Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1911)
- Date
- 1911-10-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«fette 6. «r. 43 £*e 3dtt<ttt. 26. Oktober 1211 srn am »Wehe euch, die Ihr mit jedem Tage neue Reichtümer euch aneignet mit der Kraft eures Geistes, und die Ihr mit jedem Tage ärmer werdet in der Erkenntnis eures Lebens! Was euch vergänglich ist, hüllt Ihr in Sorge und wartet seiner, wie eines hülflosen Kindes. Was euch aber ewig ist und unvergänglich, das zertretet Ihr mit euren Füßen wie den Staub auf der Straße." Nicht allein der Mutter der Verworfenen, sondern allen Vätern und Müttern, die gebrochen und so ganz verständnislos an der Schuld ihrer Kinder stehen und über die Ouelle derseben nachgrübeln, möchte man Akabjahs goldene Worte zurufen: „Nimm eine Schaufel zur Hand und grabe Dich tiefer und tiefer hinein in die Vergangenheit. Und prüfe jegliches Körnlein, das Du ergräbst. Und wenn wenn Du graben solltest, bis Du auf die Jugend Deines Kindes flößest, Du wirst eine Wurzel finden für das Geschehene. Unscheinbar vielleicht in ihrem Beginnen, mit einem kle nen Tröpflein Gift, unheilvoll und schmerzens.eich in ihrem Gedeihen und in ihrer Frucht." Und in diesem warmen, in der Seele dunkelste Ecken hineinleuchtenden Tone geht es weiter. Ein Mörder erhält den letzten Trost, einer, den wie er meint, das Leben schuldig werden ließ, wird auf den Weg der Pflicht und Kraft gewiesen. „Dein Sieg wird in Deinem Willen liegen!" ruft Akabjah dem in der Sturm- und Drangperiode des Lebens befindlichen Jüngling zu. Die Träne erkennen wir in dem aphoristischen Schlußkapitel: „Leben und Weisheit" als „herzgeboren Tröpflein, stets bereit, dem armen Menschen heiß ins Auge zu steigen." Mit jedem ihrer Tröpflein fließt ein Teil der Last aus der gedrückten Brust, die Not und Freude darin aufgetürmt . . . Die Hoffnung ist „ein bunter schillernder Schmetterling," der „trunken vom Honig und Duft der Blumen zur Sonne flattert . . ." Und was ist das Leben? Daraus kann Akabjah eine Antwort nicht geben. Aber sein Auge schaut fie, die Antwort ringsumher. * Und man möchte ihm noch lange zuhören, da er uns erzählt, wie er diese Antwort in und um sich schaut. Aber nun „steigt Akabjah von der Anhöhe nieder Mßd die Abendsonne leuchtet aus seinen Weg.t.“- Eine Reihe prächtiger spezifisch-jüdischer Jugendbücher danken wir wiederum dem „I ü di s ch e n Bolksschriftenv.erla g". Ein Novum in der jüdischen Jugendliteratur ist, wie das im gleichen Berlage erschienene, von uns an anderer Stelle eingehend gewürdigte Bilderbuch und derJugendkalender, auch das Vortragsbüchlein „Feierstunden " *) Wer sich mit der Organisierung von Schulfeiern und Vortragsabenden je befaßt hat, kennt die Schwierigkeiten, die sich bei der Wahl und Zusammenstellung des nach ästhetischer wie nach religiöser Seite zugleich befriedigenden Vortragsstoffes ergeben. Hier in den „Feierstunden" haben wir eine reiche Auswahl von Liedern, Rezitationen, Balladen und auch Festspielen vor uns, die alle sowohl in bezug auf ihren markigen echt jüdischen Gehalt als auf ihre poetisch bezaubernde Form nichts zu wünschen übrig lasten. An erster Stelle des handlichen Büchleins finden wir ein reizendes Märchenspiel „Sabbatzauber" von Hermann Schwab, etwas weiter ein F e st s P i e l aus der Zeit des Rabbi Jochanan ben Sakai, das in drastischen wirksamen Bildern zeigt, wie Israel in der Thora fortlebt. So bunt und verschieden nach Inhalt und Form die vierzehn Vortragsnummern des Büchleins geartet sind, so schwebt doch ein einheitlicher Geist über dem Ganzen, es ist der Geist, der den jüdischen Bolkskörper durch die Jahrhunderte schwerer Not beseelt und erhält. Wie wird doch da in einem der Lieder von „Israels Fahne" gesungen?: *) „Feierstunde n." Ein Bortragsbüchlein. Jüd. Volksschicht enverlag G. m. b. H., Frankfurt a. M. „Weis' auf, Volk Juda, hoch