Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1911)
- Date
- 1911-10-19
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Das jüdische Weib, das aus Liebe zu ihrer Gemeinschaft, zu dem auf den Wällen Jerusalems gefallenen Gatten das Liebeswerben des gewaltigen und allbezwingenden Aäsarensohnes stark und hart zurückweist, ist ein Symbol für die jüdische Liebe, die ^jüdische Familientreue, eine jener Höhen' in unserem Geist- und Gemütsleben, die Jerusalem durch alle Zeiten so hoch über Rom emporragen lasten. Tltus, der nur dem wilden Drängen der entmenschten Soldateska folgend, seine Einwilligung zum Sturm und zur Plünderung gibt, ist, wenn man die stark symbolische Darstellung des Dramas als Ganzes im Auge behält, nicht der Sieger, sondern der Besiegte. In diesem Siege hat das zerriffene und sittenverderbte Rom seine schlimmste Niederlage erlitten, seinen Todesstoß erhalten.... Ueberhaupt scheint jetzt der Weizen der biblischen Dramatiker etwas mehr in die Höhe schießen woflen. Sehr hoch kommt er freilich durch Schöpfungen von der Art, wie sie Kraschininnikow in Rahels Klage auf die Bühne zu stellen sucht, nichts) Der Verfaffer behauptet in seiner Vorrede, „mehrmals die kleine Episode von Jakob und Rahel in der Bibel überlesen zu haben." Wie er dann dazu kommt, auf der Personenliste Sichern, dem Sohne Hemors - - er nennt ihn so — die Rolle des Liebhabers Rahels und Nebenbuhlers Jakobs zu übertragen, ist rein unerfindlich. Aljo hat der Verfasser die Bibel nicht, wenigstens chronologisch nicht gelesen, aber er fand in der Rahelepisode „ein Drama, ein Weltdrama, das Drama der unter unseren grundfalschen gesellschaftlichen Anschauungen leidenden Frau" und er machte denn auch seinerseits ein Frauendrama daraus. Und nun, wer unsere gute Mutter Rahe! in der Rolle der hypermodernen für höchst strittige Probleme in langatmigen Tiraden kämpfende Frauenrechtlerin sehen will, kaufe das Kr..sche Buchdrama. Sie einmal solchergestalt lebend und leibhaftig aus der Bühne zu sehen, ist glücklicherweise nicht zu befürchten. .. Einen womöglich noch niedrigeren Literaturwert — von einem Bühnenwerte kann hier keine len, drei her, der un- »ird zu i) ,.Rahels Klag e" von Nikolai Kraschintnnikow. Ein rausinbjäyttgks Märchen ln drei Bildern. Verlag I. Ladyschntkow, Berlin. einem halben Jahrhundert durch die Begegnung mit ihrem ersten kritischen Bearbeiter so nahe gelegt wurde, erscheint mir als besondere Fügnng, der ich mich dankbar erweisen möchte, indem ich die jiidische öffentliche Meinung durch diesen Hinweis auf dieses literarische ilnikum aufmerksam mache. I. irke lrch ngdes Uns der Sercdicdtt einer jiidiicben Gemeinde. Iltt- 1)11* lull z" als ler >en lich >es die chug ine Hei ich chr itien che Lm zu Ns cht alt Bon H. Einst. Tie Stürme der französischen Revolution waren über weite Landstriche dahingebraust. Sie hatten die Grenzen vieler Staaten ungehindert überschritten und Gebäude gestürzt, die für die Ewigkeit errichtet schienen. Toch das kleine süddeutsche Landstädtchen K. war von ihnen unberührt geblieben. Nach wie vor ging die meist Ackerbau treibende Bevölkerung friedlich ihrer Beschäftigung nach,, vor den Toren zeigte sich kein Feind, und die kleine Besatzung, die aus einer Jnvaliden-Kompagnie bestand, führte ein recht beschauliches Tasein in der alten Kaserne und auf den malerischen Wällen. Aber der Geist der Freiheit, den jene große Bewegung hervorgebracht, wehte in Fernen, die von den Gewitterwolken nicht erreicht worden waren, und auch die von altersher so sehr zurückgesetzten, fast rechtlosen Juden durften freier atmen. So geschah denn selbst in K. etwas ganz Ungeahntes: — Tie bis dahin so streng nach altem Recht und Herkommen waltende Stadtbehörde gestattete dem Juden Jakob ein Haus Zu erwerben und verlieh ihm das Bürgerrecht! Der Israel». Rebe sein, — haben die Bilder, die H. Schnitze aus unserer so gemütvollen Ruthgeschichte