Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 42 (19.10.1911)
- Date
- 1911-10-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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19. Oktober 1911 rl^fT i' r**.r~?*?r Z7' Der Arraektt ,t u 42 «eite 8 wenn es uns gelingt, mit unserem Verständnis allmählich mehr und mehr in den Zusammenhang dieses Mechanismus etnzudringen. Wir wissen unS mit dieser Anschauung, welcher Kausalität und Teleologie nur verschiedene Seiten eines einheitlichen höheren Prinzips — für uns deS Gottesplanes der Weltentwicklung — sind, in bester Gesellschaft Die ganze deutsche idealistische Philosophie von Leibnitz und Kant an bis zur Gegenwart verurteüt die Annahme einer van der mechanischen Kausalität losgerissenen Teleologie ebenso wie eine von der Teleologie losgerissene mechanische Weltanschauung. Teleologie und Mechanismus in der Natur wie in jedem von Menschenhand zu einem bestimmten Zweck geschaffenen Gebilde verhalten sich wie Zweck und Mittel; jedes ist ohne das andere unmöglich, sie sind reciprok. Soll aber einem von beiden der Vorrang zugeschrieben werden, so gebührt er offenbar der Teleologie, da das Mittel um des Zweckes willen da ist und nicht umgekehrt. Wenn daher ein von der Norm abweichender Zweck verwirklicht werden soll, so liegt es in der Natur der Sache, daß nach dem nämlichen Gesetz, nach welchem sonst das Mittel dem Zweck diente, auch hier eine Abweichung des gewöhnlichen Geschehens im Dienste des Zweckes erfolgt. Wir nennen dieses dann ein Wunder, obwohl es im Grunde genommen nur ein nach den nämlichen Normen wie alles Geschehen verlaufender Spezialfaü mit seinen eigenen mechanischen Gesetzen ist. Es ist kein „Eingriff" in die Gesetzmäßigkeit des Geschehens, sondern nur ein Hinzutreten eines neuen Faktors. Dieses wäre nur dann naturwidrig, wenn es keine anderen Aktionen in der gesamten anorganischen Natur gebe, als solche, die aus den Atomkräften nach den anorganischen Naturgesetzen entspringen. Diese Annahme, welche in der Tat dem Monismus zu eigen ist, stellt aber eine petitio prineipii, ein grundloses Vorurteil dar, welches daher stammt, daß die ausschließlich in Untersuchung des mechanischen Kausalzusammenhanges sich erschöpfende Aufgabe der Naturwissenschaft durch leicht begreifliche Ueberfchätzung der speziellen Fachwissenschaft zugleich für die erschöpfende Aufgabe aller Wissenschaften gehalten wird. Auch hier macht sich der Mangel eines ton mm, einer Einsicht in das Ganze in der Weise geltend, daß der Beschauer nur ein Oinn iSD ein verschlossenes Buch — eine Buchform — sieht, und weil er nur dieForm sieht und keinen Inhalt, nunmehr die Existenz eines Inhaltes, welcher dem Buche doch erst Bedeutung gibt, leugnet. (Die Lösung, nicht nur des logischen Gegensatzes zwischen Kausalität und Teleologie, sondern auch des moralisch ethischen zwischen einer vou Gott geschaffenen und scheinbar doch unvollkommenen Welt, durch Betrachten des Ganzen drückt der Brno r'a bedeutsam aus, wenn er speziell zu dem Verse isD 3iv rum wy uw* dk m*) bemerkt 2D nt mo aiän ma ir rum •jnn w nr ihd man -tr nt rum Bergl. Hirsch zur Stelle im Kommentar). Aber auch solche Irrung ist dem Entwicklungsgang der Menschen von Nöten, denn erst wenn sie auf dem und durch den Umweg falscher Erklärungsversuche erkannt haben, daß nur ein Gotteskleid die Natur ist, nimmer aber Gott selber, werden die Völker auch Ihn suchen mit der Sehnsucht eines inhaltlosen'' Daseins nach einem neuen Werte, werden Ihn suchen bet se nem Volke und werden seine Einheit in Natur und Geschichte erkennen, werden erkennen, daß die uralte Stimme vom Sinai von demselben Gotteswalten erzählt, wie es ihnen dann aus dem Bilde Seiner Naturoffenbarung entgegenstrahlt, dessen gigantische Größe 3V*K die Worte in den Munde legte, daß er nunmehr das sehe, was er bisher nur durch die Stimme der Geschichte gehört: 'ry nnyi i'nyvv jro yoeo .fnan 8. £. Kochmr«n-scha«. Revolution non oben. Die Reihnach-Kampagne hat der Pariser Zentrale der Alliance Israeüte Universelle, wiewohl sie den Sieg davontrug, doch einige Ungelegenheiten gebracht, die man sich gern erspart hätte. Die bei dieser Gelegenheit so kräftig an den Tag.getretene Abneigung weiter jüdischer Kreise gegen den