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Der Israelit · 1911-10-05 · Heft 40 (5.10.1911) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 40 (5.10.1911)
Date
1911-10-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Herzlich wenig von Juden und Judentum weiß uus auch Seeliger in seinem an sich sehr schönen Romaney, der einen Naturausschnitt aus dem Ostmarken leben enthält, zu erzählen. Die Juden dieses Schriftstellers, dem man sicheren Blick für die Geschehnisse des Lebens nicht absprechen kann, sind nur halbe Gestalten, denn Seeliger hat sie nur in ihrem äußerlichen Leben und Treiben, in ihrem Handel und Wandel belauscht, ihr reiches Innenleben, das eigentlich Jüdische in diesen arbeitenden, feilschenden und mit dem Leben hart ringenden Juden der deutschen Ostkante, blieb ihm verschlosten. Schämen brauchen wir uns indesten mit seinem alten Abraham auch nicht, der, klug und schlau und stets auf seinen Vorteil bedacht, dabei aber ehrlich und von nie versagender Zuverlässigkeit, doch dem Deutschtum im Osten mehr Nutzen bringt als alle deutschen Kultur-, Ostmarken- und Ansiedelungsvereine zusammen. Er ist, wenn man will, und wenn man vom Haupthelden des Romans, vom Baron absieht, der keiner sein will und der an seinen in der Neuen Welt gewonnenen Begristen über das Verhältnis des Menschen zum Menschen in der ostelbischen Heimat zu Grunde geht, die sympathischste Gestalt im ganzen Buche. Freilich nicht in den Augen des alten pedantisch korrekten, in der Scholle wurzelnden, geraden und aufrechten, aber in feudalen und antisemitischen Vorurteilen großgezogenen und graugewordenen Verwalters Knorrek. Aber auch er, der vor der „jüdischen Aufdringlichkeit" nicht genug, warnen kann, nimmt, ob ein anderer Ausweg nicht vorhanden ist, der Not gehorchend, des Juden Dienste in Anspruch und muß es zu seiner Verblüffung erleben, wie der alte Jude das ganz verschuldete und verwahrloste Majorat des Barons in eine blühende deutsche Ansiedelung verwandelt, deren wachsender Segen der ganzen deutschen Umgebung zu Gute kommt. Hier ein wichtiges Problem, das uns im Romane gewiß 2) „Zurück zur Scholle". Roman von Ewald G. Seeliger. Verlag Georg Müller, München und Leipzig. Rom) und der Berzwetfiungskampf deS jüdischen Volkes bleibt für sie tot und vergangen? Hier in unserem Roman, stnd die Gestalten der Bibel die Schebna, Schefatja, Ebedmelek, Achtkam, und wie fie alle hießen zum Leben erweckt; fie handele, haben ihren individuellen Charakter und je rachtem fördern ober hindern fie die Schlußfatastrophe. Wir wohnen brr stürmischen Ratversammlung bei, in der König Zidkija, der übrigens uns stets sympathisch bleibt, mit der Mehrzahl seiner Großen, den Krieg gegen das ungeheure Reich Nebukadnezars, „des chaldätschen Löwen", beschließt. Wohl erheben fich warnende Stimmen, aber man hofft auf ein Bündnis mit den Nachbarstämmen, mit Aegypten. Johanan, der inzwischen am Hofe deS Königs zu immer neuen Ehren gelangt ist, weil der König ^zine Lauterkeit und Treue schätzt und ihn liebt, wie seinen eigenen Sohu, wird ausgrsendel, um Bundesgenoffen zu werben. Doch die umliegenden Völker find zum Teil eher feindselig gefinnt, und halbe Zusagen treiben den König in einen Kampf, von deffen Hoffnungslostgkeit er bald selbst überzeugt ist. Wunderbare Szenen werden uns vorgeführt, besonders wenn der Prophet Jeremiah austritt, verhöhnt und Mißhandelt Vom Botte, weil er deffen Siegeszuversicht stört, gehaßt und verachtet von den Großen, die seinen Rat, fich Nebukednezar zu unterwerfen als Mangel an Vaterlandsliebe betrachten und ihn alS Bolksverräter schon längst getötet hätten, wenn der König nicht seine schützende Hand über dcn ehrwürdigen Mann Gottes gehalten hätte. Aber auch der König folgt nicht und mit schmerzzerriffenem Herzen mutz der unglückliche Prophet, „das Gesäß GotteS", seine trostlosen Weissagungen wiederholen, muß sehen, w.e das Verhängnis seinen Gang geht. Der Großköntg kommt ins Land, Jerusalem wird von einem festen Ring umgeben, der fich auch nach dem Abzüge NebukadnezarS nicht mehr öMen wird. Sein "7 ' Drr ZSraeM. weit mehr interessiert als seine tragische Liebesgeschichte, das aber nicht hierher, in die Welt des Schönen, gehört, sondern ein Teil des „politisch