Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 44 (2.11.1911)
- Date
- 1911-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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s November 1SI1 Der JSraoltr n». 44 Sette 8 läge schaffen, sie so fundieren, daß sie in Zukunft auch dem Ansturm der unverbesserlichen Moralisten von der liberalen Seite stand halte. Man will auf die Pflichterfüllung der Juden — natürlich zu Gunsten einer hohen Steuerleistung — verzichten, und somit wäre ihre Rechtlosigkeit für unabsehbare Zeiten gesichert. Nach all dem kann man nur wünschen und hoffen, daß die jetzt tagende letzte Session der dritten Duma zur Behandlung der vielen schwebenden Mischen Fragen nicht -mehr komme und diese einer spätern für die Sache des Rechts vielleicht günstiger zusammengesetzten Volksvertretung Vorbehalten bleiben. Noeli einmal öle Spradie 9er 3ahlen. In Nr. 32 unseres Blattes brachten wir an leitender Stelle einen Artikel, in dem wir uns gestatteten, die von Dr. Felix Theilhaber in seinem vielbemerkten Buche „Der Untergang der deutschen Juden" angeführten Zahlen etwas anders als der Autor zu lesen und Lehren aus denselben zu ziehen, die sich in einer von den Theilhaberschen Schlüffen teilweise stark abweichenden Richtung bewegen. Wie unseren Lesern wohl noch erinnerlich, brachte uns dieser Artikel eine lange Erwiderung des Herrn Dr. Theilhaber ein, in der dieser seine pessimistischen Anschauungen mit einigen nicht gerade liebenswürdigen Bemerkungen an die Adresse der „in einen eigenen Turm sich ein schließenden deutschen Orthodoxie" kräftig verteidigte und die Ablehnung einer „gemeinsamen Aktion zur Nattonalisierung der Gemeinden usw." als verfehlt und „eigenbrödlerisch" bezeichnet. Es ist nun doch von Jntereffe zu erfahren, daß nicht die böse Orthodoxie allein es ist, die, von dem von Theilhaber so grausig gemalten Gespenste des Unterganges wenig geängstigt, seinen Rettungsplänen krittsch gegenüber steht. Im Gegenteil ergeht es der Theilhaberschen Stattstik in den Kreisen, die vom Verdachte orthodoxer „Eigenbiödelei" völlig frei sind, noch weit schlimmer, da man dort nicht allein, wie wir, ihre Schlüffe zurückweist, sondern an ihren Grundlagen rüttelt und schließlich das ganze mühsam aufgestellte Zahlengebäude schonungslos über den Haufen wirft. In einem der jüngsten Hefte der vom „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" herausgcgebenen Monatschrift „Im Deutschen Reich" äußert sich der bekannte um die jüdische Statistik verdiente Dr. Jakob Segall, Berlin in einem längeren Artikel über das jetzt so viel erörterte Problem der jüdischen Geburtenziffer und gibt dann über das Theilhäbersche Buch u. a. folgende Werturteile ab: „Theilhaber gibt in den ersten Kapiteln einen Ueberblirk über die ziffernmäßige Entwicklung der Juden im Reich und den einzelnen Bundesstaaten und findet, daß die Zahl der Juden in Deutschland von 1871 bis 1905 zwar um etwa' 100 000 Personen zugt nommen bat. stellt aber zugleich fest, daß ihr Anteil an der 'GesamwevölkeVung im Verlaufe dieser Zeit ständig zurückgeht. Aus diesem Umstand schließt er sogleich, daß die Eigenentwicklung der Juden nur sehr gering war, daß sie „über eine gesunde volkstümliche Fruchtbarkeit und Entwicklung nicht mehr verfügen, da sie ja, wie die Zahlen beweisen, in ihrem Wachstum stark' hinter dem ihrer Umgebung zurückgeblieben sind." Dann wendet er sich den einzelnen Staaten zu, bemerkt in 12 Mittel- und Kleinstaaten einen absoluten Rückgang der jüdischen Bevölkerung von 1880 biß 190ö und betrachtet eingehender die Entwicklung der Juden in Bayern und Preußen. Für beide Staaten rechnet er heraus, daß die jüdische Bevölkerung ihren Zuwachs in den letzten Jahrfünften nicht der eigenen Kraft zu verdanken habe, sondern lediglich der Zuwanderung aus dem Auslande und kommt zu dem Resultate, daß die preußischen beztv. bayrischen Juden — wohl zu unterscheiden von den in Preußen bezw. Bayern zugewanoerten Judeir — sich in den letzten 15 Jahren überhaupt nicht mehr vermehrt haben. Sehen wir uns nun im einzelnen seine Angaben näher an. Zunächst ist es die Aufgabe eines gewissenhaften Statistikers, der eine Uebersicht über die Ärtwicklung der Juden in Deutschland geben will, nicht bloß den Anfangs- und Endtermin