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Der Israelit · 1911-10-19 · Heft 42 (19.10.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 42 (19.10.1911)
Date
1911-10-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Man hofft bei der Durchführung des Unternehmens auf die tatkräftige Förderung des ungarischen Handelsministeriums. KuHland. Kiew, 16. Okt. Wer da glaubte, daß über den neuen Vorkommnissen die Ritualmordhetze von unsereren Pogromagitatoren gänzlich vergessen wurde, ist doch dieser Tage eines besseren belehrt worden. Im Gegenteil hat die Sache jetzt eine dem Verbände sehr günstige Wendung angenommen. Die anfangs in Verdacht genommenen nächsten Verwandten des ermordeten Knaben wurden nach kurzer Untersuchungshaft aus Mangel an ernsthaften Indizien wieder freigelassen, und im Gefängnis schmachtet zurzeit der Jude Mendel Beilis, gegen den die Anklage, Juschtschinsky ermordet zu haben, in aller Form erhoben wurde. Binnen kurzem wird Beilis vor dem Geschworenengericht zu erscheinen haben. Die Grundlagen der schweren Anklage laufen auf folgendes hinaus: Beilis, ein Angestellter der Ziegelfabrik Saizew, wohnte im Monat März, zur Zeit der Ermordung Juschtschinskys, allein auf dem Fabrikhofe, da die Arbeit auf der Fabrik damals ruhte und Gebäude und Hof sich unter seiner Aufsicht befanden. Nun hat die Sezierung der Leiche ergeben, daß der Knabe drei Stunden nach dem Essen ermordet worden sei. Es wurde ferner festgestellt, daß der Knabe um 6 Uhr morgens gefrühstückt hat, gegen 9 Uhr will man ihn in der Nähe des Ofens der Ziegelfabrik spielen gesehen haben. Auf dem Hemde des Knaben wurden Spuren von trockenem Lehm gefunden. Auch erschien es sehr wahrscheinlich, daß der Mörder sich einer Nadel, wie sie von den Sattlern gebraucht wird, als Waffe bedient hat. Und es paßt hierzu sehr gut, daß in der Nähe des Ziegelofens sich eine Sattlerei befindet. Dies sind die „schweren" Indizien, die der Staatsanwalt für hinreichend erkannt hat, um gegen Beilis die Mordanklage zu erheben. Den Herren Patrioten paßt die Sache natürlich sehr gut in ihren Kram. Der jüdische Angestellte des jüdischen Fabrikbesitzers hat die stille Lage des Fabrikhoses benutzt, um einen christlichen Knaben hinzumorden, nachdem er ihm zahlreiche Wunden beigebracht hat, die offenbar ein bequemeres Abzapfen des Blutes ermöglichen sollten... Braucht man da noch bessere Belege für die der Duma eingereichte Interpellation betreffs des Kiewer Ritualmordes? Mit anderen Worten: braucht man noch einen besseren Erfolg dieser Interpellation, als die neueste Wendung der Kiewer Affäre? .... Bei der schwülen Kiewer Atmosphäre muß das Geschick Beilis' ernste Besorgnis erregen. Colmatfrfioros neueste beiffungen- &beffa, 11. Okt. Wie erinnerlich, hatte Tomatschow seinerzeit, als die Odessaer Dumaersatzwahlen mit einem Sieg des jüdischen Rechtsanwalts Brodsky endeten, den glücklichen Einfall, gegen den Vertreter der freisinnigen, Bürgerschaft Odessas einen Prozeß „wegen Aneignung eines falschen Namens" anzustrengen. (Brodsky hatte nämlich, wie dies in den „intelligenten" jüdischen Kreisen Rußlands häufig vorkommt, die Schwäche, seinen jüdischen Vornamen zu rusfifizieren.) Das Stückchen gelang. Der Legitimationsausschuß der Reichsduma machte dem neuen Abgeordneten gewisse formale Schwierigkeiten, da dessen Identität in Zweifel gezogen worden sei. Brodsky wurde kleinmütig und verzichtete freiwillig auf das Mandat. Dieser Erfolg