sie auf, Du darfst mit Stolz sie zeigen, Sie ist gekauft um hohen Kauf, Um hohen Kauf dein eigen. — Du gabst ja hin für dieses Gut, Was nur der Mensch besitzet, Glück, Habe, Freiheit, Ehre, Blut Hast Du darum verspritzet. Dies ist das himmlische Panier Um das wir mutig stritten, Und tausend Tode haben wir llm das Panier gelitten. Gott unser König, Gott der Ai acht, Du gabst es unfern Ahnen Verloren haben wir die Schlacht. Doch hier sind uns're Fahnen." Von jüdischen Helden weiß uns Dr. I. Weigl mit einer Begeisterung zu erzählen,^) die auch Begeisterung bei dem Leser für die von ihm geschilderten Ltchtgestalten aus einer rühm reichen > Zeit in der Geschichte des jüdischen Geisteslebens erwecken muß. Der Verfaffer, ein Münchner Arzt katholischer Konfestton, hat sich, vom Gegenstände kräftig angezogen, viele Jahre mit dem talmudischen Schrifttum eingehend beschäftigt und erbringt nun mit diesen lichtvollen Biographien von Hillel, Akiba, Rabbi Jehuda Hanasst und Raw der jüdischen Ueberlieferung und ihren Trägern den Tribut seiner Verehrung. Man wird nicht ohne innige Befriedigung und reichen Nutzen diese^schöne verständnisinnige Würdigung unserer Talmudlehrer und ihrer Zeit lesen. Mit dem Leben und Wirken jüdischer Geifteshelden aus späteren Epochen unserer Geschichte befassen sich zwei wettere, im gleichen Berlage erschienene Bändchen?) Es ist ein Stück hochbedeutsamer Zeitgeschichte aus dem Ende des 18. Jahrhunderts, das uns Wreschner mit dem Lebensbilde Rabbi Akiba Egers bietet. Wir sehen uns in das Posen der früheren Jahrhunderte, „die jüdische Metropole und Grundveste aller heiligen Bestrebungen" versetzt, wo die gefeiertesten Geistesheroen den Rabbinatsstuhl zieren. In dieser Stadt, die mit ihrer berühmten Jeschiwah, ihrer rabbinischen Gerichtsbarkeit, ihren eigenen religiösen Gebräuchen und Einrichtungen noch bis an die Schwelle unseres Zeitalters eine Stätte scharf ausgeprägter jüdischer Originalität bildete, sehen wir den Helden des Buches leben, lehren, wirken und kämpfen — kämpfen nach innen und außen, mit den persönlichen Gegnern unter den Thoragelehrten und gemeinsam mit ihnen gegen das von Berlin eindringende, überall in der jüdischen Gaste blendend und verwirrend wirkende grelle Licht einer Pseudokultur. All dieses ist formschön und in echtem Volkstone dargestellt. Ein Bild Rabbi Akiba Egers auf dem Borderblatte und eine in den Text eingefügte Abbildung der neuen Latzschen Anstalt in Posen passen sich dem Ganzen harmonisch an. Ein Kulturbild im besten Sinne des Wortes ist auch die Unna'sche Biographie des W i l n a e r G a o n. Gerade heute, da mit dem Worte Chassidismus so gröblicher Mißbrauch getrieben wird, ist es von höchstem Werte, einmal, wie es Unna in diesem herrlichen Büchlein getan, in die Kämpfe um den Chassidismus zur Zeit des Gaon, in deren tiefere Gründe und inneren Zusammenhänge mit der Fakel der historischen Wahrheit hineinzuleuchten. Es war kein Kampf um große Prinzipien, wie es heute gewisse Kreise in leicht durchsichtiger Tendenz darstellen möchten, sondern um rein taktische Fragen, die heute, nachdem die Zeit den Gegensätzen immer mehr an Schärfe genommen hat, im Großen und Ganzen als g e l ö st betrachtet 8) „Jüdische Helden" I. (Hillel. Atibei) und li. (Rabbi Jehuda Hanassi, Raw) von Dr. I. Wögl. Jüd. Bolksschriftenverlag G. m. b. H., Frankfurt a. M. 41 „Rabbi Akiba Ege r." Eine volkstümliche Biographie von Rabbiner Dr. L. Wreschner. — „Rabbi Elia, der Gaon von Wilna und seine Zeit" von Dr. Jsak, Unna. Jüdischer Bolksschristenveriag G. m. b. H, Frankfurt a. M. werden dürfen. Der Ltchtgeftalt des Wllnaer Gaon, wie sie uns Unna zeigt, dem Manne, „dessen Leben erfüllt war von dem Streben nach Wahrheit und dem die höchste Wahrheit die Thora war" werden heute alle „Richtungen" im Judentum, soweit ihnen dieses Wort kein leerer Schall ist, ihre höchste Verehrung nicht versagen können. CorrcspondeMzcN u. ßacbricMen. Derrtfrtze» KeUY< Dom Rbmehrhampfe. Zlrankfnrt a, M., 23. Oktober. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" hielt am Sonntag, den 22. Oktober im großen Saale der Frankfurt Loge seine Generalversammlung ab. Eine große Zahl von Mitgliedern und Gästen füllten den Saal. Am Vorstandstisch befanden sich u. a. die Abgeordneten Gothein, Funck, Reh und Pfarrer Battenberg. Nach einleitenden Begrüßungsworten ergriff Reichstags ab geordneter Gothein das Wort zu seinem Referate über „Offenen und versteckten Antisemitismus." „Ter Fortschritt, so führte der Redner' aus, sei überall aut dem Wege der Entwicklung vor sich gegangen. Mit der Erkenntnis des Rechtes des Individualismus sei man zur Toleranz gelangt. Die Inden seien in früheren Jahrhunderten als ein fremder, eingewanderter Stamm und besonders wegen ihrer zur Absonderung zwingenden Religion und Stammeseigenschasten gehaßt worden. Es sei aber auffallend, daß trotzdem die Ausschließung und Entrechtung der Inden im Altertums nicht in dem Maße allgemein war, wie man gemeinhin anzunehmen pflegt. Ter Judenhaß setzte eigentlich erst mit den Kreuzzügen ein. Damals begann eine Abschließung von beiden Seiten,, die die Gegensätze verschärfte und durch die.wirtschaftlichen Kämpfe in den folgenden Jahren immer schärfere Formen annahm. Man habe die Juden in die Handels- und Börsenberufe geradezu hineingedrängt, ihnen somit die Geldmacht in die Hand gedrückt, die später zum anhaltenden Anlaß des Neides und der Verfolgung wurde. In Deutschland, besonders in O st - e l b i e n, verstehe man es heute noch, den Juden die Landwirtschaft, die ihnen natürlich nicht mehr verboten ist, durch gesellschaftliche Ausschließung derart zu verleiden, daß si> alle anderen Berufe eher als den des Ackerbaus begreifen möchten. Seit Ende des 18. Jahrhunderts wollen die Juden kein Sondervolk mehr sein. Ihre Mitarbeit an der Politik, Literatur und Wissenschaft sei so groß, daß sic als die besten Förderer des Deutschtums betrachtet werden müssen, was natürlich die Antisemiten, die davor nicht zurückscheuen, selbst an die Blutlüge zu appellieren, nicht zugeben wollen. Interessant sei es aber, das; die Konservativen, die in den Fünfziger Jahren noch an dem heutigen antisemitischen Programme festhielten, sich heute immer mehr von diesen Hetzern abwenden und Ausnahmegesetze gegen die Juden nicht mehr wünschen, was aber nicht verhindere, daß auch sie, die Konservativen, an der Politik der Ausschließung festhalten. „Man will nur, nach dem bekannten Worte eines Parlamentariers, die Umkehr der Verfassung in die Verwaltung". Mn Umschwung zu Ungunsten der Juden habe in der Milt: der siebziger Jahre stattgesunden. Damals begann auch die Ausschließung der Juden aus den Militärstellen, die heute noch konsequent durchgesührt wird. Eine Lüge und eine Verleumdung des deutschen Volkes bedeute jener bekannte Hinweis auf die antisemitischen Neigungen in den weiten Massen des deutschen Volkes, die garnicht vorhanden seien. Dieses zeigen am besten die Sozialdemokraten, die sich aus den breiten Volksschichten rekrutieren und heute die einzigen sind, die jüdische Abgeordneten wählen. Der latente Antisemitismus vieler Konservativen sei natürlich weit gefährlicher als der der Herren Raab, Bruhn und Konsorten. Erfreulich sei es, daß das Zentrum sich ganz auf Seiten der freiheitlichen Parteien in der Jüdenfrage befindet. Ter Redner schließt mit einem Appell zur kräftigen Mitarbeit, daß die Schmach des Jahrhunderts v our deutschen Volke auf ewig weiche." Darauf folgte ein Referat des Landtagsabg. Funck über „den Anteil des Judentums De schei Er der rühi Jud der Nar läßt An in; war. auch Her uns in 8 ein zitiei män resul gesch Stel Verr Teil, halte frem da a landdie $ als i i sond« scha in d Ahl. 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