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Der Israelit · 1911-10-26 · Heft 43 (26.10.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 43 (26.10.1911)
Date
1911-10-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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gewünscht wird: eine legale und autoritative Vertretung -es „internationalen" Judentums, trotz oder infolge der kraftvollen Nordauschen Kundgebungen immer mehr verfolgt. Oder ist der Rat zur Einflußnahme auf die Regierung an die Adresse derer gedacht, die jene Macht in Händen haben, von der die finanziellen Geschicke Rußlands abhängen? So möchte uns doch der Herr zugleich die Wunderbrücke zeigen, die jene Großen über ihre Privattnteressen hinweg zn den Leiden und Sorgen ihrer Gemeinschaft führt. Andere, die ebenfalls von dieser Seite einstmals Hilfe erwarteten, find so gründlich enttäuscht worden, daß fie längst alle Hoffnungen nach dieser Richtung fahren ließen. Und nun gar das Volk'! Man bedenk^ das in materieller und geistiger Verkommenheit ^vegetierende sogenannte „Wtrtsvolk" in K lein rußland und Bessarabien, Lithauen und Pole'n! Wir Wissens, was wir Juden von der öffentlichen Meinung, dem ^europäischen Gewissen" u. dgl. Imponderabilien mehr im allgemeinen zu erwarten haben. Dieser Appell an das russische Volk erinnert doch aber stark an jene schriftliche Bekanntmachung an alle Analphabeten.... Und haben wir das diplomatische Argument von der „Unmöglichkeit einerEinmischung in die innere Politik a n - dererStaaten" bereits so gründlich vergessen, daß wir jetzt schon wieder von einer Beeinstussung anderer Staaten und Völker zu unseren Gunsten sprechen? Nimmt doch der Verfasser selbst nicht allein Rußland, sondern auch Rumänien zum Ausgangspunkte seiner Ausführung und weiß doch sicher von der Existenz sogenannter Signatarmächte, die über die Einhaltung gewisser übernommener Verpflichtungen seitens Rumänien „wachen"!... Wir stellen nicht in Abrede, daß solche aus ganz richtigen Prämissen ausgehende Worte und Pläne schon an sich Taten bedeuten würdest — wenn fie von ttichtjüdtscher Seite ausgingen oder wenigstens Aussicht hätten, in genügender Weise in nichtjüdische Kreise zu dringen und dort zu der gewünschten, wenn auch vorerst papierenen Aktion .zu führen. So aber bleiben sie fromme „letchtbegreifliche Wünsche von Interessenten", tief gehegt und eifrig besprochen und von der Welt im übrigen unbeachtet. ,,Bon Interessenten"! Das gibt ja der Artikelschreiber mir dem Hinweis auf die Gefahr für die Juden des Westens selbst zu. Wir gestehen : uns orthodoxe Juden berührt ein solches Anerkeynen der idealen Gemeinschaft des nw 'WOBT' rrms von dieser Sette höchst sympathisch. Aber an diesem fundamentalen Punkte kann und wird auch voraussichtlich der ganze Gedankenbau von vielen Seilen angegriffen und über den Haufen geworfen werden. Für die nichtjüdischen Vertreter des westeuropäischen Liberalismus, die sich in idealster und dankenswertester Weise auch auf die Gefahr hin als Judenschutztruppe denunziert zu werden, in den Kampf gegen den Antisemitismus stellen, aber leider auch für die große Zahl der jüdischen Mitarbeiter im Abwehrkampfe aus den Kreisen der Assimilation stellt sich die Sache doch etwas anders dar. Für sie handelt es sich in erster und letzter Reihe um den Kampf für die Rechte der deutschen Bürger mosaisch en Glaubens, um einen Teilausschnitt des allgemeinen politischen Kampfes zwischen Liberalismus und feudaler Reaktion. Von der internationalen Judenfrage, die auf dem — ihrer Ansicht nach — haltlosen Grund der Rasseneinheit fußt, muß dieser politische Kampf prinzipiell losgelöst werden. In diesen Kreisen sieht man nicht in der jüdischen Rechtlosigkeit in Rußland an sich eine Gefahr für die zarte Pflanze der Judenemanzi-- patton im Westen, sondern eher in dem übermäßigen Interesse an dieser Rechtlosigkeit seitens der Juden des Westens. In ihren Augen — und das ist von ihren Grundanschauungen aus, die wir selbstredend in keinem Teile anerkennen, durchaus