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Der Israelit · 1911-10-05 · Heft 40 (5.10.1911) · page 35

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 40 (5.10.1911)
Date
1911-10-05
Page
– (sequence 35)
Language
German
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21. September 19J.1 Ler Jaraerr, Nr. 38 Seite B Tauroh allein bildet Israels Lebenskraftvon ihr durchdrungen, ist der Jude gegen die Macht der Natur gewappnet!" Und wie weise wußte Moscheh seine Einrichtung auszugestalten! Durch einen Mann ließ er einfach drei Verse verlesen und brachte so in schlichter, eindringlicher Art dem Volksbewußtsein die Bedeutung der Tauroh als fein wahres Lebenselement nahe. Einer anderen Ueberlieferung zufolge lasen sogar schon zu Moschehs Zetten drei Personen je drei Verse, entsprechend den drei Volksabteilungen: Kohen, Levi und Israel. Im Lichte dieser Ueberlieferung besaß die Veranstaltung von Kttaß Hatauroh bereits unter Moschehs Führung den Charakter einer großartigen Kundgebung des Gedankens, -aß die Tauroh das Bindeglied und den Mittelpunkt aller Stämme bildet. Kanq die Tauroh in Wirklichkeit deutlicher als die Gebieterin des ganzen Volkes erscheinen, als-wenn ihr alle Stämme gleichmäßig den Tribut der Huldigung erweisen? Die Lehren und Pflichten, mit welchen sie uns zum unbedingten Gottesgehorsam erziehen möchte, will sie bis zum letzten Manne in sämtliche Schichten des Volkes tragen. Daß aber auch in Wahrheit keiner aus dem Volke ihrer zu entraten vermag, bezeugt in Erinnerung jener Begebenheit der ersten Wüstentage jeder Stamm immer aüfs neue dadurch, daß jeder sich bereitwillig an Kttaß Hatauroh beteiligtso daß die Gesamtheit in allen Gliedern gleichmäßig dem Rufe der Tauroh Folge leistet. Richtig begriffen, stellt somit Kriaß Hatauroh ein Ideal dar, welches ein ganzes Volk in seinen einzelnen Teilen zu einer ragenden geistigen und sittlichen Höhe emporhebt und seine Träger mit unverlierbarer Kraft für den Ringkampf mit der Natur ausstattet. * * * Israel nahm aber die ideale Lehre gar selten mit ins Leben hinaus. Es kamen Zeiten geistigen Tiefstandes, um deffen Hebung sich die edelsten Söhne der Nation unaufhörlich mühten. Der Prophet Esra widmete ihr eine umfaffende Tätigkeit. Zum Wähle des Volkes traf er nützliche, weitreichende Maßnahmen und drückte auch der Kriaß Hatauroh den Stempel seiner ins Einzelne gehenden Fürsorge auf, indem er das Vorlesen, am Sabbat mittag einrichtete und außerdem als Mindestmaß des Taurohvortrages die Anzahl von zehn Versen festsetzte. Die Vorlesung am Sabbat mittag fügte er deshalb der bestehenden Einrichtung hinzu, weil ein Teil des Volkes durch den erschwerten Kampf um die Ernährung in den Werktagen nicht die Muße zu finden vermochte, das öffentliche Taurohwort zu vernehmen. Auch diesem Teile der Gesamtheit sollte nach dem tiefgründigen Plane -es Propheten die ursprüngliche Wesensart der Kriaß Hatauroh erhalten bleiben. In doppelter Eigenschaft tritt ja jeder Sabbat in Israels Kreis, als Frucht der verfloffenen und Wurzel der kommenden Woche. So beließ Esra dem. am Sabbat morgen stattfindenden Vortrage des Taurohwortes das Merkmal der Vollendung der vergangenen Tage und streute am Mittag aufs neue die Geistessaat in die Herzen seines Volkes, damit sie, wenn die herannahende Woche in die Arena des sozialen Kampfes ruft, schon mit der höhern siegreichen Kraft ausgerüstet, dastehen, die den Vätern in der Wüste fehlte und damit also auch ihnen die ursprüngliche, Gottvertrauen weckende Bedeutung der Kriaß Hatauroh gegenwärtig bleibe. Damit steht auch die Anzahl der Verse in engem Zusammenhang. Gilt sie doch der ehrenden Anerkennung der Tätigkeit jener zehn edlen Männer, die ihre Zeit und Kraft den Obliegenheiten der Gesamtheit zur Verfügung stellten, und so selbst in schweren Tagen den Fortbestand