Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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In Kiew selbst sind die ffkru WD' verhältnisrnäßig^ruhig verlaufen, wrri'a waren die Tage in jedem Sinne, Tage der unsäglichen Aufregung und sieter Todesangst. Die Maßnahmen der Behörden gegen die Pogromagitation haben sich bislang bewährt. Doch wird die Hetze offen und latent und besonders in der Form von Totenfeiern für Stolypin kräftig fortgesetzt. Die Krise im Geschäftsleben hält an, da sich kein Jude recht auf die Straße hinauswagt. Auch sind noch alle Chedarim geschloffen. Außer den drei Opfern, von denen wir bereits berichtet, sind nun noch einige zu verzeichnen, die in der ersten Roschhaschononacht auf dem Wege aus der Synagoge vom Mob überfallen wurden und mehr oder weniger schwer verletzt wurden In der Pravosliankastraße wurden in der gleichen Nacht mehrere Fensterscheiben bei Juden eingeschlagen. Bor solchen Exzessen im Kleinen vermag die Polizei auch beim besten Willen die Juden nicht zu schützen. Warschau, 27. Sept. Zu Beginn des laufenden Jahres hatte das Zentralkomitee der „Jca" in Polen 50 Komitees, Delegierte und Korrespondenten in verschiedenen Städten. Die größte Zahl der jüdischen Emigranten hat sich an das Warschauer Komitee gewandt, und zwar 9163, von denen 5637 in Warschau wohnten. Die Zahl der Auswanderer, zusammen mit deren Familien, betrug insgesamt 12264 Personen, also bedeutend mehr als in den vorigen Jahren (1909: 7096, 1908: 2406). Bon den übrigen Komitees in Polen entfalteten die in Lomsha, Lublin und Lodz eine äußerst rege Tätigkeit. Im ganzen haben sich an diese Komitees 10470 irdische Auswanderer gewandt. Dabei wurde eine starke Uebersiedelungsbewegung der Juden aus kleinen Städten und Dörfern nach den Großstädten Polens konstatiert. Lo«do», 1, Okt. Vorige Woche wurde in London ein Testament des am 22. März 1909 verstorbenen Baron Horaz Günzburg, des Vaters des im Vorjahre verstorbenen Baron David Günzburg, bekannt gemacht. Das Testament bezieht sich auf das in England liegende Vermögen im Werte von 390000 Pfund Sterling. Nach den rein vermögensrechtltchen Bestimmungen des Testaments schreibt der Erblasser, daß er, da er dem Beispiele seiner Eltern folgend, zeitlebens die Wohltätigkeitsanstalten großzügig unterstützt habe, und die von ihm gegründeten Wohlfahrtseinrtchtungen durch ihn so gut fundiert wurden, daß sie, aus fremde Hilfe nicht angewiesen, sehe er sich nicht veranlaßt, für Wohltätigreitszwecke neue Summen zu testieren. Er tue dies um so beruhigter, als er nicht daran zweifle, daß seine Kinder dem Glauben ihrer Väter immer treu bleiben und in Wahrung der Traditionen der Familie stets dem Hilferufe der Gemeinschaft und Einzelner Folge leisten und sowohl sie selbst als ihre Kinder und Kindeskinder nicht an jene Institutionen vergessen werden, die mit den ihnen so teuren Namen verbunden sind. L-Udo«, 25. Sept. Einen leisen Anklang an die Vorgänge in Südwales hatten dieser Tage bedenkliche Straßenschlägereien in Manchester. Ein alter Jude mit langem weißen Bart ging durch eine Straße, als er von christlichen Burschen zuerst verhöhnt und dann mit Steinen beworfen wurde. Auf die Hilferufe des alten Mannes eilten einige jüdische Bewohner herbei und wollten die Burschen aus einanderjagen. Doch auch sie wurden mit einem Steinhagel empfangen. In wenigen Minuten war die Straße von