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Der Israelit · 1911-10-19 · Heft 42 (19.10.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 42 (19.10.1911)
Date
1911-10-19
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 «r. 42 »er Mraettt. 19. Oktober 1911 Von 9er Wischen öememgeverwsltung in Jerusalem Nichts weniger als eine Freudenbotschaft ist die an anderer Stelle veröffentlichte Nachricht von der Absicht des jungen Waad Hair in Jerusalem, schon nach seinen ersten schüchternen Reorganisations - Versuchen zurückzutreten und das Arbeitsfeld neuen Männern zu überlassen. Es ist gerade keine leichte und gewiß auch keine dankbare Aufgabe, vor die sich eine auf Sammlung und Einigung aller hetorogenett Elemente in der heiligen Stadt abzielende Gemeindeverwaltung gestellt sieht. Da gilt es, alt eingewurzelte, aus den Verhältnissen herausgewachsene Uebel abzustellen, über mancherlei Einzelinteressen hinweg aus das Gesamtinteresse hinzuarbeiten und eine Unterordnung vieler bislang selbständiger Gebilde herbeizusühren. Nirgends sonst dürste sich diese Sammelarbeit so schwierig gestalten wie in Jerusalem, wo die jüdische Bevölkerung ein buntes Gemisch aus allen Landsmannschaften bildet, deren jede an den Bräuchen und liebgewordenen Gewohnheiterl der Heimat zäh festhält. Und doch tut biefe Einigung nirgends so bitter not als gerade in dieser Stadt, die heute lwch das Sehnsuchtsziel der jüdischen Diaspora ist, und als solches die Regelung ihrer Gemeindeverhältnisse und die Abstellung gewisser den geweihten Boden diskreditierender Mißstände nachgerade zu einer Sache des Gesamtjudentums macht. Unter diesen Umständen begrüßten denn auch Optimisten wenigstens, die Bildung des Waad Hair als das vielverheißende Morgenrot einer neuen Aera im palästinensischen Gemerndeleben. Um so bedauerlicher ist es, daß dieser Waad schon nach den ersten Anläufen an seiner Aufgabe verzweifelt und resigniert das Feld zu räumen gedenkt. Erft in bcn letzten Tagen ging uns das vom Waad mrd den Körperschaften, aus denen dieser entstanden ist, ausgearbeitete Regulativ zur Gemeindeverwaltung im hebräischen Wortlaute zu, und es dünkt uns nicht überflüssig, zur Jllustrierung des echtjüdischen Geistes, aus denr heraus die Idee der jerusalernitischen Gemeindeverwaltung geboren ist, hier einige wesentliche Punkte des Statutes tviederzugeben. Aus den allgemeinen Bestimmungen: „Tie aschkenasische Gemeinde in Jerusalem wird tu all ihren internen Gcineindeangclegenhciten geleitet durch einen Rabbiner, Rabbinatskollegien (TO W a a d Hair und Berwaltungsrat. Der Rabbiner must in gleicher Weise bvn der Peruschintwie von der Chassidim-Gemeinde bestellt und durch die Majorität des Berwaltungsrats gewählt sein. Nur wenn eine Einigung dieser beiden Richtungen auf einen Führer nicht möglich ist, darf sich jede ihren eigeiren Rabbiner wählen, die dann ans der Gemeindekasse besoldet werden. Sowohl die Pernschim wie die Chassidim sollen je ein eigenes B e t h - D i n erhalten." Aus den Bestimmungen für die Mahlen inden Verwaltungsrat seien folgende hervorgehoben: „Der Gewählte nrust zu den treuen Bekenner« der Thora gehören und das Alter von mindestens 30 Jahren haben. Außerdem muh er nachgewicsenernmfh’it mindestens feit brni Jahren seinen Wohnsitz in Jerusalem haben. Die Wahl ist eine geheime und soll in Gegenwart des Waad .Hair, des Perwnltnngsrates, und der Rabbiner vor sich gehen." Der WahlmodusfürdenWaadHair hat unter Anderem folgende Bestimmungen: „Tie~ 23 