machte) Dem guten bibelfesten Herrn Schnitze hat es das Bethlehem in dieser heiligen Urkunde angetan, und er ruhte nicht eher, bis er acht Szenen beisammen hatte, die mit einem Aufmarsch von 30 Personen, — unter vielen Unbekannten begegnen wir da auch einem alten Propheten Phaniel — die Heilsehre des Neuen Testamentes verkünden. Hier liegt wenigstens System darin. Ob diese gewiß gutgemeinten, gereimten und ungereimten Verse, Deklamationen und frommen Dialoge, die auch in einer fernen, fernen Welt so etwas wie Handlung vermuten lasten, der Sache, der Judenmisston sonderliche agitatorische Dienste zu leisten vermögen, ist freilich eine andere Frage. Neue jüöifcfie Lyrih- In der neuhebräischen Lyrik behauptet immer noch CH. N. Bialik den ersten Platz, von dem nun zum ersten Male ein Liederbuch in deutscher Uebersetzung vorliegt?) Man wisd bei aller Ablehnung der Tendenz, die in der Bialikschen-Dichtung in den kräftigsten Formen zu Tage tritt, rückhaltlos anerkennen wüsten, daß Bialik ein Dichter von starken Impulsen ist und dem Judenleide — nicht dem jüdischen Hoffen — Töne abzugewinnen weiß, wie sie in der neujüdischen Llteratur bisher nicht gehört worden sind. Besonders in seinen späteren harmlosen Volksliedern oder sogenannten Naturgedichten, da wo unsere Freude nicht durch allerhand unjüdische Wendungen getrübt wird, ist es neben Bau und Form der Gedichte vor allem auch die Wucht und die Massigkeit, sowie der bezaubernd weiche Klang der Sprache, die uns höchste Bewunderung abringen. Wer mithin den Dichter von dieser Seite kennen lernen will, wird ihn natürlich im deutschen Bialik — die sorgfältige, verständnisinnige Uebersetzung in Ehren — nicht finden, er wird sich schon in des Dichters Lande, in die hebräische Literaturwelt, mit deren Neuerblühen Biaüks Namen eng verknüpft ist, begeben müssen. In der ersten „Aus dem Dunkel" betitelten Liedergruppe findet des Dichters Sehnsucht nach vergangenem Glück, nach einem Glücke, das er, wie viele andere vor und mit ihm, selbst zerstört, mächtige Akkorde. Erschütternd ist das Poem „Nemirow", das alten Jammer an neuem selbstgeschautem mißt. Am meisten un- 8) „R u t h". Biblisches Festspiel in 8 Bildern von H. Schnitze. Grvßers Verlag, Annaberg t. Eyb. °) Ch. N. Btalik: „Gedichte". Aus dem Hebräischen übertragen von Ernst Müller. HrrauSgegeben unter Mitwirkung der Bereinigang „Huchioh", Wien. Jüdischer Verlag, Köln und Leipzig. So war also „Herr Jakob" — so wurde der allgemein geachtete Mann von Groß und Klein genannt — her erste jüdische Bürger zu K. Und als bald darauf die Israeliten aufgefordert wurden, sich .bürgerliche Namell beizulegen, da nannte er sich nicht ganz ohne ein gewisses Selbstgefühl E i n - b ü r g e r. Sein Haus lag in der Rathausgasse und bestand aus einem Erdgeschoß und zwei Stockwerken. Bald war es wohnlich eingerichtet, denn für die bescheidenen Bedürfnisse der anspruchslosen Familie reichte vollkommen das Erdgeschoß aus. Rechts vom Hausgang Wohnzimmer, Kammer und Küche, links der Laden und der Kellereingang, das waren die Räumlichkeiten, die vollauf genügten. Ter obere Teil der Wand, der Hausgang und Geschäftsraum trennte, wurde von einem hölzernen Laden gebildet, der um zwei unten befestigte Scharniere nach dem Gange zu gedreht und auf zwei Holzfüße wagrecht aufgeschlagen werden konnte. Er bildete so den Ladentisch, und die Käufer, die in dem kleinen Sitnmct gar nicht Platz gefunden hätten, waren auf den Hausgang angewiesen. Cs waren gerade keine modernen kaufmännischen Grundsätze, nach denen Herr Einbürger sein Geschäft betrieb. Er schloß Sonntag Morgen seinen Laden auf und bediente die Kunden, die eben kamen. Und so machte er es wohl auch an den folgenden Tagen. Wenn er aber am Mittwoch oder Tonnerstag feine Einnahmen zusammenzählte ünd fand, daß sie für die Bedürfnisse der Familie in jener Woche reichten, dann öffnete er an den letzten Wochentagen den Laden überhaupt