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Der Israelit · 1911-10-19 · Heft 42 (19.10.1911) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 42 (19.10.1911)
Date
1911-10-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Sette 3 Rr. 4S Oer «Klil. des 5keplerbundes: Godesberg bei Bonn) auch die viel wirkungsvollere und nachhaltigere philosophische Apologetik begonnen, indem sie eine eigene Rubrik Fragen metaphysischer Natur widmet, deren Behandlung mehr als alles andere geeignet ist, dem Gebäude eines angeblich wissenschaftlichen Monismus das Fundament zu untergraben. Neben dieser Art der Apologetik finden wir aber in den Veröffentlichungen des Keplerbundes auch jene altjüdische Auffassung der Natur, wie sie Hirsch 7"5Ct (Kommentar zu Psalm 19) Kennzeichnet, nach welcher, „emporblikkend zum Himmelsfirmament und fich niederbeugend zum winzigsten Lebewesen dem Naturbeobachter, jemehr sich ihm die in der Natur verwirklichten Gedanken und die in der Natur wallenden Gesetze erschließen, umso offenbarer der einzige Eine sein wird, der die in der Natur verwirklichten und sich verwirklichenden Gedanken gedacht und denkt und die in der Natur waltenden und sich vollziehenden Gesetze gesetzt und erhält" ... So finden wir beispielsweise im Band 1 der vom Keplerbund herausgegebenen „Naturwissenschaftlichen Zeitfragen" in einer vorzüglichen Abhandlung von Dr. Riem über „Werden und Vergehen unserer Weltinsel" als Ergebnis einer eingehenden Kritik der herrschenden Erdentftehungstheorte, den logischen Nachweis,der Unmöglichkeit eines ewigen Weltbestehens, den zwingenden Schluß einer Erdentstehung als Konsequenz des physikalisch und mathematisch abgeleiteten Entropiegesetzes. Der Begriff der Entwickelung zu dem eben vom Entropiegesetz aufgestellten Ziele hin widerspricht nämlich logischerweise dem Begriffe der Ewigkeit, da in einer solchen alle Entwicklungsmodalitäten bereits erreicht worden sein müssen. (Interessant ist die Analogie mit S. R. Hirsch Gesammelte Schriften Bd. I S. 417/418). Auch durch Vorträge und Mitgliederversammlungen in seinen einzelnen Ortsgruppen, sowie durch Veranstaltung von Lehrkursen in seiner Zentrale dem Keplerbundhaus in Godesberg sucht der Keplerbund mit — wie sein letzter Jahresbericht, April 1911 beweist — sichtlichem Erfolge sein Ziel einer wahren Maffenaufklärung zu erreichen. Es ist .sehr bedauerlich, daß nur ganz vereinzelt sich auch Juden an der Arbeit des Keplerbundes beteiligen. Gewiß ist der Teil unseres Volkes glücklich zu Preisen, welcher getreu unserer welthistorischen Aufgabe unbekümmerten Sinnes an deu Problemen dieser Art Vorbeigehen und warten kann, bis einstens „alle Völker in unserem Lichte wandeln werden", dessen Pflege und intensive Hut sicherlich unsere vornehmste Aufgabe und unser alleiniger Stolz ist. Wo aber, wie bei uns besonders in Akademikerkreisen, Kleines Amilleton. »er Galmud pbotograpbim. Es mögen jetzt bald fünfzig Jahre her sein, als ich eines Tages im Hanse des Klausrabbiner Munk in Altona gemeinschaftlich mit einem der Löhne mich für den Talmud-Vortrag des Rabbi (es war Oberrabbin'r Ettlingcri vorbereitete. Ta trat ein hoch-gewachsener Mann ein, erkundigte sich nach dem Hausherrn und war freudig überrascht, als er uns über einem Talmndfolianten traf. Ter Fremde warf einen Blick auf das ansgeschlagene Buch, setzte sich zu uns und sagte: „Blatt 16 halten Sie in Rosch Haschono. Kennen Sie auch die fünfzehn Blätter, die Lie schon gelernt haben?" Wenn man lö—16 Jahre alt ist, femtt man alles lind noch einiges' dazu. Diese fünfzehn Blatt hatten ivir aber wirklich mit Raschi und Toßefoth, mit allen Rischonim und Acharonim so gründlich durchgelernt, das: wir die Frage, ob er uns einiges daraus fragen dürfe, nicht rasch und nicht eifrig genug bejahen konnten. Rasch wollten wir den Folianten schließen, aber der fremde meinte, wir könnten die Gemoro ruhig offen lassen, es ginge so besser. Das hielt unsere junge Weisheit für ein Armutszeugnis des Examinators, der da zur Türe hereingeschneit kam, und doch, wenn er auch ein noch so großer (belehrter war, in diesen fünfzehn Blatt nicht so gut und jedenfalls nicht besser Bescheid wissen konnte, als wir. Er muß sich, so dachten wir, doch 19t