Mitglieder des Waad setzen sich aus 1.2 Angehörigen des Stotel Peruschim und 11 Angehörigen des chajsibischen Kolcls zusammen. Ein Mitglied des Waad Hair kann nur derjenige werden, der ein gewisses Matz von Thoragelehrsamkeit besitzt, in alten Beziehungen treu zur Thora halt und auch in Bezug ans die in Palästina eingesührten Minhagiin sich einig weist mit den Aeltesten der Stadt. . Einmal in drei Monaten hat der Waad Hair die Mitglieder des Berwaltnngsrates zu oiner Generalversammlung cinznberufen und den vierteljährlichen Rechenschaftsbericht über seine Tätigkeit abzntegen. Dem Berwaltungsrat steht bei dieser Gelegenheit das Recht zu, an der Tätigkeit des Waad öffentliche Kritik zu üben und Anträge zu stellen. Alle Posten im Waad Hair mit Ausnahme desjenigen des Sekretärs werden ehrenamtlich nnd unentgeltlich versehen." Ueber die Wirksamkeit des Waad Hair erfahren wir aus den Statuten folgendes: „Dem Waad steht die Aufsicht über all? Angelegenheiten der aschkenasischen Gerneinde, sei es die inneren, oder diejenigen, die ihr Verhältnis zur sefardischen Gemeinde betreffen, zu. Außerdem soll eine Spezialkvmmission innerhalb des Waad mit der Vertretung der Gemeindeinteressen vor der Regierung betraut werden. Dem Waad obliegt es ferner, über alle anerkannten Wohttätigkeitsiustitutionen die Aufsicht zu führen. Auch sei es seine Pflicht, für ihre Entwicklung ioeitg.hendst zu sorgen und sie zur Zierde Jerusalems zu gestalten. Ausgenommen von dieser Aufsicht sind die privaten Anstalten und diejenigen, die von Komitees im Auslande geleitet werden. Von Zeit zu Zeit wird der Waad über den Stand der einzelnen Jnstitntionen auf dem Wege der Presse öffentlich Berichte erstatten, welche der ganzen Welt rnrd besonders auch den Spendern im Auslände zur Aufklärung dienen sollen. Es Wirb aber and} zu bat Obliegenheiten des Waad gehören, Miststände in den Institutionen abzustellen und Unternehmungen, die auf keiner gefnnden finanziellen Basis beruhen, soweit deren Sanierung nicht möglich oder geboten ist, aufzulös.'n. Privaten aber, die, wie das bis jetzt in der heiligen Stadt zuweilen der Fall war, zu Speknlationszw?ckeu ans eigene Faust Institutionen ins Leben rufen, wird der Waad mit aller Kraft e n t g e g e n t r e t e n und auch für Institutionen, die sich der Aufsicht des Waad nicht nnterordnen, öffentlich jede Vera nt wo r - t n n g a b l e h n e n. Es wird dem Waad zur Pflicht gemacht, im Einvernehmen mit dem Berwaltnngsrate, den Aeltesten Jerusalems und den Bothe-Tinim einen Oberr a b b i n e r s ü r d i e a s ch k e n a s i s ch e G e m e i n d e zu ernennen, bezw. zwei Rabbiner im 'Sinne des vorerwähnten Statuts. Der Waad wird sich angelegen sein lassen, für das Gesamtwohl der Gemeinde möglichst zu sorgen. Auch in unvorhergesehenen Notfällen, unter denen die jüdischen Einwohner zu leiden haben, wie Teuerung, wirtschaftliche Krisen usw. wird der Waad seine Kraft in den Dienst der Gemeinde stellen. Ein von ihm angesteltter und besoldeter Rechtsanwalt wird über die politischen und bürgerlichen Rechte der Gemeindemitglieder wachen und ihre Interessen bei der Regierung vertreten. Ebenso wird sich der Waad bemühen, überall, wo Znnstigkeiten zwischen einzelnen Institutionen bestehen, schlichtend.und versöhnend zu wirken und den Frieden in der heiligen Stadt möglichst zu erhalten. Eine Regelung des Erziehungs- und Unterrichtswesens wird der Waad im Einvernehmen mit den Rabbinern und Thoragelehrten der Stadt unverzüglich in die Wege