der von ihm behandelten Period; ins Auge zu fassen, sondern auch die Zwischenzeit zu betrachten. Ties hat Theilhaber nicht getan. Er hat sich damit begnügt, die Zahl der Juden im Deutschen Reich im Jahre 1871 und 1905 anzugeben. Würde er die Zahl der Juden in febem dazwischen liegenden Jahrfünft ausgeführt und ihr: Zunahme in jedem einzelnen berechnet haben, dann Hütte ihm unmöglich ein natürlicher Grund für das Zurückbleiben der deutschen Juden hinter der (tzesamtbevölkeruNg und vor allein für die Abnahme der Geburtenzahl entgehen können." Segall kommt, nachdem er eine ganze Menge von Jrrtümern und Rechenfehlern in den Theilhaberschen Zahlenaufstellungen nachgewiesen, zu dem Schluffe, daß über die Fruchtbarkeit der deutschen Juden sich heute noch nichts Bestimmtes aussagen lasse, weil eine exakte Fruchtbarkeitsstatistik fehlt und das absolute Sinken der Geburtenzahl allein auch auf natürliche mit der Fruchtbarkeit gar nicht im Zusammenhang stehende Gründe sich zurückführen läßt. Aus der geringen tatsächlichen Zunahme dürfe kein Schluß auf das Schwinden der Fruchtbarkeit gezogen werden, weil Abwanderungen und Austritte auch eine an sich ganz günstige natürliche Zunahme aufzehren können. Besonders hoffnungsftoh werden freilich die Zahlen auch jetzt, nach der von Segall so gründlich vorgenommenen Korrektur, nicht stimmen. Denn schließlich ist auch eine durch Austritt und Abwanderung begünstigte langsame Abnahme der jüdischen Bevölkerung gerade keine angenehme Erscheinung. Wie wir über die der Judenheit des Westens drohende Gefahr des Unterganges und die Mittel zu ihrer Abwendung denken, darüber haben wir unS oft genug und zuletzt auch in eingehender Weise in Nr. 32 und 34 ausgesprochen. Heute lag uns mit diesen Ausführungen lediglich daran, zu zeigen, wie wenig die Aufstellungen Theilhabers vor dem Forum der statistischen Wissenschaft bestehen können, und wie wenig er daher seinerzeit das Recht hatte, mit so viel Elan und sittlicher Entrüstung der Kritik entgegenzutreten. Zum ersten Kongreß der Wischen Ingens Italiens. Don Heinrich Eifeman» in Rom. Was man vor Kurzem noch für unmöglich gehalten hätte, ist zur Tat geworden. Der erste Kongreß der jüdischen Jugend Italiens ist heute in Florenz unter starker Beteiligung aus allen Teilen der italienischen Judenheit zusammengetreten. Sy wenig bedeutungsvoll diese Tatsache auch auf den ersten Blick für die außeritalienische jüdische Diaspora erscheinen mag, glaube ich doch, ihr in diesen Blättern einige Betrachtungen widmen zu sollen, die sich dem mit hiesigen Verhältnissen Vertrauten, unvermittelt ausdrängen. Eigentlich ist es doch etwas ganz Außerordentliches, daß sich in einem Lande, in dem die Assimilation beinahe am Ende ihrer Aufsaugungsorbelt angelangt zu sein scheint, junge Leute zusammen finden, um — wohlverstanden weder zu sozialen bezw. wohltätigen, noch zu politischen oder zionistischen Zwecken — sich über das Judentum klar zu werden, um zu beraten, wie ein positives Judentum, das sie alle wollen, hier im Lande zu schaffen sei, junge Leute, die, wie schon der heutige erste hochinteressante Einleitungstag, über den ich in der nächsten Nummer ausführlich zu berichten gedenke, zunt größten Teile jeglicher Vorbereitung entbehren. Aus sich selbst heraus entwickelte sich in ihnen das Bedürfnis nach einem gelebten Judentum, das Sehnen und Streben nach einem religiösen Inhalt. Von 20—30 jährigen jungen Leuten, die bis heute dem Judentum überhaupt vollständig fern gestanden, ist es nicht zu erwarten, daß sie von morgen an traditionell-gesetzestreue Juden sein sollten. Langsam vollzieht sich die Entwicklung - manchmal in geradezu erschütternder Weise. Um meine folgenden Sätze zu erhärten, führe ich hier drei Fälle in ihrer einfachen Nüchternheit vor, überzeugt, daß sie ohne jeden Komauch Gebetvorschristen, Verhalten bei Trauerfällen rc. — Dem Vorwort des Verfassers folgt eine „Einleitung" von Rabbiner Dr. Pinchas Kohn in AnSbach. In wattigen Worten zeichnet er die ewigheilige Pflicht der Sabbatwethe und ihren Zusammenhang mit dem Gebote des Stift shültcnbaues: der N2V ist das Heiligtum in der Zeit/ wie das ptPtt das Heiligtum im Raume war. Schöne Fingerzeige für den Begriff deS NIA^Q'DerkoteS, wie ihn unsere Thauro für n2ttf aufstellt, finden