Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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: «** 32. ’fRt. $ ' Ver JOraeltt. 5. Oktober rsM macht. Mer bliebe doch was wer sein. Kille is Kille!" Dann zieht er die Augenbrauen zusammen und schüttelt sich vor Lachen. Edelwart ist der Alte, oder richiger, der Junge geblieben. Er altert nicht. Sein Haar bleibt schwarz und Stock und Brille bleiben ihm, trotz der siebenzig Lenze, die er zählt, fremde Dinge. Er hängt zäh am Alten und das Gewesene bleibt ihm das ewig Seiende. Auch in seiner Kleidung liebt er ganz und gar nicht den Modernismus. Der gleiche dicke, in allen dunklen Farben schillernde Wams, die gleiche fettglänzende Kappe, die er damals schon bei meinem ersten Einzug Jüdische Familie in Tripolis. ■SS?*; ESI ■ .-4* 5S&- BY (mir ins Dorf getragen, — er soll sie vom Onkel mit dem Amte geerbt haben — hebest fjeute ttoä) ben pechschwarzen, struppig gekräuselten Charakterkopf. Aber dieser Kopf, es ist ein Phänomen, ein Wunder der Mnemotechnik. Sämtliche Daten für die Jahrzeiten aller, die in all den vielen Jahrzehnten in der Gemeinde gelebt haben, ruhen wohl geschichtet und rubriziert in diesem Kopf, ein vollständiger wohlgeordneter Katalog für die unzähligen Gräber des Friedhofes, deren Steine die Stürme der Zeiten unleserlich gemacht haben, liegt dabei. Edelwart ist kein Freund von Listen und Registern. Das steht alles sicher und unverlierbar, hier in seinem Kopfe nämlich. Ein Versagen oder Verwechseln ist ausgeschlossen. Und kommt die Zeit, dann tritt er an den Mann — und wäre er auch hinter den finsteren Bergen — heran und sagt: „Du —er dutzt jeden brüderlich — nächsten Zistig oder Fritig host du Johrzjt!" Und kommt einmal nach langer Abwesenheit irgend einer, von der Sehnsucht getrieben, über das weite Meer gezogen ins Heimattal und irrt selbstverloren im Labyrtnt der Gräberstadt umher, dann nimmt ihn Edelwart, wie aus dem Boden gewachsen, väterlich bei der Hand und sagt: „Du, dort am Nußbaum hine liegt dein Ete und dort ane die Meme, und ganz hinten übene der Großvater, is gestorben anno . . . Die Johrzit is anno! . . und so weiter und so weiter, bis ans Ende der Gräbergenerationen. Lobt man dann Edelwart, bewundert sein nie versagendes Gedächtnis und drückt man ihm Jmtt dem klingenden Ausdruck der Anerkennung die Hand, dann sagt er nur stolz: „Mer fein halt in der Kille!" Dann zwinkert er, wie es seine Art ist, mit den Augen und schüttelt sich vor Lachen. — In der Dorfstraße gehen Türen und Fenster auf. Sie kommen nun alle, die, sorgenfrei ohne des Lebens Hasten und Mühen zukennen, im Schatten der Häuser rauchend und „diskurierend" sitzen, einer nach dem andern. Der lange Sep, dessen Wahlspruch lautet: „Recht, gut und eidgenössisch!", der Judi, der den alten Neiloh- Schlußkaddisch für die kommenden Generationen treulich hütet, der Juffef, der Hersch und der Schmul, und wie sie alle heißen, die markannten Gestalten, deren jede einen Typus, eine Welt im Kleinen darstellt. Hier das einfache, wetßbetünchte Haus hinter der Synagoge. Die kleine abgetretene Stiege führt ins kleine Gemach, dessen Wände bis zu den Fenstersimsen eine glatte Holzbekleidung haben. Hier weiß mir jede Ecke was zu sagen. Aus jeder Spalte und Ritze summt und singt es und spinnt sich unsichtbar ein geheimnisvoller Faden, der einstiges Sein mit innerem Erleben von Jetzt eng verbindet .... Dort zwischen Ofenbank und Fensternische stand -das kleine Bettchen, an dem wir bange, sorgenschwere und tränenreiche Nächte durchwachten. Dann war es still geworden im Bettchen. Ein gequältes Kinderherz hatte zu schlagen aufgehört. An einer endlosen Freitagnacht war es und schon Sonntag darauf war die Ecke leer und verwaist .... Still war es damals auch für einen Augenblick im Innern der Umstehenden geworden, still uyd hohl, und so trostlos öde, scheinbar für imme? . . . Aber da hatten wir doch die allheilende Wirkung der Zeit verkannt . .. Und ich nehme mir vor, dort zwischen den hundertjährigen Eichen, wo ein -bescheidenes Stetnchen auf einem winzigen Hügelchen, eine Ruhe- und Sangstätte für- Amsel und Drossel blldet und von Lausend Goldkäfern umsummt wird, mit einer stillen Trane meinen Bund mit diesem lieben erinnerungsreichen Fleckchen Erde neu zu begründen .... Edelwart wird mir dabei seine Hilfe leisten. Wetter geht es nun von Haus zu Haus, treppauf treppab. Wie vieles sich da in der kurzen Spanne Zeit geändert hat! So manches Haus ist leer geworden und öffnet seine gastlichen Türen nicht mehr, dieweil die Insassen dort zwischen den ewigen Eichen ruhen oder vom Strudel des Stadtlebens dem Dorfe entführt worden sind. Manch blühendes Famtlienheim