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Der Israelit · 1911-11-09 · Heft 45 (9.11.1911) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 45 (9.11.1911)
Date
1911-11-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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euilleion. Lage der Not. Erzählung aus dem Prager Ghetto. Bon Oskar Stein. (Fortsetzung.) Josef setzte sich zu Tische, neben ihn der Fremde und der Bocher, die Kinder scharten sich um den Platz der Mutter. Mit dem Segen über den Wein begann die Mahlzeit, die Männer kamen ins Gespräch, der Gast war weitgewandert und verstand, zu erzählen. Der Hausherr lehnte sich zurück und lächelte über die leuchtenden Augen seiner Kinder, die Mutter hielt ihre Zirt im Arm, der Bocher aß. Ais auch er gesättigt war, sprachen sie das Tischgebet. Die Sabbathlieder verklangen, die Kinder gingen zu Bett, die Männer disputierten. Jsak Pfreim wurde heiß aus ehrlichem Eifer, Rebb Hirsche! Einzfurt, so nannte sich der Sabbathgaft, wich nicht dem Ansturm der Beweise und scharfsinnigen Schlüsse des jungen Gelehrten und ruhig und gelaffen half Josef wacker mit. Gütl ging und kam und folgte schweigend den Gedanken der Männer. Das Licht leuchtete hell über dem weißen Tische und glänzte in den Augen, spielte mit dem Sande und vertrieb den Schatten aus allen Ecken. Eine klare, ruhige Nacht lag draußen über dem Ghetto und trug heiligen Frieden in die Herzen — Sabbathfrieden! In diesem Jahre, in dem Joses Thein aufatmend von den Freuden seines Lebens Besitz ergriff, Schmer! Katzew das Glück seiner Kinder pries und das Ghetto in leidlicher Ruhe seine Sabbathe und Feste feierte, begab es sich, daß Josef auf seiner Wanderschaft in der Umgebung Prags von einigen Soldaten, die von Wien kamen und nach Prag zogen, um bei der Fahne des Grafen Nagarol neue Dienste zu nehmen, zwei seidene Vorhänge kaufte. Er fand es nicht verwunderlich, daß die Landsknechte solche Kostbarkeiten mit sich führten, denn in den Wirren, die der Besiegung und Flucht deS »Fürsten der Heidelberger" Friedrich von der Pfalz folgten, fiel manches reiche Schloß seiner Anhänger in die Hände der Kaiserlichen, und Raub und Plünderung brachten den Soldaten oft wertvolle Beute, die sie dann um billiges Geld verkauften. Auch bedurfte es keines langen Entschluffes, in den angebotenen Handel zu willigen. Josef kannte die Soldaten, die sich nicht scheuten, Geld zu nehmen, wo sie es fanden und schüttete ihnen zttternd den Inhalt seines Beutels in die gierig ausgestreckten Hände, dankbar und froh, wenigstes die Vorhänge mitnehmen zu dürfen, die, wie er rasch herausfand, ein beträchtliches mehr wert waren, als die wenigen Silberstücke, die er den Soldaten dafür gegeben hatte. Als er heimkam und Dwerl zu Rate zog, beschloß er, die Vorhänge, über deren seltene Pracht und große Kostbarkeit Dwerl ihn aufklärte, nicht, wie er es sonst tat, sofort am Tandelmarkte zu verkaufen, sondern eine günstige Gelegenheit abzuwarten, die ihm, Wie er hoffte, sein Geld drei- und vierfach hereinbringen würde. Gütl übernahm stein Verwahrung und es vergingen einige Tage, die in gleichmäßigem Schritte Stunde auf Stunde häuften und manche Fäden knüpften, die die Menschen nicht sahen, ob nun- Wohl oder Wehe für sie daraus entstand Schnee lag in den Gaffen und schimmerte weiß von den Dächern. Es war