Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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^ette 22. yc. 38_ drückt: „Durch die Bereitwilligkeit, dein Blut für die Religion fließen zu lassen, kannst du deine Existenz und deinen Bestand sichern." (zech. 16,6.), Aber noch eine andere ebenso wichtige und in unserer Zeit ganz besonders beherzigenswerte Lehre enthält dieser Thoraabschnitt, wodurch wir erst recht den Zusammenhang dieser Parascha mit dem Gerichtstag des Judentums begreifen. Es ist Hinweis, wann diese vollständige Hingabe, diese Bereitwilligkeit, alles für das Judentum aufvpfern zu wollen, anfangen, wann sie einsetzen soll, um von Erfolg gekrönt zu sein, um als aufrichtiger Jehudi, als „lebensfähiger" Träger der ewigen Wahrheit dazustehen. Und hierbei belehrt uns die Schrift, daß dies Aufgehen in sein Judentum bereits im Kindesalker beginnen muß. Denn Isaak war noch ein als sein Vater für ihn und nur seinetwillen das Teuerste opferte, geradezu seinen Augapfel preisgab: den Jsmael vom Hause wies. Bei Befolgung dieser Erziehungsmethode, dieser jüdischen Pädagogik, darf die Judenheit auf eine Zukunft hoffen, ist ihr Weiterbestand gesichert. Dies ist die Forderung, die die Thora am Gerichtstage an uns ergehen läßt, die Bedingung für die Zukunft der jüdischen Nation. Was wir vormittags gehört und beherzigt haben, wie einzig und allein das Judentum erhalten, für die Zukunft existenzfähig gemacht werde, soll'nachmittags sogleich durch die Tat bewährt werden, wie sie durch einen alten Brauch apgedeutet wird. Der Midrasch berichtet uns: .Ms Abraham seinen einzigen Sohn zur Opferung auf den Berg Moria führte — die Opferung selbst war am Rosch haschcma, — da wollte ihn der Satan daran hindern. Der Satan mußte sich aber bald überzeugen, daß Abrahams Gehorsamsstärke vor Verführung gefeit sei. Sein Wort einschmeichelnder Erwägung fand beim Stammvater kein offenes Ohr. Er kannte nur den kategorischen Imperativ der Pflicht. Nun wandte der Satan Gewalt an. Er ließ auf der Mitte des Weges, den Abraham zu passieren hatte, einen mächtigen Strom erstehen, um auf diese Weise das edle Vorhaben zu verhindern. Der getreue Gottesdiener sprang mit jugendlicher Kraft in das Wasser und versuchte, dasselbe zu durchwaten. Erst als das Wasser ihm bis zum Halse reichte, wodurch die vollständige Hingabe Abrahams an seinen Gott bezeugt war, ließ Gott durch ein Wunder den Strom wieder trocknen. (Xajidjuma zu Gens. 22, 3.) Durch eine ähnliche *Tat bezeugten die ans Ägypten Befreiten ihre Ueberzeugungstreue. Israel kam an das Meer. Gott wollte die Ueberzeugung des Volkes prüfen und ließ daher das Meer noch einige Zeit ungeteilt. Aber das Vertrauen und die Willenskraft trieb die Getreuen in die mächtigen Fluten, scharenweise sprangen sie in das Meer, worauf dann Gott die Fluten weichen ließ. ein Tier trinkt man, und das schmeckt so gut, so gut, Papa und Herr von Walter haben ganz viele davon getrunken und mich hat Papa auch ein wenig davon kosten lasten." Frau von Linienfeld sprang auf, ihr Gesicht war glühend rot, doch gleich darauf ward es leichenblaß, mit einem furchtbaren Schrei brach sie zusammen. 