Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1911)
- Date
- 1911-11-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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«Me«. »K.L45 *** LSmeltt. 9. November 1911. tum und den andereu Religionen seien drei: es sei - unorthodox; weder Bibel noch Talmud geben sich als ein Abgeschlossenes, sondern sie fordern von jedem Juden ein ununterbrochenes Forschen und Streben nach der Wahrheit. Der Orthodoxe (ei mit sich und der Welt ein Fertiger; der Jude sei nie fertig in sich und am allerwenigsten gerade der konservative Jude. Das Judentum sei ferner u n k i r ch l i ch; es mache jeden seiner Bekenner zum Priester, jedes Haus zum Tempel; es fordere die sittliche Tat, nicht das Bekenntnis zu einer kirchlichen Gemeinschaft. Endlich sei es interkonfessionell;' es habe nie beansprucht alleinseligmachend zu sein, darum nie Proselytenfang betrieben; es sei tolerant, nicht im Sinne des „Jeden nach, seiner Fasson selig werden lassen", hinter dem sich, nur Gleichgiltigkeit gegen fremdes Denken birgt, sondern aus Verständnis für fremdes, religiöfes Empfinden, gewonnen aus eigenem religiösen Erleben Reicher Beifall lohnte den Redner, dessen Ausführungen, wie anfechtbar auch immer, jedenfalls eine Fülle gutbeobachteter Erkenntntssätze aussprachen. Der nächste Redner, Herr Landtagsabgeordneter. Cohn-Dessau unterstrich in seinem Referat über »Den Staat und die Juden" nochmals, ohne Neues zu bringen, die Ausführungen des Vorsitzenden Über die Verkümmerung der Rechte der Juden auf den verschiedensten Gebieten staatsbürgerlichen Lebens und * ftpvß mit einem kräftigen Appell, bei den nächsten Reichstagswahlen sich jeden Kandidaten auf feine Stellung zum Antisemitismus genau anzufehen und unter keinen Umstünden verkappten Antisemiten, die sich in allen Parteien fänden, zu einem Reichstagsfitz zu verhelfen. Den Niederschlag seiner Ausführungen bildete folgende Resolution, die am Schluffe der Tagung zu einstimmiger Annahme gelangte: * "/,Der Verband der Deutschen Juden wiederholt di- Entschließungen ferner ersten und zweiten Hauptversammlung und erhebt erneut dagegen Einspruch, daß die den deutschen Juden verfassungsmäßig gewährleistete Gleichberechtigung in wesentlichen Punkten durch die Verwaltung in ihr Gegenteil verkehrt wird. So werden jüdische Beamte in den staatlichen Verwaltungen und an den Universitäten zurückgesetzt, werden Juden von der Stellung des Offiziers und Reserveoffiziers ausgeschlossen, erfolgt lediglich durch Gewährung staatlicher Vorteile eine Belohnung des Glaubenswechsels. Ausländische Juden werden nur weit sie Juden sind, hei Gewährung des Ausenthattsrechts und der Naturalisation schlechter als andere Ausländer gestellt. Der Verband erwartet von allen rechtlich denkenden Mitbürgern Unterstützung im- Kampfe um das Mcht, der zugleich Kamps ist für das Gedeihen des deutschen Vaterlandes. Vor allem fordert der Verband die deutschen Juden selbst zu tatkräftiger Arbeit an der Be- .seitigung des Unrechts auf: zu voller Einmütigkeit und Disziplin in den Abwehrbestrebungen, zu energischer Betätigung im politischen Kämpf für die Gleichbrrcchtiguttg." Dieser Resolution voran ging ein Vortrag des Herrn Professors Dr. Gold st ein über «Deutsches Geistesleben und die JudenDer Redner schildert die innere Wahlverwandtschaft zwischen Deutschtum und Judentum und zitiert eine Reihe von Aussprüchen großer Gelehrten und Dichter, die im „alten Testament" und seinen Geschichten „den Protestantismus, der vor den Protestanten lebte," erblickten. Ebenso sei vielfach die gleiche philosophische Anlage bet Germanen und Juden erkannt worden. Redner geht dann auf die verschiedenen Bildungsepochen des deutschen Geisteslebens ein, um den jüdischen Anteil an denselben nachzuweisen. Die Bibel in der Uebersetzung Luthers sei das gemeinsame BildüngSmittel aller Stände, Autorität und Norm, die belebende Atmosphäre, und ihr dichterischen Stoff sei bis zrr