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Der Israelit · 1911-10-05 · Heft 40 (5.10.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 40 (5.10.1911)
Date
1911-10-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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«eite 4 «r. 40 Der Asraeltt. 5 Oktober 1911 sührliche, auch auf die Methodik des Fuxcuunterrichts sich erstreckende Besprechung zeigte, nur eine Meinung. Aber mitMecht wurde auch darauf hingewiesen, daß der Notstand des „Lernens" in Deutschland unmöglich vom B. I. A. allein, auch nur in den für ihn ausschließlich in Betracht kommenden akad 'mischen Kreisen, behoben werden könne, daß vielmehr dieser Notstand das eigentliche P r o b l e m d e r d e u ts ch e n Iud c n h e i t überhaupt darstellc, dessen befriedigende Lösung Grundbedingung ihrer Z-ortexistenz sei. Ter B. I. A. wird, wie bisher, so auch weiter mit immer wachsendem Nachdruck seinen Mitgliedern das Bewußtsein von der alles überragenden Verpflichtung zum Studium des Gottesgesetzes einprägen und durch Einsetzung von Schinrim überall Gelegenheit zu solchem Studium geben: insbesondere hat der Bundestag eine Kommission eingesetzt, die „sich mit der Frage eines intensiven Thorastudiums im B. I. A. beschäftigen und eventuell dem Bunde entsprechende Borschlüge unterbreiten soll." Aber der Bundestag hat sich nicht der verhängnisvollen Selbsttäuschung hingegeben, als könnte der B. I. A. hierin mehr als Notbehelfe bieten und das überflüssig machen, was der Jammer der Zeit immer mahnender erheischt: eine durchgreifende Umgestaltung des jüdischen Erziehungswesens in Teutschland, und zwar von der Wurzel an. So lauge diese nicht angebahnt ist, auf deren Richtlinien im übrigen hier nicht eingegangen wird, muß der B. I. A. sich!, der Not gehorchend, begnügen, in erster Reihe eine Art ^.chutzhütte für alle die zu sein, welche, mitten in die widrigen Stürme verschlagen, die nirgends heftiger brausen als auf den Universitäten, die Angen nach Unterkunft erheben, wo sie rasten und sich erholen können, aber rettungslos verloren wären, wollte man ihnen, den Kranken der Zeit, den Einlaß nur unter der Bedingung gewähren, daß sie den Nachweis bringen, gesund zu sein und den Stürmen trotzen zu können: aber nicht nach deren Maßstab, sondern nach dem Maßstab der Kranken hat er die Forderungen zu bestimmen, die er stellen will; und er muß sich glücklich preisen, ivenn es ihm gelingt, den Kranken die Lcbensfristung zu ermöglichen: Denn der Kranken sind tnchr als der Gesunden?" Von solch vernünftigen Voraussetzungen geleitet, kann das Wirken des „B. I. A." nur von Segen sein, von Segen für das Gesamtj üben tum. Und in diesem Zusammenhänge gewinnt auch das, was uns im Korrespondenzteil der heutigen o. ummer über das neu eingerichtete Talmudische Seminar in Heidelberg berichtet wird, erhöhtes Interesse. Wünschen möchten wir dem B. I. A., daß seine Hoffnung auf eine durchgreifende Ausgestaltung (denn es handelt sich eigentlich mehr um Ausgestaltung, als Umgestaltung) des jüdischen Erziehungswesens in Deutschland, in Erfüllung gehen möge. Würde es sich jeder treu zur Thora haltende Vater angelegen sein lassen, seinen Sohn, vor Beginn seiner Berufsstudien für einige Jahre auf eine Je sch iw ah zur Vertiefung und Erweiterung seiner elementaren talmudischen Kenntnisse zu schicken, um wieviel weiter und segensvoller