendzeit am Brunnen einsanden. Aber tn ihrer züchtigen, würdigen Haltung liegt doch etwas, waS ihm, dem Fremden, in dieser Umgebung höchst auffiel; eine Hoheit und Majestät, die an ihrem inneren Adel keinen Zweifel lassen. Aber hier galt es nicht in Verwunderung zu dem schon äußerlich so imponierenden Weibe empor zu blicken, sondern festen Sinnes die Prüfung bis zu Ende durchzuführen. Und da mußte der alle Weltmann Wcltsremdhett, fast roheS, rückfichtSloses Benehmen heucheln. Nicht nur, daß er keine Miene macht, dem zarten Weibe, wie es schon bei den Alten allgemein Brauch war und wie es auch später Jakob und Moses taten, die schwere Arbeit abzunehmen, sondern er nimmt sogar ihre Dienste in Anspruch, für sich und seine Kamele. WaS wäre da natürlicher als eine schroffe Abweisung an den unhöflichen Barbaren, bei dem die Frau in so wenig hoher Achtung steht? Aber nein, das Mädchen spricht sanft und bescheiden: „Trinke, mein Herr!" Und sie „eilt", um ihren Krug herabzulaffen. Das waren Heimatklqnge für den alten Knecht, Stimmen aus dem Hause, wo unverdroffm und unbedingt die Gastfreundschaft als etwas Selbstverständliches geübt wurde, aus dem Hause, „dessen Türen nach Men Setten offen standen"- dem Hause, aus dem Gebete auch für die Sünder tn Sedom zum Himmel emporsttegen, dem Hause, das im Schatten des JTDtP allen, Würdigen und Unwürdigen, Schutz und Hilfe bot. Allein Elteser geht unbeirrt weiter. Cr nimmt, reubig überrascht, ihr Anerbieten, die Kameele selbst zu ränkm, an. Mit eigenen Händen muß sie diese Arbeit besorgen, weil — so erklären unsere Weisen — den Tieren der Mund geschlossen war, damit fie auf dem Wege keinen Schaden auf stemden Feldern anrlchten. (?ö DpTHnb Ein gewiß nicht alltägliches..Bild peinlicher Ehrlichkeit und Redlichkeit auf aramäischem Gebiete. Das Mädchen aber zeigt keine Verwunderung für diese Erscheinung, ja, es fällt ihr diese Maßnahme nicht im geringsten auf. Unverdrossen nimmt fie die Maulkörbe den Tieren ab und tränkt sie eigenhändig. Die Achtung vor fremdem Gute saß dem Mädchen im Blute, es war also kein fremdes Blut. — Hier stand ein Kind vor ihm, deffen Erziehung sich in einer Sphäre vollzog, die mit der im Havse Abrahams viel gemeinsames haben mußte.- Zeichen von dieser höheren Art trügen nicht und bet ihnen durste sich der alte Diener, ohne die Schuld der heidnischen Zetchendeuteret auf sich zu laben, ruhig befragen. ES find letzten Endes die stcheren Kennzeichen für jeden jüdischen Menschen, wie weit baS heilige Vätererbe bei ihm Beachtung und Verwertung gefunden hat An drei Charkterzügen erkennt man, so bemerken unsere weisen Seelensorscher, den Nachkommen Abrahams — ONON ^2111 O'w'2, D’iöm - an seiner Barmherzigkeit, Bescheidenheit und seinem WohltätigkeUSfinnc. Gehört doch daS Wohltun zu den unauslöschlichen Raffeneigenschaften unseres Adelgeschlechtes: KlMtr puD M2K DrTOK bttMJTlTö X17W PITS ION. „Wer Lted e erweist, derzetgtdamit ferne retne Abstammung von Bater Abraham." Kleiner Feuilleton. von einem Christen geschildert. Obwohl das Judentum, diese älteste Institution der Kulturmenschheit, schon durch sein Alter, wie nichts anderes wenigstens allen Gebildeten bekannt und geläufig sein sollte, so hat es trotzdem wie kaum eine andere Veranstaltung durch falsche Auffassung, Mefe Urteile und ungenügende Kenntnis viel gelitten. Eine richtige Würdigung und Schilderrmg ist in Folge seiner Eigenart in der Tat mit vielen Schwierigkeiten verbunden. Der Jude, der es durch das Leben trägt und von ihm getragen wird, kann nur schwer die Objektivität besitzen, die für eine Darstellung seines Judentums erforderlich wäre. Es ist ein Stück seines eigenen Selbst, deshalb stellen sich seiner bloßen unbefangenen Kenntnis dieselben Schwierigkeiten entgegendie mit jeder Sclbstkmntnis verbunden sind. Der außerjüdische Beurteiler ist in der entgegengesetzten Lage. Ihm steht das Judentum zu fern und fremd gegenüber, um es wahrheitsgemäß schildern zu können. Selbst wenn ein solcher sich mit dem besten Willen in die reiche jüdische Literatur vertiefte und sie sich aneignete, so geht ihm doch die praktische Verwirklichung und lebendige Ausgestaltung ab, ohne welche das Judentum selbst seinen eigenen Bekennern ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch bleibt. Betrachtet ein solcher Beurteiler das Judentum gar, wie es meistens zu geschehen pflegt, durch theologische,,