leiten. Ausgleichend wird der Waad auch da wirken, wo Meinungsverschiedenheiten in Fragen, die pIKü rvnSnn betreffen, entstehen, damit auch in dieser Beziehung der Friede unter den Gelehrten und der Bevölkerung der heiligen Stadt erhalten bleibt." Diese wenigen Stichproben genügen, um die Voraussetzungen zu kennzeichnen, von denen sich der Waad bei seiner Reorganisationsarbeit leiten lassen wollte. Mögen sie auch vom neuen, hoffentlich recht bald zusammentretenden Waad im Großen und Ganzen übernommen werden und dazu führen, daß diese in einzelnen Punkten wohl hie und da noch änderungsbedürftigen in ihrer Gesamtfassung aber den Interessen und Bedürfnissen der aschkenasischen Bevölkerung in Jerusalem gut angepaßten Bestimmungen auch bald in lebendige Taten umgesetzt werden. Hur der UPeli <ler Schönen. II. Heue jüOifche vütmemoerke Zu den historischen Dramen, die ihren Stoff aus der sturmbewegten und leidreichen Geschichte Israels schöpfen, kommt ein neues, das allem Anscheine nach bald seinen Siegeszug über die deutschen Bühnen antreten wird. Es betrifft den traurigsten und entscheidenden Zeitpunkt in unserer Vergangenheit, die Belagerung und Zerstörung Jerusalems durch Titus.*) Kayser, der sich erst kürzlich in die deutsche Theaterwelt mit seiner „Medusa" gut eingeführt hat, ist nicht ohne historisches Verständnis für den ewigen, durch die Niederwerfung Jerusalems noch lange nicht zur Entscheidung gebrachten welthistorischen Kampf zwischen dem eisernen heidnischen Rom und dem auf festem monotheistischem Grunde aufgebauten geistig-ethischen Jerusalem an seine Schöpfung herangegangen, *) „Titus und die Jüdin". Eine Tragödie in drei Akten von Hans Kahser. — Verlag von S. Fischer, Berlin 1911. trat, für sie die Herausgabe des Codex ins Werk zu setzen. Nach langen Vorbereitungen können wir nunmehr, gefördert durch das Wohlwollen des jetzigen Direktors, D r. 5s a n s Schnorr von Carolsselb, an die Ausführung gehen. _ Da der größte Teil des Codex mit sehr kleiner «christ geschrieben ist, lasse ich beim Photographieren das Format (um reichlich l/j) vergrößern. Dadurch wird alles leichter lesbar und vieles sogar deutlicher als in der Handschrift selbst. — Zur weiteren Erleichterung der Benutzung habe ich am Kopf jeder Seite den Inhalt genau angegeben und an: rechten Seitenland die Seitenzahlen der gewöhnlichen Talmuddrucke. Die Stelle innerhalb des Textes, wo eine neue Druckseite beginnt, ist durch eilten dünnen senkrechten Strich bezeichnet. Die n>eisten Seiteit des Codex haben 80 Zeilen (wenige 81); das wagrechte Strichlein am^Anfange per Zeilen 20, 40 und 60 ermöglicht Sin bequemes Zitieren nach der Zoileitzahl. Durch diese Ausgabe wird jedem Talmudfvrscher die Möglichkeit gegeben sein, eine in sich zusammenstimmende und gute Tradition kennen zu lernen und das hier Ueberlieserte einerseits mit beu gewöhnlichen Drucken, andrerseits mit den alten Zitaten in den Response« der Gaonim usw. zu vergleichen. Und das ist umso wichtiger, weil die durch nichts zu ersetzende Handschrift infolge der starken Benutzung während der letzten vier Jahrzehnte leidet und geschont werden muß. Es wird mir eine herzliche Freude sein, wenn der Opfermut der Verlagsbuchhandlung die .verdiente Anerkennung findet." 