der Gesamtheit und ihr die Verwirklichung des Ideals sicherten, das in Kriaß Hatauroh zum lehrreichen Ausdruck gelangt. Eben weil sich die große Gesamtheit durch das Band der Kriaß Hatauroh geistig verbunden fühlt, zollt sie allezeit den Männern freudigen Dank, durch deren Verdienstpolle Tätigkeit sie auch in materiell unwirtschaftlichen Zeiten, die so oft den Einzelnen auf sich selbst verweisen, den Geist jener von Moscheh gestifteten Einrichtung im Leben zu bewähren vermag. Freilich vermag nur das Wort Leben zu gewinnen, das der Hörer mit Verständnis in sich aufnimmt. Allein schon zu Esras Zetten blieb einem großen Telle des Volkes die Vorlesung des bloßen Urtextes unverständlich, so daß man sich veranlaßt sah, ihr eine erläuternde Uebersetzung beizugesellen. Damit aber durch die erweiterte Form das Wesen der alten Einrichtung keine Trübung erleide, traf man manche tiefsinnige Bestimmungen, aus deren Reihe wir an dieser Stelle die eine hervorheben.möchten, daß der Vortragende des Urtextes nie gleichzeitig mit dem Erklärer das Wort führen durste. Stets sollte vielmehr der eine mit seinem Bortrage matten bis der andere ihn jeweilig beschlossen. Ob sich dattn neben der Fürsorge für die deutliche Brrnehmbarkeit beider Vorträge nicht auch die Absicht scharfer Scheidung des unveränderlichen urkd unverbrüchlichen Urtextes von der dem Verständnisse der Zeit angepaßten Erläuterung ausspricht? Blieb nicht durch diese Maßnahme der Uttext in seiner autotttativen Kraft wirksam, während die Erklärung ihm nur die Bahn zu den Herzen des Volkes ebnete? Und bildete nicht die alle und alles beherschende Autotttät der Tauroh seit seiner Begründung den Kern des öffentlichen Laurohvortrages? Was wunder, wenn da die Bestimmmungen, welche die neue Form umgaben, zum Schutze der alten erscheinen, damit gerade in den von der Höhe der Tauroh hinabgesunkenen Tagen die alte Parole der Kttaß Hatauroh die Gemüter erhebend und ermunternd durchs Leben zu geleiten vermag: Die Tauroh allein windet uns den Siegeskranz im Kampfe mit den Gefahren des Daseins! Zeigten schon die vottgen Phasen der Geschichte von Kriaß Hatauroh eine abwätts neigende Richtung, so gewahren wir mit Leidwesen in der letzten, zu der auch unsere Gegenwatt zählt, den tiefsten Stand der Niedere. Die Zeit ist an Tauroh so kenntnisarm geworden, daß sie aus der knappen Erläuterung den Inhalt des Urtextes nicht mehr zu entnehmen vermag und ist daher zur anfänglichen Gepflogenheit des bloßen Uttextes des Taurohwottes zurückgekehrt. Um so mehr ttttt da die häusliche Pttvatlektüre des Wochenabschntttes in ihre Rechte, deren unverlierbare Beziehung zur öffentlichen Taurohvorlesung schon Raw Hunah bar Jehuda im Namen von Rabbi Ami mit den Motten zeichnet: „Stets vollende man im Jahrescyklus die Pttvatlektüre mit dem Bottrage der Gesamtheit, zwei Verse Uttext und 1 Vers Erläuterung (selbst Atharoth und Divon), denn jeder, der sie mit der Gesamtheit vollendet, ist des ewigen Lebens teilhaftig!" Einfach und klar heißt es wohl in diesem Ausspruche, daß der Einzelne die Pttvatlektüre im Zusammenhänge mit der Gesamtheit betrachten und daß er auch sie so gestalten möge, daß die Autotttät des Uttextes in den Vordergrund trete: „Zwei Verse Urtext, ein Vers Erläuterung." Sein Pttvatstudium bilde nur eine Fottsetzung und Vollendung der Aufgabe, zu deren Lösung die Gesamtheit allen ihren Gliedern an öffentlicher Stätte nur eine vorbildliche Anregung bietet. In der Erfüllung dieser Pflicht möge er sich selbst als ein Glied der Gesamtheit fühlen. Seine private Uebuug bewege sich auf der gleichen prinzipiellen Linie, welche die Gesamtheit beobachtet. Er möge deshalb auch äußerlich alljährlich sein Wett gleil^eitig mit der Oeffentlichkeit abschließen, um so sehr seinen unzertrennlichen Zusammenhang mit der Gesamtheit zu bekunden, daß