Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1911)
- Date
- 1911-11-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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»er MkraeNt. 2. November 1SL1 - «rite 4 Nr. 44 ¥ mentar, doch Bände reden und eines tiefen Eindrucks sicher sind. Hinter dem Rednerpult steht ein junger Advokat, der über die „krstivds religio. e/y (das jüdische Religionsgesetz) spricht. Er stammt aus V «»jüdischem Hause, hat sich vom Atheismus zum Mystizismus und von diesem schließlich bis zum praktisch-religiösen Judentum hindurchgerungen, Und sagt der aufhorchenden jüdischen Jugend, daß ohne .1-115» kein Judentum existieren kann. Sein Vortrag ist eine Autobiographie. Mein italienischer Freund zur Linken: Ein junger Bankangestellter aus Mailand. Er ist am £y/3V frei, sonst muß er das ganze Jahr hindurch V"11N2V arbeiten. Unter Opferung zweier Nächte ist er für den einen Sonntag zu uns geeilt, um sich als Jude zu bekennen. Mein Freund zur Rechten-. Er hat sich mit seinen Eltern überworfen, weil er seit 2 Jahren £"2V fastet und sich in der jüdischen Religion unterrichten läßt. Worauf es uns hier ankommt? Darzulegen, daß wir geneigt sind, in diesem Kongreß einen neuen wunderbaren Beleg dafür zu erblicken, daß die ewig lebendige jüdische Kraft nie erstirbt, vielmehr sich in einem steten selbständigen Erneuerungs- und Verjüngungsprozeß befindet. Diese Offenbarungen nun dürfen von der jüdischen Welt nicht übersehen werden. Wir möchten hoffen, daß man ihren Lehren Sinn und Ohr, Herz und Hände leihen möge. AlS ich vor nunmehr fast zwei Jahren zum ersten Male italienischen Boden betrat — es war auch damals Florenz — und sich meinem Auge nur ein Spiegelbild der Oberfläche darbot, das in seiner furchtbaren Traurigkeit nicht einmal j-ne so schön im Verborgenen blühenden Keime erraten ließ, da machte ich meinem 'Herzen in einem Notschrei an einen unserer deutschen Führer Luft, ihn bittend, endlich einmal die Initiative zu einer großen, befreienden, internationalett geistigen und moralischen Hilfsaktion zu ergreifen. In den 2 Jahren habe ich in die jüdisch-religiösen Zustände Italiens etwas näher eindringen dürfen. Ich wiederhole heute in aller Oeffentlichkeit diesen meinen Ruf, und ich darf nach all dem, was in den letzten Wochen sich allüberall vorberertet, hoffen: Dieses Mal unter einem glücklicheren Stern. Sammelt Euch in allen Ländern der Erde zu einem Bunde, der das auf Gegenseitigkeit gegründete Berantwortlichkeitsprtnzip, das uns das Judentum lehrt, in echt jüdischem Sinne zu seiner Devise macht. Selbstmord wäre rungen wie die, es, wollte man Lebensäußederen Zeuge ich gegenwärtig sein darf, sich selbst hilflos überlassen. Nach wenigen Monaten würden sie aus Schwäche wieder zurückkehren in die Versenkung, aus der sie gekommen, bis sich wieder einmal genügend lebendig jüdische Kraft angesammelt, um ein neues Lebenszeichen zu geben. Darauf aber darf die jüdische Diaspora nicht warten. Jetzt schon muß sie helfend eingreifen. Die geplante „Agudath Israel" muß gegründet werden, und sie darf sich nicht nur auf Palästina und den Osten beschränken. Auch auf jene Länder, in welchen die materielle Judennot zurücktritt hinter die eminent geistige, mutz sie ihr Augenmerk richten. Hundert Wege gibt es, um praktisch erfolgreich einzugreifen. Auch hier ist natürlich der erste Gekaute: Gründung von Schulen. Doch schon die Verpflanzung eines guten jüdischen Minjans könnte hier Enormes leisten und wirken. Vergegenwärtigen wir uns im Geiste, welche Unsumme geistiger und materieller Kräfte eine Organisation, der alle Treuen in Israel sich anschließen, in sich umfassen würde, und es wird uns nicht bangen. Darum rufe auch ich aus Italien Euch zu: Noch ist es nicht zu spät. Höret und verstehet die Zeichen und Nöte der Zeit! Die iZlarMircben Konfmim* schulen (€iemetitar$ci»aleit) in Mtttemverg. Bon Rabbiner Dr. Schweizer in Werkersheim. In unserer in kultureller Hinsicht so überaus interessanten Zeit, wo alte Staaten und alte Staatseinrichtungen gar oft ins Wanken geraten, und nicht zuletzt auch jüdische Institutionen im Staate einen Hieb versetzt bekommen, ist es vor allem ein mächtiger Lebensbaum des Judentums, an den die Axt angelegt, werden soll, die jüdische