tm Lebet und in Gebet und Klage war der Fasttag vergangen, der den Anfang der Belagerung Jerusalems, der heiligen, ersehnten Stadt, den Beginn der Not alter Geschlechter und versunkener Zeiten mit den Schmerzen und Leiden der Jahrhunderte erfüllte. In der Meiselfchul flackerte das ewige Licht in langen Schatten über die weißen Wände und das Abenddunkel weitete den Raum, daß fetnö Decke im Unendlichen entschwand. In den Bänken murmelten die Beter düs Maariwgebet und als der Cyasan das Kaddisch sagte, entstand, ein leichter Lärm, die Männer traten aus den Rethen, auch Josef wandte sich zum Gehen. Da trat der Schulklopfer vor und in schläfrigem Tone rief er die Eilenden zurück. Es trat tiefe Sttlle ein, in die die Stimme des Schulklopfers müde und traurig Hineinklang. Er gab bekannt, daß von dem Gubernator des Königsreiches Böhmen, dem wohledlen, hochgeborenen Herrn Albrecht Grafen Waldstein, ein strenges Verbot an die Aeltesten der Gemeinde ergangen sei, von den Soldaten ohne Erlaubnis ihrer Hauptleute Beutestücke zu kaufen. Im Schlosse des Fürsten Ltchtenstetn seien kostbare Vorhänge gestohlen worden, vor deren Ankauf besonders gewarnt sei. Derjenige, bei dem diese Vorhänge gefunden würden, werde unnachsichtlich mit dem Verluste seines Kopfes bestraft werden. Die Ungnade des Kaisers und die strengste Strafe werde dem Ghetto in dem Schreiben des Gubernators angedroht. Das Beth-Din ermahne daher alle Juden, sich von Geschäften mit Soldaten zurückzuhalten, und befehle bei der Strafe des Bannes, Jedem, der Waren bei sich habe, über deren Herkunft er beim Ankäufe keinen Auffchluß erhalten hatte, sie sofort zu dem Vertrauten der Judenschaft, dem Diener des Rates, Rabbi Henoch, zu bringen, damit nicht Unheil und böse Gefahr fiir die Gemeinde daraus erwachse .... Als der Schulklopfer geendet, blieb es still. Josef hatte Schrecken und Angst in den Augen, krampfhaft hielt er sich an einer Banklehne fest. Die Beter verließen die Schul', mancher seufzte über die schwere Zeit und fühlte die harte Faust der grausamen Welt an's Ghettotor pochen. Josef ging heim und traf in seiner Stube Schmer! an, der in der Altneuschul' den Auftrag des Beth-Din vernommen hatte und, da er um den Ankauf der Vorhänge wußte, zu ihm geeilt war. Sie riefen Gütt und als auch sie vernommen hatte, welche Gefahr drohe, waren sie alle einig, daß Josef die Vorhänge zu Rebb Henoch bringen müsse, damit dieser, wie es sonst zu geschehen pflegte, ohne Nennung des Namens des Käufers das gestohlene Gut dem Bech-Din übergebe, das dann darüber nach Gutdünken verfügen möge. Und um jedes Aufsehen zu vermeiden und die Aufmerksamkeit der Gaffe nicht zu erregen, wartete Josef bis Mitternacht. Dann trugen er und Schmer! die Vorhänge ins Haus des Rebb Henoch. Ein paar Minuten vergingen und die Beiden schlichen im Schatten der engen Gaffe heim, um in sorgenvollem Wachen den Morgen zu erwarten. Henoch Schammes aber stand dorr dem großen Folianten auf, in dem er gelernt hatte, warf einen Mantel um seine aufrechte Gestalt und ging zum Primas der Prager Gemeinde, Rebb Abraham Taussig. Das Toröffnete sich, auf der Stiege kam der Primas, den die dumpfen Schläge geweckt hatten, dem nächtlichen Gaste entgegen und führte ihn stumm in sein Zimmer. Mit wenigen Motten berichtete der Schammes, daß die Vorhänge, die in dem Schreiben des Gubernators angeführt wurden, soeben zurückgebracht worden feien und daß er nun gekommen fei, um den Primas zu bitten, das Beth Dir zu einer Sitzung sofort zu berufen, ha schon de, kommende Morgen verhängnisvoll werden könne,! falls der Graf eine Durchsuchung des Ghettos! anordnen würde... Herzlich drückte der Primas dem Schammes! die HaNd: „Ich danke Euch, Rebb Henoch/ Ihr! wißt, was not tut, und habt klug gesprochen.! Geht, ich will selbst zu unserem Rabbi eilen und! dort die Aeltesten erwarten."