garstigen" Liedes ist, ein Kapitel der Ostmarkenp olitik. Seit Altmeister Goethe in seiner „Dichtung und Wahrheit" ein Bild seiner Werde- und Wanderjahre der Welt geschenkt hat, gehören die Bekenntnisse schöner Seelen und Geständnisse aus gepreßten Herzen und wie derlei Ergüsse von Menschen, die annehmen, alle Welt mit ihrem Leben und Leiden befassen zu müssen, sonst noch heißen, zu einem gerade nicht unbeliebten Genre der deutschen Erzählungslitteratur. In der jüdischen Belletristik danken wir ein solches fein diskretes Seelenprodukt dem bekannten Jakob Fromer, der es endlich für an der Zeit hält, der Welt zum zweiten und dritten — und hoffentlich zum letzten — Male seine Lebensgeschtchte zu erzählen.3) Fromers Lebensgeschichte ist recht eigentlich die Geschichte desBachur, der in der Hochstut der Haskalah eines Morgens als Apikorus aufgewacht ist und nun das kleine liebe Milieu mit all seinen Glücksmöglichkeiten verläßt, um nach einer Reihe von Irrfahrten — in wörtlichem wie in ideellem Sinne — da zu landen, wo die hochragenden Hoffnungen zerschellen und sich anstelle des unbestimmten dunklen Sehnens nach großen Aufgaben dumpfe und stumpfe Verzweiflung des einst himmelstürmenden Jünglings bemächtigt. Fromer holt weit auäf tnbem er diese stereotype Geschichte erzählt. Er fängt schon mit seinen ersten Kindesjahren an. Denn das Buch seines Lebens ist als Anklageschrift gedacht, eine Anklage gegen die Berliner Gemeinde, die so undankbar war, den wohlgemeinten Rat ihres Angestellten, mit der ganzen jüdischen Gemeinschaft von der Bildfläche zu verschwinden, mit seiner Entlassung zu beantworteneine Anklage gegen das Judentum gemeinhin, das sich gegen diesen „seinen großen Sohn" fast von der Stunde seiner Geburt an verschworen hatte und ihn zuletzt gleich Acosta, Spinoza usw. zum Märtyrer der Wahrheit werden läßt . . . Da man doch aber — wie das etwas unschöne Sprichwort sagt — den Teufel nicht bei seiner Schwiegermutter verklagen kann, so ist esklar, daß sich Fromer in diesem Falle nicht an die jüdische, sondern vielmehr an die große, christliche Welt wenden muß. Und so enthält das Pamphlet eine Blütenlese von Denunziationen, an denen die „Staatsbürger"kreise, die bereits auf diesen „großen Sohn Israels" aufmerksam geworden sind, ihre Helle Freude haben werden. ') „Ghettodämmerung." Eine Lebensgeschichte von Jakob Fromer. 2. und 3. Auflage Schuster u. Löffler. Berlin u. Leipzig 1911. „Das Ghettoweib wird durch eine unnatürliche Lebensetnrichtung geknechtet, ausgebeutet und um sein Lebensglück betrogen" (S-10). „Die Diebesbanden im Ghetto besuchen fleißig die Synagogen und gelten auch für fromm und wohltätig". Bei der Schilderung des Cheder hat dem Autor, dem die Schwäche, Lesefrüchte zu verwenden, auch von anderer, wissenschaftlicher Seite wiederholt nachgewiesen wurde, allem Anschein nach Dantes Hölle als Muster vorgeschwebt. Die deutsche antisemitische Preffe hat bereits manche dieser ebenso phantasiereichen wie haßerfüllten Aeußerungen Fromers mit gutem Nutzer! verwendet. Wie werden aber die russischen Purischkewitschs und Markows die zur Zeit die Duma für den Ausschluß der Juden aus dem Heere zu gewinnen suchen, aufjubeln, wenn sie auf Seite 120 dieser „jüdischen" Schrift schwarz auf weiß bescheinigt finden, daß „der Tag der Rekrutenaushebung ein Tag des Jammers und Weheklagens für das Haus Israels" ist, wenn sie erfahren, daß „eine große Anzahl der Ghettosöhne bereits am Vorabend des verhängnisvollen Tages, an dem an sie der Ruf ergangen ist, sich dem Vaterlande zur Verfügung zu stellen, Reißaus genommen hatten." Seine Erlebnisse in Berlin, wo er als Bibliothekar der jüdischen Gemeinde seine famosen Rettungspläne ansheckte und fie auch in die Oeffentlichkeit brachte, die fast den ganzen Rest des Buches ausfüllen, können hier übergangen werden. Ebenso verdient die große „Talmudarbeit", zu der er nun in der selbstgefälligen Pose eines Märtyrers und großen Gelehrten seine Zuflucht genommen, nach den bekannten Aussagen bewährter Fachleute über den Wert der teils aus Plagiaten, teils aus konfusen Ideen zusammengesetzten Vorarbeiten zu diesem großen „Werk", keine weitere Beachtung. Es ergibt sich aber auch für die jüdische Preffe des Auslandes und besonders