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Der Israelit · 1911-09-28 · Heft 39 (28.9.1911) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 39 (28.9.1911)
Date
1911-09-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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"' ' ' - gegen eine gewisse Art desselben, die schon der v"n '131 scharf kritisiere. Sodann hielt Herr Dr. Silberberg ein interessantes Referat „Inwieweit berücksichtigt der jüdische Religionsunterricht modern-wissenschaftliche Anschauungen?" In demselben wurden einige besonders wichtige Fragen und Hypothesen der Geologie und Paläontologie in ihrem Zusammenhänge mit dem'Berichte der Bibel erörtert und ein Ausgleich zwischen beiden gegeben. Mit Dankesworten an die Referenten schloß darauf der Vorsitzende, Herr Dr. Wreschner, die Versammlung. Die nächste Versammlung wurde auf den 24. Dezember festgesetzt. Ungarn. Ungarifther Brief» (Bon unserm Korrespondenten.) Z. B. A. SudapeA, 3. Sept. Der jüngst installierte Bischof des reformierten Kirchendiftrikts jenseits der Tisza, Dr. Desiderius Balthasar, fand in seiner Programmrede warme Worte der Teilnahme für das Geschick der ungarländischen Judenheit: „Es kann nicht die Aufgabe der verschiedenen Konfessionen sein," sagte er, „daß sie schon in den Schulen die Scheidelinien markieren und dann den Grenzgraben vertiefen, die die Menschen trennen, vielmehr muß es ihre heiligste Aufgabe bilden, die Summe von Liebe, die in der Brust ihrer Bekenner aufgehäuft ist, in den Dienst des uns allen gleichteuren Vaterlands zu stellen, das uns, wenn wir seine Kraft erhöht, seinen Glanz vergrößert und seine Macht gestärkt haben, die Sicherheit des Körpers und die Heiligkeit der Seele gewährleistet" usw. - Diese goldenen Worte scheinen auch in den höheren Regionen ein Echo gefunden zu haben. Die Hand, die sich drohend über das Schicksal des jüdischen Tischlermeisters Moses Tkatsch erhob, wurde wie vom Starrkrampf gelähmt. Der arme Mann, der nun schon 17 Jahre sein ehrliches Auskommen findet und durch mustergiltigen Fleiß und Arbeit seine Familie ernährt, dem aber ein pflichtvergessener Paragraphenverrenker sein Judentum zur Last legt und ihn famtFamilie unter dem Jubel der antisemitischen Presseflegel und ihrer Protektoren ins Elend und in die Heimatlosigkeit peitscht, ist wieder zu Brot und Recht gelangt. Der Ministerpräsident Graf Khuen Hedevarh hat auf Intervention Max Szabolcis und des Abgeordneten Paul Forkas in Persona eingegrissen. Er hat die Akten geprüft und dem Juden Gerechtigkeit widerfahren lassen. Bei aller Achtung, die wir für das Eingreifen derer um Szabolcsi für die gute Sache empfinden, können wir doch nicht den lateinischen Spruch .vergessen, der uns lehrt: die Danaer zu fürchten, auch wenn sie mit Gaben kommen. Die intervenierenden Geister konnten es nicht unterlassen, dem Minister zu versichern, daß sie es sind, die mit allen Mitteln das Eindringen der unerwünschten Elemente — unter denen die Konfessionsgenossen aus „Oestreich" (Galizien) verstanden sind — zu verhindern das Bestreben haben. Die Furcht, daß dieser Zustrom die Schaar der Orthodoxie anwachsen lasse, daß diese an Thorageist und Glaubensstärke gleich hervorragenden Elemente den erschlafften jüdischen Organismus mit frischem Blut beleben, läßt sie zu patriotischen Argumenten greifen, um im Namen des bedrohten Nationalstaats zum Kampfe gegen Kaftan und Peos, die den Magyarismus beorohen, zu Hetzen. Und nicht nur hier zeigt sich die gefürchtete Danaerart des zahmen Keulenschwingers der Neologie. In Nr. 35 des „Egyrnlöseg" bekämpft er den Antrag des Szabadkaer Gemeindeprases, Dr. Adolf Klein. Dieser will nämlich durch Einberufung des jüdischen