Goethe und weiter hinaus Wegweiser der Er-, ziehung gewesen. Herder habe dann am Ende des 18. Jahrhunderts die Bibel aus den Händen, der Theologen für die Literatur gerettet, und' mit der Aufklärung, die das theologische Zeitalter ablilst, treten nun direkt die Juden gebend' und nehmenden die.deutsche geistige Bewegung ein. Der Referent streift dann die Zeit Moses Mendüsohns und kommt zum Schluffe, daß dich Juden vor allem Deutsche sind. Nach Wahl des Ausschuffes erstattete Justizrat Lew in »Stettin den Kassenbericht, worauf der Vorsitzende die Diskussion über den Vortrag Cöhn-Deffau eröffnete, die zur bereits erwähnten Resolution führte'. Damit hatte der offizielle Test der Verbandsversammlung sein Ende erreicht. vttstoSoxe unS SionMen staben keinen dufrift! 'g&ettin, 7. November. Aus Anlaß des Judentags hatte der Ausschuß d.es Deutsch. Israelit. Gemeindebundes auf den 6. November vormittags zehn Uhr eine Tagung seiner Landes-, Provtnzial- und Bezirksverbände etnberufen und dazu auch, wie es im Einladungsschreiben heißt, „sonstige im jüdischen Leben in hervorragender Weise sich betätigenden Herren" etngeladen. Einzigen Gegenstand der Tagesordnung bildete die Besprechung der beabsichtigten Satzungs-Aend eru n g. Merkwürdigerweise hatte der auf seine „Unparteilichkeit" besonders stolze Ausschuß bei dieser Gelegenheit eine an Selvstberäucherung dadenkbar Mögliche leistende Broschüre ausgrgebcn, die wiederum die „Unparteilichkeit" dreifach unterstreicht — es dabei aber trotz heißen Bemühens nicht zustande gebracht, unter sämtlichen im „jüdischen Leben sich betätigenden" Einzelpersonen auch nur eine« Einzigen von orthodoxer oder zionistischer Gesinnung ausfindig zu machen und einzuladen. Ein in seiner Eigenschaft als Börstandsmitnlied eines Provinzialverbandes erschienener Herr, der den Befähigungsnachweis als Neologer nicht geliefert hat, wurde als Wundertier zunächst mit Befremden angestaunt und interpelliert und alsdann durch eine besondere Begrüßungsrede gefeiert. Es ist bedauerlich, daß der also Geehrte für die rührende Unparteilichkeit des Ausschuffes nicht das geringste Verständnis zeigte und eine geharnischte Rede hielt, in der er die in der Berufung der Versammlung wieder einmal zutage tretende „unparteiische" Gesinnung des Ausschuffes gebührend kennzeichnete. Selbstverständlich wurde angesichts der Majoritätsverhaltnisse die vom Ausschuß vorgeschlagene Resolutton für die Satzungsänderung mit derselben Begeisterung angenommen, mit der sich der gleiche Vorgang eine Woche vorher in der Statuten kommission vollzogen hatte. (Wir halten es für durchaus ungerecht, von dem D. I. G. B. Unparteilichkeit zu beanspruchen. Sin Bund von Religionsgemeinden, der sich um Religionsunterricht, um Erkenntnis des Wesens des Judentums, um Erziehungsangelegenheiten rc. kümmert, kann nicht unparteiisch sein, sondern muß, wenn er überhaupt etwas leisten will, von Fall zu Fall entweder dem orthodoxen oder dem liberalen Judentum zuwiderhandeln. Es ist tief bedauerlich, daß gebildete und erleuchtete Männer, sich dieser elementaren Wahrheit bewußt oder unbewußt verschließen und dadurch immer aufs neue, wie auch jetzt wieder in der neu veröffentlichten Broschüre, über eine Gegnerschaft zetern, die doch nicht Zufall und böser Wille, sondern im Wesen der Dinge begründet ist. Red. d. Jsr. ver Nttisncelsg. Aertin, 7. Nov. Die deutsche Konferenzgemeinschast der Alliance Iera^lite, die gestern im Saale der Gesellchaft der Freunde von ca. 200 Delegierten und Mitgliedern besucht, stattjknd, beschäftigte sich mit der Stellung der deutschen Mitgliedschaft zur Zentralleitung der Alliance. Die Beschwerden der deutschen Alliance- Mitglieder richten fich namentlich gegen zwei Punkte. Einmal wird der Pariser Zentralleitung vorgeworfen, grobe Ungehörigkeiten bei der letzten Ersatzwahl zum Zentralkomitee vorgenommen zu jaben. Besonders scharf angerechnet aber wird )er am 18. Oktober d. I. gefaßte Beschluß des