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Der Israelit · 1911-11-02 · Heft 44 (2.11.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 44 (2.11.1911)
Date
1911-11-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Elne Welle in der Andachtsklause verträumt, läßt frischen Saft durch die wandermüden Glieder gleiten. Ist aber das dumpfe „Oschamnu" ver klungen, beginnt eine neue Jahresvilanz mit einem neuen ttvn jy Register... Ein konsequenter Neologe nimmt von der Suckohpfiicht keine Notiz. Suckos, so deduziere die beschränkte Logik, ist ein abstraktes orthodoxes Fest. Und wenn schon der greise Oberrabbi königlicher Rat, Dr. Samuel Kohn, wie es stadtbekannt ist, sich da in der guten Stube und nicht im wankenden Zelt, wohl sein läßt, was sol Gevatter Schneider und Stieselflicker, oder gar der behäbige Rentenmeister vom Westend, die doch sicher nicht von der Religion leben, denen doch die Konfession wirklich Nebensache ist, sagen Und sehen diese ewigen Lamentatoren der Ein heit durch Zufall einen wohlmontierten Konfessionsgenoffen von der alten Garde mit dem „Lulaw" — von dessen Symbolik sie seit Urzeit mit verdrehten Augen salbadern — stolz einherschreiten, so ist es um ihre Ruhe geschehen. Es wird den subtilen Herren ängst ltch zu Mute. Merkwürdig, am Hoschana Rabba. rauscht wieder ein kühler Zug von An dacht durch ihre Tempel. So ganz isoliert, von einer starken Hand zu Boden gedrückt, fühlt sich der Konfessionsgenoffe, der ohne Thora und Mizwos — wie die Arowo — duft- und saftlos sein hoffnungsloses Leben führt, wohl. Dann aber am Simchasthora wird es kirchenstill. Abgesehen von einigen anachronistischen Kränzchen, Maskeraden und Tanzbelustigungen, die sich gewisse Handwerksburschenschaften oder Dienstbotenvermittler leisten, ist es bet ihnen tot. „Aus Mangel an Bewerbern" wird dann die Bude geschloffen. Simchas Thora ist eben nur ein rein orthodoxes Fest. Trotz dieses Kulturbildes, das das Leben unserer Judenheit wtdersptegelt, wollen die fanatischen Weltbeglücker mit den Kuttentragern in Reserve noch immer nicht zur Einsicht gelangen. Friede muß sein, selbst auf Kosten des zerflei schenken Bruderkrieges. Sie wollen noch imm-r nicht einsehen, daß hier der lateinische Spruch auf den Kopf gestellt wird : 81 vis bellum, pur» paeem (Willst du den Krieg, dann mache Frieden). Diesmal ist es der Parneß der neologen Kehilla von Szabadka, Dr. Klein, der mit-Verve die Werbetrommel rührt, um alle „interessierten" Geister für den Friedenskrteg zu entflammen. Ein Kongreß, beschickt von allen Parteien, muß zusammentreten, um die Grundlagen des einheitlichen Judentums zu legen. „Ein Forum muß geschaffen werden, welches für die moralischen und finanziellen Interessen der ärmeren Gemeinden sorgt, die Rabbinen müssen auch in den kleinen Gemeinden ein ihrer Würde entsprechendes Honorar bekommen; in den größeren neologen Gemeinden soll durch Einrichtung orthodoxer Tempel und Aufnahme orrhodoxerR abbinen als Dajanim der traditionelle Geist einziehen" und endlich —' das soll wohl das überzeugendste Argument aä ho min 6 m sein — „muß ein Pensionsfonds geschaffen werden, damit die trostlose Lage der Rabbinen und Gemeindebeamten gelindert werde." Unter solchen Gesichtspunkten — rundschreibt Dr. Klein weiter an sämtliche Rabbiner und Gemeindevorstände — müßte die Organisation geschaffen werden, „an deren Spitze die fetzigen bewährten Führer mit jüdischer Treue auf die weltlichen und religiösen Jntereffen ihrer Prinzipiengenoffen wachen würden." „B iele Gemeinden, Hunderte min '33" — alles natürlich fett gedruckt — würden den Augenblick segnen, in welchem sich die Vertreter des ungarischen Israel vereinigen wüxden, damit ein