würde sich dann das Arbeitsfeld des B. I. A. gestalten, welchen unermeßlichen Gewinn würde dieser scheinbare kleine Verlust an Zeit in Wahrheit für den Studierenden selbst und zugleich auch für die Sache der Thora bedeuten. Möge in diesen Tagen der Freude an der Thora die beherzigenswerte Anregung des arbeitsfrohen, zielbewußten B. I. A., wie auch der Appell der Begründer des vielverheißenden Heidelberger Talmudischen Seminars einen günstigen Boden finden. Tripolis Wie ein grausames Erwachen aus einem lieblichen Zukunftstraume mutet es den Juden an, wenn in die Gedankenwelt seiner erhabenen, der Menschheit Frieden und Freude kündenden Festgebete das grausige Wort Krieg hineinspielt. Es kann hier nicht unsere Aufgabe sein, über die rechtliche und moralische Seite des von Italien nach Tripolis unternommenen Feldzuges zu urteilen. Politik ist leider immer noch nicht mit Moral identisch, und wird es nicht eher sein, als bis das völkereinende und menschenbeglückende Friedensideal unserer Propheten zur Wirklichkeit geworden ist. Sieht man von dieser ethischen Bewertung des italienischen Friedensbruches ab, so befinden sich unsere Sympathien zu gleichen Teilen auf Seilen beider kriegführenden Mächtesie gehören einerseits Italien, dem Lande der klassischen Toleranz, nicht minder aber auch der Türkei, zu deren besten Traditionen die weitgehendste Duldsamkeit gegenüber den Juden gehört und deren Händen wir zudem unser Kostbarstes, das Land unserer Vergangenheit und Zukunft, anvertraut wissen. Auf beiden Seiten werden unsere Glaubensbrüder in unverbrüchlicher Pflichttreue für die Ehre ihres Vaterlandes gleich ihren anderen Mitbürgern ihren Mann stehen. Denn auch die neue Türkei zählt seit ihrer Regeneration eine verhältnismäßig große Zahl von Juden in ihrem Heere, denen nun zum ersten Male die Möglichkeit geboten ist, auch in Tagen der schweren Gefahren ihre Liebe zum Vaterland zu dokumentieren. Diese Erwägungen allein sind es aber noch lange nicht, die den Krieg um Tripolis unserem Jntereffe so nahe rücken. Auch wir haben, wenn man so sagen darf, „Interessen in Tripolis:" etwa zwanzigtausend jüdische Seelen leben in diesem Lande, davon etwa 13000 in der jetzt blokierten Hauptstadt, um deren Geschick uns jetzt - wahrhaft bange sein kann. Die Erfahrung hat in Marokko und auch anderswo gelehrt, daß, während sonst die Ausländer in kampfumtobten kolonialen Gebieten von ihren Heimat-Behörden in Schutz genommen werden, die eingeborenen Juden von den ausländischen Schiffen als Einheimische zurückgewiesen werden, und andererseits von den erregten, raub- und rachsüchtigen Stämmen des Landes als „Fremde" betrachtet und auch behandelt werden. Auch sonst eröffnet der Krieg für unsere Brüder im türkischen Reiche gerade keine angenehme Perspektive. Die Verhältnisse, wie sie bis vor einigen Jahren in der Türkei obwalteten, brachten es mit sich, daß viele Juden, die in der Türkei seit Generationen ansässig find, doch Untertanen eines fremden Staates bleiben wollten oder mußten. In der neuen Türkei hat sich darin manches geändert. Auf einmal laffen sich jedoch Jahrhunderte alte Zustände nicht von Grund aus nmwandeln. So kommt es denn, daß die italienischen jüdischen Bürger in der Türkei nach vielen Taufenden zählen. In Tripolis selbst sind etwa 600, die als „Italiener" heute den ganzen entbrannten Volkszorn auf sich lenken. In Salonik sollen