Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1911)
- Date
- 1911-11-02
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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r. Nö. 48. Der JSratttt. 16. Niweuiver 4ML Myhl nicht des Anspruches, sondern der Leistung — für die Allheit zu erkennen. Uebung im Entsagen ist da die einzig mögliche Schule, um das Kulturheer der Menschheit für seinen Bormarsch auszubilden. Diese „Selbstheiligung" genannte Stählung des absoluten Willens zum Guten erscheint überall als Ziel des jüdischen Speisegesetzes. DmZHpnm „heiligt euch, damit ihr heiiig werdet, denn hellig bin ich,/ so heißt es am Schluffe der Speisegesetzgebung. (HI 11. 44). Diese Selbstweihe ist die Emporstufe, zu der sich das jüdische Volk erst nach seiner Befreiung aus der ägyptischen Umgebung erheben konnte. Im „Flachs spinnenden" ägyptischen Staat, in dem nach einem jesajanischen Wort (19, 2) König gegen König, Stadt gegen Stadt kämpfte, war der Egoismus zu Hause/ und solange sich das Volk noch mit schlecht verhaltener Sehnsucht der FleischtöpfL Aegyptens, seiner Gurken und Kürbisse, seiner Fische und Zwiebel erinnerte, so lange war die Stufe noch nicht erreicht, zu der es mit dem Auszug auS Aegypten hatte steigen sollen. Lautet doch die Unterschrift des Speisegesetzes, die seine Begründung enthält: „Denn Ich bin Gott, der euch aus dem Lande Aegypten emporführt, euch zum Gott zu sein, darum werdet hellig, denn heilig bin Ich" (III. 11, 45). Die „Hinausführung" aus Aegypten wird sonst überall durch VtttanTT oder mnan ausgedrückt. Hier wird sie aber durch das Wort iTOön qualitativ bewertet Das wirft genügend Licht auf die Auffassung, die uns die Thauro über die Speifevermitteln will. Wir gelangen durch die jung auf eine höhere sittliche Warte, lernen „Unreines von Reinem unterscheiden", hüten uns, „unser Wesen zu verunreinigen" und es „zum Abscheu zu machen." Wir brauchen bloß an die Kannibalen oder Trunkenbolde zu denken, um die Wirkung körperlicher Genüsse auf die Geistesverfassung und die Herzensregung des Menschen zu verstehen. Diese Extreme mit ihren drastischen Beispielen unterscheiden sich im Leben nur quantttativ von den - jnehr verborgen und in die Ferne wirkenden Genüssen, die der übrigen Menschheit gestattet, uns aber verboten sind. Jedenfalls sehen wir im Grundzug die Möglichkeit vor Augen, daß gewisse Genüsse die Sittlichkeit des Menschen zu untergraben geeignet sind. Neben diesen auf die Erhaltung des für den . Menschen höchst möglichen Willens zum sittlich Guten gerichteten Speiseverboten, gibt es sicherlich auch solche, die ohne direkte Beeinflussung , des Nervensystems, der Phantasie und des Empfindens rein symbolischen Charakter haben. Hierfür steht als klassisches Beispiel das als Symbol gegebene Verbot, die Spannader zu genießen 8. d2, 23) da. Rabbiner Hirsch erkennt in diesem Verbot, dessen geschichtlicher Ursprung uns erzählt wird, die Mahnung an Israel, auf die äußere Kraft heiter Verzicht zu leisten. Denn „für Jakob und Israel liegt in anderem, höherem, nicht von Esau zu schwächendem, die Kraft". „Wenn Jakob fällt, fällt es nicht, weil es an materieller Macht Esau nicht gleichkommt, sondern weil es nicht verstanden, sich den Schutz Gottes zu erhalten. Wenn Israel steht, steht es nicht, weil eine feste materielle Stütze, sondern weil sein Gott cs auf Adierflügeln seiner Allmacht trägt." Die Erinnerung an den im Ringkampf mit Esaus Genius hinkend gewordenen Jakob soll uns also nicht nur zur Entbehrung wertvoll erscheinender äußerer Kräfte befähigen, sondern sie geht einen Schritt weiter und zeigt den Gegenwert, den wir für unsere Entsagungsfreudigkeit eintauschen, der diel höher steht als das Gut, das uns verloren geht. Wir üben uns, gern und freudig zu verzichten in der beruhigenden und beseligenden Zuversicht, unverlierbare ewige