Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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In ehrerbietigem Schweigen teilten sich die Massen vor der hohen, imponierenden Erscheinung des Rabbi, der auf seinem Stuhle Platz nahm, während alle Anwesenden dem Vortrag stehend lauschten, obwohl er länger als zwei Stunden dauerte. Die Eigenart der Sprache und des Gegenstandes, sowie die reiche Fülle und Tiefe der Ideen ermöglichten es mir nur schwer, dem Gedankengang dieses Vortrags zu folgen. Es würde ein ansehnliches Buch ausmachen, wenn man ihn mit den für westeuropäische Leser notwendigen Zutaten und Erörterungen widergeben wollte. Eine halbe Stunde vor Mitternacht war der Vortrag zu Ende, es wurde Maariw gebetet und etwa um 12 Uhr ging man beim Rabbi zu Tisch, der bis gegen 2 Uhr dauerte. Beim Berlaffen des Hauses sah ich noch Licht im großen Saal der Jeschiba und hörte noch einige junge Leute in lebhafter Diskussion. Sie wiederholten den Vortrag von heute abend, den sie am andern Morgen um acht dem Rabbi wortwörtlich vortrugen. Dieser berichtigt dann etwaige Jrrtümer in der Auffassung und gibt über schwierige Punkte die erforderliche Aufklärung. Nach den Feiertagen schreibt einer der Hörer den ganzen Vortrag nieder und dieser wird, nachdem der Rabbi das Manuskript noch einmal durchgesehen, hektographiert und verteilt. Dieses Morgenrezitatorium dauert 2—3 Stunden, so daß man erst gegen elf zum Schachrisgebet kommt, das bis gegen 2 Uhr nachmittags dauert. Alle haben jedoch rechtzeitig zu Hause die mtwi rYD"D und Schema gebetet und ein Glas Tee, Milch u. dgl. genossen. Das Krähen der Hähne, das mich sonst jeden Morgen weckte, war heute nicht stark genug um meinen festen Morgenschlaf zu unterbrechen. Aber vis-L-vjg von meinem Schlafzimmer war ein Bes Hamidrasch, das meistens von Leuten besucht wurde, die früh in den Kampf um ihr kärgliches Stück Brot mußten und in dem daher sehr früh die Woche hindurch und selbst an Schabbos und Jomtof gebetet wurde. Ich konnte jedes Wort das dort gebetet wurde hören und von meinem Zimmer aus mich an jeder Brocho, an Kaddisch, Keduscha und Krias Hathora beteiligen. Das weckte mich aus meinem Schlafe und lud mich zum Mitbeten ein. Am Fenster, das meinem Zimmer zunächst lag, sah ich tief in seinen Tallis gehüllt, einen Beter sitzen, der mir bekannt vorkam, ohne daß ich mich sofort darauf besinnen konnte, woher diese Bekanntschaft stammt. Als er aber beim Hallel-Gebet in verzückter Freude und schwellender Andacht sein ■?V MlTlöjn 72 'n7 HD hinausrief, erkannte ich ihn wieder. Es war einer der Fuhrleute, die an der Bahnstation mich partout als Fahrgast gewinnen wollten. Er war einer der Aufdringlichsten und Skrupellosesten und hatte mich dadurch geradezu abgestoßen. Wie habe ich dem armen Manne im Geiste Abbitte getan! Das war kein armer Mann mehr, der Jomtof hatte hn über Nacht reich gemacht. Die harten, dreisten Züge seines Fuhrmannsgesichtes waren verschwunlen, der Jomtof hat sie verklärt und vergeistigt. Seine Kinder, deren Erhaltung ihn zu der Rücksichtslosigkeit zwingt, mit der er seinem Brot nachgeht, standen heute festlich geschmückt um den ietenden Vater und belebten und erhöhten seine ilndacht. Wenn Kinder Pfeile in der Hand des p lbeti sind, lernte ich hier zum ersten Male begreifen, warum die Vorsehung denjenigen, die den Kampf ums Dasein am heißesten