ermutigte Tolmatschow, und die wohllöbliche Behörde der Hauptstadt des Schwarzen Meeres fand ein neues, sehr ergiebiges Arbeitsfeld. Die Namen sämtlicher jüdischen Akademiker und Kaufleute wurden sorgfältig unter die Lupe genommen, und in Odessa begann eine Aera von Prozessen „wegen Aneignung falscher Namen", die auch für andere diensteifrige Despoten des Ansiedlungsrayons vorbildlich wurden. Aus Anlaß der bevorstehenden Wahlen in die neue Duma verdoppelte Tolmatschow noch seine Energie. Er beschloß, ganze Arbeit zu machen. Wird ihm doch eine generelle Revision sämtlicher in betracht kommenden jüdischen Namen die Möglichkeit bieten, die zahllosen beanstandeten Namen einfach aus der Wählerliste zu streichen. Die patriotischen Bemühungen Tolmatschows werden natürlich von den zuständigen Zentralbehörden eifrig gefördert. So befahl vor kurzem Justizminister Schtscheglowitow dem offiziellen Rate der Rechtsanwälte des Gerichtsbezirkes Odessa, General Tolmatschow eine genaue L,ste sämtlicher im betreffenden Bezirk in der Advokatur tätigen Personen zur Verfügung zu stellen. An Hand dieser Liste wird nun aus Tolmatschows Antrag gegen vierzig jüdische Rechtsanwälte und Adookaturgehilfen der Prozeß „wegen Aneignung" usw. angestrengt. ObngXattb. Beforgniffe in Wales London, 6. Oktober. Wohl hat die Regierung das Militär aus jenen walesischen Städten, in welchen sich jüngst die antisemitischen Ausschreitungen zugetragen haben, zurückgezogen, um dadurch zu bekunden, daß die Ruhe wieder hergestellt sei, doch scheint dies nicht der Fall zu sein. Aus den genannten Städten kommen unausgesetzt Meldungen, daß die jüdische Bevölkerung in steter Angst lebe, da die christlichen Arbeiter, gereizt durch die hohen Strafe»,, zu welchen die Teilnehmer an den Ausschreitungen verurteilt wurden, gegen die Juden unausgesetzt Drobungen ausstoßen. Es machen sich Symptome fühlbar, die darauf deuten lassen, daß die Huligans, aufgemuntert durch den Abzug des Militärs, neue Gewalttätigkeiten gegen die Juden vorbereiten. Bezeichnend für die Lage ist auch folgender Fall, der nicht der Komik entbehrt. In Hüll wohnt in der Nachbarschaft der dortigen Hauplsynagoge ein Christ, der ein ausgesprochener Feind des Schofarblasens ist. Da er es nicht zu verhindern vermochte, daß die Juden während des ganzen Ellulmonates beim Morgengottesdienst Schofar blasen, faßte er einen merkwürdigen Plan, Als die Synagoge mit Betenden gefüllt und der Schofaar ertönte, begann er aus einer Feuerspritze die Synage mit riesigen Wasserstrahlen zu überströmen. Die in der Synagoge Versammelten waren der Meinung, daß das Spritzen deshalb erfolge, weil die Synagoge brenne. Alles flüchtete aus der Synagoge. Nun richtete der Schofarfeind den Schlauch gegen die Fliehenden, von denen mehrere durch die Wucht der Wasserstrahlen zu Boden geschleudert wurden. Der saubere Synagogennachbar hatte, vom Gerichte verurteilt, seinen famosen Einfall mit einer hohen Geldstrafe zu büßen. Der Staatsifreidi in der Alliance. (Drahtbericht des „I sraeli t.") Saris, 19. Oktober. In der heute Nacht 1 Uhr beendeten Sitzung des Zentralkomitees der „Alliance. Israelite Universelle“ waren 24 Mitglieder airwesend, darunter fünf Deutsche und 19 Gesinnungsgenossen Reinachs. Der Antrag auf Aenderung der Satzungen, der statutengemäß von zwei Dritteln der Mitglieder des Zentralkomitees gestellt werden muß, lag schriftlich mit genau 44 Unterschriften (das Zentralkomitee hat 64 Mitglieder) vor, während