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Der Israelit · 1911-09-28 · Heft 39 (28.9.1911) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
52 (1911)
Issue
Heft 39 (28.9.1911)
Date
1911-09-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
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So darf man denn dte Hoffnung doch nicht aufgeben, daß mit Kokowzow, dessen Namen besseres Verständnis für dte vitalen Interessen und Bedürfnisse des russischen Wirtschaftslebens erwarten läßt, auch eine bessere Zeit für dte russischen Juden anbricht. Nur dem Macdror für dte D'Kiin D'D' Nön 7Z- VI. „Beim Sprechen von Widdui ist darauf zu achten", heißt es in dem trefflichen Buche «7£ YVV, „daß es auch nicht ein einzigesmal ohne größte Zerknirschung, sondern gesenkten Hauptes und mit dem festen Vorsatz geschehe, das verübte Unrecht nie wieder zu begehen. Fehlt eine einzige dieser Bedingungen, so ist es besser, mit gar keiner als mit einer solchen Widdui vor Gott hinzutreten. Denn es ist und bleibt eine Dreistigkeit, die das göttliche Zürnen provoziert und die beschämende Erwägung nahelegt, ob wir wohl mit einem solchen Bekenntnis vor einen Vorgesetzten oder irgend einen Menschen unseres Ranges hinzutreten wagten. Weh den Menschen ob dieser kränkenden Mißachtung des Heiligen, gesegnet sei Er!" Man steht hier vor einem Psychologischen Rätsel. Gerade die wunderlichen Ritter vom Geiste, die das ganze Jahr hindurch so laut und dreist auf den Geist und die Innerlichkeit Pochen, die dem Gvttesgesetz gram sind, weil es so entschieden auf die Tat drängt, die sie in geringschätziger Gedankenlosigkeit bloße Form und Zeremonie nennen, gerade diese begnügen sich am Jom Kippur mit der äußeren Form und sperren sich gegen jede innere Regung. Während die jüdische Wahrheit dem Jom Kippur ohne den Vorsatz innerer Umwandlung jede sühnende Kraft abspricht, haspeln jene ihre Widdui wie eine Litani herunter, schlagen sich aus die Brust, aber der Schlag trifft, nicht das Herzsie scheinen vollständig aus der Rolle gefallen. Aber sie scheinen es nurin Wirklichkeit bleiben sie auch am Jom Kippur konsequent. Wie sollte der Schlag auf die Brust ein Herz rühren, das kein höheres Ziel kennt als sich auszuleben? Ist das dünkelhafte Sinnen des eigenen Herzens 27.1 *nmn und seine Befriedigung das höchste, dann wird das, woran das Herz der andern hängt, mit rücksichtsloser Kränkung bei Seite geschoben. Das Glück, die Ehre, das bloße Dasein eines anderen erscheint als Schranke und Hindernis für die Entfaltung deS eigenen sün- «digen Sinnens und Begehrens. Einem so durchwühlten Herzen erscheinen die Schwächen und Mängel seiner Umgebung durch das Vergrößerungsglas der Selbstsucht als Verbrechen, die jede Rücksichtslosigkeit und Kränkung anderer 5-1 ntttin rechtfertigen. Eigene Fehler und Sünden gewahrt dieser unfehlbare Herzensdünkel nicht, er hat sich nichts zu bekennen. Tut er es pro forma dennoch, so tut er es eben nur pro forma, herzlos, gedankenlos, mit bloßem Munde, mit NS 'NI. Diese blasphemierende Gedankenlosigkeit, Gleichgiltigkeit und lässige Lauheit erscheint aber erst in ihrem wahren Lichte, wenn man sich dagegen vergegenwärtigt, wie leicht sie in ihr Gegenteil umschlägt, wie die Blasierten lebhaft, die Kalten heiß und die Gedankenlosen raffiniert werden und handeln, wenn es nicht dem Bekennen, sondern dem Begehen der Fehler gilt. Dieser Umschlag tritt besonders drastisch zutage, wenn es sich um sinnliche leidenschaftliche Verirrungen handelt. Würde der halbe Eifer, dte Hälfte der Ueberlegung, die in den Dienst von nur ni'5-1 gestellt wird, für den. ersten Schritt der Rückkehr zur Wahrheit und Reinheit verwendet werden, es gäbe keine Sünde des NS 'Ni mehr. Daß diese Gegensätze im Leben wie in unserer Widdui unvermittelt nebeneinander stehen, erhöht ihre Schärfe und illustriert in drastischer Weise die Mahnung des weisesten aller Menschen: D'J5£ .ona pm' ltpsa "idw ppy YH2 v'ns „Kälte und Hitze in verkehrter Weise, davon halte sich ferne, wer auf seine Seele achtet." (Mischle XXII, 5) *) Der Nachdruck scheint nun hierzunächst nicht in der Unsittlichkeit nur an und für sich, sondern in