Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1911)
- Date
- 1911-11-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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T. Jahrgang. M «*• üdiecher Volkefreund Monatt-Keilsse znn „0$raelir V—twrtttek ftalalittoas RaHnntr Dr« ö. <XKotf h» Kdta, Cro$i$pende. Der natürliche Trost für die Vergänglichkeit des Einzeldaseins liegt in der Zugehörigkeit zur ewig dauernden Gesamtheit. Die Gesamtheit ist die unsterbliche Trägerin der Aufgaben der Menschheit und Israels, die Vollbringerin des Gotteswortes an den Geschöpfen in der Schöpfung. Nachdem in Israel ein Volkskreis dem Gottesworte wiedergewonnen ist, empfängt der einzelne Jude aus der Gesamtheit seines Volkes das Wort, das am Anfang der Entwicklung des jüdischen Volkes dessen Ahnen von Gott selbst mitgeteilt wurde. Sie fühlten sich durch die ihnen gewordene Offenbarung lebendig mit ihrem Dasein und mit ihren Lebensbedingungen in ihrem Schöpfer wurzeln und verloren nicht den Mut, Ihm allein zu gehören. Freudig stellten sie sich in den Dienst einer Bestimmung, die das Ziel der göttlichen Allmachtswaltung bedeutet und daher den Träger mit derselben zuversichtlichen Stegcsgewißheit erfüllt, die dem Willen und Wirken des Lenkers der Menschheitsgeschicke eignet — trotz des Widerstandes wechselnder Eintagsges chlechter. Den Stammvater Jsak aber mußte Gott nach dem Tode Abrahams erst ausdrücklich segnen (I. 25,11), damit diese Erkenntnis und Lebensauffassung ihn reife. Unter diesem Segen verstehen die Talmudweisen (Sota 14 d) die Trostspende an Trauernde. Die§e Auslegung kann darin ihren Grund haben, daß dieser Segen mit der Erzählung vom Tode Äwrohoms in Verbindung gebracht wird. Wir hören nicht, daß Awrohom vvr seinem Tode Jizchok gesegnet habe, während Jizchok und Jakob vor ihrem Tode wohl ihren Söhnen Segen geben. Das schmerzte Jizchok und Gott richtet ihn auf, dadurch, daß Er ihn selbst segnet. Awrohom — so meinen die Weisen — habe den Segen darum unterlassen, um nicht auch die Bestrebungen Esaus darin von selbst einzubegreifen/ ruhig dem Werdegang der Geschichte es überlassen-, wem sich der Segen zuwenden würde, darauf vertrauend, daß die Prinzipien der Wahrheit sich selbst den Segen erringen würden. Im allgemeinen pstegen übrigens nur größere bedeutsame Berichte mit 'iNtt \T1 eingeleitet zu werden; hier bildet aber nur ein einziger Satz den Inhalt der Erzählung. Es muß also wohl in dem knappen Bericht Bedeutsames enthalten sein. Ohnehin könnten wir uns schwer den Grund der hinzugefügten Bemerkung erklären, daß „Jizchok sich bei dem Brunnen Wi W aufhielt." Die Weisen meinen nun (Bereschis Rabbah 62,7) auf Grund ähnlicher Stellen, die dieselbe Einleitung enthalten, dattn einen schmerzvollen Seufzer darüber wahrnehmen zu sollen, daß die Welt in dem Fortschritt, in dem sie sich befand, gehemmt worden und wieder zurückgeworfen worden sei. Wir erfahren 1.26,15, daß die Philister all die Brunnen, die die Diener Äwrohoms in den Tagen seines (Jizchoks) Vaters Awrohom gegraben, verstopft hatten, indem sie dieselben mit Erde füllten. Daraus aber, daß dort in DI&hD das plusquamperfectum gewählt ist, wird ersichtlich, daß das Zuwerfen der Brunnen unmittelbar nach dem Tode Äwrohoms sich ereignet hatte. fi njCäSfliMi'rf'rfrfrh'imi Das Graben der Brunnen war eine öffentliche Wohlsahrtseinrichtung sondergleichen. Staaten ließen ssch diese Fürsorge für die Wüftenwanderer nicht angelegen sein, und als soziale Betätigung des Einzelnen wurde sie teils mit neidischen, teils mit die „Intelligenz" verhöhnenden Blicken verfolgt. Awrohom stellte aber eine gefürchtete Macht dar, mir der Könige weitsichtige Bündnisse zu schließen ernstes Interesse hatten (I 21, 22 ff.), und man mußte ihn gewähren lassen. Als er aber das Zeitliche gesegnet hatte, hofften alle seine offenen und geheimen Gegner, denen seine Bestrebungen zur Aufklärung der Massen in Verbindung mit deren materieller Hebung ein Dorn im Auge waren, feine Schöpfungen vernichten zu können. Gewalt und Lüge könnten wieder triumphieren und dürften sich auf den Trümmern des von Awrohom unter schwerem Kampf und mit rastloser Mühe ausgeführten Gebäudes fröhlich tummeln. Seinen Nachfolger glaubten sie mit Spott und Hohn empfangen zu sollen, da er weder Kraft noch Ansehen besäße, das Werk seines Vaters fortzusetzen. Die Inhaber der Macht waren ja — sie, die nun nach Äwrohoms Tod erleichterten Herzens von dem Druck ausatmeten, der dadurch auf ihnen lastete, daß sie gezwungen waren, sich Zurückhaltung aufzuerlegen. Awrohom, so wähnten sie, gehöre der Geschichte