Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1911-11-02 · Heft 44 (2.11.1911) · page 19

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 44 (2.11.1911)
Date
1911-11-02
Page
– (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448803-2448848--67049-2495241
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1SL1 U/GG R-. 4#?mm dieMSgttchkeit geben möchte, ein freies, selbständiges Leben auf den Hügeln deS alten Landes zu leben, dort, wo seine große Vergangenheit begraben liegt. Ich glaube. Sie selbst erzählten mir von jenem Prediger in der Synagoge zu Tula, der sich an die Brust schlug, weinend die Leute nach Palästina rief und dabei sprach: „Wir werden dort den Stein sehen, auf welchem Jakob gesessen, und werden denselben Weg gehen, den einst Abraham gegangen war!" Das Schrecklichste liegt aber darin, daß diese Bewegung weder progressiv noch volkstümlich ist, und keinerlei Mitgefühl im Volke wachruft. Der Stein Jakobs oder der Pfad Abrahams sind dem Geiste so fernliegende Dinge, daß sie nicht imstande sind, ein Volk zu erheben und ihm den Wanderstab in die Hand zu drücken. Das Volk ist kein Archäologe und wird nicht in der Stärke von 10 Millionen zu Ausgrabungen ausrücken, seine alteingesessene Heimat verlassen, wo es durch viele Generationen gelebt hat und wo es sich viel mehr zu Hause fühlt, als auf den Steinen Jakobs und den Pfaden Abrahams. Das sieht man an jenen, die nach Amerika fahren und dann die Qualen des Heimwehs nicht ertragen können, erschöpft und ermattet zur Heimat zurückkehren und den Bodeu der Heimat küssen, den schwarzen Boden desselben Rußlands, das sie trotz allem lieben, unbekümmert darum, daß die gallespeienden Verfolger schäm- und gewissenlos aus dem Leben der Juden eine Hölle machen wollen. Und schließlich wäre die Erinnerung an die Heiligtümer Palästinas wirklich so stark und wäre daS Verlangen, dort zu leben, so untrennbar mit dem Judentume verbunden, so hätten sich während .dieser 1900 Jahre genug Gelegenheit geboten, dorthin zurückzukehren und auf den alten Stätten ein neues Leben zu beginnen. Aber bewußt wollte es das Volk ntcht, ebenso *j wie es dies auch jetzt nicht will. Ja, und deshalb halte ich den Zionismus für unpopulär. Die wahre Tiefe des jüdischen Geistes ist gegen ein territorial beschränktes Vaterland. Der jüdische Geist mag nicht das alte Spielzeug des Staates und hat sich für immer davon losgesagt. Ich kann nicht ohne Rührung an die wuÄervolle Sage vom jüdischen Weisen aus der Zeit des Falles Jerusalems denken. Dieser Meise hatte Bespasianus einen großen Dienst geleistet, und jener schlug ihm vor, von ihm eine Gnade zn erbittenalles würde ihm erfüllt werden. Es wäre nun die beste Gelegenheit gewesen, den Kaiser um die Aufhebung der Belagerung und die Wiedergewährung der früheren Freiheit für das Land zu bitten. Doch der Weise sagte: „Gestatte mir, mich mit meinen Schülern nach der Stadt Jamnia zurückziehen zu dürfen und Port eine Schule zuM Studium der Thora zu gründen." Fremd und sonderbar klang diese Antwort des Weisen, dem in Krieg und Mord verwilderten Römer. Das war übereine bewußte, kraftvolle und herrliche Antwort des ganzen Volkes. Der Weife Hütte das innerste Geheimnis seines Geistes begtiffen und scheinbar wenig gefordert. Dieses wenige aber war jenes Senfkorn, das kleiner ist, äls alle anderen, das aber in Wirklichkeit viel mehr gibt als alle anderen Körner. Dieser freiwillige Verzicht des Weisen, dieser Tausch des Vergänglichen gegen das Geistige, ist Mer der größten Momente in der Geschichte des Judentums, ein Moment, das noch nicht genügend gewürdigt und vielleicht noch gar nicht vom Volke selbst ausgenutzt wurde. Und das Volk fühlt es und widerstrebt