Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 43 (26.10.1911)
- Date
- 1911-10-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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'V-V^V '•■ - c';"'r -'M M 4S dort betzusetzen, und-somit auch jeder äußere Anlaß zu einem die FeuerbestattungS-Mode fördernden Entgegenkommen seitens der Gemeinden fehlt. 2. Auch diejenigen Rabbiner, die, im Widerspruch mit der in unsrem Blatte wiederholt entwickelten Anschauung Dr. Lerner's, einen wh nwöiö' füx den jrö hinsichtlich der Aschenreste haben,' können nach den Bestimmungen des preußischen Gesetzes diesen ttfttfn mit vollkommener Gewissensruhe aus ihren Erwägungen ausschalten, well die Aufftellung von Aschenurnen in Privatraumen ja vollkommen untersagt ist, sodaß also kein sns unbewußt in ein *?riK mit Aschenurnen geraten kann. 9. Außerordentlich erfreulich ist der ausdrückliche Hinweis der Ausführungs-Anweisung, daß die Beisetzung von Afchenresten auf kirchlichen Erdbestattungsplätzen von dem neuen Gesetze durchaus nicht beeinflußt wird, sondern sich nach den bestehenden kirchlichen Bestimmungen regelt. Es ist hiernach völlig ausgeschlossen, daß Gemeinden gegenüber, die Pch auf unzweideutige religtonsgesetzliche Gutachten ihrer Rabbinate berufen können, ein polizeilicher Zwang zur Aufnahme von Aschenurnen ausgeübt wird. Auch die Rechtssprechung wird sich der autoritativen Gesetzes-Jnterpretation der Ausführungs-Anwetsung wohl kaum entziehen können. £in neues Opfer des Tripolishrleges. Wir haben an dieser Stelle bereits darauf hingewiesen, baß der Tripoliskrieg in erster Reihe jüdische Opfer erheischen würde. Der Verlauf der Dinge auf dem Kriegsschauplätze hat unsere Auffassung leider bestätigt, wenn auch die „italienischen" Juden in der Türkei selbst noch in der quälenden Ungewißheit leben, ob es bei dem bereits proklamierten Boykotte ihrer Ware sein Bewenden haben wird, oder ob nicht etwas Schlimmeres: das bittere Los des Manderns ihrer harrt. Es hat indessen den Anschein, als sollte der Krieg noch ein weit größeres Opfer erfordern: die bislang sprichwörtliche freundliche Haltung Italiens gegenüberdenJuden. Und das haben wir wieder einmal der unseligen Mär von der „liberalen Judenpresse in Europa" zu verdanken. Es war vorauszusehen, daß die liberale Preffe der gesamten Knlturwelt gegen das Tripolisunternehmens Italiens Stellung nehmen würde. Die Auslandspreffe ist vom EroberungSzuge Italiens gerade nicht erbaut und hält ihn — ob mit Recht oder Unrecht, darüber wird die Geschichte entscheiden — für nicht vereinbar mit den modernen Begriffen der politischen Moral und des Völkerrechtes. Was hat aber die Auslandspreffe, diese sogenannte Großmacht, die dem jüdischen Leide weit gleichgiltiger gegenüber steht als etwa dem Ueberfall auf einen Missionär in China oder der Entführung eines Europäers in den albanischen Bergen,' die zum guten Teile sogar gelegentlich die Geschäfte unserer Feinde vermittelt, was hat diese Preffe mtt Juden und Judentum zu tun? Allein die Leiter der öffentlichen Meinung in Italien finden es nach bekannten Mustern sehr bequem, durch ein billiges Schlagwort die Angriffe des Auslands zu parieren. Sie holen sich einfach vom deutschen Verbündeten das schöne Wort „I u d e n p r e s s e" herüber und die Sache ist abgetan, das politische Prestige Italiens wieder hergestellt... Das Turiner Blatt „Stampa", das als LeiborganGiolittis gilt, fand zuerst das erlösende Wort von der „verjudeten Preffe". Und nun stoßen sie alle, die kleinen und großen Blätter bis hinauf zum offiziösen „Popolo Romano“ kräftig ins antisemitische Horn, . zur höhern Ehre des Vaterlandes. Das letztgenannte Blatt spricht in einem bisher in Italien völlig unbekannten antisemitischen Jargon von „einer Klique von Anhängern Arons, die das goldene Kalb dem Linsengericht Esaus und den zehn Geboten Mofis vorgezogen habe und mit dem Wohl und Wehe der Türkei durch eine Reihe von mehr oder weniger korrekten Geldgeschäften auf wucherischer Basis verbunden sei". Da zwei Drittel der europäischen Preffe in den Händen dieser Klique seien, so