zwanzig Mitglieder sich gegen den Antrag erklärt hatten. BÄ der Abstimmung wurde der Antrag natürlich mit Mehrheit angenommen, nachdem die Deutschen sehr energisch gegen die unerhörte Entrechtung Tausender von Wählern protestiert hatten. Der weitere Verlauf ist nunmehr der, daß die Abstimmung noch in zwei Sitzungen des Zentralkomitees wiederholt und die Satzungsänderung alsdann von einer nach Paris einzuberufenden Generalversammlung angenommen werden muß. Die deutschen Mitglieder empfingen durchaus den Eindruck, daß es sich bei dem ganzen Unternehmen darum handelt, die Deutschen aus der Alliance hinauszudrängen. (Siehe auch Wochenrundschau.) jflmnänten. Eine jüdifdie Deputation beim König. Bukarest, 10. Okt. Eine Abordnung der „Vereinigung der eingeborenen Juden" wurde vor einigen Tagen in der königlichen Residenz in Jassy von dem Könige in Audienz empfangen. Die Abordnung überreichte dem Könige eine Denkschrift, in der die Beschwerden der „Israelitischen Vereinigung" dargelegt werden und unter Anderem darauf hingewiesen wird, daß die Lage der eingeborenen Juden seit dem Jahre 1904, wo ihre Abordnung die Ehre hatte, vom Könige empfangenen werden, sich in nichts geändert habe. Im Wesentlichen verlangt die Denkschrift Schutz für die eingeborenen Juden und Initiative für die Verbesserung ihrer Lage. Der König empfing die Deputation recht huldvoll und richtete an sie wohlwollende Worte, ohne jedoch irgend eine Positive bindende Versprechung zu machen. TÄLkei. Dom Kriege. Koustauttnopet, 13. Okt. Auf Grund eingezogener Erkundigungen und Unterredungen mit maßgebenden Persönlichkeiten berichtet der Konftantinopler Korrespondent des „Haint" über die italienischen Juden in der Türkei und die Folgen des türkisch-italienischen Krieges für dieselben folgendermaßen: Fast 30 °/o der „ottomanischen" Judenheit sind italienische Untertanen. In der Regierungszeit Abdul Hamids haben die besten spaniolischen Familien sich unter italienischen Schutz gestellt, indem sie italienische Untertanen wurden. Die Creme der Saloniker Judengemeinde sind Italiener, in deren Hände sich der ganze Handel befindet. Die Saloniker Judengemeinde wird, falls der Krieg sich hinausziehen sollte, dem vollständigen Ruin preisgegeben werden, aber mit der Judengemeinde wird auch die schöne, aufblühende Stadt Saloniki zugrunde gehen müssen, weil die Juden dort ein mächtiger Faktor sind, dem das Aufblühen der Stadt zu danken ist. In dem jüdisch kulturellen und sozialen Leben der Türkei spielen diese „Italiener" die größte Rolle. In Konstantiopel z. B. bilden die italienischen Juden auch die feinsten, reichsten und vornehmsten Kreise. Sie besitzen den weitestgehenden Einfluß, fie halten sich jedoch von der offiziellen jüdischen Gemeinde fern und unterhalten eine eigene reich ausgestattete Synagoge. Auch besitzen sie eigene Wohltätigkeitsanstalten. In Saloniki hingegen bilden sie sozusagen die offizielle ottomanische Judengemeinde. Obgleich fremde Untertanen, stehen sie an der Spitze der offiziellen „Medschilis" und da dies gesetzlich eigentlich verboten ist, wurde ein Medschilis gesmani, bestehend aus unbedeutenden Leuten, der Form halber gewählt, während die eigentliche Arbeit vom Konsistorium und dem Gemeindevorstand geleistet wird, in denen die italienischen Juden die leitende Rolle haben. Das Haupt der Gemeinde, der bekannte Financier und Phtlantrop Jakob M o d i a n o

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