Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1911)
- Date
- 1911-11-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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-. Novem-er 1-11. Lrr A-r«U. Nr. 4L. «ettr L Corrcspoadcazctt«. Nacdricdteu. Kentsthes KeUtz. Die Nsupkoerssmmlung öe§ Verbundes deufftfter Juden. (Bon unserm Korrespondenten.) E. B. Aerti«, 6. Nov. In den Gesamträumen des Neuen Königs. Opernhauses (Kryll), die von der General-Intendanz unentgeltlich zur Verfügung gestellt B orden waren, fand gestern von 11'b vormittags bis 4 Uhr nachmittags die vierte Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden statt. Am Vorstandstifch und auf der Bühne sah man so ziemlich alle die Gesichter wieder, die stets, wo es gilt, die deutschen Juden repräsentativ zu vertreten, in den Vordergrund treten: Parlamentarier, Kommerzienräte und Juristen vom Justizrat aufwärts, einen bis höchstens zwei Rabbiner und — last not least.— die Gemeindegewaltigen von Berlin. Den Saal füllte eine nach Hunderten zählende Menge von Delegierten und angemeldeten Gästen, und auch die Ränge und Balkone waren von zahlreichen Zuhörern okkupiert. Die Staats- und Reichsbehörden hatten es unterlassen, wie der Vorsitzende betonte, der an sie ergangenen Einladung Folge zu leisten oder sie auch nur zu beantworten; die einen meinten, in der Erinnerung an die unangenehme Erfahrung des schlesischen Oberpräsidenten auf der Breslauer Tagung/ die anderen, und sie dürften mehr Recht, haben, weil vorherzusehen war, daß im Rechenschaftsbericht und in Referaten an Regierungshandlungen gegenüber den Juden scharfe Kritik geübt werden würde. Dagegen hatte die Stadt Berlin in Vertretung des amtlich verhinderten Oberbürgermeisters Herrn Bürgermeister Dr. Reicke, ferner den Stadtverordnetenvorsteher M i ch e l e t und die Stadtverordneten Cassel und G e h r i ck e entsandt, denen sich Stadtrat B l o h m für Wilmersdorf anschloß. Der Vorsitzende, Herr Justizrat Dr. H o r w i tz eröffnete die Tagung in der üblichen Weise, erbat und erhielt die Genehmigung zur Bildung des Bureaus nach den Vorschlägen einer am Sonnabend abgehaltenen Vorbesprechung, sowie zur Absendung eines Hulöigungstelegramms an den Kaiser, in dem die „an 500 Abgesandten jüdischer Gemeinden und Bereinigungen aus allen Teilen des Reichs, geeint im Verband der deutschen Juden" das Gelöbnis unwandelbarer Treue erneuen. Hierauf ergriff Bürgermeister Dr. Reicke das Wort, um Namens des Magistrats den Verband in der Reichshnuptstadt willkommen zu heißen. Ihm schloß sich Stadtverordnetenvorsteher Michelet an, der den Berliner Juden für ihre mitbürgerliche Tätigkeit auf kulturellem und humanitärem Gebiete dankte. Den Reigen der Begrüßungsreden beschloß der Vertreter des Vorstandes der Berliner jüdischen Gemeinde, Herr Juftizrat Breslauer. Der Vorstand sei erfreut über die Tätigkeit des Verbandes, denn er habe ihm die Aufgabe abgenommen, die er nach dem Gesetz nicht erfüllen durste, die Klagen über Zurücksetzung der Juden an den geeigneten Stellen vorzubringen und für chre Abstellung zu sorgen. Er freue sich ferner, daß wie unter dem Dache der jüdischen Gemeinde alle Richtungen Raum fänden, so auch in dem Verband, der schon heute als die legitimierte Vertreterin der deutschen Judenheit gelten könne und gelte, ebenfalls alle Gauen des Vaterlands und