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Der Israelit · 1911-11-02 · Heft 44 (2.11.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 44 (2.11.1911)
Date
1911-11-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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2. Ä-leS, was dem menschlichen Herzen teuer ist-aber siehe da, ungeachtet aller Versuche, mit Namenswechsel und anderen Mitteln, unsere hebräische Eigenart zu verbergen, sitzen wir hebräische Christen ein jeder in seinem eigenen isolierten Ghetto." Ein Kollege schreibt dem Verfasser in einem Briefer „Für die Juden bin ich ein Meschummad, für die Christen ein Jude und für die Nichtchristen ein Niemand." Der Verfasser meint, er müsse eine nicht unbedeutende Zahl Christen von diesem Urteil ausnehmen, aber für die überwältigende Mehrheit der Christen, seien es wahre oder nur Namenchristen, treffe dieses zu. „Uns wird oft der Borwurf gemacht, daß ein hebräischer Konvertit um seines Glaubens willen nicht viel daranzugeben habe. Wollten solche harten Kritiker nur einmal erwägen, was für kostbare Schätze, die mit Geld nicht ausgewogen werden können, ein Judenchrist seiner Ueberzeugung zum Opfer zu bringen hat, sein irriges Urteil würde sehr bald Umschlagen. Ter hebräische Christ von heute mutz nicht nur darauf .gefaßt sein, daß man sein tiefstes Empfinden verletzt, daß man ihn boykottiert und falsch beurteilt daß man ihn mit persönlichen Beleidigungen überschüttet seitens seines eigenen Volkes, sondern er muß in den Meisten Fällen auch noch den Kampf bestehen mit einer tiefen Unterströmung von völkerchristlichem Mißtrauen und antisemitischem Empfinden. Einigen gelingt es vielleicht, nach heißem Kamps Herr zu werden über ihre Umgebung, aber von der Mehrzahl der Judenchristen darf wohl behauptet werden, daß ihre Lage keine beneidenswerte sei. Ist es nicht tief zu beklagen, daß gar keine Fürsorge getroffen ist, daß die, welche doch aus dem Haushalt des Glaubens sind, und die ohne ihr Verschulden zu leiden haben, wenigstens nicht durch die Straßen zu wanken haben, halb verhungert und verhärmt, nachdem sie um Ch. willen alles darangegeben haben! Es wird ja viel getan von delt v.'rschiedenen Missionsgesellschaften, um der augenblicklichen Not zu steuern, wer sich aber über die Wirkung Rechenschaft gibt, welche solche Zustände auf die Konvertiten haben müssen, der kann sie nur aufs tiefste beklagen. Was kann man denn von einem Mann erwarten, der immer wieder genötigt ist, seinen Freund, den Missionar, um einen Schilling zu bitten, daß er sein Nachtlager bezahlen kann, oder um eine Anweisung auf Brot oder Kohlen? Wie tödlich sind solche Tinge für wahre Männlichkeit. Tenn es ist wahr, was jemand gesagt hat: Hilst man einem Menschen zu yiner Existenz ohne Arbeit, so demoralisiert man ihn und züchtet ernx Klasse von Bettlern und Schmarotzern.. Es kann nicht bezweifelt werden, daß ein Mann sittlich ruiniert wird dadurch, daß er seine Unabhängigkeit einbüßt. Und man schaudert, wenn man sich ausdenkt, was werden soll, wenn der gegenwärtige Stand der Tinge in der Judenmission fortdauert. Eins ist sicher, unsre Missionshäuser sind in einem solchen Grade Hilssstätten geworden, daß kein Hebräer, der noch einen Funken Selbstachtung hat, sich dorthin gezogen fühlen kann. Es erscheint uns als eine Maßregel von der höchsten Wichtigkeit und Weisheit, daß erprobte und bewährte hebräische Christen irgendwie instand gesetzt würden, durch eigenen Fleiß ihre Existenz zu sichern und der Notwendigkeit enthoben werden, entwürdigende Almosen entgegenzunehmen. Ans diese Weise könnte eine aufstrebende und stetig wachsende ,hebräisch-christliche Gemeinde geschaffen werden. Wiederum dürfen wir uns der Tatsache nicht verschließen, daß die Neigung derer, welche Missionobestrebungen unterstützen, nun auch statistisch greifbare Resultate vor sich zu sehen, eine Neigung, der manche Missionare nur zu eifrig entsprochen haben, das Ergebnis gehabt bat, daß es eine ganze Klasse von sogenannten „Missionsjuden" gibt, deren Bewegungen zu kontrollieren auch zu den schwierigen Problemen gehört, die wir zn lösen haben werden, wenn wir vermeiden wollen, daß unsere Arbeit iloch tiefer in Mißkredit komme." Geradezu beweglich sind die Klagen des Herr Philipp Cohen, die ihm ein Blick auf die Kinder der Apostaten