Werte zu erringen, deren Erwerb und Besitz uns im Verlauf der uns als Sieger schauenden Weltgeschichte dereinst die Anerkennung auch derjenigen Menschheitskreise entgegenbringen wird, an die wir den Genuß dieser irdischen und vergänglichen Güter verloren haben. War nicht schon die bis heute sich vollziehende Weltgeschichte eine vollinhaltliche Probe auf das Exempel des Spannaderverbotes?! Sehen wir also auch in diesem Gesetz, das natürlich in erster Reihe bei den uns sonst zum Genuß erlaubten Tieren in Betracht kommt, keinen Grund, der aus dem gesundheitlichen Gebiete zu suchen wäre, so ist derselbe ebenfalls bet dem Verbote, Fleisch, das vom lebenden Tiere abgeschnitten wurde, zu genießen, ausgeschlossen. Denn um so frischer das Fleisch ist, um so gesunder ist es. Und auch hier kommen doch wieder nur die Tiergattungen für das jüdische Volk in Betracht, die ihm zu essen erlaubt sind. Als wenn überhaupt von der universalistisch denkenden und kosmopolitisch wirkenden Bibel angenommen werden könnte, daß sie nur für die Gesundheit des kleinsten Völkchens besorgt wäre, die übrige Welt sie aber gar nichts angtnge. Als wenn Gott, der Gesetzgeber der Bibel, nicht Vater aller Menschen wäre, der „die ganze Welt in seiner Güte speist!" Gehört doch das Verbot TiTi Jö zu genießen, zu den sieben noachidischen Geboten, zu deren Befolgung alle Menschen verpflichtet sind. Za ganz eigentlich könnte gerade der Jude von dem lebendigen Tiere Fleisch genießen, wenn nämlich unmittelbar nach dem vollzogenen Schächtschnitt ein Stück Fleisch abgeschnttten würde. Erst die Weisen raten hiervon ab, weil es widersinnig erscheinen könnte, daß dem Juden etwas erlaubt sei, was dem Nichtjuden, da dieser keine Schechitah kennt, zum Genüsse verboten ist. Auch das Spannaderverbot reicht mit seinem geschichtlichen Ursprung in eine Zeit hinauf, in der man von einem Jüdischen Volk und dem Judentum als solchem noch nicht reden kann. Das Verbot von den Früchten des Baumes der Erkenntnis des Guten und des Bösen zu essen, besitzt doch sicher ein höheres Alter. Ja, zu einer Zeit, als Tiere überhaupt noch nicht zum Genüsse erlaubt waren, vor der Sintflut sehen wir bereits einen Unterschied zwischen reinen und unreinen Tieren in der Gottes-Rede (I. 7, 2) gemacht. Da zum mindesten muß doch ein anderer als gesundheitlicher Grund zugestanden werden. Es sei nur noch ein Speiseverbot erwähnt, bet dem jeder Kommentar überflüssig ist. Es handelt sich dabei um eine zeitweilig verbotene Art der Zubereitung, die niemand in das Gebiet der Hygiene verweisen wird. Denn was das ganze Jahr zuträglich ist, wird nicht in einer bestimmten Jahreswoche gerade den Stoffwechsel stören. Wir meinen das pvN-Verbot am NOQ. Es will lediglich die Mahnung unserem Bewußtsein lebendig erhalten, unsere Selbständigkeit nicht allzusehr betonen und den Erfolg im Leben des Einzelnen und der Gesamtheit nicht unserer eigenen Kraft zuzuschreiben. Denn das „Brot der Armut" die NLO, ist der noch immer lebende, nie verstummende Zeuge für jenen Moment, in dem wir ohne alle eigene Vorbereitung, ohne vorherige Kenntnis der Erlösungsftunde, geradezu gegen unseren Willen aus Aegypten gejagt wurden. Wir begehen am NOS nicht das Andenken an Befreiungskämpfe, sondern an unsere Erlösung durch Gott. Der wirksamste Beweis aber dafür, daß es sich beim Speisegesetz nicht um eine objektive Eigenschaft der Speise, sondern um eine subjektive Wirkung auf den Speisenden handelt, dürfte der Umstand sein, daß der Genuß einer an sich erlaubten Speise in Frage gestellt werden kann, sobald eine religionsgesetzlich' dazu nicht vertrauenswürdige Person die Speise zubereitet, oder dieselbe Zu einer hierfür verbotenen Zeit hergestellt worden ist. Wenn z. B., jemand, der gewissen Mindestforderungen des Gesetzes mit seinem Leben nicht genügt, ein zum Genuß erlaubtes Tier völlig