Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 40 (5.10.1911)
- Date
- 1911-10-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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zitiert, so bleibt immerhin, selbst nach entsprechendem Abzug, genug übrig, um seinem stupenden Fleiß Achtung und Anerkennung zu erzwingen. Selten wohl hat auch jemand ein solches Maß künstlerischer Einfühlungsfähigkeit zur Erfüllung seiner Aufgabe mitgebracht, wie Sombart. Und wenn nun trotz allem unv allem als das Ergebnis all der Mühen, als Produkt von so viel Gelehrsamkeit, Phantasie und Gestaltungskraft ein solches Zerrbild von Juden und Judentum sich darstellt, das den Kundigen einfach zum Lachen nötigt, aber freilich immerhin genug an Wahrem und Zutreffendem enthält um den Unwiffenden und den Halbwiffenden letchtlich zu betören, so will sich meiner eine dumpfe Hoffnungslosigkeit bemächtigen, denk' ich daran, daß ein mehr als zweitausendjähriges Weilen und Wirken des jüdischen Stammes inmitten der deutschen Nation ihrer Besten einen zu einer solchen Studie anregen und begeistern konnte. Wenn Werner Sombart nach Jahre langer, streng wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Judenvolk schließlich zu dem Ergebuis kommt, daß der Kapitalismus sein Wesen restlos erschöpft, daß die Beschäftigung mit dem Handel und besten kapitalistische Zuspitzung einzig und allein ihm völlig congenial sei, wie kann ich es dann, frage ich unwillkürlich, dem einfachen Bauern, überhaupt dem Manne aus den: Volke verübeln, wenn er, der unter dem Kapitalismus mannigfach zu leiden hat, instinktiv den Juden dafür verantwortlich macht, statt aber in schöngeistiger Charakterstudie über Juden und Judenart sich zu gefallen, seinem von Sorgen erfülltem Herzen in antisemitischen Rüpeleien Lust macht?- Nein, nein, der Jude wie er leibt und lebt, wird so bald seinen Maler nicht finden. Und auch der Mann wird noch lange nicht die Rolle des Vermittlers spielen, den krystallenen Geist des Judentums der deutschen Nation verständlicher zu machen, der mir und gewiß auch vielen anderen von je am ehesten dazu berufen schien: Rabbiner Hirsch. Sein genialstes Werk, der Choreb, hat dem Verfasser des neuesten Judenbuches Vorgelegen. Man spare es mir, an dieser Stelle des näheren auseinanderzusetzen, wie sehr er selbst dieses, immerhin deutsch geschriebene Werk mißverstanden und — mißbraucht hat. Und so ist mir eines völlig klar: Nicht Kenntnis des jüdischen Gesetzes, und wäre sie auch die allerintimste, nicht Studium von Schriften üß*er das Judentum, am allerwenigsten die Apologetik, sondern allein und ausschließlich die Erfaffung des jüdischen Lebens, wie es sich unter der Herrschaft des jüdischen Gesetzes vollzieht, die Erkenntnis der Psyche des jüdischen Hauses, deffen Pfosten mit dem Zeichen des Gesetzes geschmückt sind, könnte zur adaequaten Vorstellung von jüdischer - ■ ' -w„ah. ' Eigenart, zur sachgemäßen Konstruktion der historischen Bedeutung der jüdischen Idee ertüchtigen. Vom jüdischem Leben aber hat, Sombart, deß ist jede Zeile seines Buches beredtes Zeugnis, auch nicht die Spur einer Ahnung. Und daran ist er gescheitert. Wohl hat er, der es wahrlich mit seiner Aufgabe Ernst nahm, sich redlich bemüht, neben der theoretischen Ergründung des