zu kämpfen haben, auch mit den meisten Pfeilen für diesen Kampf bedacht hat. Sie find die Trophäen, die der arme, reiche Mann, auf der Walstatt des Lebens in heißem Ringen davongetraaen. Das ist kein Fuhrmann, das ist von Beruf ein Jude, dem ein widriges Schicksal die Peitsche in die Hand gedrückt hat, um mit Pferd und Wagen die Mittel zu einem jüdischen Leben für sich und die Seinen zu suchen. Wie kärglich er si> auch finden mag, er schmettert in lautem Jube seinen Dank für die Wohltaten hinaus, die ihm Gott erwiesen hat. Das hiesige Leben ist reich an solchen Genrebildchen, die alle von dem Geiste zeugen, der von dem Rabbi und seiner Jeschiba ausgehend die ganze Umgebung für alles Gute und Wahre zu gewinnen weiß. Am Nachmittag des zweiten Schowoustages hörte ich eine laute Diskussion, die aus der offenen Türe eines auf demselben Corridor gelegenen Zimmers zu mir herüber drang. „Man chassert (wiederholt) Chassidus!" sagte mir auf Befragen die Wirtin. Das war mir unverständlich, ich ging deshalb selber in das Zimmer und traf dort etwa 15—16 Herren, von welchen einer den gestrigen Vortrag des Rabbi wiedergab, oft unterbrochen von den Etnwänden, Fragen und sonstigen Bemerkungen der Zuhörer. Unwillkürlich drängte sich mir der Vergleich mit der Art und Weise auf, in dem so viele der „gebildeten" Westeuropäer, ihre rQlP und 2D DV1 - Nachmittage im Cafe oder in anderen Institutionen für Müßiggänger vertrödein. Ein Bote des Rabbi ersuchte mich zu Tisch zu kommen. Dort fand ich ein „Parterre von Königen", eine Tafelrunde von achtzehn Rabbinern, die ebenfalls Gäste des Rabbi waren. Es waren das nur die älteren Rabbiner, die über Schowous hier warendie jüngeren kamen erst zum Nachtisch und mit ihnen die Besucher der Jeschiwo sowie eine große Anzahl distinguierter Gäste. Sie bildeten einen Kreis um die Festtafel und würzten sie durch ihre prächttgrn Gesänge. Erst als der Tag zur Neige ging, löste sich die Tafelrunde in kleine Gruppen auf, die in ungezwungener Unterhaltung aus den verschiedensten Gebieten der Thora auf und abgingen, bis die Sterne am Abendhimmel das Scheiden des Festes und der» Beginn der neuen Woche verkündeten. Der scheidende Jomtof war auch das Signal für mein Scheiden aus diesem Kreise. Noch einmal versammelten sich nach dem Abendgebet die Einheimischen und die Fremden zu Ktddusch Lewono auf dem geräumigen Hofe. Ich hatte noch niemals eine so große Schar gleichgesinnter jüdischer Menschen diese Mizwo mit solchem Ernst und gleichzeitig mit solcher Heiterkeit erfüllen sehen. In hellen, lauten Sangesweisen, die durch den ganzen Ort hallten, gaben sie ihrer Freude ungehemmten Ausdruck. Mein Blick überflog diesen Kreis und hob sich dann zu den leuchtenden Nachtgestirnen. Hier unten und da oben sah ich Wesen, die treu der Weisung ihres Schöpfers leben und inmitten einer Welt, welche die alten göttlichen Gesetze als lästige Feffel abzustreifen sucht, mit Einsatz ihrer ganzen Kraft bestrebt sind, keine Tütelchen an den Aufträgen zu ändern, die Gott ihnen erteilte. Daraus quillt ihr lichter Glanz und die jubelnde Freude in der Himmelshöhe und in der Erdentiefe. Auf die Erfüllung des Lebensvorsützes DTpsn nn w «7tr folgt unvermittelt wip pxn niVp7 o'nen dw. Mit diesem herzerhebenden Eindruck verabschiedete ich mich vom Rabbi und seiner Familie, sowie von den zahlreichen Freunden und Bekannten, die ich