die verschiedensten religiösen Richtungen sich zusammenfänden mit verschwindenden Ausnahmen, die hoffentlich auch bald ihre Sonderstellung aufgeben werden. — Trotz des Beifalls, den diese Stellen in der Versammlung fanden, wird man berechtigt sein, dahinter ein recht großes Fragezeichen zu setzen. Weder gilt der Verband an den zuständigen Stellen, in Verkennung der tatsächlichen Berhältniffe, als die unbestrittene Vertretung der Gesamtjudenheit Deutschlands, noch wird in absehbarer Zeit, zumal solange er das Preußische Gemeinde-Organtsationsgesetz betreibt, für die organisierte Orthodoxie in seinen Hallen ein Platz sein! Nach einigen Dankesworten an die Vorredner erstattete nunmehr der Vorsitzende den Geschäftsbericht. Der .Verband hat der apologetischen Tä - ti gkeit besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die antisemitischen Angriffe gingen ja in überivältigender Mehrheit auf rein materielle Antriebe zurück; Leute dieser Art wolle und könne man nicht belehren. Daneben aber gebe e§ doch Kreise, die aus Unkenntnis der Juden und des Judentums zu falschen Urteilen und zu falschem Verhalten gegen die Inden geführt werden. Diese sollen durch die apologetische Tätigkeit aufgeklärt werden. Zwei Korrespondenzblätter, die diesem Zwecke dienten, wurden herausgegeben und mit Hilfe der Korrespondenten auch in nichtjüdischen Kreisen verbreitet. Ferner wurde die Auffassung eines populären apologetischen Werks, welches die Grundgedanken der jüdischen Religion darlegen soll, beschlossen und .Herr Rabbiner Dr. Bäck mit dessen Abfassung betraut. Die Großloge hat sich bereit erklärt zu den Kosten, die der Verband bei seinen beschränkten Mitteln allein nicht ausbringen kann, beizütragen und ihrerseits zwei Herren in die apologetische Kommission delegiert. Auch wurde die Anlegung eines apologetischen Archivs beschlossen. Gegenüber den Angriffen aus die Schechitah hat der Verband ebenfalls die Stellung eingenommen, daß dieselbe nur zu kleinstem Teile aus tierfreundliche Antriebe, überwiegend vielmehr aus antisemitische Instinkte zurürkgehen. Daher war für den Verband, mögen feine Akitglieder wie immer zu der religiösen Seite der Frage stehen, der Anlaß zum Eingreifen gegeben; namentlich als der Antrag Gröber zu der in Beratung befindlichen Reichs-Strafgesetz-Novelle die Möglichkeit bot, diesen Quertreibereien ein Ziel zu setzm, hat der Verband in Eingaben an den Reichstag und Verhandlungen mit Parlamentariern aller .Parteieil für dessen Annahme, die in der 2. Lesung auch erfolgte, gewirkt. — In der Angelegenheit der Nichtbesörderung jüdischer O f f i zi e rs a f pi r a n te n habe der Verband durch fortgesetzte Vorstellungen bewirkt, daß auch der jetzige Preußische Kriegsminister v. Heeringen seinen ursprünglichen, im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger stehenden glatt ablehnenden Standpunkt dahin modifiziert habe, daß er eine Zurückweisung jüdischer Osfiziersaspiranten wegen ihrer Zugehörigkeit zum Judentum als ungesetzlich betrachte. Es werde sich zu zeigen haben, ob die bewährte Disziplin des deutschen Osfizierkorvs, dem die Wahl der Reserveoffiziere zustehe, nicht fest genug sei, um dieser Erklärung des Kriegsministers Folge zu geben. — Die Paßplackereren in Rußland haben fortgesetzt Vorstellungen bei den Reichsbehörden veranlaßt; aber es müsse anerkannt