fabuliert das Blatt weiter, fänden Beleidigungen Italiens weiteste Verbreitung. Die Angst um die Beute, die jene Religionsgenoffenschaft gepackt habe, sei unzweifelhaft die Ursache so mancher gegen Italien gerichteten Ausführungen, die mit Vernunft und politischen Erwägungen nichts zu tun hätten usw. Die Blätter der Provinz tun dann noch ein übriges und erzählen ihren gutgläubigen Lesern wahre Schauergeschichten von der „jüdischen Hochfinanz" und der in ihrem Dienste stehenden Auslandspreffe, die sich gegen Italien verschworen hätten. Es ist dies eine trübe Erscheinung, die zeigt, wie schwach fundiert das Rechtsempfinden gegen die Juden, selbst in den Ländern ist, die, wie Italien, auf eine Jahrzehnte alte Tradition der Toleranz zurückblickendie aber darüber hinaus auch tief in das Wesen des internationalen Geschäftsantisemitismus hineinleuchtet. Es ist den Herren im Grunde herzlich wenig um die Juden zu tun. Aber gllr es, ein Geschäft zu machen, gleichviel ob ein politisches oder ein Handelsgeschäft, flugs hat man den Juden entdeckt. In Italien hätte man eigentlich den Juden nicht erst zu entdecken brauchen. Man Knut ihn dort zur Genüge als Gelehrten, als Soldaten, als Diplomaten und auch als Finanzmann. Und man hat es dort nie verschmäht, des Juden treue Dienste auf all den genannten Gebieten für den Staat in Anspruch zu nehmen. Schlecht gefahren ist man dabei, wenn man Italiens politischen und wirtschaftlichen Aufschwung in den letzten Jahrzehnten in Betracht zieht, nicht. So hätte man denn hier die Benutzung des importierten Antisemitismus als Mittel zur politischen Rehabilitierung am wenigsten erwarten dürfen. Oberrabbittcr Dr. Dünner ^"2s, Wir haben bereits dem schweren Verluste, von dem die holländische Judenheit durch den Heimgang des Oberrabbiner I. H. Dünner y'XT so jäh betroffen wurde, kurz Ausdruck gegeben. Jetzt nach Ablauf der Trauerwoche, nachdem der erste Schmerz sich ein wenig mildert und in ehrendem Gedenken aufgeht, wird es eher möglich sein, mit klarem Sinne in der Geschichte dieses seltenen Mannes zu blättern und mtt einigen Worten ein Fazit seines Lebens und Lehrens zu ziehen. Geboren in Krakau am 3. Januar 1833 zeichnete sich Dünner schon als Knabe durch Hervorragende Begabung aus und erregte mit seinem beim Talmudstudium bekundeten Scharfsinne die Bewunderung seiner Lehrer. Die etwas einseitige Art des Talmudstudiunls in Galizien sagte dem damals schon nach Harmonie und Klarheit strebenden Jüngling nicht zu. So ging er nach Deutschland, wo man doch bereits Rabbiner kannte, die einerseits als D'p'lSl D^VU, andererseits als auf der Höhe der Zeit und des modernen Wiffens stehende Gelehrte galten. Auch er, der galizische Bachur, wollte nun, den Blick nach diesen großen Vorbildern gerichtet,sickseinen Lebensweg bahnen. Und sein eiserner Wille hals ihm über alle Schwierigkeiten, die ihm auf dieser langen ihm unbekannten Bahn begegneten, leicht hinweg. Reichbeladen mit den Schätzen des ThorawiffenS, bezog er verschiedene Hochschulen und ging zuletzt nach Bonn, wo er unter treuer sorgsamer Wahrung und steter Vermehrung dieser Schätze bei Ritsch l und Brandes Vorlesungen hörte und als Lteblingsschüler dieser Meister der semitischen und philosophischen Wiffenschaft seine Universitätsstudien avschloß. Als 1862 die Rektorstelle am Rabbinerseminar in Amsterdam vakant wurde, wurden einige maßgebende Persönlichkeiten der dortigen jüdischen Gemeinde, vor allem Rabbi liosk, treffe ich einen Lehrer der Jca-Schule in Rischon. l£r 'legte mir ohne Schmuck und Schminke die dort herrschenden Bildungsidcnle dar, und ich höre das dem Europäer nur allzu bekannte, neue alte Lied: „Ter Jude muß beginnen, Mch ohne Religion zu leben." Und ich denke wieder der Worte von Rabbiner Link: „Tu erstehst wieder auf, Jude" .... Var Wintere rwcbca des frankfurter Mekor €baym. (Ei« Freitagabend-Idyll.) Der Mekor Chajim zu Frankfurt a. M. gehört zu den wenigen Vereinen, die einen Sommerschlaf nicht kennen. Auch zur heißen Sommerszeit, und selbst in der Reisesaison, bleibt sein Betrieb in der Hauptsache geöffnet. Die „Quelle deS