Judentums als Gesetzesinbegriffs es auch biologisch zu erforschen, indem er das Seelenleben der Juden als social gesonderter Gruppe zu zergliedern strebte, aber die Juden die ihm hierbei als Modelle standen, das waren nicht die krafttrotzenden Juden der Tradition, sondern das waren wesentlich die rastentümlich dem Untergang geweihten Typen des Großstadtwestens, die Bankdirektoren, die Kunstmäzene, die Zeitungshelden, und die Apostaten des Ostens, die rechtzeitig aus der „Dämmerung des Ghettos" sich hinausgeflüchtet hatten und nun blinzelnd in die strahlenlende Sonne europäischer Kultur hineinguckten. An ihnen freilich, den Gesetzentfremdeten und den Gesetzesflüchtigen, konnte er keine andere Wirkung des Gesetzes wahrnehmen, als daß es sie bis zum heutigen Tag — und wahrlich keinen Tag länger — rastentümlich conserviert, national isoliert, geistig unermeßlich geschärft und mit jener Bodenunständigkeit ausgerüstet hatte, die nur durch rastlosen Erwerbstrieb all die Lebensvorteile sich verschaffen kann, die dem auf eigenem Erdreich hausenden Autochthonen im traumhaften Naturdasein zufallen. Und hieraus zog er seine unerbittlichen Konsequenzen. Das jüdische Gesetz ward ihm der große Konservator, der große Rationalisator und der große Erwerbsagitator: und sonst nichts. In das Bett, das für Fromer und Ballin gespreizt, zwängte er, ein zweiter Prokrustes, das Gesetz und hieb an ihm so lange herum, bis es glücklich hineinpaßte. Und wahrlich: Gäbe es keine anderen Juden, als Fromer und Ballin, wer könnte sein Tun ihm verargen. Aber schon an der ragenden Gestalt unseres unvergeßlichen Amschel Rothschild, an dem sein übler Spott sich seltsam vergriff, kam er vollends zu Schanden. Und soll ich etwa noch andere Namen nennen? Soll ich unserer Großen gedenken, unserer Führer und Lehrer, die Erinnerung an ihr Leben wachrufen, die Vorstellung von ihrem Seelenadel lebendig machen, um daran all das törichte Geschwätz zu messen, das Sombart,. weil er es bester nicht weiß, über jüdisches Leben und jüdische Seelenart feilbietet? Heil dem Auge, das sie geschaut —: uns aber betrübt sich bei solcher Kunde das Gemüt.- Sombart ging aus, das Judentum zu ergründen. Er fand das jüdische Gesetz, aber er fand nicht das jüdische Leben. Was wunder, daß ihm 5. Oktober »1t. auch das jüdische Gesetz ein mit sieben Siegeln verschlossenes Buch blieb. Freilich wäre es ihm schwer genug geworden, im deutschen Vaterland jüdisches Leben kennen zu lernen. Denn den Ballin und Fromer begegnet man auf Schritt und Tritt und Amschel Rothschild ist längst zu den Vätern versammelt. So liegt in dem Sombartschen Buch eine schwere Anklage gegen — uns, die Juden Deutschlands. Wir haben kein besseres Buch verdient. Nostra culpa, nostra maxima culpa! Das jüdische Leben ist aus unseren Kreisen entflohenso blieben wir zurück als Dämonen. Und haben über das jüdische Gesetz Schande über Schande gehäuft. Eine Stimme aber geht aus vom Berge Horeb Tag für Tag und ruft aus: Wehe dem Menschen ob der Schande der Thora! Wann wird sie verstummen dürfen? — — — Aus der Mil des Schönen. Neue iüöifche €r?