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Der Israelit · 1911-10-26 · Heft 43 (26.10.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 43 (26.10.1911)
Date
1911-10-26
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
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’ÜSfPW tum 8 Wb, 48 »« ^fstam. 26 Oktober 1*11 Umsonst wann die Anstrengungen der Opposition, die durch die Herren: Dr. Werner- München, Hirsch - Halberstadt, Löwy - Rawilsch, Kollenscher-Posen, Loeb und Klee-Berlin, vorzüglich vertreten war. Die Mehrheit machte von ihrem Uebergewicht Gebrauch und stimmte sogar den milderen Antrag Apfel, Köln, nieder, der für die Wahl der Delegierten einen erweiterten Spielraum lassen wollte. Auch ein Antrag Loeb-Berlin, der den Vertretern der Klemgemeinden die Reisekosten ersetzen wollte, wurde niedergestimmt, und den Provinzialverbänden wurde ein besondere- Stimmrecht zugestanden - sie führen als solche 5 bezw. 10 Stimmen. Es. wird sich nun zeigen, ob in diesen Beschlüssen, tn denen weniger die Meinung der Kommission, als die des Ausschusses zum Ausdruck kommt, seitens des Delegiertentages Folge gegeben wird. Wir glauben nicht daran, daß die Kleingemeinden, die vorläufig noch ihr volles Stimmrecht haben, dazu die Hand bieten werden, sich von den Großgemeinden entrechten zu lassen. 8er Sfaafsffreitfi in der Alliance- Berlin, 23. Oktober. In einer gestern hier stattgehabten Beratung der Deutschen Konferenzgemeinschaft, in welcher die Ergebnisse der Pariser Zentralkomits-Sitzung besprochen wurden, ist eine endgültige Entscheidung noch nicht getroffen worden. Doch läßt es der Verlauf der Sitzung zweifellos erscheinen, daß, für den Fall des definitiven Gelingens des Pariser Staatsstreiches, die Deutsche Konserenzgemeinschaft sich von Paris l o s l ö s e n und zu einem selbstständigen Gebilde umwandeln wird. München, 23. Oktober. Das soeben für die bayrische ReichSratskammer im Druck erschienene Referat des bekannten Führers der deutschen Zentrumspartei im Reichstage, Exzellenz Baron von Hrrtling, zu dem von der Kammer der Abgenodneten durchberatenen Entwürfe der neuen bayerischen Kirchengemrindeordnung enthält bezüglich der Revision des Judenediktes folgende bemerkenswerte Ausführungen: „Nicht einbezogen im Entwurf sind ferner die Verhältnisse der indischen Kultusgemeinden, die sich wegen ihrer völligen Wesensverschiedenheit zur Berücksichtigung in einem für die drei großen christlichen Konfessionen berechneten Gesetze nicht eigneten. Es ist aber leicht begreiflich, daß in dem Augenblick, in dein den Katholiken und Protestanten die Erfüllung des lange gehegten Wunsches nach einer zeitgemäß?,i Negelnng des örtlichen Kirchsnfinanzwosens zuteil werden soll, auch in den Kreisen der jüdischen Glaubeusgesellschaft das Bedürfnis nach einer Revision der Etgst veralteten und nicht mihr zulänglichen Bestimmungen des Iudencdiktes von 1«S13 mit besonderer Lebhaftigkeit laus wird. Daß in der j.'tzt allein möglichen cinhritlichcn" jüdischen Kultusgcmcindc die znxi in der israelitischen Glauberrsgesetlschaft bestehenden verschiedenen religiösen Richtungen notgedrungen vereinigt find, Tann nur zu leicht zu einer Bt'rgewaltigung der innerhalb her Kultusgemeinde in der'Minderheit befindlichen Richtung führen ulld dadurch zu ciner Quelle arger Gewissensbedrängnis werden. Dies:? Mißstänbe sind von dem Herrn Staatsministcr vollauf anerkannt worden, der auch in anderer Richtung das jetzt sür die israelitischen Kultnsgenleinden geltend? Recht als revisionsbedürftig bezeichnet hat, so hinsichtlich des auf schwankendem Boden steheilden Besteuerungsrechts, der ungeklärten und unsicheren Stellung der Rabbiner, der ernsten Notlage