Pariser Kurs, die öffentliche Besprechung von allerlei durch die Alliancewirtschaft im Oriente verursachten Mißständen, die scharfe Kritik des Allianceschulwerkes, die dem Zentralkomitee den Entschluß zur Entsendung einer zweiten Jnspektionskommission nach dem Oriente abgerungen hat — all dieses hat unter den herrschgewohnten Sachwaltern der Alliance in Paris eine gewiffe Deutschenscheu bewirkt. Und so sann man denn beim Pariser Zentralbureau auf geeignete Mittel, solche Kämpfe mit all ihren unvermeidlichen Begleiterscheinungen für die Zukunft unmöglich zu machen. Man sann so lange, bis man fand, daß der beste und für Paris bequemste Wahlmodus eben der ist, der die freie Wahl ganz ausschließt. So entschloß man sich denn auf Grund der Erfahrungen der letzten Zeit, wie von uns bereits mitgeteilt, zu einem regelrechten Antrag, der die Wahlen einfach abschafft und sie durch das System der Kooptation ersetzt. Man greift sich an den Kopf und fragt sich, wie politisch freigesinnte Männer in der Hauptstadt der französischen Republik es nur wagen, ihren allerdings sehr begreiflichen Wunsch, solcherart die Opposition kaltzustellen, offen aussprechen. Allein aus der Geschichte des letzten Wahlkampfes ist auch dieser letzte verzweifelte Versuch der Pariser Machthaber, sich ihrer Alleinherrschaft in der Alliance zu sichern, zu erklären. Für uns und viele andere bestand vom ersten Augenblicke an kein Zweifel darüber, daß es für die Pariser Herren bet der ganzen Wahlkampagne sich weit weniger um die liebwerte Person Reinachs als vielmehr um eine Machtfrage handelte, die man mit Recht nicht gelöst sieht, so lange die Deutschen nicht, wie man es in Paris gewünscht und erwartet hätte, die letzten Konsequenzen ziehen, sondern in ihrer oppositionellen Stellung verharren. Einen solchen^ Zustand empsinbet man in Paris höchst unbequem und unsicher. Denn nicht immer kann es wie diesmal der allerdings allezeit geschickten Strategie der Alliancebeamten gelingen, die orientalischen Kerntruppen zugunsten der Pariser Obrigkeit mobil zu machen. Reinach als Programm hatte wider Erwarten nicht genügt, um sich die deutschen Störenfriede vom Halse zu schaffen. So mußte man denn zu stärkeren Mitteln greifen: man schafft also kurzerhand die Wahlen gänzlich ab und führt das System der Kooptation ein. Das wird — so ist der Pariser Calcul — voraussichtlich den Herren in Deutschland, die noch ein allgemeines freies Wahlrecht zu den Kriterien .einer jeden demokrattschen Institution zählen, nicht genehm sein, so mögen sie sich, was sie ja längst hätten tun können, empfehlen, tun sie es nicht, so sei es darum! Gefährlich für die Machtherrschaft des sich jeweilig selbst wähleirden Pariser Zentralkomitees werden sie alsdann nicht mehr!.... Wieviel Arbeit, Mühe und Sorgen — auch Kosten fügen böse Zungen hinzu — würde bei diesem Modus der Pariser Zentrale und ihren. Vertretern im Oriente erspart bleiben! Ob die deutsche Konferenzgemeinschaft nunmehr endlich einsieht, wohin die wiederholten Versuche der Pariser Leitung zur Entrechtung der deutschen Mitglieder letzten Endes abzielen? Die nächsten Tage werden es zeigen! (Siehe d. Pariser Telegramm im Nachrichtent.) mitz aus München und auch den Zweck seines Besuches in Altona. Er wollte die Meister des Talmud, von welchen in Altona damals eine größere Anzahl lebte, auf einen literarischen Schatz aufmerksam machen, der sich in der Königlichen Hof- und Staatsbibliothek zu München befindet. Es ist die einzige in der Welt existierende Handschrift, welche den ganzen Talmud B a b l i enthält. Tiefe heranSzugeben und sie mit den im Druck vorhandenen Talmud-Ausgaben zu vergleichen, war die Riesenanfgabe, die sich Rabbinowitz gestellt hatte und dafür wollte er das Interesse her talmudischen Koryphäen wecken. Täs stet ihm nicht schwer. Die Großen in Israel erkannten sofort die hohe Bedeutsamkeit dieses Unternehmens sowie die Qualifikation des Mannes, der durch seine ungewöhnliche Vertrautheit mit dem Talmud geradezu prädestiniert erschien, ein solches Werk aufzunehmen und glücklich zu Ende zu führen. Schon wenige Jahre nachher veröffentlichte Rabbinowitz unter dem Titel: „Dikduke Soser i m " den ersten Band seines groß angelegten Werkes, zu dem sich die zeitgenössischen