äfilunasliferafur. Karin Michaelis, die Verfasserin des „Gefährlichen Alters" hat auch noch andere, minder gefährliche und minder aufregende Bücher geschrieben, die aber, weil es ihnen ungleich dem erstgenannten Romane an dem packenden Schlagworte fehlte, auch weniger Beachtung gefunden haben. Mit dem harmlosen, wenig verheißenden Namen „Rachel"') war ihrem letzten Romane von vorneherein ein stillerer Lebensweg beschieden. Wir danken es indeffen lediglich diesem Namen, daß auch unser jüdischer Bücherttsch mit einem Rezensionsexemplar des Buches beehrt wurde. Denn das einzig Jüdische in diesem Buche seelischer Irrungen und geisterhaft dunkler Lebensschicksale ist sein biblischer Titel. Und dabei nennt sich das Buch Ghettoroman. Vom Ghettoleben erfährt man aber hier nicht tnel mehr, als daß „Simon Jumaisohn — die einzige lebende und handelnde jüdische Gestalt — in der Hellen Abendstunde am Fenster sitzt und sein mit Knoblauch eingeriebenes Brot zu saueren grünen Gurken ißt". Der Roman spielt dann gleich im ersten Kapitel schon in Kreise und Lebenssphären hinüber, die vom Ghetto durch Welten getrennt sind. Rachel ist keine Jüdin, trotz ihrem Namen und trotzdem ihre Wiege — in der Einleitung — im Ghetto gestanden hat, dessen sind wir sicher, wiewohl die Autorin die dunkle Hülle über chre Abstammung nicht lüftet. Solche liebesleere und gemütsarme, von der Laune zügellos beherrschte und mit.däi) „Rahel". Ein Ghettoroman von Karin Michaelis. Deutsch von Mathilde Mann. Deutsche Berlagsanstalt Concordia, G. m. o. H. Berlin. 2YiI bcizutragen. Wenn aber inr „Anslande" im Drange der Zeiten und Geschäfte etwas weniger gelernt wird, ist es doch eine erhebende Genugtuung, das; die von Gesamtisrael aus Sinai girierten Thorawechsel in den Pforten Jerusalems so ohue Protest eingetöst werden. Rabbi Chaim M c n d l, der gelehrte Nvtarills des aschkeuasischeu Gerichtshofes (Beth Tin? sprach ein „Mi scheberach" für die Pekidim, für die WnWint der deutsche-holländischen Palästinaverwaltung, für die deutschen Rabbonim und namentlich für die Rabbiner von Frankfurt, Würzburg, Tannstadt, Berlin, Basel, Mülhausen u. a. m. Rabbi Jechiel Nachmau, seines Zeichens ein bürgerlicher Tischlermeister und ehrwürdiger Gabai im Amsterdamer Midrasch, wo er mehrere Stunden täglich den Talmud studiert, spricht von der „Ungebundenheit" der abgenützten Talmndbücher und von den großen Ausgaben für Tee und Zucker, die mit dem Lernen in der Nacht aufs engste verknüpft sind. Ter Vertreter der Pekidim und auch andere Fcstteilnehmer haben in diesem Belange beruhigende Erklärungen durch namhafte Mifch?berach- Spenden abgegeben. Mit den Benschen wurde der Vertreter der Pekidim beehrt und gegen Mitternacht hat das erhebende Sijnmfest mit dem Abendgebet einen würdigen Abschluß gefunden. Tags darauf fand ich unseren Rabbi Beinisch in der Wohnung unseres Rabbiners Horovicz am deutschen Platz. Rabbi Beinisch übernahm die Einrichtung eines Ofens in dem herrlichen Hause der Frau Benjanrin Jeuchtwanger ans München. Wir begrüßten uns hier schon als alte Bekannte. Zu meiner angenehmen Uebcrraschung erfuhr ich, daß es in Jerusalem fr inen Matjcuiaiunu'i' gebe, daß Meister und Schüler schon um Uhr morgens im Amsterdamer Midrasch zur Abhaltung des regelmäßigen ersten Schiur sich vvll- --in.vZnnd.", Das StainwtnibMnm dieser altehrwürdigen Syiiagvge rekrutiert sich aus Rabbonini und Thoragelehrten der verschiedenen .streife Jerusalems. Unter