werden, daß selbst beim besten Willen sich ans diesem Gebiete nichts habe erreichen lassen, da ja sogar England und Amerika mit ihren Anstrengungen nichts erreichen konnten. So beschämend das Geständnis sei: Rußland habe seine Kultur gegenüber der Zivilisation auch in diesem Falle zu wahren vermocht. Erfolgreicher waren die Bemühungen gegen Zurücksetzung der Juden bei der Auslosung zu Schöffen und Geschworenen. Trotzdem den Gerichtspräsidenten eine offizielle Einwirkung auf dieses Geschäft nicht zuftehe, haben die Rekriminationen des Verbandes bei ihnen doch bewirkt, daß, wo nötig, Wandel geschaffen wurde. — Endlich habe auch die notorische Zurücksetzung der jüdischen Akademiker in allen Berufen die ernsteste Beachtung gefunden. Herr Justizrat Breslauer habe darüber eine auf breitester statistischer Grundlage beruhende Denkschrift, die namentlich auch aus die schmähliche Bevorzugung der Täuflinge eingeht, ausgearbeitet, die demnächst den Mitgliedern zugehen soll. Endlich sei der Verband auch für die Interessen der sabbathfeiernden Kaufleute gegenüber den Gefahren, die ihnen aus der beabsichtigten gesetzlichen Neuregelung der Sonntagsruhe drohen, eingetreten. Ein Abschluß der Vorarbeiten sei aber noch nicht erfolgt. — Micht erwähn t wurde in dem Bericht die Tätigkeit des Verbandes in der unglückseligen Zwangsorganisationsfache. Sie ist ja auch wahrlich kein Ruhmesblatt in seinör Geschichte! Die Reihe der Borträge, die nun folgten, eröffnete Herr Rabbiner Dr. Bäck-Düffeldorf mit einer formvollendeten Betrachtung über „Das Judentum unter den Religionen". „Unter 1600 Millionen Erdbewohnern seien 10 Millionen Juden; das mache es verständlich, daß so geringe Kenntnis von Juden und Judentum herrschen, und daß der Jude sein eigenes Gesicht sich bewahrt habe. Der unterscheidenden Merkmale zwischen Judentätigkeit, wenn es ihnen nicht ein Gebot des Herzens ist? Nur um mit ihrem Namen und ihrem Geld, ihrer Arbeit zu prunken, darum tuen sie es auch nicht. Das empfand ich deutlich. Wer ebenso klar wurde es mir, daß sie alles lediglich — knrzgesagt — als Modesache betrachten. Wir leben im sozialen Zeitalter, ergo muß man sich sozial betätigen. So liegen heute die Zustände. Und da heraus erklärt es sich auch leicht und selbstverständlich, daß die stille Wohltätigkeit, das Almofengeben, von dem niemand etwas weiß, das lediglich um der guten Sache willen geschieht, daß diese edelste, urjüdische Art, zu geben, in erschreckendem Maße ab nimmt. In derselben Versammlung beklagte Herr Dr. Georg M i n die n, Vorsitzender der Berliner Reformgemeinde, den Mangel der „Jüdischkeit" der in der Armenpslegeorganisation in Berlin herrsche. Er wünschte, es möge ein Genie kommen, das ihr das spezifisch Jüdische brächte. Alle Achtung vor einem solchen Worte. Ich bin weit davon entfernt, zu glauben, er meinte es nicht wahrhaftig und groß. Ich möchte auch noch eines erwähnen, anerkennend in diesem Blatte erwähnen, was Dr. Minden dort sagte. Er bezeichnete es als eine Schande, daß Frau Wolf Wertheimer einmal sagte: „Wenn mich nicht eine Exzellenz bittet, gebe ich nichts." Und er bedauerte das nicht, weil es Frau Wcrtheim sagte, sondern weil derlei gar oft in Berlin vorkommt. Hier zeigt sich ein gewisses jüdisches Ehrgefühl und Selbstbewußtsein, das wir immerhin loben können und sollen. In Berlin wurde aus liberal