sich schon in d i e s e r „Einleitung." Sie schließt mit den Worten Samson Raphael HtrschS ‘y'StV- „Der Begriff der am Sabbat untersagten ist Ausführung einer Idee an einem Gegenstand durch Kunstfertigkeit des Menschen, oder überhaupt: Produktion, Hervorbringung, Umschaffang eines Gegenstandes zum Menschenzweck, nicht aber Körperanstrengung. Du kannst den ganzen Tag dich abgemüht haben, hast du nicht produziert, keine Idee auSgeführt an einem Dinge, fo hast du keine j-qk^Ö getan. Hingegen ohne die mindeste Anstrengung auch nur die leiseste Veränderung an einem Gegenstand zum Menschenzweck hervorgebracht, so hast ou den n2E7 entweiht, Gott gehöhnt und deinen Beruf vernichtet. Mit deiner Körperkrait bist du Tier, mit deiner deinem Geiste dienenden Krmstfertlgkett beherrschst du die Wett, und eben als Mensch sollst du am dich Gott unterordnen."-— Und nun die eigentlichen „Gavbat- Vorschriften", die in drei Haupttellen zur Darstellung gelangen, worunter wiederum der mittlere den Sern bildet, indem er bas „N2K^i2°^erbot", also die JTQt&Ö ausführlich behandelt. I. Teil. Der Inhalt ist kurz folgender: Sabbatgebot und «waudo-soroh Verbot wiegen gleichschwer wir alle anderen Gebote der Thora. ChilluS Schabbo» ist die Leugnung der Wrltschöpfung darch Gott. TS ist der rcitf auch ntOJrt *121 (V. Mos. 5, 15 „Und so feiern wir denn auch in Gebet urd Kiddusch den Sabbat gleich den Festtagen als fiX'SnS Wohl hat auch der Sklave dann und wann einen Ruhetag, wenn Menschenliebe oder Eigennutz den Herrn bewegen, sein Gut zu schonen. Aber nie kann und darf der Sklave aus eigenem Entschluß und in voller Selbständigkeit dcs freien Willens die Arbeit unterbrechen. Und töte er eS auch, so bliebe er doch auch in brr Arven-ruhe unfrei, weil seiner Seele die Freiheit fehlte, die dazu gehört, einen Ruherag in der reinen Sttmmrmg des Gemüts zu begehen, da das Kennzeichnen der Sabbatruhe mit ihrer fYTn' notW, der Steigerung der reinen Empfindungen und oeS Seelenlebens ist!" . . . So ist der Sabbat Ausgangs- und Endpunkt drs jüdischen Lebens. Ungern, mit Wehmut steht der Krhudi den Sabbat scheiden/ die mW* nbtW, so nennendie Weifen verläßt unter Wehen ihren Träger und gibt ihm eine Ahnung der Stunde, da auch der am Sabbatausgange verbleibende ihn verlaffen wird ... Aber schon steigt vor feinen Blicken, den Mut stärkend und den Arm stählend, das Büd des kommenden empo*, nach dem er seine ganze Wanderung durch Me Woche orientiert ... Auch wenn der schwere Ernst des Lebens ihn nieberzuringen drohtso richtet er nach vorwärts den Sinn und darrt des kommenden Friedensboten Sabbat, alle Sorgen scheucht und alle Trauer bannt . . . Keine Klage soll darum den Frieden des Sabbms styrenkein sorgenvolle,. Gedanke seme ausgleichende Ruhestimmung durchbrechen; der Trauernde S2K erhebe sich vom Boden, auf dem er während der Woche geseffen hat" und darf nur in NV2L2V °* Vnur in Dingen, die nicht offensichtlich Trauer «»zeigen, fein betätigen. Zur Thauro darf er nicht (nblV) aufgerufen werben, wohl aber nUtÖ wie nOtV7 nnvis ,.12)2.1, haben. Ja, selbst der v"2 PIA, der den frischen Schmerz des an eben dem Tage erlittenen Traue» falls empfindet, muß dennoch sew Weh niederringen und am rOV alle religiösen Pflichten erfüllen, die ihm sonst versa« find . . . Jeder wenn er auf den na& fällt, muß weichen und wird auf den Sonntag D12£ ,282 'B ,118512 1"') oder auf den vorhergehenden Donnerstag JTOJfcn B"JJ2 V'1122, wenn auf n2W fällt) verschoben. Nur der n2V2 niWJ?/ weil mit ihm die Katastrophe, die Israels Heiligtum zerstörte, .begann, wird auch am Frettag gefastet. . Sv werden in gemütvoller Sprache, gleichsam in unterhaltender Art geboten für ote Sabbatfeier, für das Anzünden der Sabbatltchter, für ttHp, für .1^121, für daS „Leienen" der »WD am jiIV und daS Berhalten der Zuhörer hierbei, Vorschriften über die einzelnen Gebete für 712V, Verstöße dabet berührend, blm Leben, der Erfahrung abgelauscht, um wie fclgt zu schließen: „Der Sabbat neigt seinem Ende zu, rS wird dunkler und durkler in den jüdischen Häusern, wo vor Nacht (und auch nach Nacht durch einen Juden nur, nachdem er niD^Öl ÜÜ DP n^>12.1 gesagt hat) kein Licht angesteckt werben darf- In der, ebenfalls in Dunkel lteaenden Svnaaoae versammelt sich Klei» und Groü und Ü MM