Kongresses die Eins heitlichkeit der Organisation der ungarischen Judenheit nach innen und außen erzwingen. Bei Uebung voller Toleranz sollen die entgegengesetzten Elemente nebeneinander existieren. Unter dem Schlagworte o"n wph« nai ilto litt sollen Orthodoxie und -Ideologie zu mustergültigem Zusammenlieben gezwungen werden. Nun kennt Szabolcsi die Aussichtslosigkeit eines solchen Beginnens und er schreibt: ,,Mit der möglichsten Positivität behaupte ich, daß dieser Kongreß all das, was Dr. Klein von ihm erwartet, nicht erfüllen werde. Die Orthodoxie wird sich mit uns in jener Zusammenkunft nicht vereinigen, denn sie wird ihr fernbleiben, wie sie . dem Kongreß ferngeblieben ist. Wer es wagen wollte als Orthodoxer dort zu erscheinen, mußte dafür die schwerste Konsequenz von seiten der 239 orthodoxen Rabbinern ertragen. Diese würden erklären, daß wir eine vom Judentum geschiedene fremde Konfession bilden." Er plädiert dann, nach seiner Art, für die janusköpfige Einheitlichkeit, für die zwei Seelen in einer Ärust, „welche Bereinigung durch keinen Kongreß oder Zusammenkunft, sondern nur durch die Regierung geschaffen werden kann, die vor allem die separate Autonomie der Orthodoxie, in der sich die Führer und Jnteressenverbändler so wohl fühlen, aufheben muß. Diese Einheitlichkeit nach außen und Zweiteiligkeit nach innen soll erneuert werden. „Die feste Burg der Autonomie der Orthodoxen wird, sie muß — also versichert Sz. — Zusammenstürzen. Wir sorgen dafür, daß für diesen Moment das Frtedenselaborat, mit einer Autonomie und zwei Organisationen, fertig sei. Wenn sie jetzt davon nichts wissen wollen, werden sie noch mit sich verhandeln lassen, wenn über ihrem Kopfe das Dach einstürzt." Nach einem kurzen Exkurs in die Vergangenheit, wobei er sich als geschickter Korrektor der Geschichte entpuppt, schließt er seine Polemik für die von ihm propagierte Friedensidee mit einigen Saftausdrücken, die die „hohe Schule" nicht verkennen lassen. Er spricht im unverfälschten Straßenkehrerjargon von der orthodoxen Leitung von dem „blöden Jüdelchen", dem er das weiße Blatt überreicht hat . . . Nun geben aber die diktatorischen Fragen beider Lager das getreueste Bild von dem weiten Abstand, der sie von einander trennt. In der Orthodoxie ist das Jeschiwoproblem die brennende Frage, die innerhalb und außerhalb der Machsike-Hadas-Organisation nach Lösung schreit. Tausenden nach Thora dürstenden Bachurim soll, wenn auch nicht die Zukuntt, doch wenigstens die Gegenwart gesichert, sie sollen vor Hunger und Frost geschützt werden. Der edlen Initiative der Neutraer Machsike-Hadas- Leitung, die das Hilfswerk auf breitester Basis aufbauen will und in Erkennung der Forderungen des Tages dem D"2y '222 nntn den breitesten Raum gewährt, kommt die Prtvatwohltätigkeit der Orthodoxie zu Hilfe. In Nyiha, N. Tapolcsany, Berbo, Pöftyen, Zehlem wurden segensreich wirkende Anstalten zur Verpflegung der Bachurim gegründet. In Preßburg, dieser Stadt und Mutter in Israel, wird jetzt unter der zielsicheren Leitung des jungen Öberrabbiner eine große Landesaktion eingeleitet, um durch die Gründung einer „Mensa" fttv n'2 die Existenz der Bachurim auf sichere Basis zu stellen. Wird bei uns auf solche Art der Lebensnerv unserer Organisation gestärkt, zeigt der Angstschrei, der im neologen Blätterwald verhallt, die bis ins Mark gedrungene Fäulnis, die ihre Zukunft bedroht. Nach dem Fall in Veig Ujhely, wo die jüdische Lehrerin an der jüdischen Schule trotz ihrer Mischehe mit einem Ntchtjuden von der toleranten Gemeindemajorität gegen den Wollen des strengkonservativen Rabbiners gehalten wird, wiederholt sich dieses Ereignis in Sa Ujhely mit dem Hinzutun,. daß sich hier die jüdische