Zentralkomitees, anstelle der bi sh erien allgemeinen direkten Wahl er Komitee Mitglied er durch die Gesamtheit der Angehörigen der lltance die Selbstergänzung (Kooptation) zu fetzen. ' Im Namen des deutschen Komitees referierte Geheimrat Landau über die bereits erwähnten Vorgänge. Bei der letzten Wahl zum Zentralkomitee scheinen weit mehr Stimmen abgegeben zu sein, als überhaupt Mitglieder vorhanden waren. Nach der Zahl der abgegebenen Stimmen mußten es ca. 56,000 Mitglieder seintatsächlich gebe es nur ca. 28,000. Der überwiegende Einfluß Salomon Reinachs im Zentralkomitee erregte auch bei sehr linksstehenden Juden Bedenken. Für die Einführung der Kooptatton seien völlig ntchttge Gründe angeführt worden, u. a. daß die Römer schon die Kooptation gekannt haben... Außerdem sei tintr dem Pariser Zentralkomitee zugunsten der Selbstergänzung angeführt worden, daß fich imFalle einesKrieges zwischen Frankreich und Deutschland keine allgemeine Wahl zum Komitee vornehmen laffe ... Von seiten der Majorität des Komitees ist die deutsche Mitgliedschaft des Nationalismus beschuldigt worden. Der Vorwurf sei völl^ unzutreffend. In allen das Judentum betreffenden Fragen wüte die deutsche Mitgliedschaft streng an der I n t e r - Nationalität des Judentums fest,- in politischen Fragen nehme sie sich gerade so gut das Recht, für deutsche Interessen einzutreten, wie die französische Mitgliedschaft für französische Interessen eintritt. Die Diskussion gestaltete sich sehr lebhaft. Rabbiner Dr. Frank-Köln warnt vor allzu scharfem Vorgehen gegen die französischen Juden. Direktor Adler-Frankfurt a. M., oft durch Lärm unterbrochen, äußert sich in demselben Sinne. Er hält den Moment für paffend, um der Berliner Leitung Sünden vorzuhalten, die sie gegenüber dem Frankfurter Lokalkomttee begangen haben soll. Redner erklärt schließlich, daß er trotz mancher Bedenken doch der vom deutschen Vorstand vorgeschlagenen Resolution, die im Sinne der Ausführungen des Landaus gehalten ist, zustimmt. Diplomingenieur Adler- Berlin tritt zwar auch für die Annahme der Resolutton ein, nimmt aber unter stürmischen Protestrufen des größten Teils der Versammlung die französischen Mitglieder des Zentralkomitees gegen „übertriebene" Vorwürfe in Schutz. Affeffor Friedemann -Berlin wendet sich jegen die beiden Vorredner. Mit Lug und Trug Mt man von Paris aus gearbeitet. „W i r sind nicht nur Juden, wir sind auch Deutsche!" Es sei wünschenswert, daß die „Alliance Israelite“ in Paris ihren Sitz hat, aber sie dürfe nicht zur Vertreterin französischer Interessen werden. Die französische Majorität im Zentralkomitee arbeite im Orient systematisch dem Einfluß der deutschen Interessen entgegen. Gewiß müffe alles geschehen, um den Frieden zu erhalten. Gehen die Pariser über eine gewisse Grenze hinaus, so ist die Solidarität zerstört, und die Pariser sind die Zerstörer. Nachdem noch einige Diskussionsredner ge sprochen hatten, wird statt einer vom Vorstan vorgeschlagenen Resolutton folgende, von Herrn Justizrat Dr. Blau, Frankfurt a. M. etnge brachte, mit allen gegen eine Sttmme des Rab biners Frank angenommen. Dir Resolutton lautet: „Der am 6. November 1911 in Berlin veranstalte Alliancetag erklärt hiermit se nen schärfsten Protest gegen den Versus sich. in wer Gel Mo b u Prr AI t, eber und in! AI dies, »ich trop Ver sein, nä trete im! men Ant: all, Anst rat Hirs neug Hall das allgemeine Wahlrecht zu beseitigen und an seine Stelle die Kooptation zu setzen Die deutschen Mitglieder der Alliance be anfpruchen einen wirksamen Einfluß an die Leitung der Geschäfte und die Vornahme entsprechender Maßnahmen in Paris — Der Alliancetag erhebt warnend seine Sttmme gegen das Vorgehen von Paris, das eine Vernichtung des Gedankens de, „Alliance Israelite Universelle" bedeute und eine Vernichtung der Alliance Deutschland bedeuten kann." J «. sist. in n gen, trete einig präsi von biner n sich^ tion nach stand und Alter im \ befan fönen Ausn unter benS E 5Lo