abringt. Wir werden in der Folge auch ans diesem Kapitel einige Stoßseufzer folgen lassen. (Schluß folgt.) / « MochemmuWav. die letzte Zession der driften Duma. Im Taurischen Palaste zu Petersburg sind mit Anfang dieser Woche die Vertreter des russischen Volkes zur letzten Session in dieser Legislatur- Periodr zusammengetreten. Bon jüdischer Seite hatte man einst einige Hoffnungen auf diese Liqutdattonszeit der dritten Duma gesetzt. Sie haben sich in der Folge so vermindert, daß man heute mehr bangen als vertrauenden Herzens den Verhandlungen des sterbenden ruffischen Parlamentes entgegensieht. An Material zur Judenfrage fehlt es in den Akten der einzelnen Kommissionen, die in dieser Session der Erledigung harren, gerade nicht Da ist zu allernächst das Rayon-Projekt, mit dem sich eine Kommission fast seit einem Jahre beschäftigt, ohne eine befriedigende Lösung zu finden. Man hat von Sitzung zu Sitzung und von Session zu Session mit höchster Spannung den Verhandlungen über diese Frage entgegengesehen. Wie die'Dinge heute liegen, würde man es fast für bester halten, wenn die Frage in dieser Duma nicht mehr zur Beratung gelangte. Denn nach alldem, was die russische Judenheit inzwischen bezüglich des Wohnrechtes erfahren hat, mußte man jede Hoffnung nach dieser Richtung hin vorerst fahren lasten, und man möchte die Gelegenheit für die Verbändler, wieder einmal eine -wüste Orgie blutrünstiger Ausfälle gegen die Juden in der Duma zu feiern, wahrlich nicht herbeiwünschen. ' Ein anderes Projekt, in dem mit keiner Silbe von Inder/und Judentum die Rede ist, und das dennoch die jüdischen Gemüter mit Recht in höchster Erregung hält, betrifft das neue Sonntag s ruh ege setz, besten Schicksal auch in den nächsten Wochen entschieden werden soll. Es ist kaum nötig noch einmal auf die eminente Wichtiger dieser tief in das jüdische Wtrtschafts- und Geistesleben einschneidenden Frage hinzuweisen. Es ist indessen zu hoffen, daß die jetzige Regierung, der man gewiß nicht mit.Unrecht Znehr Sinn und Verständnis für die praktischen Fragen des Wirtschaftslebens nachrühmt, und die andererseits auch das größte Jnteresie daran hat, der religiösen Radikalisierung der Massen entgegenzuarbeiten, der Gesetzesvorlage viel von ihrer Schärfe nehmen und solchergestalt die Judenheit vor einer wirtschaftlichen Katastrophe, die von vielen durch Preisgabe' eines der wichtigsten Religionsgesetze abgewendet werden würde, bewahren wird. Im letzten Augenblicke ist auch ein altes Projekt nach längerer Pause wieder spruchreif geworden und wird aller Voraussicht nach noch in dieser Session parlamentfähig werden: die Ausschließung der Juden aus dem Heere. Einst in dem krankhaften Gehirn eines „Echtrussen" geboren, wurde der Plan anfänglich nicht einmal von seinen Paten, den Berbändlern, ernst genommen. Die Frage wurde nur zu rein agitatorischen Zwecken ventiliert, weil sich die günstige Gelegenheit darbot, auf Grund einer gefälschten Statistik von der Unfähigkeit der Juden für das Heer und somit von ihrem Mangel an patriotischem Geiste zu faseln. Doch stärker als es die Initiatoren selbst gehofft haben mochten, schlugen diese Giftkeime an, und wie man jetzt weiß, wird diese Frage sogar in Hofkreisen mit so großem Ernst Erwogen, daß ihre Faffung in einen formellen Antrag nur noch eine Frage der Zeit ist. Bestimmend für diese Wendung waren unverkennbar die letzten Ereignisse in Kiew, die nach dem festen Entschlüsse der derzeittgen regierenden Kreise zu keinen unmittelbaren Gewaltakten gegen die Juden führen durften, aber die Politik der langsam fortschreitenden und daher um so sichereren Ausrottung verstärken sollten. Die Gefahr, die von dieser Seite der jüdischen Rechtslage droht, ist so eminent groß, daß man sie heute in ihrer ganzen Tragweite noch gar nicht zu ermessen vermag. Entrechtet waren die Juden auch bis dahin in Rußland. Was ihnen aber durch diesen neuen Gewaltstreich genommen werden soll, das ist das Recht auf Rechte. Man will der jüdischrn Rechtlosigkeit eine etwas festere Grund- Aleine» Feuilleton. Die Zabbatvorrcdlitten. Bolkstümltch dargestellt von Dr. E. Biberfeld. Besprochen von A. Mannheimer in Dettelbach.