vorschriftsmäßig geschächtet hat, so würde es trotzdem nicht als geschächtet gelten. Eine in ihrem Leben nicht den Vorschriften des Religionsgesetzes entsprechende Person verdient bezüglich der rituellen Zubereitung der Speisen kein Vertrauen, und ein am 712V ohne — im Sinne des Gesetzes — bevedftiqten Grund gekochtes Gericht ist zum Genüsse verboten. Aus alledem dürfte wohl zur Genüge hervorgehcn, daß unsere Speisegesetze für uns mit hygienischen Vorschriften nicht identisch find. Das Wort NV2 bedeutet für uns keine Siegelmarke der Reinlichkeit. Gewiß, für die Außenwelt gewährleistet das jüdische „Kaschruth" durchaus peinlichste Beobachtung aller Gefurchheitsmaßregeln. Sie mißt den Wert nach dem Erfolg, den sie begreift. Auch dieser Anerkennung, die sich noch immer steigern und immer wettere Kreise erobern wird, freuen wir uns. Wir begrüßen sie als einen Sieg der Bibel. Wir aber dürfen die Ursache nicht mit der Wirkung verwechseln. Die Heiligung des Lebens, die erstrebt werden soll, umfaßt den ganzen Menschen, und so gewiß ein gesunder Geist nur in einem gefunden Körper herrschen kann, so gewiß setzt ein reines Herz einen reinen- Organismus voraus. Nur von diesen Gesichtspunkten aus möge das jüdische Speisegesetz dessen Beschreibung wir im Folgenden unter hauptsächlicher Berücksichtigung des jüdischen Haushaltes versuchen wollen, aufgesaßt werden. Bestimmungen, die nicht im einzelnen Hause Geltung haben oder verwendet werden können, wie die Vorschriften über das Schächten u. bergt, werden wir ausschalten. Gilt es doch vor allem, bet den jüdischen Privatpersonen, in der jüdischen Familie, Sinn und Verständnis für das Thorawort in unserer Zeit zu wecken und wachzuhalten und auf dem vorliegenden Gebiete wieder die Tendenz der Speisegesetze zur Geltung zu bringen: Durch Reinheit zur Heiligkeit! Tolstoi über den Aonismnr.*) Diese Bewegung .... interessiert mich stets nicht deshalb, weil sie dem jüdischen Volke einen Ausweg aus einer schwierigen Situation bietet. Diesen Ausweg gibt sie ihm gar nicht, sondern sie fesselte mich durch das markante Beispiel des großen Einflusses, welchem manchmal Menschen mit einer reichen Vergangenheit unterworfen sind. Bor unfern eigenen Augen erkrankt ein altes, kluges und vielgeprüftes Volk, das schon längst eine der schrecklichsten Krankheiten der Menschheit a\x sich gespürt hat, erkrankt von neuem an demselben Leiden. Von neuem spricht aus ihm das Verlangen nach einem eigenen Staate und der böswillige Wunsch, zu regieren und eine Rolle zu spielen. Von neuem will es den großen Apparat der äußeren nationalen Macht aufstellen, den Apparat mit seinen Soldaten, Fahnen und der eigenen Formel auf dem Kopf der gerichtlichen Urteile. Ich glaube aber, daß nur die Minorität des Volkes von dieser finsteren Leidenschaft ergriffen ist, die durch Vernichtung, Erschöpfung und den unvermeidlichen Stillstand der lichten Arbeit des Geistes dem sicheren Untergang entgegenführt. Ich glaube, daß an dieser Krankheit der „Wiedergeburt", im Grunde genommen aber „Degeneration", nur einzelne Individuen des Volkes laborieren/ es ist der schwächere und nachgiebigere Teil des Volkes, der gerne geistreich erscheinen möchte und der die europäischen Nationen um ihren Scheinglanz beneidet. „Die Führer der Bewegung sind, ohne es selbst zu merken, der furchtbaren Sünde der Lostrennung von den anderen verfallen und befestigen diese Sünde absichtlich in dem Bewußtsein der Menschen, denen sie die Sache durchaus nicht in dem Sinne erklären, wie sie eigentlich ist. Beständig wiederholen sie die Phrase, daß der Zionismus eine progressive Bewegung des Bolksgeistes sei, des Volksgetstes, der endlich die Ketten der Sklaverei abschüfteln und dem Volke *) Aus „Graf Leo Tolstoi über die Juden ' von Teneromo bei E. Murawkin, rusfischer Verlag, Berlin. -> liäS&r. ■ —JÜ j/j-«-* . i .jm