logisch — ist jede Solidaritätserklärung mit der großen jüdischen Gemeinschaft, wie sie durch den Kongreß im besagten Artikel gedacht ist, jedes freie Bekennen zur Stammeinheit, jede über den Charakter einer philantropischen Hilfeleistung hinausgehende Identifizierung mit denJnteressen der Glaubensgenossen anderer Länder demJdeale der restlosen Emanzipation und — nennen wir es beim richtigen Namen — dem Gedanken der re st losen Assimilation so schädlich und verderblich, daß das Schicksal des Aufrufes in diesen Kreisen als besiegelt betrachtet werden darf. Wir aber, die wir die Sache unter einem ganz anderen Gesichtswinkel betrachten als jene Kreise, an die der Ruf zur Tat — vergeblich — ergeht, sind uns andererseits dessen klar, daß nicht in machtloser Erhebung, im Hinausschreien von Tatsachen, die alle Welt kennt und stillschweigend billigt, uns ein Weg zur Hilfe gegeben ist. Indessen ist es ein anderer Weg, der sich uns gerade jetzt eröffnet,- ein Weg, der nach innen führt und zu Zielen, deren Erreichung von uns, von unserem gemeinsamen Wollen, abhängt. Sammlen wir uns denn zur Tat auf eigenem, von uns allen erreichbarem Grunde und vergeuden wir nicht die jetzt doppelt kostbare Zeit und Kraft für Proteste, die im besten Falle n wirkungslos verhallen und eine neue schmerzliche Enttäuschung hinterlaffen müßten. KochrnrrmWa«. Feuerbestattung in Preußen. Die Aussührungsanweisung zu dem Gesetze betreffend die Feuerbestattung in Preußen ist soeben erschienen. Sie enthält unter Ziffer I Absatz 3 folgende für die jüdischen Gemeinden überaus wichtige Bestimmung'. „Unberührt bleiben die Rechtsverhältnisse der Religionsgesellschaften und Gemeinden hinsichtlich der in ihrem Eigentume stehenden Friedhöfe, insbesondere auch hinsichtlich deren bestimmungsmäßigen Benutzung und der in diesen Beziehungen bestehenden kirchlichen Aussichtsrechte." Hiernach kann es keinem Zweifel unterliegen, daß sämtliche jüdische Gemeinden das Recht haben, die Bestattung von Aschenresten auf ihren Friedhöfen abzulehnen, daß sie aber weiter gut daran tun, diesen Ausschluß der Aschenurnen durch Aufnahme einer ausdrücklichen Bestimmung in die Friedhojs Regulative festzulegen. Von Interesse sind ferner noch folgende Bestimmungen der Ausführungs-Anweisung: „Tie Beisetzung (der Aschenurne) muß, wenn sie nicht auf einem Kommunal- ^oder kirchlichen Begräbnisplatz erfolgen soll, enttoeder an der gcmäß 8 4 des Gesetzes bei der F e u e r best a t t n n g s a n l a g e des Berbrennungso r t e s bereitznhaltenden Beisetzu n g S a n l a g e (Salle, Grab) oder in derartigen Anlagen lei einer anderen Feuerbestattungsanlage oder aber auf einem behördlich genehmigten Privatbestattnngsplatz bewirkt werden. Ob die Beisetzung von Aschenresten auf kirchlichen Erdbestattungsplätzen zulässig ist, richtet sich nach den bestehenden privat- und ki r ch eu re ch t l i ch e n B e st i m m u n g e n." Hieraus ergibt sich Folgendes: 1. Für eine würdige Unterbringung der Aschenreste verbrannter Leichen ist aus alle Fälle auch dann gesorgt, wenn die jüdischen Gemeinden die Bestattung aolehnen. Feuerbestattungsanlagen werden nämlich nur dann genehmigt, wenn sie mit Beisetzungs-Anlagen versehen sind, sodaß also immer die Möglichkeit vorliegt, die Aschenurnen Kleiner Feuilleton. Aus Palästina. Bon £<r. M. E. „Xu erstehst wieder auf, Jude! Und daß der alte Vätergeist wieder ruht auf den Kindern, daß der Kinder Herz entgegcnschtage der väterlichen Brust, das — bewirkt Palästinas Himmel.; Wie der sittliche Werdegang des Judividrums, solder der Gesellschaft, und besonders der jüdischen Gesellschaft: immer nach den Prinzipien des Lottens ugo Müsscns. Lo wie das Individuum, so lange es sich noch nicht zn jener Höhe sittlicher Vollendung durchgerungen hat, für die nur das Gute und Rechte gilt, nicht ohne Nötigung die richtige Bahn einschlägt: so wie das Individuum in diesen ersten Jahren kämpfen muß für jeden Schritt, der aufwärts führt zum Gipfel, um die nach unten ziehenden Mächte zu besiegen: so die jüdische