mit aller Gewalt, da es sich ntcht in ein veraltetes Mentrup stürzen möchte, welches seiner Seele gänzlich fremd ist. Nicht der Boden, sondern das Buch wurde ihm zur Heimat. Und dies ist eine der herrlichsten Erscheinungen in der Geschichte, der beste Beruf, den-sich ein Mensch nur wünschen kann. In das Lesen dieses Buches vertieft, hatte es nicht bemerkt, wie über seinem Haupte Jahrhunderte gezogen waren, wie neue Völker entstanden und wieder verschwunden warenwie der Dampf auf der Erde zu zischen begonnen und der schwarze beißende Rauch der Fabrikschornsteine den Menschen den klaren Himmel verhüllt hatte, die nun im Finstern unter einem dichten Netz von Drähten dahinschreiten, auf welchen die stumme, aber grausame Kraft des geriebenen Bernsteins Nachrichten dahinträgt, Nachrichten, eine grausamer als die andere, blutdurstig und sinnlos, wie sie noch niemals die Welt gesehen hatte. Dieser Lärm der kaskadenhaft dem Abgrund zueilenden Kultur, die in den Menschen nur erbärmliche Gelüste nach nichtiger Bequemlichkeit entfacht, dieser Lärm ging spurlos an den Ohren deS großen Wanderers vorbei, der, in das Studium des großen Buches vertieft, dasaß. Und nur der sprühende Gischt der Kaskade ist eifrig bemüht, die heiligen Blätter zu bespritzen und sie mit dem Rostflecken des Spottes und Unglaubens zu besudeln. Die Führer des Zionismus erleichtern noch die Arbeit dieses Gischteshoheitsvoll ignorieren sie die religiöse Frage und rücken in den Vordergrund bloß Emigration und Polittk — und wiederum Politik und Emigration." „Wollen wir uns vor allem aus allen Weltrichtungen versammeln — dann erst werden wir eine Religion schassen." Das ist ebenso unnatürlich und unklug, wie unpopulär — und besonders in bezug auf die Juden. Vor allem muß man sich zu Gott wenden — Gott wird schon selbst sein Werk tun, wird dem Volke ein Land geben und wird es mit noch mehr Gnade überhäufen als seine Väter. Die Führer des Zionismus urteilen aber anders. Sie haben gleichsam mit Gott die Rollen vertauscht. Sie wollen die Juden aller Staaten nach dem Lande ihrer Väter schaffen — dann aber wird Gott schon darum sorgen, daß das Volk mit seiner Seele sich zu Ihm wendet. Und Gott sagt ihnen: „Versucht einmal! Macht meine Arbeit!" Und wendet sich ab von ihnen. Und nun entstehen unter dem Schutze der göttlichen Gnade kindische Kolonialbanken, puppenstubenartige Kongresse mit kleineren und größeren Komitees, die, von niemandem dazu ermächtigt, sinnlose Verhandlungen über kindische Dinge von der Art der Charta und der Gnadengeschenke des Sultans führen. Das Volk sieht die Nutzlosigkeit derartiger Unternehmungen und flieht diese Bewegung. Es ist keine Gottessache es steckt zu viel Menschliches darin, zu viel Erdachtes und Nezeptenhaftes. Deshalb höre ich auch, daß sogar unter den Rabbinern Verwünschungen laut werden, die den Zionismusals eine dem Volke fremde Lehre verurteilen, eine Lehre, die großes Unglück nach sich bringen könnte. Und in der Tat: trotzdem dies nun die Orthodoxen sagen, die in geistigen Fragen für gewöhnlich die Position der Finsterlinge einnehmen, — hier steht die jüdische Orthodoxie auf festem Boden und ihr Widerstand ist völlig gerechtfertigt. Die gewöhnliche Ansicht, als höbe der Zionismus das nationale Selbstbewußtsein (die Jünger dieser Lehren lieben es, sich so pompös auszudrücken) bewahrheitet sich aber in der Wirklichkeit ntcht. Echt Nationales birgt der Zionismus nicht. Ich interessiere mich für diese Frage, welche die Presse übertrieben würdigt — und sah mir einige zionistische Publtkattonen mit dem alten Zeichen der zwei einander schneidenden Dreiecke an. In einem dieser Bücher fand ich das Bild eines kleinen Mädchens mit einem lieblichen, runden