Koryphäen der Talmudkunde: Rabbiner Natansohn, Lemberg: S. Kluger, Brody: Jakob Ettlinger, Altona,- A. S. Schreiber, Preßburg; I. E. Spektor, Kvwno; S. Schreiber, Krakau, in ihren dem Werk vorangeschickten Approbationen in einer geradezu überschwänglichen Weise äußern, sowohl über die Bedeutsamkeit des Münchener Talmud-Codex als auch über die Bearbeitung, die er durch Rabbmowitz erfahren hatte. Es war jedoch Rabbinowitz nicht vergönnt, die Arbeit zu Ende zu führen. Auch ihre nach seinem Tode erfolgte Fortsetzung durch den bekannten Münchener Gelehrten Rabbiner Tr. Ehrentreu hat bis heute 'nicht zu ihrem Abschluß, geführt. Aber selbst ihre Bollendung, die jedem Kenner einen Einblick in die Varianten gestattet zwischen dem Talmud- Text dieser Handschrift und demjenigen unserer gewöhnlichen Ausgaben, reicht in ihrer Bedeutsamkeit nicht an diejenige heran, die ein Einblick in den Text dieses wunderbaren Manuskriptes selbst gewährt. Seit der erwähnten ersten und einzigen Bekanntschaft mit Rabbinowitz sehnte ich mich danach, dieses teuere Manuskript mit eigenen Fugen zu sehen. Erst viele Jahre später bekam ich es in München zu Gesicht. Co ist ein einziger Band, aus dünnem Pergament und enthält 570 Blätter in Äleinfolio, von welchen jedes 80 und 81 Zeilen enthält, in der aschkenasischen Meschitischrift geschrieben. Tic Handschrift wurde im Jahre 0103 geschrieben, ist somit jetzt 569 Jahralt. Sic war bis vor etwas mehr als hundert Jahren in Pfersee bei Augsburg, wo sie auch Rabbi Ch. D. Asnlai kennen lernte, der sie in seinem Werke Schein Hagdolim erwähnt. Bon da gelangte sie in die Hände des Klosters Polingen bei Landshut, von wo sie in Besitz der Königl. Hos- und Staatsbibliothek in München kam. Ein Blick aus diese Handschrift, die nur den Mischnah- und Gemoro-Text ohne die in unseren Talmudausgaben beigefügten Erklärungen bau Nascht und Tosafoth enthält, läßt den Beschauer die Schwierigkeiten ahnen, mit welchen das Studium des Talmud vor 600 Jahren, also vor Erfindung der Buchdruckerkunst, verbunden war und wie leicht es dagegen in unseren Tagen ist, wo unsere billigen, handlichen Talmud-Ausgaben Jedermann ohne weiteres zugänglich, sind. Was dazu gehörte eine solche Handschrift auch nur herzustellen und welche Hing"buno ibr Studium erfordert, das ist den Kindern unserer Zeit ganz abhanden gekommen. Auch von denjenigen, die ihr ganzes Leben dem Studium des Talmuds widmen, haben gewiß die wenigsten je in ihrem Leben eine Talmud-Handschrift gesehen. Und was wäre für das Studium, die Kenntnis und richtige Würdigung des Talmud doch gewonnen, wenn ein solches Original-Manuskript, nicht in einem einzigen Exemplare in einer Bibliothek hinter Schloß und Riegel läge, sondern allen Interessenten zugänglich Mi'! So genial die abweichenden Leoarten des Manuskripts von unseren Ausgaben durch das Werk Dikduke Soserim auch in das recht.' Lieh! gesetzt werden, so unvergleichlich bedeutsam wäre rs doch für das Tatmudstudium, wenn es dem Forscher möglich wäre, selbst ans der Quelle zu schöpfen, die das einzige Münchener Exemplar enthält, das aber bei aller Liberalität der Bibliothek doch immerhin nur wenigen zugänglich sein kann. Es ist nun' ein charakteristisches pichen unserer Zeit und des Schicksals, das über dem Talmud schwebt, daß in unseren Tagen, wo im Westen Europas die Kenntnis des Talmuds und das Interesse für ihnin unseren eigenen Kreisen mehr und mehr zu felpvin den droht, daß da ein namtzafler christlicher Gelehrter, den kühnen Gedanken gefaßt hat, die ganze Münchener Handschrift des Talmud zu photographieren und sie so der allgemeinen Benutzung zugänglich zu machen! Es ist dies kein geringerer als He r m a n n L. Strack der darüber schreibt: „Schon im Jahre 1803 hatte ich die Absicht, mit einem tüchtigen jüdischen Gelehrten den Münchener Codex vollständig abzudruckcu und die Varianten der ersten Venediger Ausgabe hinzuzufügen. Leidet verhinderten andere wichtige Arbeiten mich an der Ausführung meines Vorhabens. Ta gereichte es mir zu großer Befriedigung, daß A. W. S i j t h o f f s Uitge vers-Maat s.chappii in Leiden, welche durch phototypische Vervielfältigung zahlreicher Handschriften einen Weltruf erworben hat, im Sommer 1910 mit dem Ersuchen an.mich heran-