in seiner Pttvatlektüre derselbe Gedanke lebe und webe, dem der öffentliche Bottrag des TaurohworreS in Moschehs 1 Tagen seine Entstehung verdankte. | Wahrlich! Wer so im Boden der Gesamtheit } wurzelt und sich mit ihr bis ins Innerste seine- ■ Herzens und seines Hauses durch das Band der f Tauroh verknüpft weiß, ist im Sinne der. Kttaß i tatauroh des ewigen Lebens teilhaftig. In der i egenwart bleibt er in allen Lebenslagen aufrecht und für die Zukunft schafft ergeben. Die gleiche Segnung, mit der man — wieder; ganz im Sinne der Begebenheit, die in den ersten \ Tagen unseres Volksdaseins die Kriaß Hatauroh! gestiftet — an öffentlicher Stätte vom Taurohwotte scheidet: „Gesegnet sei der, der uns die Tauroh der Wahrheit gespendet und ewiges Leben in uns hineinpflanzt", wird dem Einzelnen zu tri, er wird von der Tauroh wie auf Adlerssittigen in die Höhen der absoluten Freiheit getragen, an deren Fels die den Menschen sonst niederzwingenden Gewalten zerschellen. Glücklich das Geschlecht, das im Bewußtsein der gegenseitigen Verantwortlichkeit sich in der stillen Beschäftigung mit der Tauroh, mit ihren Pflichten und Lehren durchdringt und auf diese Weise dazu beiträgt, die geistig abwätts geratene Entwicklung Israels zur Höhe ihrer Bestimj mung zurückzuführen, damit wenn die bishettge Geschichte von Kttaß Hatauroh ein unbefriedigendes Facit der Geistesgeschichte Israels widerspiegelt, diese durch das Werk der Einzelnen bald wieder in ihrem alten Glanze erstrahle! RaWintr. In einem Aussatz „Der Pfarrer ohne Talar" in Nr. 8 streiften wir jüngst die Aufgabe der orthodoxen Rabbiner in der Gegenwatt. Wir meinten, es sei unvermerkt soviel von fremden Sitten in das jüdische Gemeindeteben eingedrungen, daß es höchste Zeit sei, Front zu machen. Auch der Rabbiner habe viel von seiner jüdischen Ausgabe, „Lehrer" der Gemeinde; zu sein, verloren und sei allenthalben „Seelsorger" nach geistlichem Muster, selbst in de» orthodoxesten Gemeinen, geworden. Ueberall steht die Synagoge und sein dortiges „Amtieren" im Mittelpunkt und nur in wenigen Gemeinden besteht überhaupt der jüdischerseits gegebene Mittelpunkt der Gemeinde: das Lehrhaus. Dementsprechend legt auch die Gemeinde - oder der Rabbiner Wert auf eine Amtstracht, die ebenfalls mehr oder weniger derjenigen andersgläubiger Kreise nachgeahmt ist. In Westeuropa hat sich dieser Gebrauch seit hundert und mehr Jahren eingebürgert und dem lebenden Geschlecht ist daher wohl auch die Schuld daran weniger beizumessen. Aber die Uebertreibung wird dann zur Sünde der Gegegenwart, wenn aus diesen auf nicht jüdischem,Boden eines Vermittlerwahnes zwischen Gott und Menschen erwachsenen Auszeichnung einer Person der Hauptgegenstand des jüdischen Gemeindelebens gemacht wird, wenn nicht die Persönlichkeit mehr gilt, sondern nur der im Talar steckende Mensch als Rabbiner angespvochen wird, wenn nicht sein Wissen, seine Tätigkeit, sein Lernen und Le!h- ) ren das Hauptanliegen der Gemeinde an iAt bildet, fmtbern wenn seine eigentliche amtliche ' „Tätigkeit" darin zu bestehen hat, „Leichen! zu begleiten". : Sind wir aus dem Punkt angelangt, daß man nur mehr einen Rabbiner für die Toten und nicht mehr für die Lebenden nötig hat, dann sollten doch die Gemeinden einfach Aicheubitter anstellen, wozu dann noch Rabbiner? Da freuten wir uns denn von Herzen, als Pfarrer Jatho vor seinen Cölner Freunden das Programm seiner Tätigkeit entwickelte, die er als ' Pfarrer ohne Talar aufzunehmen gedentt und ’i wir erhofften eine günstige Rückwirkung von dort auch auf die jüdische Auffassung der Tätigkeit - eines Rabbiners,- die vielleicht wieder zur alten 3 Lern- und Lehrtätigkeit zurückkehren könnte. Als wir andeutungsweise diesem Gedanken an angegebener Stelle Ausdruck verliehen, da < MI

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