Gesellschaft in Unwillkürlich denke ich dieser Worte des bekannten Oberrabbiners Kuk in Jaffa, die er in seinem hasst nungsfrohcn Optimismus niedergefchneben. (Er ahnte nicht, wie gerade die Kreise, denen sein hoffendes Vertrauen arist meisten zugute kam, ihn vor dem Forum der offiziellen Palästi>«afreunde als übertriebenen Fanatiker — ignorieren würden.) Und mit allen Kräften klammere ich mich an diese Auffassung, die in all den Schwierigkeiten, die sich dem 21V' der Gesetzestreuen in Palästina entgegenstellen, nur eine vierte Wiederholung der Zeiten vor Esra, Hillel und Raw Chia erblickt, bestimmt, .'ine vierte und vielleicht schönste Blütezeit durch das Ausländ heraufzusühren . . . Tos sind so ziemlich die Gedanken, mit denen ich mich, durch die Straßen von.R j s ch o n - l e z i o n wandernd, darüber tröste, daß ich auch nicht bei einem einzigen Hotelier beruhigt speisen kann. Müde von den 2 Stunden der Wagenfahrt, von Jaffa bis hierher, gehe ich die Chaussee hinan, die in die Kolonie hiileinführt. Eines der ersten Gebäude, das mir zu meiner Rechten auffällt, ist die j-nifl "TlöSri* Ein seltsam anheimelndes Gefühl ergriff mich gleich bei meinem ersten hiesigen Besuch angesichts des stillen, trauten Häuschens, ohne es zu kennen. Abseits von dem gesuchten französischen Luxus, der mancherorts zu beobachte,: ist, steht die Schule, die der. „Freien Bereinigung" unterstellt ist, am Eingänge des Städtchens. Sie umfaßt drei Klassen mit etwa 5 Abteilungen und verbindet, wie die mifi Tlö“ J"l in Petbach Tikwa mit der intellektuellen auch eine landwirtschaftliche Ausbildung. Tie Anlagen, die sich ringsum und zur ^eite der Tatmud-Thora befinden, werden zum größten Teil von den Zöglingen selbst gepflegt. Wie in der „Musterschule" zu Pethach-Tikwa erhalten die Kinder anck hier neben dem tiefgründigen jüdischen Unterricht auch profanen. Beim Eintritt in das Innere dir ,12#1!9*) mußte ich einen Moment stille stehen. Wo hatte ich diese Straßeneintoilung nur schon gesehen? Richtig! In Europa war mir diese quadratische Einteilung bereits als das Svmbol eines oberflächlichen Sonnenkönigtums erschienen! Und in der Tat ist auch die in noch der Ueöexrest einer entschwundenen *) ftolotik. Größe, die, auf hohler Grundlage geruht hat: aus den Anfängen der Kolonie unter der Administratvrcn- Wirtschaft? . Die Querstraße, die im .Hauptviereck der •Hin zunächst liegt, findet links durch die Synagoge einen wirkungsvollen Abschluß. Rechts am Ende liegt ein großer Garten, der mit seinen Palmen-Alleen und Orangenbäumen eben die schlafenden Araber und Inden, diö sich dorthin vor der Rachmittagssonn? geflüchtet haben, beschattet. Am Eingänge befindet sich ein massiver Wassertnrm und hinter dem Garten die größte Sehenswürdigkeit Palästinas, der Weinkeller von Rischon. Es würde zu weit führen, den Gang durch dieses Wunderwerk, vom dunklen Schacht, in welchem wir mit Kerzen auf und unter den Fässern mnherklcttert'.'tt, bis zur lichten Höhe, wo hoch oben die Abkühlung des Weines erfolgt, zu beschreiben. Aber das eine kann ich sagen, daß, wenn ich jetzt des Heidelberger Fasses gedenke, lange nicht mehr dieselbe Bewunderung * dafür in mir besteht, wie früher. Denn die Borratsfässer, die ich dort im 2p' von Rischon gesehen, waren fast ebenso groß. Und dort standen solche in Menge, und sie waren nicht nur zum Ansehen, sondern gefüllt mit edlem Naß. Schade nur, daß der ganze Betrieb, der jetzt allmählich, wieder immer lohnender wird, durch die vor einigen Jahren ansgebrochene Weinkrise viel von der Großartigkeit cinbüßte, in der sie vom Baron gedacht war. So sind die elektrischen Einrichtungen außer Tätigkeit — stumme Zeugen einer großen Idee! An der Seite des Gartens befindet sich die Stadt- Halte, das sogenannte Yp JV2' mit einer Bibliothek und kleinen wissenschaftlichen Sammlung: 'All das stammt noch vom Baron. Dagegen ist das Spital aus Mangel an Mitteln geschlossen. Gegenüber^der Synagoge, vor dem Zeitungs-» -i ■ - ■■ ■ “r

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