Lebens" konnte auch die tropische Glut des vergangenen Sommers nicht auStrocknen, und die ihr entsprießenden mannigfaltigen Kurse und Borträge haben ihr festes Stammpublikum, auf das fie auch bet Sommerhitze rechnen können. Doch, find die letzten Festgesänge verklungen, und singen die Stürme in den nebelgrauen Gaffen Winter- EtnzugSlted, bann tut auch der Mekor Chajim so, als gälte es, fich aus schwerem, bleiernem Schlummer zu recken, zu wecken und zu rufen und zu sammeln zu frischer Tat ... Die Alten, zum Stamm Zählenden, kennen den Spaß und lächeln darüber: „Er tut ja nur so!" . . . Sie kennen ihren „Truppenteil", dem fie Sommer wie Winter angehören. Was sollen da die vielen gedrucktrn Worte, die Ztttulare, Pläne, Aufrufe und Bekanntmachungen? ES weiß jeder, ob er zur G e m o r o- Elitegarde zählt oder dem M t s ch n a h - Frühappelk angehört, ob er dem D t n i m klub zugetetlt ist oder der M i k r o fakultät, wann und wo er anzutreten hat. So gar viel werden die neuen Plane daran nichts ändern . . . Anders die Jungen! Für diese bringt der Sommer mit seinen weichen, buntschillernden Farben so manche Ablenkung und Abhaltung Aber lange lasten auch ste nicht auf fich warten. Kaum ist der erste Ruf an ste ergangen, und fie finden fich willig und frohgemut und schaffensfreud g auf dem Platze ein, den Mekor Chajim auf feimm wetten Arbeitsfeld« auch für fie vor esehen tat . . . Alle waren ste wirder da, am letzten Freitagabend, als Mekor Chajim; wohlig warme Sabbat stube zum ersten Male in dieser Saison ihre Pforten austat. Und man hatte das Gefühl, als sei man erst letzten Freitagabend auseinander gegangen. Bekannte Gestalten, bekannte Töne und Farben, bekannte Worte, die so tief, so tief inS Herz dringen. Die gleiche dunkle, liebewarme Tenorstlmme, die das JW) anstimmt, und wieder funkelt der duftende Tee in den Gläsern, zu dem ein süßer, unS allen bekannter „anonymer" Spender das knusperige Backwerk liefert. Die Stimmung ist da und nun setzt daS übliche Thorawort ein, das diesmal als würdige Ouvertüre besonders schön und markig ausfällt. ES spricht von den himmlischen Genien, die am Freitagabend den Juden ins Haus geleiten und je nachdem, wie die Sabbatltchter den Frieden ausstrahlen, ihren Segen aussprechen. „D-r Sabbat, der Inbegriff des Lichts, bleibt unser eigen, auch wenn Sabbats Scheidestunde geschlagen. Wir greise« ihn auf mit dem Scheiöegruße am Hawdalaltchte, diesen Ltchtgeüanken, und behalten ihn tief im Herzen, wo er wärmt und leuchtet und von wo er auch hinaus leuchtet auf den steinigen Weg in die graue Woche . . ." Auch der Humorist der Abende stellt sich mit gewohnter Pünktlichkeit ein, mit den neuesten Schlagern aus dem Kehilloleben und auch a«S der Tragckomüdte des jüdischen Golus: Ist daS aber nicht auch ein merkwürdiges Zusammentreffen und deS Mitteilens wert, daß ein am Kolnidreabend vom Himmel zu Rekognoszierungszwecken auSgesandter Engel im orgeldurchbrausten Tempel just zur Zeit eintrtsft, da die befrackten „Andächtigen" mit dem Damenchore „Onu Zaunechol" finden, In der orthodoxen Synagoge des Westens, da die festlich gekleideten Andächtigen mtt viel Anstand und Würde „Onu awodechol" beten und in der Wilna er Schul ausgerechnet, da die Abgezerrten und Abgehetzten, von tausend Aengsten und Gorgen geschüttelt, mtt aller Lungenkraft. Onu bonecho! schreien. Natürlich erstattet dann der Engel, zum göttlichen Throne zurückgekehrt, seinen Bericht mtt folgenden Worten: „Wie stark und wohlgenährt und schön gepflegt find doch, o Gott, da unten Deine Schafe! Voller Würde und Anmut find vuch Deine Diener! Aber Deine Kinder? . . . Abgehetzt und abgehärmt und in Lumpen gehüllt! ... Es ist ein wahre« Rachmonue, o Gott urch Bater..." Und damit ist der „zwanglose" Teil etngeleitet. Es bietet jeder, was er, kunftbegnadet wie er ist, zu bieten vermag. Und wieder ertönt die bekannte schmelzende Stimmevoll zarter Sehnsucht zittert fie durch den Raum, und ihr folgen, wie einer Locklaube, viele andere, noch in unregelu aßiglm Fluge. Dann wachsen die Stimmen mählich zu emem dröhnenden Chore an: ■ nnvVi rrm StfwS m nv Sch.