vieler kleiner Kultusgcnninden und der unzureichenden Fürsorge für die israelitischen Religivnslehrer. An den Herrn Ltyatsminister möchte ich die dringende Bitte richten, die Frage der von ihm selbst als Bedürfnis anerkannten Revision des Judenediktes von 1813 nicht aus dem Auge zu verlieren und den in dieser Beziehung in der israelitischen Glaubensgesellschaft bestehenden Wünschen, sobald es die Verhältnisse irgend gestatten, durch Vorlage eines Gesetzentwurfs zu entsprechien." Die warnten Worte, mit welchen sich der greise Zentrumsführer sür den Erlaß neuer gesetzlicher Normen für die israelitischen Kultusgemeinden in Bayern im Interesse der Gewissensfreiheit annimmt, dürften mit Genugtuung begrüßt werden.' Oesterreirh. vom Parlamente. Wie«, 19. Okt. Im Abgeordnetenhause stehen seit Tagen die Verhandlungen im Zeichen der Teuerung. Was hat das mit Juden zu tun? Leiden nicht die armen jüdischen Maffen ebenso wie die anderen Bevölkerungsteile unter der Kalamität der steigenden Lebensmittelpreise? Allein die Herren Antisemiten sind Meister der Synthese. Und der mährische Abgeordnete Jerabeck würzt die an sich wenig tröstliche Debatte mit folgenden das anttsemirische Niveau so recht bezeichnenden Stilblüten : „Es ist nicht Pflicht der Regierung, die jüdischen Viehhändler Argentiniens (!) zu unterstützen!" Damit wollte er gegen die argentinische Kleischeinfuhr protestieren. Dann aber leistet er sich die Pointe, daß er «an den Wiener Kandelabern statt des Blumenschmuckes lieber die Wucherjuden baumeln sehen möchte." Ueber den wutschnaubenden Demagogen, der für die Folgen der unglückseligen Politik des christlichsozialen Ministers Dr. Weißkirchner tn erprobter Weise die Juden als Sündenbock benutzt, darf man sich nicht wundern. Aber nicht unbeachtet darf man es lasten, daß der deutschfreisinnige Präsident Dr. Sylvester, der in jener Sitzung auf dem Prästdentenftuhl saß und der doch vermöge seines Amtes berufen wäre, zur Wahrung des parlamentarischen Anstandes solch blutrünstige, gegen Menschlichkeit und gute Sitte gerichtete Ausfälle gegen Staatsbürger zurückzuweisen, es nicht der Mühe wert fand, den Redner zu rügen oder zur Ordnung zu weisen. Diese Haltung des Präsidenten liefert wiederum einen klaren Beweis dafür, wie mächtig die Sympathien sind, die die Deutschnationalen mit den Antisemiten verbinden. Was aber bei der ganzen Affäre noch weit beschämender ist, ist der Umstand, daß unter den jüdischen Abgeordneten im Hause sich kein einziger gefunden hat, der dem antisemitischen Maulhelden die gebührende Antwort zuteil werden ließ. ftaffianfr. Der nusfdiluf; Oer luden aus dem Deere. Betersönrg, 20. Oktober. Daß mit den neuen, täglich sich vermehren' den Gefahren für die russischen Juden die alten nicht überwunden werden, dafür sorgen schon unsere Staatsretter vom schwarzen Verbände, denen der Wind von oben seit dem Kiewer Verbrechen besonders günstig weht. Wer dachte beispielsweise noch an die seinerzeit in einem kranken echtrussischen Gehirn entstandene Idee von der Ausschleßung der Juden aus der Armee? Nun erfährt mun in Dumakreisen, daß der Kriegsminister Suchowkinow aus direkten Befehl des Zaren eine Gesetzvorlage über die Ablösung der Wehrpflicht der Juden durch Geldzahlung in aller Form ausgearbeitet hat. " Was ein solches Ausnahmegesetz für die Rechtslage der russischen Juden bedeutet, haben wir bereits zu verschiedenen Malen auseinandergesetzt. InzroHD rov>D nnr?p f'xw dv *]*? p» 3u den Dorodnsen in Turheffan. Betersvurg, 22. Oktober. Nun kann das Fazit des Pogroms in Osch (Turkestan) auf Grund amtlicher Feststellungen gezogen werden. Es wurden im ganzen bei den Ueberfällen 20 Qubm verwundet, darunter 7 