Lehrerin der jüdischen Gemeind efchule durch Revers verpflichtete, die Kinder ihrer jungen Msschehe gut katholisch zu taufen. Und auch sie wird mit stumpfer Toleranz von vielen, die mit D'71 v'pitt '121 littl operieren, gehalten. Jßtt&lanfr. Aus fler Staat Oer Sdtredten. Kiew, 25. September. Der erwartete Progrom ist Gott Lob nicht eingetreten. Wenn wir trotzdem den obigen Titel wählen, so tun wir es darum, weil die grausigsten Schrecken eines wirklichen Progromes die Todesängste, die wir hier in den letzten Tagen ausgestanden haben, nicht übertreffen können. Jeder Tag brachte neue Gefahren. Erst die Abreise des Zaren, die aber, wie schon berichtet, „nur" durch drei jüdische Menschenleben gefeiert wurde. Dann kamen die Tage der Beerdigung Stolypins und der Totenfeierlichkeiten und zuletzt die Gerichtsverhandlung gegen Bagrow, die in Anwesenheit vieler Verbandssührer stattfand. Wie oft bet dieser Verhandlung die Juden apostrophnt wurden, läßt sich denken, wenn man darauf hinweist, daß die Behauptung des Mörders, nur die Furcht vor Progromen hätte ihn von einem Attentat an einer höheren Person abgehalten, immer und immer wieder in ^der Anklageschrift wieöerkehrt. Der Kiewer Gouverneur sagte vor Gericht etwa folgendes: „Von uns aus war beschlossen, keinem Juden Eintritt in das Theater zu gewähren. Nun wollte es ein grausames Geschick, daß die jüdische Revolution dennoch Einlaß fand." Solche und ähnliche Red.en wurden auch von anderen Zeugen gehalten, die nicht ohne Eindruck blieben und auch den Weg in die den Gerichtssaal umringenden Massen fanden. Daß wir trotzdem von einem Pogrom verschont geblieben sind, ist nächst '"irn dem Umstande zu verdanken, daß hier die Mitschuld der Kiewer Ge h e t m p o l i z e i so offensichtlich und augenfällig ist, daß sich des Volkes Zorn nach und nach von den Juden abwendet und auf die wahrhaft Schuldigen, auf die „Ochana" lenkt. Und da diese Braven samt und sonders im Nebenamte auch tätige Mitglieder und eiftige Mitarbeiter des „Verbandes" sind, so konnte die Agitation dieses Gewaltverbandes diesmal nicht das nötige Vertrauen auslösen. Ueberdies hat die Polizei-Verwaltung, vielleicht gezwungenermaßen, Gegenmaßregeln getroffen, die das Spiel der Pogromhelden gründlich verdarben. Am wirksamsten zeigte sich ein seit zwei Tagen an allen Anschlagestellen prangendes Plakat, in dem kurz und bündig ausgesprochen wird, daß es der Wille des Zaren sei, daß Ausschreitungen gegen die Juden vermieden werden. Wie bereits gesagt, sind uns indessen alle Schrecken eines Pogromes nicht erspart geblieben. Wer in der Nacht nach dem Tode Stolypins die Stimmung der hiesigen jüdischen Bevölkerung nicht mit erlebt hat, der hat ein Bild der Verwirrung und lähmenden Todesangst nie geschaut. Als ich gegen zwölf Uhr nach dem Bahnhof hinausging, war der Zugang zum Wartesaal durch den ungeheuren Andrang der flüchtenden jüdischen Familien vollständig versperrt. Jede Minute brachte neue Wagen jammernde Frauen und zitternde Kinder, die bei ihren Habseltgketten vor dem Bahnhofe saßen, während die Familienväter sich mitten im ungeheuren Gedränge ein Bahnbillet zu erkämpfen suchten. Wohin? war Nebensache. Bald aber wurden die Schalter geschlossen und keine Kartell mehr ausgegeben, und die Polizei, die nun etnschrttt und die Massen zurückdrängte, steigerte die Verwirrung und die Angst bis ins Unermeßliche. Herzerschütternde hysterische Schreie, verbunden mit Verwünschungen gegen Bagrow, erfüllten die Luft. Alle Beschwichtigungs-Versuche erwiesen sich als nutzlos. Das schlimmste war aber, daß sich, von diesem Bilde angelockt, bald auch eine Gruppe Verbändler und allerlei Mob um den

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