nicht mehr, und wer kam, um etwas zu kaufen, mußte eben zu einem anbeten Geschäftsmann gehen. Herr Jakob aber war kaum mehr zu sehen. Er erschien mit seinem Samtkäppchen nur täglich um «r. 42. «ette $ sympathisch berühren uns aber seine „Lieder des Zornes", die vtelberühmten opm weil sich in ihnen in künstlerischer Vollendung;1 all der niederdrückende, geistlähmende und hoffnungstötende Pessimismus wied.'rspiegelt, der diese ganze Schule auszeichnet. Ganz er selbst, L ist Btalik eigentlich nur in den Liedern, die aus | der Sehnsucht des Volkes herausgewachsen sind. Das Jüdischnationale heißt des Dichters eigentliche $eimat und hier findet er jt Töne, die die Müllersche Uebersetzung nur an* Ij deuten, in ihrem zarten, poetischen Glanze aber 1 nicht im entferntesten wiedergeben kann. | Und doch ist es leider gerade der Inhalt | dieser Gedichte, mit denen wir uns nur unter § starkem Vorbehalt befreunden können. A „Uns gilt jede Träne, dem Volke gegeben, Als heilig, sie mehrt die große Flut. Uns gilt jeder Schweißtropfen, Der Gottes Wege bahnt, wie Opferblut" („Segen des Volkes.") Auch uns. Aber nur Tränen, die wirklich dem Volke gegeben, Schweißtropfen, die in Wahrheit Gottes Wege bahnen, am wenigsten aber die, welche in der Btalik'fchen Lyrik so heiß fließen... Noch nicht an Bialik zu messen, aber ein Dichter von warmem Empfinden und bemerkenswerter Originalität ist auch Salamon Dembitzer. Seine vor einigen Jahren erschienenen „Lebensklänge" haben einiges Aufsehen auch in der nichtjüdischen Welt erregt. Ihnen ist jetzt ein zweites schmuckes Licderbändchen gefolgt/) das auf gleiche Beachtung Anspruch erhebt. Auch Dembitzer schöpft aus dem Dunkel des Pessimismus. Allein es leben und leiden bekannte, rührende Gestalten in diesen auch formell sehr netten Liedern, die unser Mitleid und unsere Teilnahme in hohem Maße sich erwerben und deren Verbitterung wir wohl begreifen. „Und der schwere Winter kommt sich, Mit die starke, große Fräst, Jeder Hot sein eigen Winkel, Jeder Hot se n eigen Nest. Auch dir Tauben un die Vögel, Alle Wärem vun der Welt, Jeder Hot sich a Beschützer Fer die kummendige Kalt'. Nur arum spannt auf die Gassen Einer eppcs traurig, trüb; Uit ihm willt sich auch gern hoben Bor dem Winter chotcz a Stüb ." „Berloirene Welten". Hausiererlieder. — Vun mein Leben. — Jargongedichte von Salamon Dembitzer Verlag Dr. Franz Ledermann, Berlin. 8 Uhr einmal am Rathauseck, um zu sehen, was auf dem Markt los sei, — das war ja eigentlich seine Bürgerpflicht —, um dann sogleich wieder nach Hause zu gehen und zu „lernen." Tas „Lernen" war ihm die Hauptsache, das Geschäft nur Mittel zum Zweck. Nach und nach siedelten sich noch mehr Inden in K. an. Als der größte Teil eines Minjan vorhanden war, wurden die beiden Lberftubeu als Männer- und Frauensynagoge eingerichtet. Tie fehlenden Minjanleute wurden aus benachbarten Torfgemeinden bestellt, bis endlich nach Jahrzehnten die Zahl der Orts anwesenden ausreichte. Tic der kleinen Gemeinde unentgeltlich zur Verfügung gestellten Räume dienten ihr lange Zeit hindurch als Stätte der Erbauung und Andacht. Später ging das ganze Haus in ben Besitz der Gemeinde über, und auch eine Religionsschule fand darin Platz. Tie Zahl der' Mitglieder wuchs weiter, das Betlokal erwies sich schließlich als zu eng. Heute erhebt sich in der Nähe ein schöner, würdiger Synagogenbau und zeugt von der Opferwittigkeit der verhältnismäßig doch noch kleinen Gemeinde. Eine eigenartige Poesie aber schwebt noch über dem alten Hause. Trei Geschlechter sind dahingegangen, seitdem es durch seinen Besitzer eine höhere Weihe erlangte. Tie gesamten Lebensverhältnisse haben sich seitdem auch auf dem Lande geändert. Und doch spricht seine Gesckncht. recht deutlich eine Wahrheit, die auch noch für heute gilt: Anspruchslosigkeit und Gottvertrauen gestatten dem Jude», überall als Jude zu leben. •.« ■fs 4 j ''fi ’M;A ■'i i '3 c „? 1 v« 4