Oktober 1911 aber auch tief hinein in die kaufmännische Schicht die Miasmen modernen Naturgötzendienftes gedrungen sind, wo es leider zur Aufgabegeworden ist, Apologetik zu treiben, wo jedes Zettungsblatt eine Gefahr für unsere Kinder darstellt, da ist es zur Pflicht geworden, den Feind mit den eigenen Waffen zu schlagen und die große Schuld abzutragen, die so viele Stammeswenn auch nicht Glaubensgenossen unserem Volke dadurch aufgebürdet, daß sie sich in die vordersten Reihen der Bekämpfer wahrer auf Gott gegründeter Sittlichkeit stellten, deren allgemeine Anerkennung im Gesamtmenschenkreise Twyo Tins ]n pai — ja auch unser Höheziel ist. Wenn dieses Ziel uns heute entfernt scheint und der Mißbrauch der Naturwissenschaft in oben geschildertem Sinne uns Besorgnis einflößt, so dürfte doch die Erwägung uns trösten, daß wir es im Grunde genommen nur mit einer Begriffsverwirrung, mit einem Mangel philosophischen Denkens zu tun haben, eine Verirrung, welche früher oder später sich als eine Stufe erweist, die nur Sprosse zu höherer und wahrer Erkenntnis wird. Ohne uns an dieser Stelle in die auch in diesen Blättern schon öfters behandelten Einzelfragen naturwissenschaftlicher Art verlieren zu wollen, sei nur der Grundgegensatz monistischer und sog. dualistischer Anschauung herausgeschält, insofern dieser Gegensatz unsere Ethik beeiflußt. Diss monistische Anschauung erklärt alles Geschehen in der Welt aus dem Mechanismus der unorganischen Kräfte und Gesetze, sie verwirft jede Mitwirkung geistiger Mächte, psychischer Funktionen, oder organisierender Prinzipien und wird dadurch zum Materialismus. Unsere Weltanschauung hingegen nimmt eine Telelogie, eine Zielstrebigkeit zu einem von Gott gesetzten Ziel des Weltganzen an und betrachtet alles Geschehen als von Gottes Willen verursacht. Der Monismus leugnet also nicht die Zweckmäßigkeit der Tatsachen, nur erklärt er diese Zweckmäßigkeit als aus rein mechanischen Ursachen — Selektionstheorie, Mutationstheorie, Variationstheorie usw. — hervorgehend. Es sind nunmehr aber nur zwei Fälle möglich: entweder gehört die Zweckmäßigkeit als eine unausbleibbare notwendige Folge zum Wesen der mechanischen Naturgesetze, oder aber sie gehört nicht zum Wesen derselben und ist nur zufällig eine Folge derselben. In letzterem Falle fällt natürlich die Erklärbarkeit der „Welträtsel" durch den Materialismus weg, da durch Einführung des Zufalles er auf das Vorhandensein gesetzmäßig wirkender Prinzipien verzichtet und es bliebe weiter der ostentativ bekämpfte Dualismus mechanischer Gesetzmäßigkeit und der durch sie nicht erklärbaren Zweckmäßigkeit bestehen. Im anderen Falle aber, wenn man die Berufung auf den Zufall als unwissenschaftlich von der Hand weist, und das Resultieren zweckmäßiger Wirkungen aus mechanischen Ursachen als etwas mit Notwendigkeit in dem Wesen der mechanischen Gesetze Eingeschloffenes ansieht, gelangt man zwar zu einer wirklichen Aufhebung des Dualismus, aber doch nur eben dadurch, daß man den Begriff der Telelogie als integrierenden Bestandteil in den Mechanismus mit aufnimmt, also zugesteht, daß es mit Notwendigkeit zum Wesen des Mechanismus gehört, zweckmäßige Wirkungen hervorzubringen, d. h. teleologisch zu sein. Das ist nun auch richtig, nur muß man dann aufhören, gegen die Zielstrebigkeit zu polemisieren, nachdem auch das mechanistische Prinzip seiner innersten Natur nach teleologisch ist) man muß aufhören, vom toten Mechanismus zu reden, wenn es zu seinem Wesen gehört, sich unaufhörlich als organisches Leben zu erweisen. Ohne Annahme eines vorher bestimmten Zieles wäre der Mechanismus der Natur ein unsinniges Chaos von blinden Gewalten. Ebenso wie ein von Menschen gefertigtes Gewirr von Rädern und Maschinenteilen erst dann den Namen eines Mechanismus verdient, wenn die Zusammensetzung der Teile den vorher bestimmten Zweck der Maschine ausübt, so verleiht erst der immanente Zweckbegriff den anorganischen Naturkräften die Gabe mechanischer Gesetzlichkeit. In seiner unphilosophischen Weise geht aber beispielsweise Häckel (Natürliche Schöpfungsgeschichte 4. Aufl. S. 635) — der Ehrenpräsident des Deutschen Monistenbundes — so weit, den Mechanismus einer Lokomotive, dessen Leistungen der Wilde als