10. Es war Abend, Arabella war zwar aus ihrer Ohnmacht erwacht, aber ihr Bewußtsein war nicht zurückgekehrt. Händeringend standen ihre Eltern an ihrem Bette. Außer sich vor Schmerz kniete Artur vor demselben — sie erkannte niemanden — und auch der herbeigerufene Arzt konnte wenig Trost geben. Mit fieberglühenden Augen und geröteten Wangen lag sie da, unverständliche Worte murmelnd. Bella, Bella, kennst Du Deinen Vater nicht mehr, Deinen unglücklichen Vater?" sprach der Kommerzienrat mit gebrochener (Stimme, utib ergriff ihre brennende Hand. Ein Schimmer von Bewußtsein schien zurückzukehren. „Vater," flüsterte sie, „Vater, es war Dein sehnlichster Wunsch, ich habe ihn erfüll!, segne mich." Der _ Der JSrarltt. _ j (Sota 37a.) Nach dieser Prüfung wurde Abra- | harn zum Stammvater Israels erkoren? Israel am Meer zum Gottesvolke gewählt. Das Feuergesetz, das im Busen loderte, besiegte gleichsam die Fluten des sich entgegentürmenden Wassers, der leidenschaftlichen Wogen materiell-egoistischer Weltanschauung. Wie damals zu Zeiten Elijahus Gott Feuer vom Himmel sandte, das das Wasser um den Altar verzehrte. „Es war zur Zeit, als das Minchaopser" dargebracht-werden sollte, da betete Elijahu. „Da fiel ein Feuer des Ewigen herab und verzehrte bas Opfer, das Holz, die Steine, die Erde und' „das Wasser, das^im Graben war leckte es auf." (I. König 18, 36.) Da gehen wir nun am Rosch Haschonoh zur Minchazeit zum Wasser hin. lÄstärkt durch Abrahams hehres Vorbild der Erziehung, treten wir aus unseren Synagogen, aus unseren Häusern, Gatte und Gattin, von der Kinderschar umgeben, umwogt vom ganzen Menschenstrom, der zum Wasser drängt. Sehet, sprechen wir da gleichsam zu den Kindern, des Lebens Fluten fließen, da von Geschlecht zu Geschlecht, unverändert, an uns vorbei und fordern ihre Opfer. -Wie mancher stürzt sich hinein in die Wogen, weil er bequemer zum Ziel zu kommen wähnt, wenn er sich von dem Strom der Zeit tragen läßt. Vertraut man sich aber willenlos, kraftlos den Wogen an, taucht man freudig in sie unter, dann wird man von ihnen verschlungen und hinweggespült. Mit der Kraft des Geistes und der Stärke des Willens, sie zu überschreiten, ihnen Widerstand zu bieten, dem Strom der Zeit zu trotzen, in die Wogen hinein, ihrer Macht nicht achtend — und wir sind gerettet und mit uns das Geschlecht der Zukunft. Diese Sicherheit heit kann nur Gott uns geben, sein Wort, das die Schwäche aus unserer Brust bannt, die Krümme unseres Denkens glättet und die Fehler unseres Herzens hinweghebt. „Wer ist wie du, der die Schuld hinweghebt und über den Frevel des Ueberrestes seines Erbteils dahingeht, nicht für immer hält er fest seinen Zorn, denn er will — Liebe." Kriaß balaurod. Von W W. Wohl selten spiegelt die Geschichte einer aus einem Volke hervorgegangenen Zurichtung in solch deutlicher Weise die geistige Entwicklung desselben wieder als die Geschichte von Kriaß Hatauroh. An der Wiege des jüdischen Volkes aus seinem innersten Bedürfnisse heraus entstanden, hat sie es mit beharrlicher Treue durch Länder und Zeiten begleitet und sich, zumal sie dank ihrer weisen I Bestimmungen vorbildlich das jüdische Volksleben | Kommerzienrat schlug die Hände vor's Gesicht und stöhnte laut. Und immer stärker schien ihr Fieber, immer wilder ihre Phantasieen zu werden, die ganze Zukunft ihres Sohnes schien vor ihrem innern Auge vorüberzuziehen. „Emil", fuhr sie auf, „nimm die Zigarre aus dem Munde, es ist ja Sabbat heute!" „Kind, liebes Kind, beruhige Dich doch", bat die Kommerzienrätin, „Emil tut ja nichts, er ist ja gar nicht hier." Ihre Tochter hörte sie nicht. „Emil", schrie sie. „Du ißest heute, es ist ja Bersöhnungstag!" — „(gmil!" schrie sie noch lauter, „laß ab von dem Weibe, sie ist eine Verworfene!" — Was will der schwarze Mann von Dir,' der da, in dem langen schwarzen Rocke? — Zurück, Emil zurück!" — Sie war aufgesprungen, und die vereinten Kräfte ihres Gatten und des Arztes vermochten sie kaum zu halten. Ihre weitausgeristenen Augen starrten in die Leere. „Er sprengt Wasser auf sein