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Der Israelit · 1911-10-05 · Heft 40 (5.10.1911) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 40 (5.10.1911)
Date
1911-10-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
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MMäier rttl. ,*“‘ *'\' '■ ‘ -? *;?****£• Sombart und die Juden. Bon Referendar Dr- ^snae Breuer. III. Wie gesagt, bei solchen und ähnlichen Stellen (sie lassen sich beliebig vermehren) habe ich zwar nicht aufgehört, mich zu amüsieren, fotmte aber gleichwohl nicht umhin, einen kleinen seelischen Choc zu empfinden. Eine Fliege, die sich auf meinen Gesichtserker setzt, kitzelt und ärgevt mich zugleich. Ich glaube es nicht verantworten zu können, wenn ich meinen Lesern noch ein weiteres Beispiel vorenthielte. Sombart will Nachweisen, daß ein inniger Zusammenhang zwischen dem Erwerbsprinztp und den religiösen Anschauungen des Judentums besteht. Nachdem er in wahrhaft kindlicher Naivität allen Stellen im Gesetz nachgespürt hat, in denen Reichtum und Besitz als Güter gepriesen oder doch wenigstens nicht in Grund und Boden verdonnert werden, verfällt er schließlich auf folgenden, für jeden Eingeweihten unbezwingbar komischen Beleg. Es ist „die eigentümliche Gestaltung des jüdischen Gottesdienstes, die sich in wichtigen Abschnitten, wie man weiß, zu einer förmlichen — Auktion auswächst. . . . Ehe die Gesetzesrolle in der Synagoge aus dem heiligen Schranke geholt wird, geht drr Küster oder Schulklopfer rings um den Alrnemor, d. i. den Katheder herum und ruft die bei dem Heraus- und Herein tragen der Thora vorkommenden Aemter und Verrichtungen mit den Worten zum Verkauf aus: Wer kauft das Hauzoa ve Hachenosa (Heraus- und Hineinlegen)? Wer kauft das EH hachajim (Verrichtung die Thora beim Zuwickem in der Hand zu halten)? Wer kauft Hagboah (Aufheben der Thora)? Wer kauft Geltlah (Auf- und Zuwickeln)? Diese Aemter werden auf Meistgebot versteigert — dem Meistbietenden beim dritten Aufruf zugeschlagen. . . . Das erlöste Geld wird für die Armen der Synagoge verwendet. Heute ist die Auktion vielfach aus dem jüdischen Gottesdienst gestrichen. Man kann sie aber selbst im Berliner Ghetto noch in voller Blüte sehen. Früher war sie wohl allgemein ein Bestandteil des Gottesdienstes." Kommentar ist wohl überflüssig.- Auch das Verhältnis des Judentums zu den Fremden, den „Gojim", hat Sombart in ziemlich anstößiger Weise, darin ganz unter dem Einfluß der traditionell-antisemitischen Literatur, zur Darstellung gebracht. Aber auch hier entbehrt er nicht einer gewissen persönlichen Note. Ich empfinde seine Darstellung als eine ganz gesunde Reaktion gegen die von Humanität triefende, mehr oder minder wässerige Art, mit der dieser Gegenstand regelmäßig von unseren Berufsapologeten dem Zeitgeschmack verdaulich zugerichtet zu werden pflegt. Unsere jüdischen Zeitgenossen Westeuropas, namentlich die liebe Jugend, die so gerne die Miene des gestrengen Rhadamantys aufzusetzen geneigt ist und mit gefalteter Stirn und der Hornbrille auf der Nase das Judentum zur Rechenschaft zieht, sie alle werden sich eben mit dem Gedanken vertraut zu machen haben, daß es auch noch so etwas wie Probleme im Judentum geben darf, und daß es mit ihrer gütigen Erlaubnis dem Judentum wohl ansieht, seinen Bekennern auch einige harte Nüsse zu knacken aüfzugeben. Wer freilich keine Zähne hat, mag sich mehr an den süßlichen Brei der Apologeten halten. Nichts für ungut.