Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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•Bttti rQfen. tel str. 39 2.50 Mk. mse. TKO I isse 41 ▼yf. 24 (16422 flügel Preisen. Rabatt, I, 727. tb «e- Mard- Park. Hetl- - »e. Werk- (15865 Krugsmr »H»y. -Rhein. 'ür Nerven mke. Durd te Villen. Atrs^We f f und JLet> ulluslricrfe Beil Das Wiedersehen mit der alten Kebillab. Bon Geh. Ein heißer Augustnachmtttag. Sengend und stechend sieht die Sonne vom kristallblauen Himmel herab und überflutet alles auf der kleinen Station mit blinkendem Gold. Nur zwei Personen entsteigen dem einzigen Personenwagen des Lokalzuges, der dann, mühsam schnaufend, als hätte er sich einer riesig schweren Cajft entledigt, weiter dampft.; Etwas unsäglich Weiches, Wohliges umfängt mich, den Einen der zwei Ausleigenden, ein ganz eigerer würziger Duft. Wie aus fernem Traumlande er tteigen holde Geister aus diesen sonnigen goldfarbenen Gefilden, die ich einst Heimat nannte und eilen mir im heiteren leichten Fluge auf dem mir so bekannten Wege voran .... Der alte kleine Stationsvorsteher nickt reundlich. Er ist älter, nackiger, stiller geworden, der kleine untersetzte Mann und sein Haar hebt sich jetzt noch heller von der feuerroten Amtsmütze ab. Mein Kommen wundert ihn, intere siert ihn, reut ihn vielleicht auch, denn . wir jaben uns alle Zeit gut verstanden, und er, der Mann, der seit zwanzig Jahren )ie Leute nur immer gehen sieht, . . . reut sich immer, wenn sie auch einmal wieder kommen. Aber er sagt nichts, nickt nur still und freundlich und nach- »enklich. Es ist so gute Schweizerart, n eisiger Ruhe und beharrlichem mn9 Schweigen Überraschungen des Tages entgegen zu nicken. Sie haben es den knorrigen, in ewiger Ruhe trotzig ragenden Felsen ihrer Heimat abgeschaut. Blendendes Farbenlicht flutet die tropisch* Mittagssonne auf Feld und Flur. Die Straße, auf her wir nun fürbaß dem Dorfe zustreben, ist wie mit Stlberftaub bedeckt. Zur Rechten die Felsenblöcke, aus denen feit Menschengedenken gelber Sand, Kies und Steine in riesigen Fuhren ins weite Land hinausgefahren werden. Sie sehen daher unförmlich, zerschunden und abgebröckelt aus, aber sie stehen, in ihrem Innern scheinbar unberührt von dieser schändenden Menschenhand, fest und breit da und tragen leicht und unverdrossen schwarze Wälder und grün schimmernde Wiesen auf ihrem breiten Rückens Zur Linken die in weichem Sonnengolde schimmernden Stoppel der bereits gemähten Felder, die in dürre, schmachtend sich zur verborgenen Wurzel neigende Kartoffelstauden übergehen. Nur schlecht paßt zu diesen matten Tönen der frühen Herbstnatur der silberhelle Klang der Schellen um den Hals der jungen lebensprühenden Atpenkühe, der lustigen Pensionäre der Spätsommerfelder. Und zu beiden Seiten der weißen Straße die vielästigen Bäume, die ganz gebeugt unter der Last ihrer Erfolge, der halbreifen Früchte, keuchen. Diese Bäume, auch sie grüßen in ihrer eigenen selbstfichern, knorrig gutmütigen Art. Damals, als ich diese Straße heraufzog, einem fremden neuen Leben entgegen, da standen sie aufrecht, mit der wir haben geblüht, damals und Heuer, und heut grüßen wir, zufrieden unter der Last'der Frucht, grüßen dich auf liebem Heimatboden von einst... Inzwischen «erzählt mein Begleiter unaufhörlich von all dem, was dem Orte, den Menschen, der Gemeinde und ihren Gliedern in den Jahren meines Fernseins wiederfahren ist. Nur ein kurzer Zeitraum und welche Umwälzungen hat er gebracht! Wie viele Welten hat er in dieser kleinen Sphäre zerstört, wie viele neu aufgebaut! Wie rasch doch des Lebens Rad geht, wenn man seine Bewegungen nicht gerade von Minute zu Minute zählt und verfolgt! ... Weit kommt mein Begleiter freilich nicht, denn nun steigen wir ins Tal hinab und schauen schon auf die sonnenumspielten roten Dächer der zwischen Baum und Felsen scheinbar eingekeilten breiten alten Bauernhöfe und kleinen einstöckigen Giebelhäuschen herab. Der erste, der uns begegnet, ist der Edel wart. Er mag anders heißen, vielleicht Eduard, aber so klingt es schöner und so nennt ihn auch alle Welt. Er blickt lang und stutzig, als sehe er nicht recht, dann zieht er die Augenbrauen zusammen und schüttelt sich vor Lachen. Er macht es immer so, der brave Edelwart, wenn ihm etwas Freudiges, Angenehmes begegnet. Zu viel hat er auf dem Herzen, dieser Alte, Unveränderliche, darum sagt er gar nichts. Er schließt nur die Augen halb und schüttelt sich vor Lachen. Für diesen Mann ist alles beim 8*™ .°,-v°ns. ^Schamm-Ät-nst in\n Ä' noch feuchtgrauen Krone wie traumverloren nach oben gerichtet. Damals zogen verheißende Märzlüfte durch das Land und fuhren durch die Zweige und weckten des Stammes Kräfte und Säfte aus hartem Winterschlafe. Wer härte jetzt den dürren grauen Aesten, die voll banger Erwartung schüchtern ihre Köpfchen in die ftühlingsdurchhauchte Höhe streckten, ihren inneren Reichtum anfehen können? Freilich sind es die Früchte aus jenem Vorblühen nicht. Jahre liegen dazwischen. Und sie haben unterdeffen mehrmals geblüht und Früchte gezeitigt, mehrmals ihre Blätter fallen gesehen, dann haben sie sich jedes mal still entkleidet zum grauen langen Schlafe.... Einmal wie das andere Mal. Allein wer spricht heute von Erwartungen und Erfolgen, von Blühen und Welken, von Enttäuschungen und Errungenschaften, die dazwichen liegen? Genug, seinem Onkel erblich auf ihn überging, zählte die Gemeinde ihre Familien nach Hunderten und ihre Seelen nach Tausenden. Einen nach dem anderen begleitete der gute Edelwart zum Dorfe hinaus, nach dem Friedhofe oder nach der Station . . . Für ihn, den Diener, hat sich jedoch damit nichts geändert. Er versieht heute noch seinen Dienst ganz wie vor jenen vier Jahrzehnten, ob auch heute die Gemeinde nur mehr noch ihre Seelen nach wenigen Hunderten zählt und an Wochentagen ihre Minjanzahl sucht . . . Darum bereitet Edelwart am Sukkothfeste keine einzige Hauschanoh weniger vor/ darum läßt er seine Stimme nicht um einen Ton leiser erschallen, wenn er in der leeren Synagoge vor den wenigen Alten die Gebetzeiten verkündet oder die Mizwaus versteigert. „Sie sterbe, sagt Edelwart, oder ziehe furt! Laß sie doch goh', Wenns ihn halt G'spaß in i iit itft