in Rußland die Pflicht, eindringlich darauf hinzuweisen, daß es sich — worüber man sich hier in Deutschland längst klar ist — bei all diesen Machwerken Fromers lediglich um die Rache eines Ignoranten handelt. Aus der vollgefüllten Dunkelkammer seiner düsteren Jugenderinnerungen scheint, dem Tone nach zu schließen, auch Melamed bei der Zeichnung seiner „Gestalten und Schatten" zu schöpfen*). Melamed hat eine ganz eigene Art, Skizzen schön, packend und vielverheißend — einzuletten, um sie dann, da der Oberbau „Gestalten und Schatten", von Samuel Mar Melamed, mit einem Vorworte von Israel Zangwill. Verlag Louis Lamm, Berlin. Feldherr Nebusaradon bleibt zurück und 18 Monate der Belagerung haben die unglückliche Stadt und ihre Bewohner an den Rand der Verzweiflung gebracht., Hunger und Pest wüten, darin, aber ihr Mut ist ungebeugt. Und ihre Tvpferkeit stürbe noch lange standhalten, wenn nicht Verrat am Werke wäre. Des Königs eigen Blut, sein Neffe Jsmael ben Netanja rechnet darauf, vom Großkönig auf Davids Thron gesetzt zu werden. Cr öffnet die Türe eines unterirdischen Ganges, der in die Btroh, die Kö igSburg führt, und nun ist alles zu Ende. Der Tempel verbrennt, die Stadt wird zerstört, kein Stein bleibt auf dem anderen. Der König fällt auf der Flucht mit seinen Söhnen in die Hände der Feinde. Nur seine Tochter Tamar, die er dem tapferen Johanan ben Kareach zum Weibe gegeben, bleibt mit einem armseligen Häuflein Bauern tm Lande zurück. Das ganze Volk wird nach Babylon geschleppt, ein trauriger Zug, deffen Hoffnungslosigkeit nur einen Augenblick durch me Weissagung Jeremtahs gemildert wird. „Das Bclk, das dem Schwerte entrang," klang es, „soll Gnade finden, Israel soll kommen zu seiner Ruhe. Ich liebe dich, ich liebe dich noch mit der alten Liebe, spricht der Ewige, o Jungstau Israel! Du sollst wieder etnhergehen mit der Handpauke im Reigen der Tanzenden, du sollst noch Weingärten pflanzen auf diesen Hügeln und kosten von hrer Frucht. Siehe, ich führe dich heim, du Rest von Jakob, auS dem Lande des Nordens, von den Enden der Erde sammle ich dich, der Blinde findet den Weg, d er Lahme springt hurtig herbei. Mit Träne« ziehst du jetzt — ach, mein Volk, bu kehrst mit Jauchzen zurück!" „ES hat dem Großkönig nicht beliebt, einen neuen König auf den Thron Davids zu setzen"- diese Worte dröhnen dem Beriater entgegen, alS er den Lohn für feine Freveltat verlangt. Em Statthalter, der treue Gedaljah ben Achikam, wird vom Großköntg eingesetzt, um bas zersprengte Häuflein zurückgebliebener zu sammeln und zu schützen. Es scheint, daß auch diese letzte Hoffnung zu Nichte wird. JSmael tötet den Gedaljah, und die übrigen fliehen, trotz der Warnung Jeremtahs nach Aegypten. Und am Schluffe hört der traurig lauschende Johanan von den Trümmern des GotteSten pels her die Skagetöne des Propheten: „Wie soll ich dich trösten, Jerusalem? Was dir vergleichen? Wer bat gelitten wie du, Jungstau, Tochter Zwns? Groß wie daS Meer ist deine Wunde, Wer kann dich heilen?" G. U. (norQ vor Gericht.) Ucver eine des Humors nicht ganz entberende Gerichtsverhandlung wird uns auS Leipzig berichtet. Standen da zwei Händler auf dem Brühl und verhandelten über ein Geschäft. Ein Unbeteiligter, der fich zu ihnen gesellte, wurde mit st inen ungebetenen Ratschlägen so lästig, daß einer von ihnen seiner Mißbilligung über diese ungebührliche Einmengung in dem Worte „Beheme" Ausdruck gab, was der so Apostrophierte promptest mit einer Beleidigung quittierte. Beheme heiße „Rindvieh", diese Bezeichnung sei aber unzweifelhaft eine Beleidigung, ergo müffe der Beklagte verurtellt werden, war der Inhalt stirer Klage. Der Beklagte behauptete, er hätte den inkriminterten Ausdruck überhaupt nicht gebraucht. Nicht „Beheme" hätte er gesagt, sondern „Bohemo", ein hebräisches Wort, das wörtlich übersetzt „in ihnen" oder „in sie" heiße und er wollte damit nur sagen: wenn zwei Leute fich über eine geschäftliche Angelegenheit unterhalten, habe ein Unbeteiligter fich nicht „in sie" einzumengen. Herr Rabbiner Dr. E. Ca rleb ach, der als Sachverständiger fungierte, konnte zwar dem schlauen Wortverdreher nttp recht''eben, vertrat aber andererseits die Meinung, daß Brhemr m

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