lebensgefährlich. Die Schwerverwundeten haben im Militärhospital Aufnahme gefunden. Gegen die Anstifter und Teilnehmer der Exzesse ist eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet worden. Bisher wurden 18 Personen verhaftet. Der vermißte Sartenknabe, dessen Verschwinden zu den Unruhen geführt hat, ist übrigens wie bereits gemeldet, alsbald heil und unversehrt aufgefunden worden. England. Sur Sraae des Chiefrabbinats, London, 22. Oktober. Der langjährige Dozent am „Jew's Kollege", Dr. S. A. Hirsch, hat mit Rücksicht auf sein hohes Alter seine Lehrtätigkeit aufgegeben und ist pensioniert worden. In der gleichen Sitzung, in der diese Pensionierung beschloffen wurde, hat man auch eine Kommission eingesetzt, die eine Aenderung der Satzungen des „Jew's Kollege" vorbereitet. Bisher war der Chief Rabbi von England ex officio Mitglied des Kuratoriums und sollte durch seine Person den religiösen Charakter der Anstalt sichern. Man glaubt nun in manchen Kreisen, daß, wie die Dinge heute liegen, die Bestimmung ihre Berechttgung verloren habe, da die Person des Chief Rabbi keine absolute Gewähr in religiöser Hinsicht bieten dürfte. Die wahrhaft konservativen Elemente in der Verwaltung würden jedoch gut daran tun, die Entscheidung über diese Frage hinauszuschieben, bis der neue Chief Rabbi gewählt worden ist. Zu der in der vorigen Nummer mitgeteilten Kandidatenliste für den Posten des Chief Rabbi wirb Ihr Korrespondent von unterrichteter Seite darauf aufmerksam gemacht, daß Rev. Dr. Abrahams in Sydney zwar das Hildesheimer'sche Seminar besucht hat, in religiöser Hinsicht jedoch keineswegs auf dem Boden der von diesem Seminar vertretenen Richtung steht. Ferner veröffentlicht das offiziöse Organ der „Federation of Synagogues" in London an auffallender Stelle die folgende Meldung: Der Vorstand der Bereinigten ^Synagogen hat sich in letzter Zeit mit verschiedenen Anerbieten zu befassen, welche ihm vom Auslande wegen Besetzung des englischen Grvßrabbinats zugekommen waren. Der Vorstand hat nun beschlossen, vor Beschlußfassung Über eine etwaige Einladung der einen oder anderen in Betracht kommenden Persönlichkeit die Betreffenden kennen zu lernen und sich an Ort und Stelle ihrer gegenwärtigen Wirksamkeit von ihrer Qualifikation und deren Ansehen, das sie in ihrer Gemeinde genießen, zu überzeugen. Zu diesem Behufe wurden zwei Mitglieder des Vorstandes, und zwar der Kassierer Mark Moses und der Schriftführer I. E. Blank beauftragt, diese Nachforschungen auf dem Kontinent persönlich anzustellen und dem Plenum Bericht zu erstatten. Die beiden genannten Herren sind bereits unterwegs nach Deutschland und Oesterreich. Die durch die antisemitischen Unruhen in Tredegar, Rhymney und Ebbw Vale geschädigten Juden haben bereits ihre Schadenersatzansprüche bekannt gegeben. Laut den bei dem Polizeigertcht von Monmouthshire bisher eingelaufenen Klagen beträgt der angerichtete Schaden 16186 Pfund Sterling. Am ersten Halbfeiertage des eben vorübergegangenen Suttorhsestes gab Baron Leopold de Rothschild eine Soiree, bei welcher auch König Georg mit der Königin erschienen waren. Dieser hohen Auszeichnung wird in den Londoner Hofkreisen umso höh.re Bedeutung beigemeffen, als gewisse Kreise gerne die Behauptung verbreiten, haß König Georg kein Freund der Juden sei und die Beziehungen, die zwischen König Eduard und den jüdischen Häusern Rothschild Und Sassvon nicht fortzusetzen gedenke. Es wird nun behauptet, daß König Georg Gewicht darauf lege, diese Gerüchte zu zerstreuen, weshalb er vor Üarzer Zeit den Chef der Familie Saffoon und Ktzt denjenigen des Hauses Rothschild mit seinem Besuche auszeichnete. 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