der Verabredung und Bestimmung dazu, mat m'jn, also in Momenten zu liegen, die ihr vorangehen. Die Verbindung der Geschlechter verliert nur durch die sittlichen Ziele der Erhaltung des Lebens und der Fortpflanzung das bloß Naturhafte, Deprimierende, das Widerwillen Erregenden, das ihr von Hause aus anhaftet. Ohne'. Gottes Geheiß würde dieser Widerwille nicht überwunden werden und das Weiterleben in unseren Kindern unmöglich sein. **) *) Nach der Auffassung des D'flIH nj'2 'O, mit der sich diejenige des Malbim in seinem Mischle-Commentar deckt. **) Talmud Sabbat Fol. 152: K3H3 31 1VX -iivv'i niL -rin, nm 17, \ti nvrr -rin '2 2'N2N n'si nrriL i6a narr nw«, Kjn, a'jan 17« mu 's hv srr- '"«na/ n'nnrr pm *?arrj an nana k’to rb nnannS n"i«n nrrn vö -pari -n'nnrr a'an Sam owa rmaa folge gewehrt. Aber nur eben aus finanzpolitischen Gründen. Er hat es laut genug betont, daß er zurzeit eine Ausschließung der Juden aus dem Bankwesen noch nicht für geraten hält, daß er darin schwere Gefahren für den russischen Handel überhaupt sieht. Er wird also durch diesen Schritt das Vertrauen des Verbandes noch nicht ein gebüßt haben. Und dennoch! Bei alldem schleicht sich beim Regierungsantritte dieses neuen Ministerpräsidenten etwas wie ein winziger Lichterstrahi in die düstere Trostlosigkeit der Lage. Kokowzow ist, wie hier auseinandergesetzt, kein Judenfreund, und er wird nach Möglichkeit die nattonale Politik seines Vorgängers fortsetzen. Darin kann gar kein Zweifel herrschen. Ader eben nur nach Möglichkeit und nach den Gesetzen der Opportunität. Denn Kokowzow ist vor allem Finanzmann, und die Handelsinteressen des Landes werden, da er das Finanzreffort auch ferner behält, bei seinen polittschen Maßnahmen immer ein gewichtiges Wort mitreden. Aus dieser sicheren Voraussetzung winkt ein leiser Lichtpunkt für die jüdische Lage in Rußland. Gerade dieser Premier ist, wie keiner vor ihm auf diesem Posten, dazu geeignet, einzufehen, welche schwere Schäden für die Gesamtbevölkerung Rußlands aus der Rechtlosigkeit der Juden erwachsen und wie jedes von der Regierung gegen die Juden erlassene Ausnahmegesetz einen Schlag ins eigene Gesicht bedeutet. Man kann sich schwer vorstellen, daß Eingaben von christlichen Bauern, die feststellen, daß mit den Juden auch die Wohlfahrt aus ihren Dörfern gezogen ist, und die kategorisch verlangen, daß man ihnen ihre Juden wiedergibt, daß Eingaben von christlichen Kaufieulen, die konstatteren, daß dte russischen Weltmärkte durch die Ausschließung der Juden aus denselben zur völligen Bedeutungslosigkeit herabgesunken sind, daß solche und ähnliche Aeußerungen, wie sie unter Stolypin zu Hunderten lautlos in den Papierkorb gewandert sind, auf einen für die' Entwicklung von Handel und Industrie so bedachten Mann, wie es Kokowzow bis dato gewesen ist, ohne Eindruck bleiben sollten. Er wird den Juden zuliebe kaum neue Gesetze schaffen. Er wird aber getreu seiner bisherigen Politik um die allgemeine Wohlfahrt des Landes besorgt sein, um die Schaffung eines Bodeus, der Handel und Industrie eine gedeihliche Entwicklung sichert, um die Schaffung von wirtschaftlichen Zuständen, dte, den finanziellen wie den polittschen Kredit des Landes in Europa heben. Und dies kann einzig und allein durch eine Taktik geschehen, die nolens volens eine Erleichterung der jüdischen Lage in sich schließt. Zurück... Skizze von Jacob Diamant in Offenbach a. M. Hinter dem baufälligen Gotteshause haucht der Tag seine Seele aus. Der feurige Sonnenball senkt sich langsam tiefer und tiefer. Die wundersame, heute ganz besonders Sehnsucht erweckende Musik lichter Farben am westlichen Horizonte wird immer stiller, schweigsamer . . . Noch einen Moment streift die scheidende Sonne dos alte Heiligtum. Noch ein glühender Abschiedskuß. Noch ein Liebäugeln mit den hohen Fensterscheiben — und fie ist verschwunden. Im träumenden Bethause flammen jetzt zitternd zahllose lange Kerzen auf, eine nach der anderen, bis ein flutendes Lichtmeer sich ergießt. Das verklärte Heiligtum erwacht. Allmählich. Ein stilles Erwachen. . . Mit schweigendem Munde, aber überquellendem Herzen versammelt sich die in blendendes Weiß