'Wie man in gelehrten Kreisen über eine Edition des Münchener Talmudcodex denkt, dafür mag folgende Zuschrift eines berühmten Talmudforschers sprechen: „Eine phototypische Bervielfältigung des Münchener Codex 95 wird bei allen Gelehrten, die sich mit dem Talmud zu befassen haben, mit großer Freude begrüßt werden, und Sie können der dankbarsten Anerkennung gewiß sein. Wir oft habe ich mit einem gewissen Gefühle des Neides die herrlichett phototypischen Reproduktionen griechischer und lateinischer Handschriften Ihres Berlages im .Handschriftensaal der Münchener Bibliothek betrachtet und dabei gedacht: Wie bequem und angenehm wäre es, wenn auch der berühmte Taimudeodcx aus solche Weise leichter' zugänglick' gentacht werden könnte! Welche Wohltat wäre es süt die Interessenten, wenn sie daheim in ihrem Studierzimmer, zu jeder beliebigen Zeit,, die tu ein Seine Bände eingeteilte phototypische Reproduktion nach und nach bearbeiten könnten, statt daß sie jetzt darauf angewiesen sind, den ungeteilten, unhandlichen Codex während der üblichett Bibliotheksstnnden zu benützen!" Tie Verlagshandlung hegt die zuversichtliche Erwartnng, daß nicht nur Bibliotheken, sondern auch jüdische Genteinden, Rabbinersetninare, Fachgelehrte und jüdische Mäcene der Talmud-Forschung das Untcrnehinen ttnterstützen werden. Um die Anschaffung zu erleichtern, ist der Preis für Subskribenten aus nur 700 Mk. festgesetzt, welche in zwei Raten von 350 Mk. zahlbar sind, jedoch mit dem Vorbehalt, diesen Preis nach dem Erscheinen des ersten Bandes (das voraussichtlich noch in diesem Jahre erfolgen wird) erheblich zu erhöhen. Die Namen der Herren Subskribenten und etwaiger sonstiger Förderer werden im zweiten Bande verzeichnet werden. Da der Codex 1140 Seiten (ohne Titel, Vorwort usw.) enthält, wird die Ausgabe zwei stattliche Bände (im Formate von 48X38 Zentimeter) füllen. Tie Kunstanstalt Albert Frisch, Berlin W, welche durch hervorragende Leistungen auf dem Gebiete der Facstmile-Repröduktion vvn Handschriften mittels unvergänglichen Lichtdrucks allgemein bekannt ist, wird ihr ganzes Können daran setzen, um das Beste zu leisten, das in diesetn Falle möglich ist. Das eigens für diese Ausgabe hergestellte starke und schwere Papier ist gegen jede Schädigung durch Licht, Luft usw. gesichert und kann als unvergänglich bezeichnet werden." Als Probe liegen mir die ersten Blätter des Traktats Sota vor, der das Manuskript mit so unerreichter Treue, selbst mit seinen Flecken und sonstigett Zeichen der Abgegrisfenheit wiedergibt, daß man tatsächlich glaubt, die Handschrift selber vor sich ztt haben, nur ttm vieles deutlicher und leserlicher als das Original. Wie viele Unkorrektheiten, Schreibfehler und Jrrtümer aller Art hätten vermieden werden können, wenn es schott vvr Jahrhunderten möglich gewesen wäre, die Photographie in den Dienst des Talmud zn stellen! Daß dies heute erreicht ist uttd die ideale Weise, wie es erreicht ist, bedeutet eine jüdischliterarische Errungenschaft vvn gar nicht hoch genug zu schätzender Tragweite. 700 Mark ist allerdings eine ansehnliche Summe, aber für das was dafür geboten wird, ein ganz abnorm niedriger Preis. Bei 1140 künstlerisch ausgesührten Photographien stellt sich bei diesem Preis das einzelne Blatt aus kaum mehr als 50 Pfennige! Es ist eine Ehrensache öer zeitgenössischen Juden heit in allen Teilen der jüdischen Diaspora dieses so großzügig angelegte literarische Unternchmen Dlpön *1122^1 minn *1122*3 mit allm Kräften durch Bezug dieses monumentalen Werks zu fördern. Daß es mir vergönnt ist, diese Handschrift als Gemeingut aller Interessenten nunmehr veröffentlicht zn sehen, deren Bedeutsamkeit mir bereits vor» fast.

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