hat sich in sine einsame Witwenbude verwandelt. Hier und da sind aus einem Neste all die Jungen ausgeflogen, es öffnen hilflos Und hinfällig mit zitternden Händen die Alten. Da gilt es überall etwas Tröstendes zu sagen, überall einen Weg zu suchen, auf dem eine Aussöhung mit dem Schicksal, das manch einem hart mitgespielt hat, möglich erscheint. Und siehe, es geht wieder ganz wie dazumal, da das Trostspenden noch einem zum Berufe gehörte. Kaum zu sagen, wie leicht und sicher der Ton zu diesen schlichten Herzen zu finden ist . . . Der letzte Besuch gilt aber dem Gotteshause. Man ist gerade zum Minchagebete versammelt. „Zeit!" ruft Edelwart so laut und dringlich zu dem draußen vor der Synagoge „dtskurierenden" Dutzend Leuten hinaus, als gelte es, es tausend Menschen zu verkünden. Die Synagoge ist »groß, massiv, geräumig?- für viele Hunderte berechnet und die wenigen Anwesenden verlieren sich darin völlig. Edelwart zählt die Schaar nicht. Ist in einer Kille nicht nötig!. .. Und fast scheint es mir, als hätte er recht. Hier in diesem Raume hat sich nichts geändert. Lücken gab es auch früher zwischen den weiten Bänken, sie find größer, weiter und zahlreicher geworden. Aber das Gemeindeleben geht seinen Gang. Noch öffnet das Gotteshaus täglich früh und abends seine Hallen und wird darin das Wort Gottes in alter unveränderter Weise verkündet. Und so mancher, der, vom Leben getrieben, dem Heimatdorfe längst den Rücken gekehrt, saugt noch mitten in der lockenden, farbenschtllernden Großstadtluft Kraft und Gesundung aus der Wurzel in diesem geweihten Heimatboden, und er kommt von Zeit zu Zeit zu ihr, wie man zu einer alten, lieben Mutter kommt, um sich an ihrer Brust zu erheben und Rat und Hilfe für die Mühsale des Lebens zu holen .... „Hüter Israels, hüte den Rest Israels, auf daß nicht verloren gehe Israel, das spricht: Schema Israel!!!" So rezitiert der Vorbeter stehend, zitternd. Und es ist mir, als höre ich die Tragödie einer alten Gemeinde, die nicht sterben will, nicht sterben kann und mit Aufbietung ihrer letzten Kräftereste um ihr Leben ringt .... Tief steht bereits die Sonne am westlichen Horizont, als ich zurück hügelan die Straße hinaufging. Wie wundersam doch das Abendrot die Felsenblöcke bestrahlt, diese ewigen Felsen, die der Menschen unersättliche Gewinnsucht zerzaust und zerschunden und Stück um Stück abgebröckelt hat und die dennoch fest und majestätisch da stehen und leicht und stolz Wald und Wiese aus ihre^n Rücken tragen .... Die luden in {Tripolis. (Mit 3 Bildern.) Eine alte Ueberlieferung unter den Tripolitaner Juden besagt, daß bereits unter der Tynastie der ägyptischen Fatimiten die Juden von der Oase von Pessato die älteste Gemeinde in Tripolis begründeten. Andererseits erwähnt der berühmte jüdische Reisende Benjamin von Tu de la, der in der letzten Hälfte des 12. Jahrhunderts durch. Nordafrika reiste, und Tunis und Alexandria besuchte, nichts von einem Vorhandensein von Juden in Tripolis. Als die Juden im Jahre 1492 aus Spanien verbannt wurden, verließen sie auch Tripolis, das damals einen Teil der Besitzungen Ferdinands des Katholischen bildete. Sie siedelten sich dort nicht eher wieder an, bis im Jahre 1551 Tripolis in den Besitz des Sultans Suleiman, des Herrlichen, gelangte. Die Familiennamen der Juden von Tripoliszeigen, daß niemals spanische Juden in gr.oßer Anzahl in der ®tabt toofynten. Denn jüdische Namen spanischen Ursprungs wie sonst in der Türkei, wie beispielsweise Toledo, Carmona oder Tarregona, findet man dort nicht, dagegen nennen ^ie sich Arbib, Hassan, Halefi, Rakah, Taya, Tamam u.s.w. Ueberdies widmete der jüdische Reisende Benjamin II. besondere Aufmerksamkeit der Tatsache, daß die Jüdische Frau i« Tripolis i» ihrer Häuslichkeit. Familie von Sylva von spanischen Marannen abstammte, die in einer unbekannten Zelt in die Stadt gekommen waren. Im Jahre 1850 befanden sich in der Stadt Tripolis 1000 jüdische Familien mit 8 Synagogen und einigen Talmudschulen, während die geistigen Interessen der Gemeinde in Händen von 4 Rabbinern lagen. Heute befinden sich etwa 13,000 jüdische Seelen in der „H a ra" (Ghetto) zu Tripolis, die eine Reihe bedeutender rabbinischer .Schriftsteller hervorgebracht hat. Die Verwaltung der Gemeinde, die sine jährliche Taxe von 5000 Fr. für die Befreiung vom Militärdienst im alttürkifchen Reiche zahlten, s.'L li^ dem < unter! ( der I des A im üi jiidi M unser« des ' haus über i genial Opere \ dern mit e so bei anglbi weiten nehme und d kaptta Schw> Nichte fährlii Glaul ungesi meiste rettet Ei Ierus (Dr. in de Paläsi wird, hohen reichet lichen m I herzig nab in tvr D mmg, •’c. rc., der $j leisten aber t was v eines '