an, und die Welt verfalle wieder in ihre alten Fehler, alle Anstrengung, eine Besserung anzubahnen, solle vergebens sein — da erscheint Gott dem Jizchok, sagt seinem Streben Gedeihen zu und Erhaltung und „Erweiterung" dessen, was Awrohom, sein Vater, begonnen. Selbst, vielmehr gerade an der Landesgrenze der Philister vorderen Augen, sollte der Brunnen, nach Dem benannt, Der den Menschen sieht, wofern der Mensch nur nach Ihm ausblickt, unangetastet bleiben. Jizchok, dem frühen Stammvater wird die Trostverheißung in besonderer Erscheinung. Die nachgeborenen Geschlechter, die im Rückblick auf die Jahrtausende der jüdischen Geschichte die wunderbare Erhaltung des Volkes und seines geistigen Inhaltes schauen, erleben mit jedem Augenblick die gleiche Offenbarung. Jedes sterbende Geschlecht hat die Gewißheit im kommenden weiterzuleben und jedes aufblühende lebt dem ermutigenden und erhebenden Gedanken ein unentbehrliches Glied in der Kette zu sein, die in fortlaufender Ordnung Anfang und Ende der Zeiten verbindet, eine notwendige Stufe der Leiter, die von der Erdenniedere zur Höhe der himmlischen Ziele führt. Die 5pekegesetre. Den Vorschriften für die Trauerzeit und denjenigen für die Mahlzeit lassen wir nunmehr die Beschreibung der Speisegesetze folgen. Der Zusammenhang ergibt sich von selbst. Der Wert des zeitlich eng begrenzten Hierseins wird durch die innere Pflege feiner sittlichen Momente erhöht, und das ganze Erden- *) Genehmigter Abdruck der Einleitung aus der eben zu erscheinen beginnenden 3. Lieferungsserie des „Denkenden Juden": „Die Sveisegesetze", im Verlag der Bibliothek deS jüdischen Bolksfteundes, Cöln. dasein wird zu einer geistig-sittlichen Daseins kultur erhoben, wenn es unter dem Gesichts winket ernster Pflichterfüllung begriffen wttd Wenn nun noch gar die peinliche Wahl des Genusses unsere Geistesrichtung und unser Gemütsleben in seinem Gleichgewicht erhalten und die Befähigung für die Entbehrungsfreude und Opferwilligkeit vererben soll, dann haben wir die Richltnie der Erziehungsmethode, durch die die Thora ihr Volk zu entschiedenen und bereitwilligen Altruisten erziehen will, klar vor Augen. An der Spitze der biblischen Sprisegesetze steht ein Verbot, das unzweideuttg die Begründung des Speisegesetzes und der Genußverbote ausspricht. Dieses Verbot ist aber nicht einem jüdischen Kreise gegeben, sondern schon dem ersten Menschenpaare. Sein Zweck ist dahin gekennzeichnet, daß die „Erkenntnis des Guten und des Bösen" von hier aus dem Menschen einleuchten soll. Gut und Bös sind aber Begriffe, die erst in der Gesellschaft zutage treten. Es ist daher unmittelbar an das Verbot, vom Baume der „Erkenntnis" zu genießen, der Bericht von der Erschaffung des Weibes, der Gründung der Familie, des kleinsten Kreises der Gesellschaft, angefügt. Wir sehen in diesem Genußverbot nicht nur im allgemeinen ein sittliches Ziel ausgedrückt, sondern es wird sogar Verwahrung gegen eine etwaige Vermutung, es habe eine gesundheitliche Bedeutung, eingelegt. Die Früchte des verbotenen Baumes werden direkt als „gut zum essen" gepriesen. Im Zwiegespräch zwischen Schlange und Weib wiederholt sich dieser Ausdruck 21L (I. 3, 6) und da wird er vom Targum sinngemäß mit 'DK, „gesund" wiedergegeben. Also gesundheitlich empfehlenswert, und dsch zum Genüsse verboten, welch anderer Sinn kann da dem Gesetze innewohnen, als derjenige, der in der „Erkenntnis von gut und bös" liegt. Um hingebungsvoller „Diener und Förderer" des Menschheitsbodens sein zu können, muß der Mensch sich dazu erziehen, für seine Person auf das Beste und Schönste zu verzichten imstande zu sein. Wenn Vernunft und Empfinden keine Gründe zu finden vermögen, warum der Mensch sich selbst einen gesundheitlich nicht zu verwerfenden und ästhetisch sogar ansprechenden Genuß versagen soll, dann gibt es nur einen ausreichenden Grund. Es ist der kategorische Imperativ des Gotteswortes. Dieses Wort schaut den Menschen in dem ganzen Umsang seiner Ausgabe. Es berücksichtigt nicht nur sein körperliches Wohlergehen. Ihm liegt auch die Sorge für die Stellung des Menschen in der Welt des Verkehres ob, die Regelung des Verhältnisses, in dem der Einzelne zur Gesamtheit steht, die Anerziehung des Pflichtbewußtseins, das der Mensch aus dem Posten zu betätigen hat, der ihm im WeltenheSre von dem Herrn der Heerscharen angewiesen wird, da gilt es bei aller Umfchmeichelung der Sinne und allen Vorstellungen des Selbsterhaltungstriebes, die alle berechtigt und vernünfttg erscheinen, den Blick für die Gesamtheit nicht zu verlieren und die Einzelpersönlichkett in ihrem vollen Wert —