Haupt! Verloren! — O!" Furchtbare Verzweiflung malte sich in ihren Zügen, sie preßte die Hände auf die Brust, ein Husten überfiel sie, ein Btutstrahl stürzte aus 21.? eptember 1911 im Kleinen zur Darstellung bringt, so innig mit dem geistiges Leben Israels verwoben, daß sich seine Geistesgeschichte zugleich als die ihrige erweist. Die historische Ueberschau enthüllt uns vier Entwicklungsphasen: 1. Die Gesamtheit bedarf der Kriaß Hatauroh am Sabbat, Montag und Donnerstag morgen; 2. Die Gesamtheit bedarf der KriG Hatauroh auch am Sabbat mittag - 3. Die Gesamtheit bedarf neben der Kriaß Hatauroh der T^xterklärung; 4. Für die Gesamtheit genügt die Texterklärung nicht mehr. \v Die erste Phase schließt sich an Moschehs Tätigkeit an. V Israel befand sich in der Wüste. Soeben wares an den Gestaden des Metzres, durch besten gewaltige Fluten die Gnade seines '-Schöpfers trokkenen Fußes hindurch geführt, der unvergleichliche Sang verklungen, der fortan den Jahrtausenden Gottes Herrschaft in Natur unH Geschichte kündete. ' Jetzt war es drei Tage in empfindlicher Entbehrung eines labenden Trunkes aus öder) Wüstenflur gewandert und lehnte sich dann, voni'Durste übermannt, in mürrischer Unzufriedenheit gegen Mvscheh auf. Dem Augenblicke stiftete Israels größter Lehrer in voller Würdigung seines Bedeutung ein bleibendes Denkmal, indem e# die Einrichtung von Kriaß Hatauroh ins Leben ^rief. Seitdem sollten tm Ablaufe der Jahrtausende niemals drei Tage ohne die öffentliche Verkündigung des Taurohwortes vergehen. Als seinssinniger Kenner der jüdischen Volksseele fühlte 1 er es, daß dem damaligen Geschlechts nicht vckr-- nehmlich die physische Wasterspende, sondsmr vor allem das Gottvertrauen fehlte, das ai^rs dem Borne der Tauroh mit beseligender, d^n Menschen über den Naturzwana erhebender KrM ft emporquillt. Jede öffentliche Vorlesung auS dt vc Tauroh am Sabbat, Montag und Donnersta g setzt uns daher in geistige Verbindung mit unse * ren Ahnen, die Gottes Wunder geschaut und be sungen und ihrer so schnell vergaßen, als e 's galt, sie mit einem in körperlicher Entsagung ge hübten Gehorsam zu verherrlichen. In treue ne Gemeinschaft scharen sich seitdem Israels Kreis« je alle drei Tage zum Ausdrucke des Bekenntnisses zu? sammen, daß Israels Gang durch die Zeiten ideell \ nur eine tausendfältige Wiederholung des Mar-? sches bildet, den es auf seinem ersten Wege in f dem knappen Zeiträume von drei Tagen zurück- I gelegt. Seitdem löst sich das jüdische Volk im Rahmen dieser in den Frühstunden seines Daseins vorbildlich verlebten Zeitspanne unablässig anschaulich seine Lebensrätsel selbst: „Die ihrem Munde, und leblos sank sie in ihres Gatten Arm. 11. Es war an einem Sabbat-Vormittag, die Synagoge war beendet und zahlreich strömten die Leute hinaus. In dichte Gewänder gehüllt eilen sie rasch ihres Weges, denn ein scharfer Wind hatte sich erhoben und trieb den Schnee von den Dächern den Gehenden ins Gesicht. Die alten Leute fühlten heute ihr Alter doppelt, es machte sie empfindlicher gegen die Kälte und setzte sie dieser aus, denn sie konnten ihre Schritte nicht so beschleunigen wie die jungen. Ein alter, schwacher Mann, sich mühsam auf seinen Begleiter stützend, wankte langsamen Schrittes seiner Wohnung zu. Schellengeläute veranlaßte ihm auszuweichen, er trat zur Seite. „Guten Morgen, Großpapa! rief eine muntere jugendliche Stimme ihm zu. Der Alte blickte auf, es war der Kommerzienrat Beer. — Und der blühend schöne Jüngling in dem eleganten Schlitten, der mit kräftiger Hand die feurigen Roste lenkte, war Emil don Lilienfeld, sein Enkel, die brennende. Zigarre im Munde.-