Menschen erfüllt, die siä in zwei Lager — Christen und Juden — geteilt hatten. Die Straße glich bald einem veritablen Schlachtfelde.. Wurfgeschosse verschiedener Ar flogen herüber und hinüber. Die Wache rief Verstärkung herbei, welcher es mit schwerer Mühe Ö, Ordnung zu machen und die Verletzten, er mehrere Schwerverletzte, der ärztlichen Hilfe zuzuführen. Zahlreiche Teilnehmer an der Schlägerei wurden verhaftet. In einem konkreten Falle erhob der Rechtsvertreter eines jüdischen Zeugen bei einem Lon doner Gerichte Einsprache dagegen, daß die Juden, wenn sie als Zeugen einen Eid zu leisten haben, durch die für jüdische Zeugen vorgeschrie bene Eidesformel gezwungen werden, den vterbuchstabigen Namen Gottes buchstäblich auszusprechen. Der Advokat wies darauf hin, daß die Juden auf diese Weise verhalten werden, eine der größten Sünden im Sinne ihrer heiligen Lehre zu begehen. Er verlangte nun, daß sein Klient den Gottesnamen durch ein anderes, dem Sinne entsprechendes Wort ersetzen dürfe. Der Richter gab diesem-Wunsche nach. Kpanien. Madrid, 15. September. Die spanische Regierung hat, wie die „Jllustracion Espagnola" berichtet, an die Behörden der spanischen Gebiete in Marokko den Auftrag ergehen lassen, sämmtltchen daselbst wohnenden marokkanischen Juden die Naturalisierung zu erleichtern und ihnen die hierauf bezüglichen spanischen Zuständigkeitsdokumente auszufolgen. Zahlreiche marokkanische Juden haben bereits von den Vorteilen dieser Verordnung Gebrauch gemacht und sind spanische Untertanen geworden. QförJtei. Im Krieflsjuftanöe. Ko«sta«Lir»oPel, 29. Sept. Der plötzlich eingetretene Kriegszustand wird Tausenden unserer Glaubensgenossen arge Verlegenheiten bereiten. Im türkischen Reiche leben insgesamt 10- bis 15000 Juden, die italienische Untertanen sind. Es find das Juden, deren Vorväter aus Italien eingewandert sind, oder solche, die unter dem früheren Regime, oder noch früher die italienische Staatsbürgerschaft annahmen und sich auf diese Weise unter den Schutz Italiens stellten. Die meisten dieser suden besitzen große Handelshäuser, oder sind eiter von Banken, welche die Handelsbeziehungen Zwischen Italien und der Türkei vermitteln oder ördern. Viele dieser Juden besitzen in der Türkei großes Vermögen. Zu diesen gehören die Familien Modiano, Allatini, einZweig der Familie Misrachi rc., die alle in Saloniki?>roße Handels- und Bankhäuser haben und viel ür die kulturelle Hebung der in Saloniki lebenden Italiener getan haben. Wenn nun die türkische Regierung, wie vorauszusehen, sich gegen die Italiener in der Türkei feindselig verhalten wird, so ist zu befürchten, daß sich die muselmanische Bevölkerung zunächst gegen die Juden wendet. Tatsächlich hört man, daß sich in Salonik bereits antisemitische Ausschreitungen aus diesem Grunde ankündigen. Andererseits verlautet, daß die Regierung einen Ausweisungsbefehl gegen alle Italiener erlassen wird. Da als Kampfobjekt neben Tripolis auch Cyrena.ika in betracht kommt, so darf daran erinnert werden, daß dieser Landteil erst vor einigen Jahren von der Jto als Ansiedlungsterritorium für die jüdischen Emigranten in Aussicht genommen war. Interessant ist eS, daß sowohl in der Türkei,; ' Mover als auch in Italien die radikal-progressiven Teile, die bis zur letzten Minute gegen den Krieg agitierten, als Argument gegen den Krieg die Ergebnisse anführen, welche die Expedition der Jto