radikal, den alten Gottesdienst, das Thoragesetz, hat man unwissend und leichtfertig verachtet oder aus geschaltet. Auf dem Gebiete der Wohltätigkeit war bislang noch eine Möglichkeit des Zusammenarbeitens. Und wir versuchen es ja noch heute. Aber wenn solche radikalen und unjüdischen Ansichten auch da laut werden, wenn man das Herz, dieses jüdische Herz, das sich allezeit so treu bewährt, einfach ad acta legen will, da wird wohl auch der Zusammenarbeit aus diesem Gebiete bald ein Riegel vorgeschoben werden. Das Gemiluth Chassodim im stillen, das ist echt jüdisch. Und wenn Frau. Rabbiner Dr. Es chelbach er aus der Versammlung sagte, auch diese wird noch reichlich geübt, man falte nur einmal einen Vormittag lang in ihrer Wohnung die zahlreichen Hilfesuchenden beobachten, so glauben wir ihr das herzlich gern. Bei Rabbinen, bei einigen Rabbinen (Berliner Verhältnisse genommen), da wird noch viel Wohltätigkeit geübt; aber das genügt nicht, jeder Jude hat die Psücht, Wohltaten zu üben, gemäß seiner Lage. Und Wohltaten zu üben mit jüdischem Herzen, das zwar nicht sinnlos gibt, etwa einem notorisch Unwürdigen, das jedoch auch nicht erst eine Anfrage an die Zentralauskunftstelle richtet und sich ganz genau nach den Familienverhältnissen erkundigt, und was der Arme etwa irgend einmal schon empfangen hat, das jüdische Herz gibt, wenn es not tut, aber der modern: Mensch gibt nur, wenn die — Zentralstelle in all ihrer Subjektivität es für nötig hält. H. Ey. s Funde jüdischer Altertümer.) Die Verwaltung der jüdischen Gemeinde in Mainz, die wegen des Neubaues der Synagoge mit Räumungsarbeiten beschäftigt ist, fand in einer alten, kunstvoll gearbeiteten Truhe aus dem Jahre 1678, verfertigt von Adam Riedel, eine Reche antiker npi"® von großem Kunstwerte. Die Vorhänge bestehen zumeist aus uralten seidenen Stoffen, die mit herrlichen Sticke- | reien, Blumen, Früchte oder Tiere darstellend, ver- |j sehen sind. Wir finden da Arbeiten ans der frühesten Renaissancezeit, ja sogar solche, die wahrscheinlich aus | Spanien, aus der Zeit der Vertreibung per £ Juden aus diesem Lande mit nach Deutschj land wanderten, denn sie weisen byzcmtisch-maurische -I Figuren auf. Manche der Stickereien erinnern mit | ihren großzügigen Zeichnungen cm die Zeit Rubens, andere mit ihren Blumen- und Früchtenmotiven an : die Blütezeit des Rokoko. Ne in die Mitte der Borhänge eingesetzten Samtspiegel mit hebräischen Ini schriften sind meist jüngeren Datums, denn ehe die | kostbaren Stoffe dem Gotteshause gestiftet wurden, befanden sie 'sich oft schon sehr lange Zeit in Privat- | besitz der Familien. So erzählt eine Inschrift, daß | eine Frau zur MLV N2 ihres Aeltesten ihr Braut- | kleid der Synagoge geschenkt habe (1749), eine andere 3 Widmung besagt, daß der Gatte beim Tode seiner % Gemahlin deren kostbares Gewand für einen „f Vorhang bestimmen ließ (1768). Die Inschriften auf düsen Synagogenvorhängrn zeigen die Namen % uralter Mainzer jüdischer Familien, wie Ladenni bürg, Hamburg, Utitz, Weltsch, Wcangkfurth, i Wissibad u. [. w. Der Vorstand der jüdischen G:- meinde beabsichtigt die im Besitze der Gemeinde besind- *i lichen Vorhänge mit noch anderen interessanten Antij ymtäten dem Mainzer Museum zu überlassen, < das sodann eine Abteilung jüdischer Altertümer, wie sie anderweitig existieren, zu bilden \ hätte. 0Q3 "i Mül