Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
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mmm i*«fcfCL_:_^ )' . fFvrw. J£ »0. üdiöcbcr Volhsfreund Movalr-Seiiaae zum „Israelir tpirifliM lUdaktlo«t Rabbiner Vr. L. Vblf b Iwtn moderne Weltanschauung und {Traditionen. VI. Die Thoraoorlefung und das Cafchlich am Rofdi-Hafcftonoh. Bon Dr. A. Neuwirth, Berlin. Es ist eine schöne und ansprechende Sitte, als Zeichen des Vertrauens auf die Güte Gottes, der nur zum Frommen und Nutzen des Menschen die Einzelwie die Gesamtmenschheitsgeschicke leitet und regelt, als Hinweis auf die jüdische Zuversicht, die niemals täuscht, niemals irreleitet, am Neujahrstage gewisse süße und fette Speisen und Gerichte zu genießen. Die ersten Tage des neuen Zeitabschnitts sollen hierdurch bezeichnend und bestimmend für die Folge sein. Diese Bedeutung und diese Erklärung für unsere „Neujahrsküche"; die Beziehung zwischen freudiger Zuversicht und fröhlicher Zukunftsaussicht, haben bereits die Gottesmänner Esra und Nehemia dem ob seiner Sünde trauernden und weinenden, in Jerusalem versammelten Volke eingeprägt. Der Schofarton hatte die Sünder zur Besinnung gebracht, hatte sie ihre Fehltritte beherzigen lassen, ihre Vergehungen zu Gemüte geführt: zerknirscht und niedergebeugt stand alles da, eine Niedergeschlagenheit bemächtigte sich aller Versammelten und ein Schluchzen entrang sich der bewegten Brust. Aber jüdische Rückkehr zu Gott, jüdische Buße und jüdische Wiederverjüngung „beginnt" nicht mit einem düsteren Hinbrüten, mit einer Zurückziehung von aller Tätigkeit. Im Gegenteil will und sott uns ja der Schöpfer zur Tat erwecken, ein frisches und tatenreiches Leben zu schaffen; mit Umwandlung unserer Taten sollen wir ja den Verjüttgungstag vorbereiten. Ist doch selbst ein Sündenbekenntnis am Rosch haschana untersagt. Denn erst nachdem wir durch unsere Handlungen, durch unser Tun und Lassen die Rückkehr zu Gott vollzogen, soll das „mündliche" Sündenbekenntnis die „innere" Umwandlung bezeugen, die Reinheit unserer Gesinnung bekunden. In diesem Sinne riefen Esra und Nehemia an einem Neujahrstag, den in Jerusalem Versammelten und ob ihrer Vergangenheit tief Betrübten zu: Trauert und weinet nicht, denn das ganze Volk weinte, als es die Worte der Thora hörte. Und er sprach zu ihnen: Gehet und esset „Fettigkeiten" und trinket „Süßigkeiten" und sendet Gaben dem, der nichts vorbereitet hat, denn dieser Tag ist dem Ewigen heilig und betrübet euch daher nicht, wahrlich „die Gvttesfreude ist eure Schutzwehr". (Nehemja 8, 9 und 10.) Die Worte der Thora sollen den Jehudi nicht zur Trauer, vielmehr zur Freude und Tat anspornen, ihn zu einem neuen Wirken aneifern. Es waren somit die Worte der Thora, die am Roschhaschana verlesen wurden, die bei den Uneingeweihten Trauer, bei den Frommen und Gottesmännern den Willen zur Tat weckte, den Entschluß zur Umwandlung des ganzen Tuns und Lassens reifte. Betrachten wir doch den Thoraabschnitt, der am Rosch haschana zur Verlesung gelangt, näher, und wir werden dann auch erfahren, wie die Tat aussehen muß, die eine Zukunft bereiten, die der Zuversicht auch das erhoffte Ziel und Ende bringen soll. Zwei charakteristische Momente aus dem Leben der Erzväter werden uns jährlich an den beiden Tagen unseres Festes vorgelesen. Abraham war schon alt geworden und noch stand er kinder- und freudlos da. Endlich beglückte Gott ihn mit einem Sohn." Jsmael ward geboren. Wie seinen Augapfel hütete der alte Greis das Kind des hohen Alters. Als aber die Gefahr sich zeigte, daß der Stammvater Jraels, Isaak, durch den ältesten Bruder in unsittlichem Sinne I beeinflußt werden könnte, da entschloß sich Abraham, sein eignes und sein erstes Kind vom Hause zu weisen. „Und Gott sprach zu Abraham: es verdrieße dich nicht um des Knaben und um der ,Magd willen, in allem was dir Sarah sagt, höre auf ihre Stimme. (Genes. 