- Zurück zum Thema! Die kapitalistische Eignung der Juden will Sombart erklären. Und hier stellt er nun in überaus „geistvoller" Konstruktion folgende Gleichung auf: Kapitalismus--- jüdische Religion — jüdische Eigenart. Zwei Ideen tragenden Kapitalismus (nach Sombart): die Erwerbsidee und der Rationalismus. Jene schafft den Händlertyp, dieser den Unter n eh merty.p. Die Verbindung beider Typen macht den glücklichen und erfolgreichen Kapitalisten aus. Beide Typen sind aber im jüdischen Wesen (nach Sombart) vorhanden: Er ist der geborene Unternehmer kraft seines tief eingewurzelten Rationalismus (hier zur Abwechslung Intellektualismus genannt) und seines Jüeologismus, und er ist der geborene Händler kraft seines Voluntarismus und namentlich kraft seines Mobilismus. Und nun die jüdische Religion: Ist sie etwas anderes als ausgeprägtester Rationalismus? Will sie nicht alle, aber auch alle Lebensverhältnisse ihres naturalen Charakters entkleiden und dadurch vergeistigen, daß sie sie sämtlich in Beziehung zu Gott bringt, in ihnen Inbegriffe göttlicher Aufgaben erblickt, die ver standesgemäß erfaßt und erfüllt sein wollen? Und nun gar die Erwerbsidee! Die Rastlosigkeit und Unbegrenztheit des Gelderwerbs, wie sie den Kapitalismus kennzeichnet, findet sie nicht ihr Wtderspiel in der „Bewährungstdec", die den Gläubigen im Interesse seines irdischen und einstigen Wohlergehens unaufhörlich zu guten Toten, zu immer neuen „Verdiensten" anregt und an feuert, aus daß jederzeit das sittliche Haben das Soll übersteige? Und muß daher nicht die jüdische Eigenart, an sich schon kapitalistisch genug, potenziert durch den ungeheuren Einstuß der kapitalistischen Religion, zur dämonischen Emladung im Wirtschaftsleben der Nationen kommen und daselbst mit Naturnotwendigkeit diejenige Wirtschaftsordnung zum Durchbruch bringen, die allein die ihr gemäße, ihr getreues Abbild ist, also den Kapitalismus? Und die jüdische Eigenart selbst, was ist sie denn anders als rin Produkt des jüdischen Schicksals, das dieses unglückliche Volk nimmer zur Ruhe hat kommen, nirgends hat Wurzeln fassen lassen und so den Rattonallsmus und den Erwerbstrieb als einzige Mittel der Selbsterhaltung in unerbittlicher Selektion in ihm groß zog? Das jüdische Schicksal, das ist. der Schlüssel zum Ganzen! Es erzwang die jüdische Eigenart, es schuf die jüdische Religion, die nichts anderes ist, als der eiserne Reif, der die versprengten Glieder dieses ewig heimatlosen Stammes zusammenzuhalten bestimmt war, und indem es schließlich die Juden unter die seßhaften, verträumten Raffen des Nordens warf, ward es, das Judenschicksal, zugleich zum Schicksalsausgang dieser Rassen selbst, da es unter sie das wesensfremde Gift dcs Kapitalismus verbreitete, das in unseren Tagen solch furchtbare Blüten empor hat wuchern lassen. Des ist das Bild, das Sombart, bis ins Einzelnste ausgeführt, vor die erstaunten Blicke seiner Leser hinstellt. Und ich gestehe offen, daß ich diesem Bild zwar jede porträthafte Aehnlichkeit, nichts aber künstlerischen Wert abzusprechen gewillt bin. Ich halte es im höchsten Grade für überflüssig, aus die wissenschaftliche Haltlosigkeit der Parallele zwischen Kapitalismus und jüdischer Rel gion hinzuweisen. Ich brauche hoffentlich nicht erst Zu betonen, daß mit genau dem gleichen