neuer Geist in ganz Israel einziehe, der Geist des Friedens— dann — „d er G ei st der Thora, der Geist des einzigen Gottes". Daß er es gut meint, wird von keinem bezweifelt, daß er aber von der ganzen Sache fei neu blauen Dunst besitzt, hat ihm gründlich der Popularisator der Neologenlehre, Szabolcsi, auseinandergesetzt .... Als ob es dafür anderer Argumente als des Hinweises auf die trostlose Lage jener selbstgeopferten Gemeindeorganisationen bedürfte, die aus Gnade und Ungnade der Willkür der omni potenten Paschas der vereinheitlichten Ge meinden ausgeliefert wurden. Das klassische Beispiel eines solchen Totenreiches ist Kaschau, eine Stadt, in der die Friedensfurie seit Jahren tobt. Die religiösen Elemente der dortigen auf Basis des Schulchanaruch stehenden Statusquo-Gcmetnde konnten es nicht über ihr Gewissen bringen, die Idee der Einheit zu opfern und mit den Thoratreuen gemeinsam das Zentrum zu schaffen, aus dem der wahre Geist unverfälschter Jüdischkeit ausstrahlt. Sie betrachteten die orthodoxe Mi norität als den Zusammenschluß der Dissidenten, rückten von ihnen links ab und erhielten von der Hauptgemeinde, die um des süßen Friedens willen zu den höchsten Opfern fähig zu sein ver sprach, wichtige Konzessionen und Versicherungen zum Ausbau und zur Erhaltung ihrer — den Neologen ganz fremden Jüdischkeit.... Synagoge, Mikuah, Schauchet Raw und Parnes — ist es nicht erhebend —, wurde den jüdischen frommen Konservativisten „gnädig" gewährt. Nur um den Thron wollte der allmächttge Pharao höher als der jüdische Traumdeuter des Kerkers bleiben. Und nun wurde der Kampf im ureigenen Lager zuende gerungen.... Der einstige einheitliche Oberrabbiner, ein starker Stamm aus dem alten Wald, ist gestorben Sein Nachfolger wird ein Zögling des Pefter Seminars, der vor jeder Windrichtung wohlweislich zusammenknickt. Die Synagoge erwies sich zu weit — sie wurde durch das Einstellen einer markerschütternden Orgel intimer gestaltet. Es Hilst kein Protest, kein Jammer, kein Lamento, das konsequent zuende geführte Prinzip der Gleichberechtigung genügt, um die Orgel hineinzustellen. Das ist ein Gebot der Logik/ das ist ein Gesetz der imperativen Toleranz. Davor zittert das Gros unserer jüdt schen Masse. Klingt es aber nicht wie ein unverfälschter Fastnachtsulk, wenn sich gerade aus diesem Kaschau Szabolcsi schreiben läßt, daß sich die dortige Leitung der orthodoxen Gemeinde gelegentlich eines Empfangs beim Justizminister, Szokely nicht gerade nach den vorgeschriebenen Regeln des seligen Knigge benommen haben sollte. Der Minister wollte durch die Kraft der Rhetorik, hinter der die autoritative Macht seines Refforts steckt, die Orthodoxie, die bei ihm vorsprach, bestimmen, daß sie -en Friedensweg betrete. „Die Gegensätze — so meinte er — sind nicht unüberbrückbar." Und dies gerade in Kaschau, wo jeder Funke von Jüdischkeit niedergetreten wird und sich alle religiösen Elemente aus dem Bannkreis der würgenden neologen Gemeindestruktur vergebens zu befreien suchen. „Der Führer der orthodoxen Deputation" — ich zitiere wörtlich noch „Psti Hirlvps" — gab zur Antwort, „sie hätten jetzt weder Zeit noch Lust, darauf zu reflektieren und entfernten sich." Daß die Idee von der Gefährlichkeit der Unifikation in ihrer heutigen Form auch in den Köpfen solcher dämmert, die nicht der orthodoxen Organisation angehören, aber mit Leib und Leben dem Thoraideal anhängen, darüber im nächsten Brief. Jetzt sei nur kurz auf die erfreuliche Tatsache hingewtesen, daß die oberingarische „Machsike HadaS" Leitung das Geiler ihrer Tätigkeit erweiterte und auf Anregung )es Verboer Rabbiners Samuel Reich die jüdische Patronage zum Schutz verwahrloster Kinder im orthodoxen