21, 12.) Der andere Thorahabschnitt berichtet uns, wie Abraham den einzig noch übriggebliebenen Sohn Isaak auf Geheiß Gottes, ungezögert, ja freudig und fröhlichen Mutes als Opfer darbringen wollte. Diese Bereitwilligkeit Abrahams, sein Teuerstes und von ihm heiß Geliebtes Gott zu opfern, auf alles zu verzichten, wenn es heißt, das Gebot.Gottes zu erfüllen, seiner Willensäußerung Folge zu leisten, dies sind Taten, die uns am „Anfang des Jahres" geschildert, als Vorbilder gezeichnet werden. Am Tage, an dem über Israel gerichtet wird, da werden uns die Taten unseres Stammvaters, seine Hingebung zu Gott, seine Ergebung in seinen Willen und seine Bereitwilligkeit, den Befehl Gottes auszuführen, vorgeführt; dies sind die Bedingungen, an die der Bestand des jüdischen Volkes geknüpft ist, die Voraussetzungen für die fernere Lebensfähigkeit Israels: die vollständige Hingabe an die Gebote Gottes, die Bereitwilligkeit für fein Judentum, wenn es not tut, alles aufzuopfern. Mit unzweideutigen und klaren Worten wird diese Eigenschaft im Talmud als der Lebensnerv des auserwählten Volkes charakterisiert. Jedes Gebot und jeder göttliche Befehl, meint ein Tanna, für dessen Einhaltung und Beobachtung Israel sein Hab und Gut aufzuopfern bereit war, wird noch heutigen Tags mit Freude geübt. Wo aber Israel in der Erfüllung der Gebote Gottes nachlässig und schlaff war, da ist noch heutigen Tags eine Gleichgültigkeit, ein „G e w ä h r e n l a s f e n" zu bemerken. (Sabb. 130a.) Nur durch die vollständige Hingabe an die Mizwoth kann Israel bestehen. Oder wie der Prophet so bedeutungsvoll sich aus¬ Feuilleton. flus der Segenwart. Von S . . . (aus dem Jeschurun 1863). (Schluß). „Liebe Tochter", sprach die Kommerzienrätin, „vielen Erfolg sollen ste auch gar nicht haben. Ein wenig stärker möchte ich dich wohl sehen, aber nicht zu viel. Glaube mir, Kränklichkeit ist unendlich interessanter als Gesundheitnur in den niederen und mittleren Ständen pflegen die Frauen ganz gesund zu sein, Damen höheren Ranges sind immer etwas leidend. Ich begreife es auch gar nicht, wie eine gefühlvolle Frau gesund sein kann, es gibt soviel Unglück und Elend in der Welt, wenn man das bedenkt, wie kann ein zartes Nervensystem da ungereizr bleiben? Wieviele Kurorte habe ich in früheren Jahren besucht und bin doch heute noch so leidend wie vor zwanzig Jahren. Aber nichtsdestoweniger teste auch ich die Meinung eures Arztes. Nichts ist reizender als das freiere ungebundene Badeleben, und Ostende ist sehr fashionable." Mehrere Diener trugen ein elegantes Gabelfrühstück herein und Arabella bat Ihre Eltern, es einzunehmen, sie selbst konnte nur wenig genießen. Die Eltern ließen sich's trefflich munden, ihre Kinder führten eine ausgezeichnete Küche, und kein Wein schmeckte dem Kommerzienrat so gut, wie der aus seines Schwiegersohns Keller. „Wo Artur nur bleibt?" sagte Arabella, indem sie auf die Uhr sah, er versprach in einer Stunde .zurück zu sein und nun sind schon mehr als anderthalb vorüber. Sie ließ die Balkontüre öffnen, von wo aus man die Aussicht auf die Landstraße hatte. „Nach wem sehnst Du Dich denn eigentlich, nach Deinem Manne üder Deinem Kinde?" fragte lachend ihr Vater. „Nach beiden, Papa, aber wenn Emil bei ihm ist, sollte Artur wenigstens pünktlich sein, sein, ich kann nie ganz ruhig sein, wenn der Kleine nicht an meiner Seite ist. „Das ist Kinderei, wenn er bei feinem Vater ist, ist er wohl eben so gut aufgehoben," meinte der Kommerzienrat. Noch eine halbe Stunde mußte Arabella sich gedulden- bis endlich die Ersehnten eintrafen. Herzlich begrüßte Artur seine Schwiegereltern und bedauerte es sehr, von ihrer Anwesenheit nicht in Kenntnis gewesen zu sein. Emil war ganz außer sich über den Besuch seiner Großeltern. Den ersten Kuß erhielt freilich die Mama, dann war er bald auf Großpapa's, bald auf Großmama's Schoß, und konnte sich gar nicht sattsehen an all den schönen Sachen, die sie ihm mitgebracht. Artur plauderte mit dem Kommerzienrat, die Kommerzienrätin unterhielt sich mit ihrer Tochter. „Wann werdet ihr eure Reise denn antreten?" frug sie. „Ich denke erst in sechs ober acht Wochen, Seebäder möchte ich nicht all zu frühe gebrauchen." „Seebäder willst Du nehmen, Mama?" rief Emil und eilte auf sie zu. „Da mußt Du ja hinfabren zur See." „O, dann nimm mich mit, bitte, bitte! In der See gibt es so schöne Sachen." „Was weißt denn Du davon?" fragte lächelnd die Kommerzienrätin. „O, ganz viel weiß ich davon, Großmama, Herr von Walter hat es mir ja erzählt. In der See gibt es Tiere, die wohnen in solchen. Muscheln", er zog eine Austerschale aus seinem Täschchen. „Sieh, wie schön diese Muscheln sind, und das Tier, das darin wohnt, das hält die Schalen fest zusammn, aber mit einem Messer kann man sie ganz leicht ausmachen und trinkt dann das Tier so aus. Denke Dir, Großmama