nach Cyrenaica vor ungefähr drei Jahren gezeitigt hat. Der Bericht des Leiters der Cyrenaica-Expedition, Pros. Gredori, der seinerzeit unter dem Titel: „Weshalb wir nicht nach Tripolis gehen sollen", in englischer Sprache erschienen ist, wurde ins Italienische übersetzt. Das Florenzer Organ der italienischen jungliberalen Friedensfreunde „La Voce" brachte verschiedene Auszüge aus dem Berichte der Jto und veröffentlichte einen Brief Zangwills, in welchem er erklärt, daß der Bericht durchaus objektiv gehalten ist. Die Ablehnung des Projektes erfolgte auS rein fachlichen, in dem Lande selbst gelegenen Gründen und nicht deshalb, weil die Juden angeblich nicht zur Landwirtschaft taugen. „La Voce" lobt die wissenschaftliche Qualität der tzto-Expeditton und schließt: „Dürfen wir nun 500 Millionen Lire, 20000 Menschenleben u. vielleicht auch die Zukunft unseres Landes auf 50 Jahre hinaus auf eine so schwache Grundlage hin aufs Spiel setzen? Lernen wir doch von den Juden!" Diese Aeußernng des italienischen liberalen Blattes macht jetzt auch die Runde durch die gesamte türkische Presse. paläßina. Jaffa, 20. Sept. Chacham Usiel aus Jerusalem hat sich doch entschlossen, die Stelle eines WaM-Chacham Baschi in unserer Gemeinde anzunehmen. Der Vertrag lautet nur für ein Jahr. Mit der Anstellung eines regterungsamtlichen ersten Chachams wurde auch hier wie in Liberias das sogenannte russische System der Kronsrabbiner zur Geltung gebracht. Ob dies für die Erez-Jisroel-Verhältniffe angezeigt erscheint, ist mehr als zweifelhaft. Es ist immerhin bezeichnend, daß gerade jene 5kreise, die nicht in der religiösen Lebensrtchtung das Heil des jüdischen Volkes erblicken, gerade durch die Anstellung eines formell, d. h. amtlich doch nur religiösen Funktionärs Hilfe in der Not erwarten. Die Zeiten sind in politischer und wirtschaftlicher Beziehung sehr kritisch. Der neue Chacham Baschi soll die Rechte des jüdischen Volkes bei der Regierung vertreten. Möge ihm dies auf der ganzen Linie gelingen. Es wird aber gut sein, die Führer unserer Nationaljudm daran zu erinnern, daß das alte Wort auch in Erez-Jtsroel seine Geltung nicht verloren habe: T3 DntTI 2b 2'v ’^B- Vielleicht gibt es auch in Erez-Jisroel außer den wirtschaftlichen Kalamitäten auch noch eine spezielle geistige Not des jüdischen Volkes Viävavt consn)e8. Möge das neue Jahr ein njnan nyia» ru» sein! Aus der Stadt der kr?oSler. Kebron, 20. Sept.^ Aus unser heiligen Bäterstadt dringt nur selten eine Nachricht in die Oeffentlichkett. Die jüdische Bevölkerung hat in den jüngsten Jahren stark abgenommen, so daß wir heute kaum mehr als 600 sefardische und etwa 300 aschkenafische Seelen hier zählen. Mit den wirtschaftlichen Störungen hat hier das jüdische Leben auch in geistig religiöser Beziehung empfindlich gelitten. In einigen Synagogen hat der regelmäßige Nottesdtenst aufgehört und in dem alten Gotteslaufe, das den Namen unseres ersten Stammvaters trägt, wird -02X2 njBn durch ein bezahltes Minjan auftecht erhalten. Die Aschkenasim- > Gemeinde hat keine offizielle Talmud-Thora, und Die armen Familienväter behelfen sich durch Privatmelamdim, die nicht sonderlich geeignet find, ein thorakrästiges Geschlecht zu erziehen. ES hat hier einmal eine Jeschibah nm po und Q'&'&n '2MN gegeben. Seit zwei bis drei Jahren gibt es aber dort nur leere Jeschi- Dahräume, die in stummer Andacht den paty ■titaw