Fug dieParallelezwischen Kapitalismus und Sittlichkeit überhaupt, die nun einmal in der Vergeistigung des Natürlichen und in der damit verbundenen Statuierung der ewigen Unzulänglichkeit des geistigleiblichen Menschen (woraus der Bewahrungsgedanke fließt) besteht, behauptet und durchgeführt werden könnte. Genug, es fleckt Größe in diesem Bild, und Licht und Schatten sind mit Meisterhand verteilt. Das jüdische Volk ftellich, Wie es leibt und lebt, hat zu diesem Bild so wenig gesessen, wie zum Shylock, wie zum weisen Nathan. Aber auf Shylock den Teufel, auf Nathan den Engel mußte Rothschild folgen, der Dämon. Wann wird der Jude als Mensch seinen Maler finden? Ich glaube nicht, daß in absehbarer Zeit ein solches Werk zu erwarten ist. Gerade Sombart ist mir dafür ein unwiderleglicher Beweis. Und das ist eine betrübende Erkenntnis. Selten wohl ist jemand mit solchem Ernst und — vielleicht — mit solcher Vourteilslosigkeit darangegangen, jüdische Art zu ergründen und vor allem' des Zentralpunkles sich zu bemächtigen, von dem aus allein das Judentum restlos zu begreifen ist, der jüdischen Religion. Wenn ich auch nicht glaube, daß Sombart all die Bücher über Juden und Judentum wirklich gelesen hat, die er im Anhang zu seinem Werk als Quellenschriften die Nachricht lesen: Amsterdam bat die Gaurallisten ringeschickt. In den jüngsten Jahren, seitdem die deutsch-holländische Palästinaverwaltung und dieFrankfurter Palästina-Kommission eine intensive Tätigkeit sür Erez Jisroel entfaltet, hat man auch Berlin, Basel, Posen, Nürnberg, Straßburg und noch einige Bor ort e von Holland zu ebenbürtigen palästinensischen Provinzen von Amsterdam erhoben. Im Amsterdamer Midrasch wird noch heute ganz tüchtig gelernt. Zu jeder Tageszeit findet nian noch kleinere und größere Gruppen, die hier ihre Schiurim abhalten. Einzelne Thoragelehrte forschen Tag mifc Nacht in diesen geweihten Räumen. Ein besonderer Anlaß gab mir die Gelegenheit mit den Rabbine« und Schülern dieses ehrwürdigen Midrasch intimere Bekanntschaft zu machen. Heute wird hier ein ., Si j nm" abgehalten. Ein Sijnmsest in Jerusalem! Wenn man in der heiligen Stadt Sijumfeste feiern sollte, dann könnte dort auchheute noch das ganze Leben in Festtage anfgehen. Im Midrasch der Amsterdamer Petidim werden nur ausnahmsweise Sijnmfeste veranstaltet. Ta saßen sie heute beisammen, Meister und Lehrlinge und noch einige geladene Gäste - unter denen ich auch als „Tourist" einen Platz eingenommen — und in gehobener Stimmung vollendete man das letzte Blatt der drei großen Tatmudtraktate, oder wie man dies in der ehrwürdigen Versammlung interpretierte: die drei „Pforten", HD2 die das bürgerliche Zivilrecht, die Dine Momaunaus behandeln. Sofort wurde auch mit dem Traktat „Makkot" der Anfang gemacht. Zn meiner nicht geringen Ueberraschung gewahrte ich, daß man im Amsterdamer Midrasch den großen Traktat „Synhedrin" ganz viotcicf1 wegescamotiert. Bei uns im Reich draußen — dachte ich mir -r wird fein talmudkundiger Jurist die Kühnheit haben, eine solche „Nebergehung" zu begehen. Doch konnte ich gegen die- Motivierung nichts rinwenden. Es sind nur noch einige Tage vor Rosch- Haschanah und da soll man nicht in der Mitte bleiben. Dieser kleine Traktat — Makkot zählt nur 24 Blatt — wird noch, zu Ende gelernt. Nach dem Lernen gab es noch ein Festessen, welches in der annimiertesten Stimmung verlaufen. An