diesen befinden sich viele arme aber hervorragende Schristgelehrtc, die von den Pekidim regelmäßige Unterstützungen erhalten. Man findet dort aber auch Lehrende und Lernende, die sich von ihrem Eriverb ernähren und selbst auf Chalnka verzichten. Als stnriosum sei noch mitgeteitt, daß in diesein hrstvrischen Pekidim-Midrasch, der ersten Hanptsynagoge von Jerusalem der dreijährige Thorazyklus eiliges ährt ist. Alle drei Jahre — sagte mir der sympathische alte Herr — tvird bei uns der g a u z e Talmud dnrchgelernt. Bravo! Das lvird auch den Lesern des „Israelit" imponieren. Ein historischer Koman aus biblischer Zeit. „Ein König von Juda" ist der Titel eines dickleibigen Roman von Emst Trampe,*) an den man wegen feines UmfangeS zuerst nur mit einer gewissen Aengstlichkeit geht. Aber mit Unrecht. Mit großer Meisterschaft hat eS der Verfasser verstanden, uns auf Grund einer umfaffenüen Gelehrsamkeit und gründlicher Studien ein Bild beS Reiches Juda und feines letzten Königs Ztdnkija zu geben. Wir folgen 'dem letzten Kampfe, der mit der Vernichtung des jüdischen Staates und der Zerstörung Jerusalems endete, mit atemloser Spannung. Der Dichter rollt die Handlung vor uns auf, indem er einen einfachen Htrtenjüngltng aus dem Stamme Benjamin, Johanan, zum Retter der Königstochter werden läßt. *) Ein König von Juda, Roman von Ernst Trampe. Berlin 1909. Verlag von Maaß u. Plan?. Kurz darauf erfährt er, daß er der Sohn de» letzten benjamittschen Fürsten Kanach ist, der den Tod durch Priesterhand fand, als er am Steine zu Beth-El opferte und daß sein Erbe den Priestern gegeben wurde. Johanan geht nach Jerusalem, gelangt nach mancherlei Abenteuern zum König und gewinnt an ihm einen Freund und Beschützer, an deffen Neffen Jsmael ben Netanja aber einen Todfeind. Und nun lernt Johanan daS Leben und Treiben der Stadt kennen, steht die Leute bet ihren verschiedenen Beschäftigungen, nimmt Teil an dem erhebenden Gottesdienst, steht aber auch die mannigfachen Götzen, denen das Volk anhängt, und die vom König geduldet werden. Und hier möchte ich eine Beanstandung machen, die wir von unserem Standpunkt aus nicht unterdrücken können. So packend das Buch geschrieben ist, so begeisternd eS wirken muß, denn der Berfaffer hat sich, liebevoll und mit großsr Sympathie in seinen Borwurf verttest, und was von Herzen kommt, muß auch zu Herzen gehen: wir bedauern daran, daß der Berfaffer in Vezug auf die religiöse Entwicklung des jüdischen BolkeS ganz auf dem B»den der Wellhausen ichen Theorie steht. Die Höhenaltäre waren vor dem Baue deS Tempels da und erlaubt. Das Gesetz Mosts war dem Bolle nicht bekannt, Spetsrgesetze gab es nicht rc. Auch sonst unterschied fich das Volk nicht von den umliegenden Böllern. Ihr Gott ist ein Nationalgott wie der der anderen, und wenn auch Johanan eS einmal ausspricht, daß sie „den Schöpfer Himmels und der Erve" verehren, so ist ihr Gott nur an ihr Land gebunden, und als Johanan im Wüstensand vergraben lst, zweifelt er, ob Gott sein Gebet hören, oder wenn auch hören, so doch hier die Macht hat, eS zu erfüllen. Schade, daß dieser Fehler uns davon abhält, dieses Buch unseren Kindern in die Hand zu geben. Warum sollten fie stch sdnst amBerzwetflungskamps derGotm gegen die Römer begeistern (stehe Felix Dahn, Kampf um