Gesichtchen und runden, weichen Händchen, die es über der Brust gefaltet hielt. Die Augen der Kleinen blicken andächttg nach oben und reden mit Gott in der bläulichen Ferne. Unter dieses Bild könnte man ruhig schreiben : „Pater noßter“ oder „Vater unser" und überhaupt jede beliebige europäische Übersetzung dieses berühmten Gebetes Christi, weil das Gesichtchen des kleinen Mädchens — gepflegt, verzärtelt, rund ist und alle erblichen Merkmale der arischen Raffe ttägt, die Europa bevölkert — am wenigsten sieht aber dieses Kind einem jüdischen ähnlich. Unter dem Vllde steht aber: „Lila towo“, d. h. die ersten Worte des jüdischen Morgen gebetes. In dieser kleinen Fälschung spiegelt sich grell das Unpassende der nationalistischen Färbung wider, die der Zionismus annehmen möchte. Er selbst ist Blut vom Blute und Fleisch vom Fleische des modernen Europäismus, ist sein verzärteltes, schwaches Kind, welches ttrrtenhausartige Staaten schafft und auf dem Haupte eine Binde mit einer Ausschrift in jüdischen Lettern trägt. Der Zionismus ist nicht das ttefe Meer des nationalen Gedankens, und sein Nationalismus ist nicht von reinem Golde.... Noch weniger birgt aber diese Bewegung, die nach jüdischem Schnitt angefertigt ist, progressiven Geist — trägt nicht den Stempel des Fortschritts, von dem man so beredt auf den Kongressen spricht. Das überrascht am meisten. Wenn die Führer des Zionismus, sonst kluge und talentvolle Leute, die aber ihrem Volke sehr fernstehen — wenn diese keine gesunde Volksbewegung schaffen konnten, so darf man sie deshalb nicht beschuldigen. Sie möchten etwas leisten, find es aber nicht imstande.... .... Jene gesunde Saat der Emigrationsbewegung aber, die die Anhäufung der Juden in einem Lande vermeiden und sie zur längst vergessenen Bodenarbeit zurückbringen möchte, — diese zweifellos reine und herrliche Bewegung, welche die Zionisten als ihr Eigen ausgeben, gehört durchaus nicht dem Zionismus. DaS Streben nach Kolonisation bestand schon früher — der Zionismus nahm es nur fredj für sich in Besitz, gab ihm eine ihm fremde politische Färbung und bremste dadurch nur vollständig die Rückkehr der Juden zum Ackerbau. Das Gespenst des Judenstaates nahm kolost sale Dimensionen an und dies komplizierte nur unnötigerweise das an und für sich einfache und klare Verlangen der Menschen, die Städte zu verlassen und sich der einzigen, uns allen angeborenen, gesunden und herrlichen Gottesarbett — dem Ackerbau, zu widmen. Und dieses Gespenst raubt" den Völkern Europas alle Lust, die Emigrattonsbewegung zu unterstützen — raubte diese Lust sogar den Juden selbst. Das Abenteuer ist zu gewagt und die Zukunft zu drohend. Lin knimgescdicbtlicbes Kapitel der Genesis. Im 36. Kapitel des ersten Buches wird uns ein Geschlechtsregister Esaus vorgeführt, dessen Person und Nachkommenschaft dann völlig zurücktritt. Es soll uns mit demselben doch wohl mehr als ein bloßes Namensregister in die Hand gegeben sein. Wir wissen, daß die Personennamen Ei ge n° schäften bedeuten, welche ihre Träger haben oder haben sollten. Je nachdem sie ln Stellung und Beruf ihren Namen mit dem ihrer Zeit verknüpfen, gilt ihr Name als Programm für ihre Zeit. So sehen wir Kap. 5 und 10 nach dem Vorgang unserer Weisen die Namenslaviatur eine Kulturgeschichte andeuten (vergl. Hirsch dazu). Auch in diesem Kapitel dürften wir derartiges nicht hinein-, sondern herauslesen, wenn anders das ganze Kapitel überhaupt Zweck und Bedeutung haben soll. Wenn für Personen nicht nur sokche NameN, die in unserem Kapitel benannt werden, sondern — das gilt im allgemeinen für Doppelnamen in dem biblischen Kanon — auch andere Namen an an-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.