viertausend Juden italienische Staatsbürger sein. Nicht weniger ist die Zahl der als Italiener geltenden Juden in Konstantinopel, und auch in den asiatischen Ländern des Halbmondes, nicht zuletzt in Palästina. Die erste Wirkung der Kriegserklärung war, wie man aus den Tageszeitungen weiß, eine Boykottierung desitalienischen Marktes, der eben durch diese italienischen Juden vermittelt wird. Nach den letzten Meldungen ist vom Komitee der Jungtürken die Ausweisung aller Italiener aus der Türkei beschlossen. So ist, wenn nicht eine gütige Vorsehung den schon zu Beginn so weit und verheerend um sich greifenden Feindseligkeiten bald ein Ende bereitet, zu erwarten, daß sich zu den Tausenden heimatlosen Emigranten aus den Ostländern ebenso viele Flüchtlinge aus der Türkei zugesellen, denen wir auf die Frage des „Wohin?" ebenfalls die Antwort schuldig bleiben müßten. Nach ihrer rechtlichen Heimat Italien, das selbst viele Tausende seiner Kinder jährlich auf die Suche nach Arbeit und Erwerb in die weite Welt hinausschicken muß, werden diese Flüchtlinge wohl kaum ihren Weg nehmen wollen. So will es nun ein hartes Golusgeschick, daß die ersten Opfer auch dieses Krieges Juden sein sollen. Wir werden daher nicht nur als Menschen, als Angehörige einer Kulturgemeinschaft, die des Völkerfriedens zu ihrer geistigen und wirtschaftlichen Entwicklung unentbehrlich bedarf, sondern auch in erster Reihe als Juden im Jntereffe unserer in Not und Drangsal befindlichen Brüder flehentlich wünschen, daß Er, den wir in diesen Tagen der Festfreude als 0V?tP roiD lobpreisen, den verantwortlichen Leitern der Geschicke beider ringenden Völker einen Weg zeigen möge, der aus der schwierigen Situation ohne Blutvergießen und Vernichtung tausender unschuldiger Existenzen hinausführt. Aleine» < Feuilleton. €ine Siiumfeier im Amsterdamer Iftidrascb zu Jerusalem. Iernsale m, 15. September. ier „Amsterdamer Hvf" ist ein in sich geschlossener Ban mit etwa <S freundlichen Wohnung.m im Umfange. Tie Ost- und Westseite ist durch die Synagoge oder wie man in Jerusalem allgemein sagt: „ A in st e r d a m e r Nt i d r a s ch " verbunden. Ter „Misrach" mit dem Hechal dieses Gotteshauses befindet sich auf der südlichen Seite, weil die Rich« tung zum „Tempelplatz" diese Wendung erforderlich macht. In den Synagogen Jerusalems wechseln die „Misrachwände" je nach ihrer Lage in der Richtung zum Mekaum Mikdasch auf dem Moriahbergc. In früheren Jahren nannte man diesen Hos auch „Rabbi Jeschajas Chozer" denn Rabbi Jeschaja Burdaki, d?r ehemalige österreichische und englische Kvnsulstellvcrtreter hat im Anstrage der Pekidim diesen Bau ausgesührt. Eigentlich ist dieser Ho, mit seiner alten, schönen Synagoge eine Stiftung des ersten Präsidenten im Rate der Pekidim, deS unvergeßlichen Rabbi Hirsch Lehren 5"^ und der Gedenkstein an der rechten Seite des Hechal hat seinen Namen und den seines würdigen Nachfolgers und Eidams, Rabbi Akiba Lehren in ehrender Pietät verewigt. Zu jener it gab es nur einige aschkenasische Familien in rufalem, welche di» sefardischen Synagogen besuchten. Im Jahre 1<8L7 nach dem Erdbeben in Safscd flüchteten die dortigen aschkenasischen Inden nach Hebron und Jerusalem. Rabbi Hirsch Lehren kaufte damals diesen Hof und gründete die erste aschkenasische Synagoge unter dem Flamen „«utos Schalom"^ Einige GesetzesroUen und Tempelgeräte, die die Lufseder Flüchtlinge