Geiste betreiben will. In Neutra wird das erste orthodoxe jüdische Kinderasyl errichtet. Uirtztarrd. Kohorojeros Politik in Ser luSenfraoe- Wetersvrrr-, 30. Okt. Wie die russischen Blätter versichern, hat der Zar in der Beratung, die er mit seinem Ministerpräsidenten Kokowzew in Anita hatte, dessen politisches Programm vollständig genehmigt. Diese Politik soll eine Politik der Ruhe sein, in welcher der Duma und dem Senat em breiter Aktionsraum gewährt wird. In diesen Beratungen soll auch beschlossen worden sein, gegen die Polen und Juden keine neuen Rechtsbeschränkungen einzuführen. Kokowzew sei überhaupt bemüht gewesen, den Hof zu überzeugen, daß die bisherige rücksichtslose nationale Politik nicht imstande sei, die ersehnte Beruhigung im Lande herbetzuführen, sondern im Gegenteile geeignet sei, das Verhältnis zwischen den einzelnen Völkerschaften zu verschärfen und die Unzufriedenheit zu erhöhen. 0Se85ses Brief Hdessa, 25. Okt. Die Demission des Stadtoberhauptes Tol* matschow scheint doch nicht so bitter ernst , gemeint zu sein. Möglicherweise sträubt sich der Odeffaer Despot mit aller Kraft dagegen, sein so einträgliches Amt in Odessa mit einer Stelle in einer judenreinen Gegend zu vertauschen, wo die besten Quellen für seine unbegrenzten Einnahmen und die Möglichkeit, seinen Ehrgeiz und Machthunger zu stillen, vielleicht weniger gegeben ist. Jedenfalls schreitet er in der „Regelung" der jüdischen Gemeindeangelegenheiten mutig vorwärts, und man muß es zugeben, daß er hie und da sogar eine recht nützliche Maßnahme trifft, bei welcher das Bedauerliche nur ist, daß sie nicht aus den inneren Verhältnissen aus natürlichem Wege herausgewachsen ist, sondern von dieser Seite der Gemeinde erst ausgezwungen werden mußte. So traf er vor einigen Tagen die Bestimmung, daß die jüdischen Metzger den Koscher-Fleischverkauf von dem Trefo- Fleisch, welches zu bedeutend niedrigeren Preisen verkauft wird, vollständig abzusondern habe. Dadurch ist einem Uebel, über welches man in hiesigen gut jüdischen Kreisen so viel zu klagen hatte, vollständig abgeholfen. Denn nun wird sich die nrwn, die bis jetzt fast unmöglich war, bedeutend erleichtern und den Rabbinern bet einigem guten Willen gegeben sein, die Aufsicht vollständig durchzuführen. Weniger erfreulich ist die beständige Einmischung des Stadtgewalttgen in die internen Angelegenheiten der Gemeindeinstituttonen. Die „Chewra Kadi sch ah" ist jetzt unter die Gewalt der Stadtverwaltung gestellt, und man darf in bezug aus das Schicksal ihres nicht unbedeutenden Vermögens mannigfache Befürchtungen hegen. Nicht besser geht eS auch vielen anderen jüdischen Vereinen und alten Institutionen. Eine eminente Gefahr droht der hiesigen Judenheit vom hiesigen Tierschutzverein, der in letzterer Zett höchst unternehmungslustig sich mtt allerlei Experimenten abgibt. In den nächsten Tagen wird eine non ujm einbexufene große Versammlung stattfinden, die sich mit dem Antrag eines Schächtverbotes für Odessa, eventuell für das ganze Reich befaffen. Auch die jüdische Gemeindeverwaltung und die Rabbiner erhielten Einladungen zu dieser Versammlung. Die Gemüter find ob dieser neuen Gefahr äußerst erregt und man entfaltet nun in Gemeindekreisen eine fieberhafte Tätigkeit, um all das nöttge Material zusammenzustellen und mtt dem ganzen Apparat der wissenschaftlichen Gutachten diesen neuen Angriff auf unsere Rechte abzuwrhren. Gebe Gott, daß dieses Bemühen gelingen möge. Durch die hiesige und auch ausländische Presse sing die Nachricht, daß eine Gruppe jüdischer Jünglinge aus Odessa und anderen Städten Rußlands sich mit Hilfe des hiesigen türkischen , V w.

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