unmittelbare Wirkung eines mächtigen Geistes anstaunt, als Beispiel dafür anzuziehen, daß es nur darauf ankomme, einen so verwickelten Apparat wie die Lokomotive oder das menschliche Auge in seiner rein mechanischen Natur zu begreifen, um von „teleologischen Wahnvorstellungen" zurückzukommen. Das Beispiel beweist aber das Gegenteil, der Wilde staunt mit Recht die Lokomotive — als Mechanismus mit Zielstrebigkeit und genau bestimmtem Zweck — als Beweis einer ihm überlegenen I n t e l l i g e n z an/ deren staunenswerte Zweckmäßigkeit wird um nichts vermindert, wenn er den vollen Einblick in den staunenswerten Mechanismus erlangt hat. So bleiben auch wir im Rechte, wenn wir in dem weit staunenswürdigeren großen Mechanismus der Natur die Beurkundung einer der unsrigen weit überlegenen Intelligenz bewundern, und unsere Bewunderung wird dadurch nicht vermindert, sondern erhöht er ft selbst ein lueuifl orientieren, um zwei so gründliche Kenner miss Glatteis führen zn können: desh er l l gehts so tzesscr. Ter Fremde hatte ein paar wunderbare Augen im Kopse. AuS diesen warf er uns einen Blick zu, der uns durch Mark und Bein ging, obwohl er von einem gutmütigen Lächeln begleitet war, das um seine breiten Lippen spielte. Wir hatten das Gefühl, daß er mit diesem Blick unsere hohe Meinung von unserer Talmudgelehrsciinteil richtig herausgelesen hatte, .und das tat uns ganz wohl, denn wir waren von unserer Meisterschaft in Talmndieis so fest überzeugt, wie es eben die Ueberzeugungen sind, die man in diesen Jahren in .Hülle und Fülle zu besitze» pflegt. „Wenn Sie wollen", fuhr er mit anheimelnder Gutmütigkeit fort, „können Sie bei der Prüfung »och ein gutes Geschäft machen. Ich zahle Ihnen für jede Frage, die Sie richtig beantworten, eine Mark und Sie zahlen mir für jede Frage, die Sie mc()t richtig beantworten, die Hälfte. Einverstanden?" ES tat uns ungemein wohl, daß der Fremde uns für Geldmänner hielt, je weniger wir es tatsächlich waren. Bei zwei bis drei unrichtig beantworteten Fragen hätten wir Konkurs allsagen müssen. Auch gewährte es uns eine gewisse Beruhigung, daß das Äuge des Fremden wohl in unsere Herzen, aber nicht in unsere Taschen dringen konnte, denn sonst hatte er ein solches 'Angebot nicht gewagt, bei dem er nur verlieren konnte. Aber merkwürdigerweise schien er auch jetzt wieder unsere Gedanken richtig gelesen zu haben, denn er meinte, wir könnten mit der Prüfung sofort beginnen, und er lasse uns Zeit erst nach den drei ersten Fragen uns zu entscheiden, ob wir aus sein Angebot eingehen wollen. „Also das, was Sie bis dahin gelernt haben kennen Sie?" Diese wiederholte Frage kam uns fast wie eine Beleidigung vor, aber wir hatten nicht Zeit, darauf za antworten, als der Frager mit seinem Zeigefinger ails ein Wort mitten im Texte deutete und uns fragte, welches Wort an dieser Stelle zehn Seiten weiter zurückstehe. -Erstaunt, verblüfft, beschämt sahen wir bald uns bald den Frager an, dieser blieb aber bei seinem unverwüstlichen Lächeln, belustigte sich an unserer Um n isstnheit und bemerkte ganz leutselig: „Zehn Blatt zurück, das ist vielleicht scholl lange her, seitdem Sie es gelernt haben, aber wissen -Lie das Wort, das fünf, vier, zwei Blatt zurück, au dieser Stelle steht?" „Wissen Sie es denn?" fragte mein Studieu- und Leidensgenösse. „Ich brauchte es eigentlich nicht zu wissen, da es sich jetzt nicht um in e t u „Verhör" handelt. Aber wenn Sie wich einmal prüfen wollen, so bin ich bereit, Ihnen sofort zu antworten." Sprachs und sagte uns aus zehn Seiten zurück das Wort, das an der von ihm bozeichneton Stolle stand. „Vielleicht ziehen Sie es aber vor, mich lieber aas einer anderen Messechte zu prüfen, holen Sie einmal eine andere Gomoro." „Welche?" fragte ich. ^Welche Sie wollen." Mein Freund stürzte in das Vorzimmer und holte Massechet Kidduschin. Der Fremde wußte darin ebenso gut Bescheid. „Wollen Sie mich vielleicht noch in einer anderen Messechte prüfen?" Wir hatten genug. Ter Fremde erhob sich ünd bat uns, seinen Besuch für heute Abend zu avisieren. In der Verwirrung hatten wir ganz vergessen nach seinem Kamen zu fragen. Am Abenderfuhren wir ihn; es war Rabbi Raphael Rath an Rabbiny-

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