mitgcbrarht, sind noch heute in dieser Synagoge ansbewahrt. Ter innere Raum, der auch heute noch gut besuchten Synagoge umfaßt kaum mehr als 150 Plätze. Aber altere Leute erinnern sich noch gut, das; dieses „Midrasch" durch viele Jahre die ofsizi eile H a u p t s y n a g 0 g c der Aschkenasimgeineinde bildete. Tie war auch zu jener Zeit die g r ö ß t e aschkenasische Synagoge, in der die offiziellen Andachten — wenn man iit Jerusalem von solchen reden kann — abgehalten wurden. Durch das rapide Anwachsen der Jerusalemer jüdischen Bevölkerung, erwies sich schon nach wenigen Jahren das Gotteshaus als zu klein, und als man einige Jahre später den unvergeßlichen Stifter Rabbi Akiba Lehren in seinem eigenen „Midrasch" den offiziellen Hesped veranstaltete, mußte der als großer Rabbi gefeierte „Kalischer Raw" vom Balkon der Synagoge zu einer im Hofe versammelten tausendköpfigcn Menge sprechen. Die Synagoge des „Or Hachajim" und noch zwei kteinere Bethäüser waren ältere Stiftungen, verfügten aber nur über ganz kleine Stübchen, die kann; zwei Minjanim fassen konnten. Tie heutigen großen Synagogen in der „ C h u r b a h " und Tisereth Ieru s ch 0 l a i m , sowie das schöne in der Nähe des Mekaum Mikdasch befindliche Gotteshaus am deutschen Platz, sind erst diele Jahre später entstanden. Heute zählt Jerusalem bereits etwa 240 Synagogen. Unter diesen nimmt das Amsterdamer Midrasch noch immer einen Ehrenplatz ein. In diesem Midrasch wurde auch inimer fleißig „gelernt". Tiefem Hauptzweck war ursprünglich die Stiftung gewidmet und die Pekidim haben stets dafür gesorgt, daß die Thorapslege auch hier eine würdige Heimstädte finde. Tie größten Thoragelchrtcn Jerusalems pflegten hier „schinrim" zu lernen und dir letztwiNigen Verfügungen der deutschen Erez-Jisroel Freunde für Fahrzeiten, Haskoroh, oder gewünschte Andachten bei etwaigen schweren Begegnissen, die b. i den Amsterdamer Pekidim deponiert, resp. durch sie bestellt waren, wurden hier von ehrwürdigen thorabestisse neu Männern ausgcsührt. „So klar wie ein Amsterdamer Auftrag" ist' in Jerusalem ein geflügeltes Wort. Tie heutigen Stammgäste dieses Midrasch erinnern sich noch an Oberrabbiner Galant S"2CT/ der in früheren Jahren als seine Füße ihn noch trugen, seine Amsterdamer Schinrim hier gelernt hat. Was von deutschen Zionsfreunden für Erez Jisrvel geleistet wird, trägt dort den traditionellen Namen ^Amsterdam". Amsterdamer Pekidim standen überhaupt an der Spitze jeder größeren Aktion für Erez Jisroel. Wenn man "den Hunderten und Tausenden, die deutsche Erez-Jisroet-Unterstützungen genießen,'von Teutschland, Berlin oder Hamburg als selbständig.>n geographischen Begriffen sprechen wird, so werden die meisten kein richtiges Verständnis für einen solchen Globus haben. Nach Jerusalemer Staalsr.'cht ist 'Amsterdam die Hauptstadt von Teutschland. Die Distrikte Würzburg, Mülhausen, Dürkheim, Fürth und noch einige deutsche Städte gehörten von jeher zum Regierungsbezirk der Pekidim. Der Vorstand des Schare Zedek Hospitals residiert in Frankfurt a. M. aber in Jerusalem gibt es nur ein „Amsterdamer" oder in abgeleitetem S-innc „Tr. Wallachs Spital". Wenn am deutschen Platz im Auftrag des Frankfurter Zentralkomitees die Freiwohnungen periodisch verteilt werden, dann kann man in den Jerusalemer Zeitungen ’ .&Äm. ' . Vr/fefo \ ■■ 1ä£.

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