Schule. Die deutschen Staaten, die bislang jüdische Schulen unterhalten haben, gehen der Reihe nach daran, dort, wo nicht gerade ein schreiendes Bedürfnis vorhanden ist, die jüdischen Schulen eingehen zu lassen, allerdings, was nicht verschwiegen werden soll, leider häufig auch auf Wunsch der jüdischen Gemeinden. Eine ähnliche Umwälzung der Dinge steht in allernächster Zeit den Israeliten im Königreich Württemberg bevor. Abgesehen von dem schweren Schaden, den das religiöse Leben durch das Aufhören der jüdischen Schulen erleiden wird, ist durch die geplante Maßnahme der ganze Lehrerberuf in Württemberg beinahe den Israeliten verschlossen. An höheren Schulen (Gymnasium, Realschulen rc) ist so wie so schon im ganzen Lande kein einziger jüdischer Lehrer angestellt, nicht einmal an der durch eine jüdische Stiftung ins Leben gerufenen Realschule in Buttenhausen. Umsomehr muß darauf Bedacht genommen werden, daß wenigstens die jüdischen Elementarschulen, dem einzigen Be:ättgungsgebtet der Israeliten im Lehrerbcruf, erhalten bleiben. Die freiwilligen israelitischen Konsesstonsschulen. Die israelitische Bevölkerung des Königreichs war von jeher auf die von ihnen bewohnten Städte und Dörfer so verteilt, daß sie niemals die Mehrheit der dort ansässigen Bewohner bilden konnte. Orte mit durchaus israelitischer Bevölkerung gab es in Württemberg überhaupt nicht. Es liegt darum aus der Hand, daß es niemals völlig ausgebaute, sieben- und mehrklassige Volksschulen bei den Israeliten geben konnte, sondern nur ein-, im günstigsten Falle zweiklassige, d. h. mit zwei Lehrern, einem Haupt- und einem Unterlehrer besetzte Schulen. Zweiklassige Schulen, wie sie z. B. in Laupheim in Rexingen bis gegen Ende des vorigen Jahrhunderts noch existierten, gibt es heute bei den Israeliten Württembergs überhaupt nicht mehr. Aber auch die einklassigen israelitischen Volksschulen, deren Zahl früher bedeutend war, sind heute nur noch auf 6 zusammengeschrumpft: Laupheim, Rextngen, Buchau, Buttelrchausen, Oberdorf, Crailsheim. Ihre Existenz beruhte auf Art. 13 des Volksschulgesetzes vom 29. September 1836: „Wenn in Orten, wo Einwohner verschiedener Glaubensbekenntnisse ansässig sind, die Angehörigen der Konfession der Minderzahl wenigstens 60 Familien, welche an dem Persönlichen oder dinglichen Genieindeverbande teilnehmen, begreifen, so können sie, insofern die Mehrheit der beteiligten Familienväter cs wünscht, die Errichtung und Unterhaltung einer eigenen Volksschule ihrer Konfession ans örtlichen Mitteln ansprechen."' Ihre Fortdauer ist durch den gleichen Art. 13 des neuen Volksschulgesctzes vom 17. August 1909, der keine wesentliche Aenderung erfahren hat, gewährleistet. Allerdings ist dem neuen Artikel 13 der Nachsatz zugefügt: „Sinkt die Zahl der Angehörigen der Konfession dauernd (d. h. mindestens 3 Jahre hintereinander: Vollzugsverfügung vom 1. März 1010, § 6) unter bk Zahl von 60 Familien herunter, so ist bu Gemeinde nicht mehr verpflichtet, die Volksschule der Minderheitskonfession aus örtlichen Mitteln zu unterhalten." Durch diesen Absatz 2 des Artikels 13 könnte von den 6 zur Zeit bestehenden israelitischen Volksschulen der Fortbestand der Schule in Oberdorf in Frage kommen. Allein sollte auch im Lause der Jahre die israelitische Volksin fetcilt^-wehmütigem Sang ertönt da» ',1 1112- Lied zum Abschied vom schönverlebten j-QV- Maartv- £ gebet mit Einschaltung von 121MN H5K dann nbl2H/ womöglich über Wein, und mit den '#¥112^ rfll’BT " 712V veratmet des Sabbats Srelenstimmung, der i rrm» letzter Hauch! 'fr ,122V OEM '1V« . •" & (Schluß folgt.) --- Berliner Plaudereien. f' Berlin schwelgt in Sensation: tont Berlin. Und 'ch wartet sehnsüchtig, aber es nicht zugeftehend, ans die!, beiden mit dein Skandal handelnden Blätter, „das V kleine Journal", „die große Glocke". Das in so schwere $ moralische Bedrängnis geratene Berlin Weh, wo ganze i' Straßenzüge durch reiche und reich scheinen wollende Q. Inden, zu einem kleinen, leider nur zu kleinen Teil ‘ still vornehm, zum größten Teil aufdringlich protz.'nhaft jy-, bewohnt und „belebt" sind, wartet mit Spannung f darauf, wen es noch treffen mag. Und man kennt sich dort gegenseitig oft so genau wie in einer kteie nen Stadt: und Frau Gertrude schont keinen von k