während meines Aufenthalts in Lubawitsch kennen und schätzen gelernt hatte, und trat in früher Morgenstunde die Rückreise an. Auf derselben besuchte ich noch einige größere Städte und ihre Jeschiwos, die mir sehr imponierten und eine eigene Schilderung erforderten. Aber sie tragen alle die Spuren der Zeit und ihres Einflusses an sich, während die Jeschiwo in Lubawitsch das jüdische Rußland repräsentiert, wie es vor hundert Jahren war. Sie ragt jedoch nicht wie eine Ruine aus der vergangenen Zeit in die Gegenwart, sondern sie erhebt sich wie eine Hochburg der Thorakunde und Gottesfurcht über das flache Niveau des gewöhnlichen täglichen Lebens. Sie zeigt, welche bildende, anziehende Kraft der Thora innewohnt, auch wo sie auf alle modernen Behelfe und Stützen verzichtet. Diese Lebenskraft des Chassidismus hat seine mächtigen Gegner heute auf der ganzen Linie überwunden und sie zu einem beiderseits ehrenvollen Frieden bestimmt. Ein kleines Partikelchen dieser Lebenskraft geht auch aus denjenigen über, der mit ihren Trägern in nähere Berührung gekommen ist, wie es mir durch meinen Aufenthalt vergönnt war. Ich bin seit vielen Jahren ein eifriger Leser der Zeitungen. Während meines Aufenthaltes in Rußland habe ich keine zu Gesicht bekommen und habe sie auch gar nicht vermißt. Erst auf der Rückreise kam mit eine in bie Hand. Ein flüchtiger Blick hinein überzeugte mich, wie wenig ich versäumt habe. Diese geringe Meinung von unseren Tagesgötzen so öffentlich zu bekennen, hätte ich vor vier Wochen noch nicht den Mut gehabt: heute habe ich ihn. Daß wir von dem Chassidim noch manches lernen können, öffentlich auszusprechen, hätte ich vor ganz kurzer Zeit noch nicht gewagt. Heute hoffe ich, daß vielleicht auch der eine oder andere Leser dieser Zeilen mir im Geiste die Hand reicht und im Stillen wenigstens mir beistimmt. LollerpoE»rei> «.NacdNcdte«. Lfc-Ci. Ufentpdje* Meny- Irankfurt, a. M., 4. Oktbr. In den letzten Wochen hatten wir wiederholt Gelegenheit, über die mit erfreulicher Lebhafttgkeit einsetzende Bewegung zur Gründung - einer Weltorganisation der gesetzestreuen Judenheit zu berichten. Wie wir aus guter Quelle hören, soll nunmehr auf Ende November eine größere Versammlung interessierter Persönlichkeiten aus allen Kreisen Deutschlands einberusen werden, um Referate über die bisher mit maßgebenden stellen des Auslandes gepflogenen Vorverhandlungen entgegenzunehmen und weitere Beschlüsse zu fassen. Arankfurt a. M, 5. Oktbr. Wir erhalten folgende Zuschrift: Wir, die Kollegen des Herrn Dr. Jakob Feuchtwanger, als ehemalige Mitglieder des misrachtstischen Zentralbüros zu Frankfurt a. M. fühlen uns gedrängt, an dieser Stelle zu erklären, daß wir in der Polemik zwischen Herrn Dr. Feuchtwanger, dem vormaligen Präsidenten der MiSrachtförderatton, und Herrn Dr. Bodenheimer (Cöln) durchaus und ohne jede Einschränkung auf der Seite des ersteren tehen. Abweichend von der Auffassung des gegenwärtigen misrachistischen Zentralbüros in Altona erblicken wir in dem Borwurf der Frivolität, den Herrn Dr. Bodenheimer allerdings n persönlicher Zuspitzung nur gegen Herrn Dr. I. Feuchtwanger in der „Welt" (Nr. 37 vom 15. Sept. 1911) schleudert, auch einen Vorwurf gegen uns, die anderen Mitglieder der damaligen Zentralbüros, unter deren Mitwifsen und Mitwirken von Herrn Dr. Feuchtwanger alle Beschwerden und Veröffentlichungen in der beäi