der Töte der Tafel faß ein ehrwürdiger Greis von etwa 85 Jahren. Bor einigen Minuten hat er noch seine zwei Blatt Gcmoro von Makkot mit kräftiger Stimme vorgetragen. Rabbi Efraim Jos na Beiles heißt der Meister. Er hat seit 30 Jahren eine Freiwohnung am deutschen Platz und seit 20 Jahren ist er einer der Vortragenden Rabboniin inr Amsterdamer Midrasch. Schon drei Stunden vor Tagesanbruch findet man ihn, von ein"r Schülerzahl, zumeist tüchtigen Talmudgelehrten, umgeben, den Talmud vortragen. Er begrüßt seine permanenten „Hörer" und bedauert, daß sein Freund und Kollege Rabbi Chain, Arje verhindert sei, an diesem Thorafeste teilzunehmen. Wer ist denn dieser Rabbi Chaim, frag ich meinen Tischnachbar. Das ist ein neunzigjähriger Greis, lautete die Antwort, ein Rivale unseres Rabbi Efraim, der jeden Morgen mit jugendlicher Frische als erster die Synagoge öffnet und auch im Winter, als der Weg mit zwei Elten hohem Schnee bedeckt war, nicht einmal seinem Meister, dem um fünf Jahre jüngeren Rabbi Efraim den Bortritt gestattete. Zur rechten Seite sitzt eine jüngere Gestalt mit blitzenden Augen und geistvollen Mienen. Rabbi Abraham Mosche nennt man ihn und er ist einer der scharfsinnigsten Lehrmeister von Jerusalem. Er wirkt an leitender Stelle in Thorath Chaim, aber einige Schiurim lernt er auch im Amsterdamer Midrasch. Sein Tischnachbar, ein herrlich schöner Greis, mit einem patriarchalisch herabwallenden weißen Barl, zitiert interessante Talmndstelten aus dem gelernte,l Pensum und gibt seiner Freude darüber Ausdruck, daß ci wacker mit- und ausgehalten. Das ist Rabbi B e i n i s ch, sagt mein indiskreter Gewährsmann, einer der besten Spenglermeister von Jerusalem, der als ausgezeichneter Ofeninstallateur die Facharbeiten beim Gouverneur und allen Konsuln zur besten Zufriedenheit ausführt. Er öffnet aber seine Werkstatt nur, nachdem er einige Stunden bei den Talmudfolianten gearbeilct. Rabbi Chaim Sonnen feld verherrliclch das Lernen der hohen „Pforten" in ihren drei Teilen unter geistreichen Auslegungen der einschlägigen Schriftstellen. Seinen mit „mathematischer" Routine interpretierten Schtagworten für originelle „Geometriot" kann man nur mit größter Aufmerksamkeit folgen. Rabbiner Sonnenseld gehört nicht zn diesem Stammpublikum. Er wohnt auch seit 30 Jahren am deutschen Platz und lernt regelmäßige Schiurim in der dortigen Synagoge, die heute zu den ersten und vulnehmften Gotteshäusern vou Jerusalem gezählt wird. Sein Tischnachbar Rabbi I. H o r o v i c z beglückwünscht die Versammlung Namens der P.'kidim und der deutschen Erez-Jisroel-Freunde, die als Bete i l i g t e an diesem fleißigen und erfolgreichen Thoralerncy interessiert sind. Er tradiert einen Schlußpassns des beendeten Talmndtraktats in freier Uebertragung: „Wer Thormveisheil erlangen will, soll sich mit den Rechtsnormen in Geldangelegenheiten befassen und wer in lveldaugelegenheitru Erfolgt' erzielen will, soll den Waisen behilflich sein." Er sprach von der jüdischen Bürgschaft für das gemeinsame Lernen, Lehren und Erfüllen der Thora und führte ans, daß die Jerusalemer Thoragelehrten, die in Tine Momannaut so gründlich Bescheid wissen, im prnktifch'.'n Leben doch schiveren pekuniäre», Närnpftu aus gesetzt siud. Tie deutschen Zionsfreunde bemühe» sich zu der Ordnung der Jerusalemer Finanzen ihren

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