*) Durch Freundeshand wurde mir jüngst ein dünnes Bändchen in schmuckem, rotem Einband bedtziert, das in weißer, zierlicher Deckelpreffung die Aufschrift trägt: Schriften des Verbandes der Tabbatfrennde. Nr. 8. Die Sa-Satvorschriften Volkstümlich dargestellt v. Tr. E. Biberfeld. Berlin 1910 Ich fing an zu lesen. Ich laS und las, ohne zu merken, cah schon säst zwei Stunden über der Lektüre verstrichen waren. Sin Kapitel schöner als bas andere. Jede Sire reizender als die vorhergehende. DaS also find die „Sabbatvorschrtsten", welche der „Berb nd der *) Wiewohl die obige Schrift bereits im „Israelit" eine eingehende Würdigung erfahren hat, halten wir es doch mit Rücksicht auf die Wichtigkeit deL Gegenstandes nicht für überflüssig, auch diese Ausführungen unseres gefch. Mitarbeiters zu bringen. Die Red. Sabbatfreuadc" durch Dr. E. Btberfeld besorgen ließ! In der Tat, Rezensionen bleiben im besten Falle Stückwerk; sie bieten nur einen matten Schein, 4 wo sie ein strahlendes Licht un$ vor die Seele führen wollen. Das mußte ich mir unwillkürlich sagep, als ich die „Sabbatvorfchriflen" im Originale vor mir hatte. Ich hätte sie mir so nicht vorgestellt, nicht vorstellen können. Man bedenke, auf 48 Seiten die sämtlichen Labbatvorschristen, soweit fie für unsere Gegenwart insbesondere von aktmllem Interesse find, kurz und übersichtlich geordnet, zuweilen durch Fettdruck hervorgehoben, in schöner, fließender Sprache volkstümlich dorgeftellt: heißt das nicht, fich in der Beschränkung als Meister zeigen? Vergegenwärtigt man fich das Wort der Weisen s. A., baß die Sabbatvorschriften mjM&S find, oft „Berge gleichen, die an einem Haare hängen," daß die retchbewegte Gege wart, die hochentwickelte moderne Technik uns oft vor tausenderlei Fragen des realen Lebens stellt, die n an früher einfach nicht kannte, die aber doch M einem Merkchen, das fich als Bademecum für den heutigen Juden repräsentieren soll, berührt werden mußten, denkt man an diese Fülle deL Stoffes, welche zu bewältigen war, so muß man gestehen, daß Hier ein Merkchen von niS'Kfl 2"11 N1V2N B9& uns vorliegt, dessen gediegener Inhalt durch den bescheidenen äußeren Umfang kaum sich erraten läßt. Es füllt eine Lücke auS, eine Lücke nicht nur für den Juden, der eS mit der Sahbatheiltgung noch ernst nimmt und doch aus den Quellenwerken nicht die nötigen Kenntnisse schöpfen kann, es füllt auch eine Lücke für den ReltgtonSunterrtchl, für die Schule aus, die fich nicht mit einer kurzen Erläuterung der „Sabbatheiligung" zufrieden gibt, sondern die nDK^IÖ to"b im Detail und in einer fürs L' ben fruchtbringenden Art behandeln mochte. Hier ist da- Büchlein ein geradezu unentbehrlicher Führer und Ratgeber. Auch der beste Lehrer denkt oft nicht an die bunten W e ch s e l f ä l l e, die alle für die religiöse Praxis sich bieten. Bis zur Stunde aber fehlte es an einer derartig enisprechenden systematischen Darstellung, die in deutscher Sprache, kurz und in volkstümlicher Weife den Stoff zusammenfaßt. Es war mir darum sofort klar: Das Buch gehört auf den Katheder!... Es soll ein Schulbuch werden, dessen Inhalt den Kleinen bis zur vollen Beherrschung vertraut sein muß. Es soll ein Volksbuch werden und dafür möge schon in der Jugend gesorgt sein. Dann erst erreicht daS Werkchen feinen wahren und edlen Zweck! Heißt eS doch tm Vorwort des Verfassers, daß auf dem Delegiertentag der „Sabbatfreunde" immer und immer wieder das verlangen nach Schaffung eines solchen Buches geäußert wurde. Man kann daher auch des weiteren dem Verfasser beistimmen, wenn er bezüglich der Anlage des Buches sagt: „Als Bademecum für die Praxis des Tages, daS den Laien schnell darüber orientieren soll, was am erlaubt und was verboten ist, verzichtet Las Buch Lager aus jeden wissenschaftlichen Apparat. Weder werden Begründungen im einzelnen versucht, noch die Rechtsbegriffe erläutert, noch der Vollständigkeit zu Liebe, Unterscheidungen, die praktisch beüeulunMos find, durchgeführt. Daher unterblieb z. B. die Entwicklung der grundlegenden Prinzipien von ,7>DS, plant* yacKttr u. v. <?., die mancher vielleicht darin suchen wird." Andererseits erfahren wir aber auch von einer Erweiterung deS ursprünglichen Planes, der nur die Darstellung der 39 niattbta ins Auge gefaßt hatte. Der Rahmen wurde ausgedehnt und aus praktischen und inneren Gründen eine „deutsche n31& geschaffen, welche dir Sabbatvorschriften im weitesten Sinne bringt, also

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