gehüllte Schar, die kleine Gemeinde. Lautlos, ehrfurchtsvoll schreitet ein ftder zu seinem Sitze. Schon find fie alle da. Alt und Jung, Frauen und Kinder. Doch feierliches Schweigen hält alles umfangen. Eine heilige Stille, dte stch immer mehr, immer tiefer verbreitet. Und ein seltsames, von allerlei Gefühlen zusammengesetztes Etwas durchzieht den Raum, leise, ganz leise ... Da — horcht Eine warme, filberhelle Stimme! Halb singend, halb weinend schwebt fie durch dm Raum, dringt in jedes Ohr, in jedes Herz . . . bittet und fleht, so weich, so schmelzend . . . ruft und ermahnt, so dringend, so fordernd, so befehlend! Nichts von Gebrechlichkeit, von Altersschwäche empfindet jetzt der greise Revb Motenka, der alte Borbeter, genannt „das Sängers. — Und seltsam! Seine Stimme verjüngt stch — Und wie vor vierzig Jahrm tönt sie, so laut, so klar und 10 warm . . . Man fühlt, wie etwas Großes, Gewaltiges, Unwiderstehliches sein Selbst durchglüht. Uud die Gemeinde lauscht voller Andacht und Seligkeit. Gleich süßem, duftigem Balsam ergießt sich der Töne" Zauberkraft in ihr Inneres. Heilend, labend . . . Und befriedigt und voller Dankbarkeit ruht der Beter Blick auf dem frommen Borbeter ... O, fie kennen ihn, ihren Sängerl. Schon fünfundvierzig Jahre hören fie seine Sttmme, — aber doch ist es ihnen, als hörten fie fle zum ersten Male . . . * * * Damals war auch Kol-ntdrci. Am Betpult stand der Borbeter Rebb Welwenke, ein kleines schwaches Männchen. Even erhob eS feine heisere Stimme, „Kolnlbtel" beginnend — da erklang plötzlich unverhofft eine zweite Sttmme aus jugendlicher Kehle. Wie Sphärenmusik aus der Höhe übertönte fie Rebb Welwenkes Gesang und übertönte ihn . . . Biele Augenpaare schlugen fragend auf, suchten, spähten aus nach dem göttlichen Sänger. Aus einer der Stufen, dte zu der heiligen Lade führen, saß er. Ein Jüngling war eS in ärmlicher Kleidung, aber aus dem blühend prangenden Antlitz strömte ein helles Licht, dte Schatten der Armut verscheuchend. Auf den Stufen saß der Jüngling — und sang — und sang. Und als dann das Gebet zu Ende war, da kamen fie von allen Setten deS BethauseS Herdei. Eia stürmisches Frage» begann: „Woher? Wohin?" Und er antwortete schüchtern. Seine Geschichte war ckurz: Der Vater längst tot, die Mutter erst vor wenigen Wochen gestorben und er ein verlaffener, ganz alleinstehender Waisenknabe. . . Schweigend, von Mitleid erfüllt, hatten fie seinen Worten gelauschtjetzt, da er geendet, folgt eine Pause Üefer Stille — dann aber scholl wie aus einem Munds die Bereitwilligkeit zur Hilfe. Doch der reiche, kinderlose Rebb Sender legte, dte anderen abwehrend, seinen Arm um die Schultern de8 Jünglings und sagte: „Mein aus steht dir offen, lieber Bocher. Du sollt mir ein tnd und der Gemeinde einst ein Borbeter sein" . . . Rebb Sender hielt Wort. Wie sein Kind, wie sein Einziges, von Liebe, und Zärtlichkeit umgeben, lebte das Sängerl, wie man dm Jüngling allgemein nannte, in seinem Hause. Auch daS Städtchen tat sein Bestefür ihn. Und die Hoffnung grünte, er werde dereinst mit den Lorbeeren seines Ruhmes dte Gemeinde schmücken. — Da plötzlich — in einer finsteren, mond-und sternenlosen Nacht verschwand er, wie er gekommen. Man suchte, forschte — doch vergebens ... * ' * * Und in der großen Stadt W. atmete das Sängerl ein neues Leben. In Vollen Zügm schlürfte er das umstrickende Süße der freien Ungebundenheit. Und gar schnell war daS kleine Städtchen und das große Judentum vergessen. Und er studierte. Er besuchte da« Kanservatorium. Dte Mittel dazu verschaffte ihm seine gottgesegnete Sttmme, die ihm die Türen zu den Kunstmäzenen öffnete... Und Tage und Wochen und Monde glitten lautlos in das graue Tal der Vergangenheit. Und auch der Mürrische Geselle, der Winter, starb. An seinem Grabe blühte der Frühling auf. Dann kam der Mat. Ec sprang und sang aus Flur und Wies', aus Hügel und im Tal. Und wo er sein Wesen trieb, da blühte und prangte es, jubelte es und lachte eS aus vollem Halse. Und er tanzte auch vor dem Sängerl und mit ihm ... ES war ein Lehen! Endlich — und daS grandiose Naturkorrzert war zu r, [

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