allen, die je einmal tu ihre nicht unbedenkliche Nähe gekommen. Innerlich so seelenverwandt mit diesem ,'e' ehemaligen Vorbild in gesellschaftgebender Beziehung, X spielt man äußerlich den moralisch Entrüsteten. Lieber Himmel! wie billig ist seit sechs Wochen die moralische |f, öffentliche Meinung in Berlin! Und waS und wer ^' trampelt nicht alles heute auf derselben 'Familie p, herum, in deren „Häuslichkeit" zu verkehren, zu deren j> „Soireen" geladen zu werden noch vor kurzem das | Ziel des Ehrgeizes so vieler, vieler Berliner jiddischen Kreise gewesen. Und dabei vergißt die große, rnomen- % tan aus Moral und Sittlichkeit gestimmte Masse, daß U das „vornehme" .Haus Wertheim in der Tiergartenstraße nur ei tu vergröberte N a ch bildnng s r ü h e r e r, wenn auch nicht so ordinär gewesener, Vorbilder ist. Tie gedankenlose Masse vergißt in diesem Augenblick, daß leider zahlreiche Judenhäuser denselben Gästen, sofern sie nur einen Adelsnamen und gar noch dazu des Königs Kleid trugen, sperrangelweit ihre Flügeltüren geöffnet hätten, Wenns bei ihnen eben nur dazu langen würde. Ja, die reichen Inden, die „Goldsteins", „Löwenthals", (siehe Spielhagen, Gutzloiv, Kahlenberg,' haben sich selber die Preise verdorben und die Waärc verteuert, die vor zehn Jahren noch als Parti waare und zu Ramschprciscn aufaekanst werden konnte. Poch vor drei Jahren äußerte eine jüdische Dame bei der Wohttungssuche für ihre soeben getaufte und vor der Heirat mit einem Herrn „von" stehenden Tochter zu dem indiskreten Portier in der Roonstraße, inehr als fünftausend Mark dürfe die Miete nicht betragen: ihre Tochter resp. der Herr Schwiegersohn „von", bekomme vorderhand keine Mitgift, sondern nur eine Rente von vierzigtausend Mark. Ich habe bisher noch nicht probiert, wie man mit vierzigtapseüo Mart tut Jahr anskommen muß. Heute geht das mit einem adligen Schwiegersohn leider tticht inehr: da muß schon das Doppelte bezahlt werden und das kommt von der unnoblen Konkurrenz, die sich die jüdischen Parvenüs gegettseitig mit adligen Schwiegersöhnen machen. Ja,' ja, mit den WertheimS als Schwiegereltern kann noch lange nicht jeder Kozin konkurrieren; auch wenn er am Knrfürstendamm wohnt, ein Auto hält und mit größtem Vergnügen seine Töchter und sich selber eines adligen Schwiegersohnes halber mit Wasser und Essenzen schmaden läßt, Und wenn selbst einem Friß Friedländer nach fünfzehn Jahren erstklassiger Taufe mit erstklassigen Taufpaten das Schicksal wieoerfährt, noch immer als Jude sowohl bei Inden als bei Christen betrachtet zu werden, was ist da die ganze Taufe uvch wert für Leute, die kaum c i n c Million itt baar als Nedan mitgeben können? Und was das schlimmste weiter ist, — man darf seinen jüdischen Namen nicht Umtauschen: geht nicht mehr. Tie Negierung tat das ans Wohlwolleit gegen die vielen Cohns, Läwis, Rosen-, Lilien- und Blulnetithals nicht mehr; sie fürchtete, die könnten sonst ganz Oerschwinden. .Hat doch Frau Gertrude — ihr Name ist schon oiniüös: Gerte und Rute — in ihren heutigen Enthüllungen selber erzählt, daß sie hätte „Fürstin" werden können, wenn der Name „Prnkus", dessen Witwe sie war, nicht als unüberwindliches Hitldernis dazwischen gestanden! Wie richtig fragt Shakespeare: „what is in a name?“- Was steckt nicht alles in und hinter einem Namen! Frau Gerte-Rute hat cs jetzt erfahren; nur nicht, w.as es heißt: low schein mischemen tow. Darauf hat sic eben nichts gegeben und das ward ihr sehr zuin Schaden; darauf pfeifen ja alle dieselben Kreise, über, unter und um diese gleiche Kategorien von Protzjuden. Und Ihr, Ihr empört und entrüstet euch über Trudchen und ihr Töchterlein? Bitte, immer schön vor eigner Tür zuerst kehren. Es tnuß zur Ehre der jüdischen Presse gesagt werden, daß sic bis zuttt Schlüsse des Monstreprvzesscs löbliche (Zurückhaltung geübt hat. Jetzt aber beginnen die Beschwichtignngsräte nebst den in solcheit Kreisen glücklicherweise völlig fremden jflebnftcur tt beim doch gar zu einseitig diesen wahren „Fall" als non plus ultra hinzustellen. Woher sollen sie auch diese Sorte „Juden" näher kennen? Tenn sie würden, so wenig wie jüdische Künstler, Gelehrte oder Schriftsteller, die den Boden des Judentums keiner äußeren Ehrung zuliebe preisgeben, zu den reichen Juden ein-