! Und während das Ghetto in tiefem Schlum-I mer lag und ahnungslos, die Furcht seiner Tage! vergessend, von einem heiteren, hellen Geschicke! ttäumte, weckte Rebb Henoch die Aeltesten der! Gaffe, die Vorsteher und Beisitzer des Rates.! Im Hause Rabbi Lipman's versammelten sie sich! und erfuhren, welcher Zweck sie zusammenführte. Nachdem der Primas ihnen vorgestellt hatte,! welche Gefahr für den unbekannten Käufer, der sofott seiner. Pflicht gemäß das gestohlene Gut! Rebb Henoch übergeben hatte, vor allem aber für die ganze Gemeinde daraus entstAen könne,! falls man nicht rechtzeitig den Zorn des Gubernators zu beschwichtigen versuche, beschlossen sie,! daß Rebb Jakob Theomim, der das Wohlwollen des Grafen Waldstein seit manchem Jahre besitze, in Begleitung Heuochs am frühen Morgen sich auf die Kleinseite begeben solle, um die gesuchten Vorhänge durch den kaiserlichen Richter dem Gubernator zurückzustellen. Auch möge er freiwillig das Anerbieten stellen, einen Sühn-I betrag zu erlegen. In den Synagogen aber solle beim Morgengebete verkündet werden, daß jeder Bewohner der Gaffe in den nächsten Stunden daheim zu bleiben und die weiteren Verfügungen des Rates abzuwatten habe. Die Tore seien bis zur Rückkehr Rebb Jakobs geschloffen zu halten. Hierauf einigten sich die Aeltesten, am nächsten Vormittag zu einer neuen Sitzung zusammenzutreten. Der Morgen kam und trug in jedes Haus die dunkle Kunde eiyer Gefahr. Wie der Sturmwind, der den ganzen Wald mit seinem Brausen erfüllt, jede Baumkrone niederbeugt und die Blätter vor sich her tteibt, bis sie an windgeschützter Stelle sich sammeln, so hatte die Maßnahme des Rates das ganze Ghetto aus seinem stillen Tagestun herausgettffen und in alle Herzen das gleiche Empfinden getragen. Keiner wußte, wer der Käufer war, wen die unmittelbarste Gefahr bedrohe, aber alle fühlten das gleiche Bangen. Es genügte, zu wissen, daß einer der tausend Bewohner des Ghettos in Not sei, um alle zu einen und mit Kummer und Sorge zu erfüllen. Kein Kind war auf der Gaffe, die sonst von den kleinen Gestalten hundertfach belebt war, die Obhut der Mütter hielt sie in den Wohnungen zurück. Bis zum Ghettotor hatten die Männer in langem Zuge ihre Abgesandten geführt und waren stumm zurückgeblieben in der Gaffe; doch mit jedem Gedanken geleiteten sie ihre Boten durch die große Stadt vor das Haus des Gubernators, in das Zimmer des Mächttgen, vor seinen Richterstuhl... Jeder ging den Weg, den die Zwei gehen mußten, von deren Worten und Bitten ein unbekanntes Schick-- sal abhing. Menachem Trenklin hatte sein Geschäft vergessen und ging durch die Gaffen. Er blieb stehen: „Wo sie jetzt fein mögen? In der Karlsgaffe? Am Wasser? Auf der Brücke? Meint Ihr, Rebb Tewle, daß sie schon auf der steinern-n Brücksind?« (Fortsetzung folgt.) ,j

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